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Archiv für die Kategorie ‘Humorkritik’

Der Mann, der Benny Hill war (extd. Rmx, Pt. 6)

30. August 2011 Keine Kommentare

Was bisher so alles geschah: Benny Hill wird geboren, wächst auf, wird zwar nicht auf Comedy-Bühnen, aber dafür im britischen Fernsehen groß. Und immer größer (i.e.: dick).

Mittlerweile wurde die „Benny Hill Show“ auch im Ausland erfolgreich. Zunächst in Australien, wo sein produzierender Partner Thames Television (anders als die BBC) mit anderen kommerziellen Fernsehsendern kooperierte, ab 1979 auch in den USA. Don Taffner, für Thames in Amerika tätig, bot halbstündige Versionen der mittlerweile einstündigen englischen Shows an, von denen in unregelmäßigen Abständen etwa drei pro Jahr produziert wurden, und sorgte dafür, daß aus ihnen alle für Amerikaner unverständlichen Anspielungen und Referenzen sorgfältig herausgeschnitten wurden. Immer mehr unabhängige Fernsehstationen griffen zu, und in kürzester Zeit war Benny Hill auch in den USA ein Superstar; womöglich gar noch erfolgreicher als in seiner Heimat, mit Sicherheit aber der bekannteste britische Comedian und vermutlich sogar der berühmteste Engländer im Ausland überhaupt. Auf die vergleichsweise prüden Amerikaner müssen Hills Albernheiten noch viel schmutziger gewirkt haben als auf seine Landsleute — eine wahre guilty pleasure.

Benny und Michael Jackson

Zu seinen frühen Fans zählte Charlie Chaplin, der eine ganze Sammlung von Benny-Hill-Videos bei sich zuhause hatte. Das jedenfalls stellten die erstaunten Hill und Kirkland fest, als sie anläßlich der Vergabe des Chaplin-Preises an Hill 1991 in die Schweiz eingeladen waren und ihnen die seltene Ehre zuteil wurde, einen Blick ins Arbeitszimmer von Hills Vorbild zu werfen. Chaplin, so wurde ihnen gesagt, habe Hill für einen der größten Comedians aller Zeiten gehalten. Bereits in den Siebzigern erklärte der junge Michael Jackson auf einer England-Tournee, ein Fan Hills zu sein: „He’s so funny!“ Später besuchte er den bereits schwer kranken Hill sogar zuhause und erklärte ihn zu seinem „all time hero“: „The funniest comedian in the world.“ Frank Sinatra behauptete, nur zwei Dinge wirklich zu wollen: mit dem London Symphony Orchestra zu singen und eine Theaterprobe von Benny Hill zu besuchen. Burt Reynolds, Michael Caine und viele andere sangen in „Benny Hill: The World’s Favourite Clown“ kurz vor dessen Tod ihr Lobpreis auf den lustigen Dicken, und sogar der Schriftsteller Anthony Burgess bezeichnete Hill im Guardian als „comic genius“. Auch wenn sie das nicht getan hätten: Die Millionen und Abermillionen, die Thames Television und Hill verdienten, sprachen für sich.

Doch in den Achtzigerjahren ändern sich die Zeiten abermals. Auf der einen Seite geht es immer weiter aufwärts: Als 1978 Hills Thames-Kollege und Konkurrent Kenny Everett in seine extrem erfolgreiche und innovative Sketch-Serie „The Kenny Everett Video Show“ die Burlesque/Risque-Dancegruppe Hot Gossip einbaut, will Benny Hill nachziehen, um nicht abgehängt zu werden. Also hebt er die „Hill’s Angels“ aus der Taufe, eine Tanzgruppe hübscher junger Frauen (unter denen auch Jane Leeves ist, die später als Daphne bei „Frasier“ berühmt werden soll). Diese sind meist spärlich bekleidet (in den Siebzigern spärlicher als in den Achtzigern), sorgen für glamouröse Tanzeinlagen und Augenfutter in den Sketchen – und für den ersten Gegenwind von Seiten eines kritischer werdenden Publikums. Als Hill das merkt, nimmt er sich sofort zurück.

Doch es ist zu spät, der Zeitgeist hat sich gedreht. Die Bewegung der Post-Punk-Comedy hat längst kritische Geister geweckt, die gegen das Establishment revoltieren, und Benny Hills pubertäre Scherze repräsentieren den Mainstream mehr als alles andere. Zum ersten Mal treten mit Dawn French und Jennifer Saunders nun starke Frauen für ein anderes Frauenbild an, und sie haben neben sich Comedians wie Alexei Sayle, den Sohn einer kommunistisch-jüdischen Immigrantin aus Lithauen, und Lenny Henry, einen farbigen Comedian in der Tradition Richard Pryors. Alternative Comedy wurde dank eines jungen, explizit linken Publikums so groß, daß Robert Newman und David Baddiel in Benny Hills Todesjahr als erster Comedy-Act überhaupt die 12 000 Plätze der Wembley-Arena ausverkauften. Hills langjährige Paraderolle als Chinese Mr. Chow Mein gilt nun als rassistisch, und von jungen Comedians wie Ben Elton mußte sich der Großmeister der Komik plötzlich anhören, er sei ein schmutziger alter Mann, ja: Hills Schmuddelpostkartenhumor sei schuld daran, daß Frauen sich nicht mehr unbelästigt auf die Straße trauen könnten. „Es gibt vieles im Fernsehen, das mich ärgert“, sagt Elton 1987 in der populären Talkshow „Wogan“. „Ich meine, wenn ein Comedian jede einzelne Sendung damit beendet, daß er einer Frau die Klamotten vom Leib reißt und sie dann durch einen Park jagt — das finde ich in einer Welt, wo Frauen nicht gefahrlos durch einen Stadtpark gehen können, ziemlich beunruhigend.“ Diesen Angriff wiederum teilen immerhin nicht alle (und auch Ben Elton hat sich später wiederholt als großer Fan und Verehrer Benny Hills dargestellt). Der Independent etwa schreibt, Eltons Ausfall sei „like watching an elderly uncle being kicked to death by young thugs“.

„Did you hear about the actress who was so dumb, she couldn’t count to two without taking off her blouse?“

Dabei hatte er, Hill, doch stets darauf geachtet, allzeit selbst der Gegenstand des Spotts zu sein, daß sein Humor harmlos war und auf uralten Klischees beruhte, die nichts anderes sein wollten als eben Klischees. Sein Humor war der eines Zehnjährigen, der seine Kameraden mit Frivolitäten unterhielt, obwohl oder gerade weil deren tiefere Zusammenhänge ihm gar nicht klar waren. Mad schrieb, Hill habe sich das Gesicht eines unschuldigen Buben bewahrt, während sein Rest zu einem schmutzigen alten Mann geworden sei. Seine Scherze, in denen immer lächerliche Männer am Ende die Dummen waren, waren doch zutiefst harmlos, ja geradezu unschuldig. Im Gegensatz zur jungen Garde der Alternative Comedy, so sah er es, war ihm niemals auch nur ein „fuck“ über die Lippen gekommen, während neuerdings geflucht wurde, daß es selbst Hafenarbeitern die Schamesröte ins Gesicht trieb. Benny Hill ist schwer gekränkt.

Demnächst: Bennys Ende und Vermächtnis: Ist Benny Hill zu recht vergessen oder wegweisender Vordenker?

Der Mann, der Benny Hill war (extd. Rmx, Pt. 5)

28. August 2011 Keine Kommentare

Was bisher alles geschah: Benny Hill stirbt, war vorher Soldat und stellt dann auf der Comedy-Bühne fest, daß Live-Auftritte nicht sein Ding sind. Drum geht er zum Fernsehen, als dieses noch in den Kinderschuhen steckt.

Ein eher schlichter Sketch mit einem unehrlichen Grenzbeamten, der den Fernsehzuschauern eine Lektion in Sachen Zolldirektiven erteilen möchte, war 1949 der erste Sketch Benny Hills, den die BBC ihm strich. Sketche wie dieser waren es, die damals eine kleine Revolution bedeuteten: Denn sie waren, kaum war das Fernsehen überhaupt geboren, bereits die ersten Fernsehparodien.

Benny mit Sue Upton, dem prominentesten "Hills Angel"

Sollte man nach diesem einen Sketch urteilen, müßte man sagen: Sieht nicht nach viel aus. Doch die Leistung Benny Hills wird klarer, wenn man sich vor Augen hält, was außer seinen Scherzen in der bunten Sendung „Kaleidoscope“ im Haupt-Abendprogramm um halb neun noch so lief: die „Collector’s Corner“, in der die Antiquitäten-Expertin Iris Brooke alten Krempel vorzeigen durfte. „Word Play“, ein Scharade-Spiel, das Nachwuchsschauspieler mit dem Publikum spielten. Und „Be Your Own Detective“, ein Segment, bei dem die Beobachtungsgabe der Zuschauer getestet wurde. Hills Beiträge waren in diesem Zusammenhang geradezu avantgardistisch. Und die Innovationen, die er von nun an auch in seinen eigenen Shows ausprobierte, sollten das Comedy-Fernsehen revolutionieren. Bis heute werden, wenn schon nicht seine Inhalte, so doch Benny Hills Formen und Techniken verwendet: Er machte die ersten Parodien auf Fernsehwerbung, in seiner Sendung waren die ersten vorproduzierten Einspieler als trennende Segmente in einer Live-Show.

Und er war der erste, der (im Spoof einer Quizshow) mehrere Rollen gleichzeitig in einem Sketch spielte. Das war im Januar 1955, als er (nach einer One-Off-Show namens „Hi There!“) seine erste eigene Fernsehsendung erhalten hatte: Die „Benny Hill Show“. Die Parodien auf bekannte Fernsehgesichter wurden einzeln gedreht und zu einem Bild zusammengesetzt — heute ein alter Hut, damals aber bahnbrechend. Es war Hills Wissen, das seine Show einzigartig machte, nicht das des Regisseurs oder Produzenten. Hill, bis dahin schon Autor und Hauptdarsteller, hätte am liebsten auch noch Regie geführt. Und die Requisite geleitet. Und die Nebendarsteller ausgesucht. Und produziert. Im Weg standen dem allerdings die Gewerkschaftsvorschriften, an die die BBC sich halten mußte. Das Fernsehpublikum liebte seine Show, insbesondere seine Imitationen, Benny Hill wurde quasi über Nacht berühmt und zum ersten Comedy-Superstar Großbritanniens, den das Fernsehen hervorgebracht hatte. Nach dem Ende der ersten Staffel seiner Show wurde er bei den „Daily Mail National Television Awards“ zur „Personality of the Year“ erkoren.

Von nun an flog Benny Hill von Erfolg zu Erfolg. Mal nahm seine Show die Form einer Serie abgeschlossener Geschichten an, in denen er pro Woche und Folge einen neuen Charakter spielte, mal war es wieder die gewohnte Abfolge von Sketchen, aber immer wagte er Neues, immer wollte er auf der Höhe der Zeit bleiben. Sein Erfolg sprach dafür, daß ihm das gelang. Die BBC hatte nicht viele Stars seines Kalibers zu bieten und gewährte ihm infolgedessen immer großzügigere Verträge und Honorare. 1956 erhielt er 350 Pfund pro Woche und Folge, 1957 schon 650, und die BBC hätte, wie interne Memos verraten, sogar bis zu 1000 Pfund auf den Tisch gelegt — zu einem Zeitpunkt wohlgemerkt, als der durchschnittliche Wochenlohn in England bei zehn Pfund lag. Hills Miete betrug wöchentlich drei Pfund.

Seine Scherze galten „Auntie Beeb“ zwar als gewagt, aber seit 1955 der Konkurrent ITV ein Auge auf die jüngeren Zuschauer des Tantchens BBC geworfen hatte, war man froh, jemanden wie ihn halten zu können. Sogar „Specials“ bei der Konkurrenz ATV gestattete man ihm. In den sechziger Jahren, die eine immer größere Welle britischer Comedyproduktionen mit sich brachten, war Benny Hill mit seiner einerseits sehr traditionellen, varietyhaften Art, die sich andererseits immer verjüngte und dem Fortschritt verpflichtet war, der ungekrönte König des Komikindustrie.

So traf es die BBC hart, als Hill sie 1968 verließ. ITV hatte ihn mit dem Angebot gelockt, in seinem eigenen Film (dem quasi autobiographischen „Eddie in August“) sowohl Regie zu führen als auch die Hauptrolle zu spielen. Die BBC war so wütend, ihren Star zu verlieren, daß sie die letzte Staffel seiner Show nicht zeigte und sogar die Bänder der Show löschte (was mit bereits ausgestrahlten Shows allerdings sogar gewohnheitsmäßig geschah, weshalb von den frühen Hill-Sendungen keine erhalten sind). Doch der Film, wie viele seiner Sketche ein Stummfilm, floppte auf ganzer Linie, und dem Comedian blieb wenig übrig: Die „Benny Hill Show“ mußte weitergehen. Mit großen Filmen sollte Hill nie Erfolg haben; in „The Italien Job“ (1969) kam sein Talent genauso wenig zum Vorschein wie in „Chitty Chitty Bang Bang“ (1968), in dem er sinnloserweise einen weitgehend unkomischen Part spielte.

„Wouldn’t you men like to see your wife in something long and flowing?“
„Yes, a river.“

Der Wechsel und die libertinären Zeiten, die mittlerweile angebrochen waren, hinterließen sichtbare Spuren in Hills Fernseharbeiten. Die Fans liebten seine immer anzüglicheren, immer gewagteren Sketche, und der dicke Mann gab ihnen, was sie verlangten. Und er nahm sich, wonach es ihn verlangte. In erster Linie war das: gutes Essen in feinen Restaurants. Daß die Fettlebe ihm einen zunehmenden Wanst bescherte, störte ihn allerdings doch, und so ließ er sich Appetitzügler verschreiben. Als Appetitzügler verkauft wurden damals Amphetamine, und für die Dreharbeiten on location bedeutete das, daß Hill schon morgens um sieben eine Handvoll Tabletten einwarf – und den Rest des Tages wie eine Flipperkugel über das Set schoß. In den frühen Siebzigern geriet seine Abhängigkeit von Speed allmählich außer Kontrolle, und daß ihm 1976 ein Niere samt Tumor entnommen werden mußte, war vermutlich Folge des fortgesetzten Amphetaminmißbrauchs.

Demnächst: Benny wird weltweit zum Superstar und gewinnt etliche höchst prominente Fans.

 

Der Mann, der Benny Hill war (extd. Rmx, Pt. 4)

26. August 2011 2 Kommentare

Was bisher geschah: Benny, geboren als Alfred Hill, ist tot. Bereits als junger Mann aber entwickelt er eine Vorliebe für anzügliche Witze. Dann zieht ihn das Militär ein und schickt ihn in den Krieg.

1947 wird er demobilisiert, und schnell zieht es ihn wieder nach London. Nun nennt er sich Benny, nach seinem Vorbild, dem US-Comedian Jack Benny, und beginnt im Herbst des selben Jahres, regelmäßig im Radio aufzutreten. Dort wird er prompt in einer Nachwuchs-Show entdeckt, und auch auf Live-Bühnen faßt Hill nun Fuß dank Colonel Richard Stone, vormals Chef der Abteilung „Combined Service Entertainment“, nun Künstleragent. Er wird bis an sein Lebensende der Agent von Hill bleiben.

Ein Banküberfall.
Bankräuber: „Alle hinlegen, mit dem Gesicht nach unten!“
Alle legen sich Gesicht nach unten hin, bis auf eine blonde Kassiererin, die sich auf den Rücken legt.
Bankangestellter (Hill): „Gesicht nach unten! Das ist ein Überfall, keine Büroparty!“

Ausgerechnet ein Job, für den Hill den damals noch unbekannten Peter Sellers schlägt, wird allerdings beinah zum frühen Ende von Hills Karriere: Er darf den ernsten Gegenpart zum Comedian Reg Varney in einer mehrjährigen Bühnenshow namens „Gaytime“ spielen, doch immer fällt Hills kleiner Solo-Auftritt durch. So gut er als Stooge ist, der dem Comedian die Bälle zuspielt, so katastrophal ist er in der Rolle des Komikers. Als die Show in den Norden Englands kommt, der ohnehin als „famous graveyard for London comics“ (Varney) gilt, stirbt Benny Hill den Bühnentod: Das Publikum applaudiert, statt zu lachen. Aber nicht etwa höflichen Beifall, was schlimm genug wäre. Es ist ein langsames, rhythmisches Klatschen, höhnisch und mitleidig. Er hätte nie etwas Angsteinflößenderes gehört als diesen Applaus, sagt Varney später. Hill kommt vollkommen zerstört von der Bühne. Demoralisiert beschließt er, nicht für die Bühne gemacht zu sein, und wirft die Brocken hin.

Bis an sein Ende wird die Furcht vor Liveauftritten Benny Hill von nun an begleiten. Er wird niemals zu Gast in Fernsehtalkshows sein, die meisten Interviewanfragen ablehnen und auch bei den Dreharbeiten zu seinen Shows penibel darauf achten, daß niemand am Set ist, den er nicht schon lange kennt. Kommt etwa ein Buchhalter der Produktion aus seinem Büro herunter ins Studio und steht in Hills Sichtachse, wird der Comedian abbrechen und höflich mitteilen, es täte ihm leid, aber er könne nicht arbeiten, wenn ihm jemand zusähe. In jeder Show aber gibt es Szenen vor Livepublikum, und bevor diese gedreht werden, tritt in der Regel ein Warm-Upper auf, um die Zuschauer mit seinen Witzen auf Betriebstemperatur zu bringen. Benny Hill, Perfektionist, der er ist, macht das selbst. Doch auch hier, vor einem Publikum, das ihn liebt, das nur wegen ihm gekommen ist, ist er unsicher, vernuschelt er Pointen, murmelt er nach den Punchlines immer weiter, um die Stille zu füllen, vor der er sich fürchtet. Die Schüchternheit, so sehr sie in seinen Rollen gespielt ist, rührt tief aus ihm selbst her.

Benny und Jackie Wright, sein berühmtester Stooge, dessen Glatze so einiges mitmachen mußte im Laufe der Zeit...

Nach dem desaströsen Abschied von der Bühne schließt er sich neun Wochen lang zuhause ein. Doch er ist nicht untätig: Er kritzelt einen Sketch-Entwurf nach dem anderen, ein ganzes Konvolut will er dem Fernsehen anbieten. Aber wie gemacht ist jemand fürs Fernsehen, der schon auf der Bühne keine Lacher kriegt? Niemand im Comedy-Business glaubt so recht daran, daß Hill das schaffen kann. Und nicht nur das: Niemand weiß zu diesem Zeitpunkt, wie erfolgreich das Medium Fernsehen je sein wird — nur fünf Prozent der Haushalte haben 1950 überhaupt ein Empfangsgerät, die Zukunft ist ungewiß.

Doch Hill hat den Mut, mit einem Packen Sketch-Skripten unter dem Arm bei der BBC aufzulaufen, und das Glück, beim Head of Light Entertainment Ronnie Waldman vorgelassen zu werden. Dem gefällt, was er sieht, und von jetzt auf gleich ist Hill (Waldman: „Wer wäre denn geeignet, Ihre Sketche zu spielen?“ Hill: „Ich!“) beim Fernsehen gelandet. Nun stellt sich heraus, daß hier sein wahres Talent liegt: Die Kameras erfassen all seine winzigen Gesten, mit denen er innerhalb von Sekundenbruchteilen Charaktere skizzieren kann, seine anzüglichen Blicke, all die subtilen Andeutungen, die im Theater schon in der vierten Reihe niemand mehr wahrnimmt. „Kaleidoscope“ heißt die erste populäre Nachkriegs-Comedyshow, die von 1946 bis 1953 läuft und viele Talente hervorbringt – und in der Benny Hill im Alleingang ein Format erfindet, das bis heute erfolgreich ist, ohne das es etwa „Switch reloaded“ nicht gäbe: Die Fernsehparodie.

In einem Sketch spielt Hill einen Zollbeamten, der in die Kamera hinein die Zuseher mahnt, immer alles anzugeben, was sie ein- und ausführen, von den neu gekauften Nylonstrümpfen bis zum Parfümfläschchen. „Cut!“ ruft schließlich im Off der Regisseur. „Keine Sekunde zu früh!“ entgegnet der „Zollbeamte“, nimmt, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, seine Mütze ab, aus der prompt Armbanduhren und Zigarettenschachteln herausfallen.

Ja, darüber hat man in den späten Vierzigern gelacht. Bzw. nicht, denn die BBC war der Ansicht, der Zuschauer könnte durch diesen Scherz den Eindruck bekommen, britische Zollbeamte seien unehrlich. Hmja, genau. Wie auch immer: dieser harmlose Sketch war Benny Hills erster, der ihm zensiert wurde.

Demnächst: Benny wird der König der Comedy. Doch die BBC wird ihm bald zu restriktiv, darum wechselt er zu ITV. Wird sein Erfolg sich dort fortsetzen?

Der Mann, der Benny Hill war (extd. Rmx, Pt. 3)

24. August 2011 Keine Kommentare

Was bisher geschah: Benny Hill stirbt unter unwürdigen Umständen, nachdem der Zeitgeist seine Karriere ruiniert und ihn aus dem Comedy-Olymp ins ewige Feuer der political correctness geworfen hat.

Vielleicht lag es in seinen Genen. Schon der Großvater war als Clown aufgetreten, ein Onkel gar als Drahtseilkünstler im Zirkus, was ihn schließlich das Leben kostete. Hills Vater Alfred war selbst mit sechzehn von zuhause weggelaufen, um in Fossett’s Circus als Clown aufzutreten. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs aber, geschwächt durch Gasvergiftung und Gefangenschaft, vom Leben enttäuscht und verbittert, wandte er sich vom Showbusiness ab und einem bürgerlichen Leben als Verkäufer in einem Ladengeschäft für medizinisch-chirurgische Produkte zu. Das jedenfalls war die offizielle Bezeichung; konkret verkaufte er vorwiegend Verhütungsmittel. Der Laden lag in der Nähe der Hafendocks und in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem einschlägigen Pub, in dem neben Seemännern auch Prostituierte verkehrten. Die Geschäfte liefen gut, doch über den Beruf von Alfred sen. im Allgemeinen, insbesondere aber über Kondome, genannt „French Letters“, wurde zuhause keine Silbe gesprochen. Wie der Vater überhaupt ein strenges Regiment führte, und ein noch strengeres, nachdem er festgestellt hatte, daß es sehr unklug von ihm gewesen war, auf die Beteiligung an dem Laden zu verzichten, die ihm der Inhaber angeboten hatte. Meckerte Alfie nun etwa über das Essen, verbat sich sein Vater das gerne mit dem Hinweis auf das, was er habe essen müssen, damals, in deutscher Gefangenschaft. Sein Sohn ging ihm fortan meistens aus dem Weg und hielt sich sehr an seine Mutter, die er bis zu ihrem Tod 1976 abgöttisch liebte.

Der Beruf seines Vaters aber bedeutete für Alfie, daß er in der Schule regelmäßig mit sexuellen Anspielungen aufgezogen wurde, wogegen er sich mit noch anzüglicheren Witzen zur Wehr setzte. Wenn Sie jetzt bitte selbst eins und eins zusammenzählen würden…

Benny Hills erster Witz (laut seinem Bruder Leonard)
Lehrer (zum zu spät kommenden Schüler): „Where have you been?“
Schüler: „Up Shirley Hill.“
Lehrer (zur zu spät kommenden Schulmädchen): „Who are you?“
Schulmädchen: „Shirley Hill!“

Als Hill 15 ist, wird seine Schule nach einem Bombeangriff evakuiert, und kurz darauf geht er ab — ohne jeglichen Abschluß. Mit Gelegenheitsjobs hält er sich eine Weile mehr schlecht als recht über Wasser: er bedient eine LKW-Waage für die Phoenix Coal and Coke Company, erhält eine Stelle als Trainee Manager für Woolworth. Die aber bedeutet, daß er vorwiegend Hilfsarbeiten machen muß, die mit Worten beginnen wie „der Hund einer Kundin hat da hinten am Regal ein Geschäft gemacht, würdest du bitte…“. Hill kündigt nach nicht einmal vier Wochen. Anschließend liefert er Milch mit einem damals noch von Pferden gezogenen Karren aus. Letzteres wird, auf den dringenden Wunsch seines Vaters hin, nach zugehöriger Ausbildung sogar sein regulärer Beruf: Milchmann. Immerhin sein Song „Ernie (The Fastet Milkman in the West)“, Weihnachts-Hit 1971, profitiert später von seinen Erfahrungen. Schon damals aber spielt er lieber Gitarre und übt sich an komischen Nummern, und der Beruf des Milchmanns mit Arbeitszeiten von sieben Uhr morgens bis ein Uhr nachmittags läßt ihm sogar genügend Zeit dafür. Abends treibt er sich außerdem gerne im Backstage der Variety-Bühnen herum, wo er mit möglichst vielen Comedians in Kontakt zu kommen hofft. Comedy und Musik werden eine Leidenschaft.

Bald spielt Alfie in einer Band. Er wird Drummer in der semiprofessionellen Band von Ivy Lillywhite, einer örtlichen Musiklehrerin, die in der Stadthalle Southampton Bunte Abende organisiert, und er verdient damit Geld — oft mehr als in seinem regulären Beruf. Die Gigs und seine wild zusammenimprovisierten Stand Up-Nummern, die er gelegentlich vorführt, geben ihm schließlich genügend Selbstvertrauen: Er packt seine Sachen und zieht nach London. Da ist er siebzehn. Er strolcht um längst geschlossene Music Halls, schläft im kalten September auf der Straße, um Geld zu sparen, wird erst Laufbursche, dann Assistant Stage Manager am East Ham Palace. Ins Showbusiness will Alfie Hill unbedingt, und bald zieht er mit einer Revue namens „Send Him Victorious“ durch England.

Benny Hill (ganz rechts) in Frankreich (1943)

Weil auf Tour, erreicht ihn 1941 sein Einberufungsbefehl nicht; prompt wird er, als die Militärpolizei ihn schließlich in Cardiff stellen, zunächst vier Tage inhaftiert und anschließend unter scharfer Bewachung zu seiner Kaserne verfrachtet, wo er den Boden der Arrestzelle schrubben muß. Daß er behandelt wird wie ein Krimineller, obwohl er sich nicht vorsätzlich schuldig gemacht hat, prägt ihn und befeuert, so sagt er später selbst, eine lebenslange Abneigung gegen jede Form der Autorität. Als Fahrer und Mechaniker wird er, obwohl er lausig ist in diesen Tätigkeiten, zunächst in Dünkirchen stationiert, dann in Holland, Belgien und Deutschland. Am liebsten träte er sofort in die Unterhaltungsabteilung der Armee ein, doch ausgerechnet der später lebensbedrohlich übergewichtige Hill ist körperlich zu gut in Form, um als Musiker abgestellt zu werden. Erst nach Ende der Kriegshandlungen darf er dem „Central Pool of Artists“ der Armee beitreten, den sogenannten „Stars in Battledress“. Mit ihnen tourt er bald die Army Bases in den besetzten Teilen Europas. Nun kommt ihm sein Sprachentalent zugute; Hill spricht (und wird es später in vielen seiner Sketche zu parodistischen Zwecken einsetzen) fließend Französisch und genügend Deutsch, Holländisch und Italienisch, um sich auf seinen zahlreichen Reisen überall verständlich machen zu können. Insbesondere Frankreich tut es ihm an; nach Marseille wird er sich noch als Superstar bis in die späteren Achtziger regelmäßig flüchten, um unerkannt in Cafés und Bars verkehren zu können. Und, man weiß es nicht genau, vermutlich auch in Bordellen.

Demnächst: Benny schafft es auf die Live-Bühne — aber ohne Erfolg. Im Gegenteil: Seine Bühnenerfahrungen werden ihn für sein ganzes Leben traumatisieren.

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Der Mann, der Benny Hill war (extd. Rmx, Pt. 2)

22. August 2011 Keine Kommentare

Was bisher geschah: Benny Hill stirbt unter unwürdigen Umständen; zuvor titelt der Daily Star zu einem Foto von Hill, auf dem der Millionär mit einer Supermark-Plastiktüte voller Lebensmitteldosen zu sehen ist: “Mr Mean”.

Doch diese defamatorischen Schlagzeilen waren ungerecht. Gewiß, Benny Hill lebte in Verhältnissen, die einem Star seiner Größenordnung nicht zukamen, und ja, seine Klamotten wohnten bei ihm auf dem Boden statt im Kleiderschrank. (Kirkland: „Why do you throw all your clothes on the floor?“ Hill: „Because they won’t stick to the ceiling.“) Aber womöglich machte er sich einfach nichts aus Geld, genauso wenig wie aus neuen Schuhen oder Hemden, und bestimmt war sein Chaos ein kreatives. Denn seine Sketch-Ideen, und davon hatte er viele, notierte er sich auf allem, was in seiner Reichweite war: aufgerissenen Cornflakes-Kartons, alten Zeitungen, Zigarettenschachteln. Diese lagen, zwischen dem schmutzigen Geschirr und ungeöffneter Fanpost, überall in seiner Wohnung herum. Stapelweise. Sogar seine Skripte, die er aus aller Welt an den Fernsehsender schickte, waren nicht selten auf Pappkartons geschrieben, wie man sie mit der sauberen Wäsche zusammen aus der Reinigung bekommt, auf Servietten und alten Briefkuverts.

Hill, Kirkland, Hill

Der doppelte Benny (bei Madame Tussaud's) mit Produzenten Kirkland

Wozu hätte er auch eine größere Wohnung gebraucht? Im noblen Londoner Stadtteil Queensgate, aus dem Hill später nach Teddington gezogen war, weil das in Fußweite der Studios war, hatte er ja noch eine größere Wohnung gehabt. Aber weder Familie noch Freunde, die er eingeladen hätte. Nicht einmal seinen Agenten und Freund Richard Stone bat er je hinauf in sein Reich, obwohl der ihn über zwanzig Jahre regelmäßig vom Dreh nach Hause fuhr. Wenn man denn von Reich sprechen möchte in Bezug auf Hills Behausung: In einem Zimmer ein kleiner Schwarzweißfernseher vor einem häßlichen Plastiktisch und einem Sessel. Keine Bilder, keine Bücher, nur ein Kaminsims, auf dem achtlos hingestellte und -gelegte Preise Staub fingen, und ein Plastik-Spielzeug, hinter dem der Hausherr, ebenfalls ungeöffnet, Umschläge mit Schecks sammelte, bis sich so viele angesammelt hatten, daß alles auf den Boden zu fallen drohte. Dann reichte Hill sie bei der Bank ein. Selbstverständlich ohne sie vorher auch nur anzusehen. Oder abzuzeichnen. Regelmäßig kamen sie also von der Bank zurück, mit der Bitte um Unterschriften. Ein zweites Zimmer, so erinnert sich Kirkland, war komplett unmöbliert und glich einer Müllhalde. In diesem Raum sei er nie, habe Hill gesagt.

War es seine Schuld, daß die Zeit über ihn hinweggegangen war? Daß in den Achtzigern plötzlich ein anderer Wind in der Comedy-Szene wehte, ein frischerer? Mit einem Mal stand Benny Hill für antiquierte Comedy der dumpfen Sorte, war ein Relikt aus voraufklärerischer Zeit. Seine Show, die von 1951 bis 1991 vierzig Jahre lang das englische gleichermaßen wie das internationale Comedy-Fernsehen mitgeprägt hatte (in 97 Ländern lief seine Show am Ende), geriet in Verruf. Mehr als das: Benny Hill, die „Benny Hill Show“ stand plötzlich synonym für alles, was schlecht war an der Mainstream-Komik: Ihr latenter Rassismus mit seinem Blackfacing, ihr offener Sexismus, ihr ganzer patriarchaler Gestus. Dicke, alte, weiße Männer waren plötzlich nicht mehr „in“, jedenfalls nicht, wenn sie sich als alte Schachteln verkleideten oder hinter barbrüstigen jungen Frauen herrannten oder diese hinter ihnen. Benny Hill war out, wie man nur out sein konnte, als die Alternative Comedy, allen voran Ben Elton und die „Young Ones“, in den Achtzigerjahren die Komikindustrie revolutionierten und damit ein junges, intellektuelles Publikum erreichten, das bald ganze Fußballstadien füllen sollte. Als Thames Television seinen Star nach zwanzig fetten Jahren schließlich feuerte, blieb ihm, der nie ein Privatleben gehabt hatte, nichts mehr. Benny Hill zog sich zurück und starb wenige Jahre später seinen einsamen Tod.

Dabei zählte Benny Hill in seinen frühen Tagen selbst zu einer neuen, einer alternativen Form der Comedy: Benny, geboren als Alfred Hawthorn Hill am 21. Januar 1924 in Southampton, war der erste Variety-Star des Fernsehens — und der größte.

Demnächst: Kindheit und Jugend — liegen Benny Hill die Witze in den Genen? Wer nicht warten möchte: Die ganze Humorkritik findet sich in der Printausgabe der aktuellen Titanic.

Der Mann, der Benny Hill war

28. Juli 2011 2 Kommentare

Bald zwanzig Jahre nach seinem Tod verbinden die meisten mit Benny Hill kaum noch mehr als eine alberne Melodie, die praktisch jeden Filmclip komisch wirken läßt, wenn man ihn nur ein bißchen schneller abspielt. Wer sich doch noch an ihn erinnert, denkt an sexistischen Humor der altbackenen Sorte. Dabei war er zu seiner Zeit nicht nur größer als Charlie Chaplin: Er hat in den Kindertagen des Fernsehens bereits Formen gefunden, von denen Comedyshows bis heute zehren.

Als er am Ostermontag 1992 starb, alleine auf dem Sofa seiner schäbigen kleinen Mietswohnung in Teddington, war aus ihm das geworden, was er immer gespielt hatte: Eine Witzfigur. Mit wild abstehendem Haar und offenem Hemd, ohne Schuhe und Socken hatte ihn ein Herzinfarkt überrascht, während er Teletext guckte; es war sein zweiter. Neben sich zwei leere Teller und zwei leere Weight-Watchers-Softdrinks, so fand ihn sein langjähriger Produzent und Regisseur Dennis Kirkland drei Tage später. Wären da nicht die 300 Pfund in bar gewesen, die ihm aus der Hose gefallen waren (und die 7,5 Millionen auf der Bank): man hätte ihn für einen armen Schlucker halten können. Als solcher war er zuletzt auf der Titelseite des Daily Star gewesen; der hatte ihn dabei fotografiert, wie er mit zwei Plastiktüten voll Konservendosen aus dem Supermarkt kam, und mit der Schlagzeile „Mr. Mean“ noch nachgetreten: Das ist aus Benny Hill geworden, dem vormals berühmtesten Engländer im Ausland, dem ungekrönten Star-Comedian der Fünfziger, Sechziger, Siebziger und sogar der Achtziger – ein ungepflegter, dicker, schmutziger alter Mann, der Millionen mit Tittenwitzen verdient hat, aber so geizig ist, daß er sich weder Personal noch ein Auto, eine Eigentumswohnung oder gar ein Haus leistet. Ein Eigenbrötler, der selbst sein Weihnachtsmahl bei Marks & Spencer kauft und keinen Menschen neben sich erträgt außer einer Zugehfrau. Auch die durfte seine Sachen kaum berühren, und in der Folge machte sie dann eben zwischen seinen Dreckhaufen sauber.

Die ganze Geschichte in einem ausführlichen Humorkritik-Spezial gibt’s ab morgen in der August-Ausgabe der Titanic am Kiosk Ihres Vertrauens!

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