Gestern abend wurden die diesjährigen British Comedy Awards vergeben, und wie schon bei den Nominierungen klar geworden ist, hat “Outnumbered” abgeräumt: Ramona Marquez hat den Award für Beste Female Comedy Newcomer gewonnen, die Serie selbst die Awards Best Sitcom und Best British Comedy 2009. “Dead Set” mußte die Waffen strecken gegen “Pulling”, das als Best Television Comedy Drama gewonnen hat, dafür wurde Charlie Brooker als Best Male Comedy Newcomer ausgezeichnet für ausgerechnet “You Have Been Watching”, eine vergleichsweise konventionelle Panelshow, die m.E. weit hinter seinen anderen Werken zurückbleibt.
Des weiteren hat Graham Linehan (“Father Ted”, “The IT Crowd”) den Ronnie Barker Writer’s Guild of Great Britain Award verliehen bekommen und sich damit gegen Peter Kay durchgesetzt, der immerhin für seine Outstanding Contribution to British Comedy geehrt wurde. Rätselhaft bleibt mir die Begeisterung für “Psychoville” (Best New British Television Comedy).
Britischer Humor, das meint in den meisten Fällen: englischer Humor. Und in fast allen von diesen meisten Fällen steht “englisch” für “aus London”. Denn dem englischen Humor eignet etwas spezifisch Urbanes, Metropolitanes, das aus dem Zusammenleben vieler Menschen auf engstem Raum entsteht, wo Höflichkeit die eine Option ist, Distanz zu schaffen und zu wahren, und Humor eine andere. Der aristokratische, bildungsnahe (aber gleichzeitig antiintellektuelle), geschliffene Witz — das ist der, den man aus vielen Britcoms kennt, die wiederum zum größten Teil in London produziert werden.
Natürlich gibt es auch einen spezifisch irischen und schottischen Humor. Aber man muß England gar nicht verlassen, um brillante Sitcoms zu sehen, die weniger highbrow sind. Ein Blick nach Manchester genügt, dessen Milieus von Armut, Alkohol und Arbeitslosigkeit geprägt sind. Aus dessen nächster Umgebung kommt auch Platz sieben der Britcomcharts:
Der “Phoenix Club” in Bolton ist ein social club alter Schule: Es gibt, vornehmlich für ältere Menschen aus den unteren Gesellschaftsschichten, Unterhaltungsangebote von Snooker- und Pool-Tischen über Lotterien und Bingo-Abende bis hin zu Auftritten von DJs, Bands, Comedians und Entertainern und natürlich eine Bar. Das “Phoenix” ist reichlich heruntergewirtschaftet und seine Angestellten nicht die hellsten und schnellsten; die beiden Wachmänner Max und Paddy dabei die einfachsten Gemüter, der DJ Ray Von (“as in rave on“) (Neil Fitzmaurice, “Peep Show”) versagt oft spektakulär in seinen Versuchen als Elektriker, und der Haus-Conférencier Jerry “St. Clair” Dignan (Dave Spikey) hat schon bessere Tage gesehen, hält aber den Laden zusammen. Insbesondere weil Brian Potter (Peter Kay, zusammen mit Spikey und Fitzmaurice auch Autor der Serie), der an den Rollstuhl gefesselte Inhaber und Linzenzbesitzer, die unglückseligste Figur des Ladens ist: Meistens schlecht gelaunt, geizig, bösartig gegenüber seinen Angestellten — und nie um schneidend böse, aber komische Bemerkungen verlegen. Er ist vom Pech verfolgt: Das “Phoenix” ist schon sein dritter Club, nachdem der erste in einem Hochwasser abgesoffen und der zweite abgebrannt ist; ein Schicksal, das auch das “Phoenix” am Ende der ersten Staffel (von zwei) teilt.
Bis dahin passieren in “Phoenix Nights” die buntesten Katastrophen: Schon in der ersten Folge wird die feierliche Eröffnung des Clubs durch einen Stromausfall ruiniert, eine Bingomaschine geklaut und ein deutschsprachiger Spielautomat mit “Das Boot”-Thema geliefert (“Wunderbar! Das Jackpot! Wunderbar!”), und schließlich tritt eine Folkband auf, die von der anwesenden Journalistin schnell als rassistisch mißverstanden wird, obwohl sie nur von Kommunionschuhen singt, die das lyrische Ich nicht haben möchte (“…send the black ones back”). Mißgeschicke und die teilweise grotesken Unzulänglichkeiten der Unterhaltungskünstler, gepaart mit der Zwielichtigkeit von Brian Potter (man weiß nicht einmal, ob er wirklich einen Rollstuhl braucht), führen zu komischen Momenten von unglaublicher Größe — “Phoenix Nights” ist ein Comedy-Edelstein von 1000 Karat.
Dazu trägt die authentische Atmosphäre und die offene Zuneigung der Macher für ihr Sujet enorm bei: Das Senioren-Publikum in vielen Szenen ist echt, ebenso etliche der Show-Acts. Und auch die Liebenswürdigkeit, die hinter der schroffen Fassade Brian Potters dann doch hin und wieder aufscheint, dürfte das ihre dazu beigetragen haben, daß “Peter Kay’s Phoenix Nights” schnell zum bafta-nominierten Kulthit wurde und Peter Kay, bei “Phoenix Nights” noch keine dreißig, zum Publikumsliebling und Comedy-Superstar. Die beiden Wachmänner Max und Paddy (Kay und Patrick McGuinness) erhielten in der Folge ihre eigene Spin-off-Serie (die allerdings nicht mehr so brillant war wie “Phoenix Nights”), und bis heute ist eine dritte Staffel “Phoenix Nights” im Gespräch, die angeblich schon fertig geschrieben, allerdings noch ohne Drehtermin geblieben ist. Peter Kay ist im britischen Fernsehen nicht sehr präsent; zwischen “Phoenix Nights” und “Max and Paddy’s Road to Nowhere” lagen drei Jahre, bis zum abermals fantastischen “Britain’s Got the Pop Factor…” (2008) vergingen gar weitere vier.
N.b.: Für die meisten mit Schulenglisch aufgewachsenen deutschen Britcomfans dürfte eine Version mit Untertiteln (sind auf den DVDs enthalten) empfehlenswert sein. Das Manchester-Englisch ist doch recht gewöhnungsbedürftig.
Niemals hätte ich vermutet, daß diese Show auf DVD erscheinen würde — nicht weil sie so schlecht ist, ganz im Gegenteil, sondern weil es ein irrer Alptraum gewesen sein muß, die Musikrechte zu kriegen. Doch Peter Kay hat es geschafft, et voilà: “Peter Kay’s Britain’s Got the Pop Factor… and Possibly a New Celebrity Jesus Christ Soapstar Superstar Strictly on Ice” ist da. Und jeder, der das nötige Kleingeld hat, die DVD zu erwerben, soll das bitte tun: Er legt sich damit die (na ja, neben der zweiten Staffel “Outnumbered”, die im November erscheint) lustigste Show des Jahres zu — liebevoller wurden Castingshows nie parodiert.
Alle paar Jahre fließen in England bittere Tränen, wenn wieder einmal der Tod der britischen Sitcom ausgerufen wird; und jedesmal haben die Überbringer der Todesnachricht gute Argumente auf ihrer Seite. So auch David Liddiment, vormaliger Creative Head von ITV, dessen Dokumentation “Who Killed The British Sitcom?” (Channel 4, 2. Januar 2006; TV-Kritik dazu hier) gleich fünf Gründe für den Niedergang des Genres anführt. An den könnte man fast glauben, wenn man die Zahlen für sich sprechen läßt: 1975 etwa liefen auf nur drei Fernsehkanälen ganze acht britische Sitcoms pro Woche, zehn Jahre später sogar 13, davon zehn in der BBC und auf ITV. 1994 schon liefen Comedyserien erkenbar später am Abend, 2005 waren es nur noch drei Sitcoms, die zur family viewing time ausgestrahlt wurden – davon zwei US-Produktionen und eine Wiederholung.
Unter den Verdächtigen, die Liddiment anführt, sind die Alternative Comedy der frühen Achtziger, deren Punk- und Dada-Ansatz die traditionelle Sitcom alt aussehen ließ, die amerikanischen Sitcoms, gegen deren Überlegenheit in der schieren Anzahl von Autoren, Episoden und Gags pro Folge nicht anzukommen war, und Reality TV, das wesentlich billiger zu produzieren ist, dabei aber mitunter ebenso komisch sein kann wie teuer produzierte Sitcoms, deren Erfolg sich womöglich erst nach der zweiten oder dritten Staffel einstellt.
Ein Sargnagel der klassischen Sitcom aber könnte gleichzeitig der Auslöser für die Selbsterneuerung des Genres gewesen sein: Nämlich die Einführung des digitalen Fernsehens, das in England eine Vielzahl neuer Fernsehkanäle mit sich brachte. Diese mußten sich naturgemäß alle das gleiche Publikum teilen, was logischerweise zu massiven Quotenverlusten pro Kanal führte. Nun ist Comedy, anders als zum Beispiel Drama oder Krimi, immer etwas Gemeinschaftliches — es sind Comedy-Catchphrases, die sich die Kinder auf dem Schulhof zurufen, nicht reflexive Monologe über Abtreibung oder Verhör-Dialoge –, was vielleicht erklärt, warum Comedy stärker unter der Diversifizierung des Fernsehen litt als andere Sparten: Sie war plötzlich kein Teil des gemeinsamen Lebens mehr, brachte nicht mehr ganze Generationen zusammen wie zuvor “The Young Ones” oder noch früher “Dad’s Army”. Der Erfolgsdruck wurde stärker, Serien mußten (ganz wie hierzulande) schon nach der dritten Folge ihr Publikum gefunden haben statt nach der dritten Staffel.
Das aber führte zu einer Veränderung der Sitcoms: Die jüngste Generation der Comedy nämlich, die keine absoluten Mehrheiten mehr erreichen konnte, spezialisierte sich stattdessen. Peter Kay, Steve Coogan und Gervais/Merchant machten Comedy für sich selbst, weil sie annahmen, daß auch andere das komisch fänden, worüber sie selbst lachten. Und plötzlich explodierte die Szene, griff Reality TV als Formvorlage auf (“The Office”), suchte sich Nischen, peilte von vorneherein eine Minderheit als Zielgruppe an, die etwa auf psychedelische Comedy mit Musikeinlagen steht (“The Mighty Boosh”), extrem film- und fernsehaffin ist und abwegigste Zitate goutiert (“Spaced”), aus Computernerds besteht (“The IT Crowd”) oder aus Menschen, die sich für Politik interessieren (“The Thick Of It”) — und war damit auf einmal erfolgreicher als alle Versuche, wieder klassische große Publikumsshows zu lancieren. Was natürlich den pathetischen Titel von Liddiments Doku und die Theorie von der sterbenden Gattung Sitcom völlig widerlegt; gottseidank.
Höchst bedauerlich, daß die Krise im deutschen Fernsehen immer nur Krise bleibt und nie Chance ist, auch einmal auf Quoten zu scheißen, die ja nun eh nicht zu kontrollieren sind, und stattdessen mit noch so kleinen Budgets etwas Neues zu wagen. Und nicht die tausendste Sketchshow ins Programm zu hieven, die auf Frauen-und-Männer-Witze setzt.
Ein Schwiegermutterliebling, der mit einer grenzrassistischen schwarzen Bauchrednerpuppe „Ebony And Ivory“ singt, ein Quartett aus zwei an den Rollstuhl gefesselten Frauen und ihren Männern namens 2 Up 2 Down sowie eine dicke Transsexuelle, deren Medley von „Free Nelson Mandela“ in, ela – ela – ela, „Umbrella“ von Rihanna übergeht – selbst wenn es im deutschen Fernsehen eine Parodie auf „Deutschland sucht den Superstar“ gäbe, kämen diese Figuren darin eher nicht vor. Dabei ist „Peter Kay’s Britain’s Got The Pop Factor… and Possibly a New Celebrity Jesus Christ Soapstar Superstar Strictly on Ice“ (Oktober 2008, Channel 4, hier gibt’s annähernd die ganze Show bei YouTube) nicht annähernd so tabuverletzend böse, wie man meinen könnte. Sondern ganz im Gegenteil eine mit bemerkenswerter Liebe zum Medium Fernsehen und seinen Castingshows gemachte Spoof Show, bei der mitzuwirken sich weder Paul McCartney noch Rick Astely zu schade waren. Von den Jurymitgliedern (u.a. Pete Waterman vom Produzententrio des Grauens Stock, Aitken, Waterman), der Moderatorin und dem Voiceover ganz zu schweigen, die alle bei mindestens einer der parodierten Shows („The X Factor“, „Pop Idol“) mitgewirkt hatten – einzig Simon Cowell fehlte. So herzlich wirkt „Britain’s Got The Pop Factor…“, und so perfekt produziert ist die Show, daß man, je länger sie dauert, umso mehr mit den Kandidaten mitfühlt, und am Ende ernsthaft gerührt ist, obwohl man weiß: Es ist alles Fake.
Es dürfte nicht zuletzt an dieser Wärme gelegen haben, daß Channel 4 mit „Britain’s Got The Pop Factor…“ sensationelle Einschaltquoten hatte: Nicht nur die Fans der Originale werden sich von der Parodie angezogen gefühlt haben, sondern sicher auch die Fans Peter Kays. Das sind nicht wenige: Kay gehört in Großbritannien zu den Comedy-Superstars, obwohl er nach der großartigen Serie „Peter Kay’s Phoenix Nights“ (und einem etwas weniger wunderbaren Spinoff dazu) in den letzten vier Jahren kaum etwas fürs Fernsehen gemacht hat. Umso zufriedener kann er sein, daß er mit den beiden Songs aus seiner neuen Show sogar in die britischen Charts kam: Der „Winner’s Song“ schaffte es auf Platz zwei, der an Weihnachten zu einer (natürlich ebenfalls gefakten) einstündigen Retrospektive veröffentlichte „Once Upon a Christmas Song“ auf Rang fünf. Völlig zu Recht: Beide Titel stammen aus der Feder von Gary „Take That“ Barlow und sind Ohrwürmer der schlimmsten Sorte. Was Simon Cowell bestimmt nicht schlecht geärgert hat – denn Kay lag mit seiner Parodie in den Charts genau einen Rang vor dem Original, dem „X Factor“-Gewinner Leon Jackson.
Wenn Channel 4 wie angekündigt tatsächlich die ganze Herbst/Winter-Season so nachlegt, wie Kay es vorgemacht hat, steht uns ein komisches Frühjahr ins Haus. Hurra! Peter Kay, FTW!
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