Und nun zu etwas völlig anderem
Spielen Wayne Rooney und Peter Crouch eigentlich mit heute? Hier jedenfalls: Ricky Gervais, Crouch und Rooney in einem Beitrag zur Fußball-WM (vor vier Jahren).
Spielen Wayne Rooney und Peter Crouch eigentlich mit heute? Hier jedenfalls: Ricky Gervais, Crouch und Rooney in einem Beitrag zur Fußball-WM (vor vier Jahren).
Drei Piloten respektive neue Shows, auf deren Startgenehmigung spekuliert werden darf:
Sacha Baron Cohen, so berichtet Deadline, ist mit Alec Berg, David Mandel und Jeff Schaffer bei diversen Studios mit einer Serienidee vorstellig geworden. Berg, Mandel und Schaffer waren “Seinfeld”-Autoren und -Produzenten und sind es noch für “Curb”; Cohen selbst hat in der vorvergangenen Staffel mitgespielt, Schaffer war weiterhin auch Autor für “Borat”. Titel und Inhalt der Show sind allerdings noch nicht bekannt.
Etwas mehr Informationen gibt es über die neue BBC2-Serie von Ricky Gervais und Stephen Merchant: “Life’s Too Short” wird sie heißen und mit dem knapp einen Meter kleinen Schauspieler Warwick Davis in der Hauptrolle besetzt sein. Warwick hat schon in “Extras” mitgespielt. Der Pilot wird produziert von Charlie Hanson, der auch “Extras” produziert hat; ausgestrahlt soll er aber nur werden, wenn die BBC auch die ganze Serie in Auftrag gibt. Das ist mal eine gute Nachricht — ich hatte schon befürchtet, Gervais’ Karriere fände ihre Fortsetzung nur noch in mediokren US-Romcoms. Eine BBC2-Serie mit einem Zwerg in der Hauptrolle, das klingt schon ganz gut. Auch wenn Gervais und Merchant selbst nur in Cameos zu sehen sein werden.
Charlie Brooker zuguterletzt arbeitet ebenfalls an einer neuen Serie — und zwar einer Spielserie. Sie soll zwar gewisse Parallelen zu seiner Serie “Screenwipe” haben, aber im Gegensatz zu dieser weitgehend gescripted sein. Genaueres verrät Brooker, der sich mit beißender Mediensatire einen Namen gemacht hat, zwar noch nicht, merkt aber an, daß seine bis dato einzige gescriptete Serie “Dead Set” eine furchtbare Erfahrung für ihn gewesen sei. Wenn die nächste auch nur halb so gut ist wie die brillante Mischung aus “Big Brother” und Zombies: soll er halt bitte die Zähne zusammenbeißen. Die Memme…!
Sehr seltsam: Gerade eine HBO-Show gesehen, offenbar ein Spinoff der “Familie Feuerstein”, in der Fred Feuerstein und Barney Geröllheimer, müde von all ihren Abenteuern, beschließen, eine Radiosendung zu machen. Und tatsächlich: Sie schnappen sich einen langweiligen und leicht verwirrten Dinosaurier, lassen ihn frei von der Leber weg Quatsch reden und machen sich 22 Minuten lang darüber lustig — einfach, weil sie es können. Eine Radiosendung im Fernsehen statt einer “Familie Feuerstein”-Geschichte, wo einer etwas erlebt und in Schwierigkeiten gerät, diese bewältigt bzw. scheitert und am Ende klüger ist bzw. genauso dumm wie vorher. Fred, Barney und Dino, die sich über den Fortbestand der Menschheit unterhalten, über Affen im All und Gruselgeschichten mit todbringenden Bierkrügen und Notizzetteln in verlassenen Häusern. Very, very, very uninteresting. Und so schlecht gezeichnet, daß ich vermute, es ist nicht mal eine echte “Familie Feuerstein”-Folge gewesen.
Der Podcast/die Radioshow von und mit Ricky Gervais, Stephen Merchant und Karl Pilkington, 2007 aufgenommen ins Guinness-Buch als am meisten runtergeladener Podcast, kommt demnächst als 13teilige Zeichtrickserie — zunächst in den USA bei HBO, später auf Channel 4. Das berichtet heute die BBC. Anders als seine Fernsehserien, die er beendet hat, bevor sie fad werden konnten, legt Gervais es bei dieser Show allerdings auf Länge an: Sie solle immer weitergehen — wie die “Simpsons”. “The world has a new Homer, but this one is real”, so Gervais über Pilkington. Ja, Bescheidenheit war noch nie seine Stärke…
cringe 1 ~ (at), move (the body) back or down in fear: The dog ~d at the sight of the whip. 2 behave (towards a superior) in a way that shows lack of self-respect; be too humble: a cringing beggar; to ~ to/before a policeman.
Oxford Dictionary of Current English, 1974
Komik durch Fremdschämen, größte Verlegenheiten und peinliche soziale Situationen herbeizuführen, ist keine Idee der Nullerjahre: Schon die Pythons haben im “Flying Circus” mit dieser Spielart der black comedy gearbeitet. Sie ist nicht einmal etwas spezifisch englisches: Auch “Frasier” (1993 – 2004) lebte zu einem guten Teil davon, daß sich Frasier (und Niles) regelmäßig selbst in mißliche Lagen manövrierten. Doch die Peinlichkeitslust (wenn man diesen Terminus parallel zur Angstlust einführen möchte) begann im britischen Fernsehen Mitte der Neunziger mit Steve Coogans “Knowing Me, Knowing You… With Alan Partridge” (1994), blühte Ende der Neunziger mit “I’m Alan Partridge” auf (1. Staffel 1997, 2. Staffel 2002) und hat seitdem ein Hoch: die “Ali G Show” (2000) und Sacha Baron Cohens anschließende Filme “Borat” und “Brüno”, “Peep Show” (2003 – ), viele Serien aus Coogans Baby Cow-Produktionsgesellschaft: “Human Remains” (2000), “Marion and Geoff” (2000 – 03), “Nighty Night” (2004 – 05); außerdem etwa Charlie Brookers und Chris Morris’ “Nathan Barley” (2005).
Wenn man genauer hinsieht, erkennt man, was viele dieser Produktionen eint: Sie haben auf die eine oder andere Weise postmoderne Elemente, beschäftigen sich selbstreflexiv mit den Medien, konkreter: mit dem Fernsehen, oder mit der Wirklichkeit und ihrer Konstruktion in den und durch die Medien. Cohen tut dies (zumindest semi-) dokumentarisch, wenn er mehr oder weniger unbedarfte members of the public vor die Kamera stellt und sie sich dort blamieren läßt (aber sein Material stark bearbeitet), Coogan fiktional, indem er einen Fernseh-/Radiomoderator erfindet, der sich vor uns, seinem Publikum, durch inakzeptables Sozialverhalten selbst erniedrigt, und die Serie, die es auf Platz drei der Top-10-Comedys der aktuellen Dekade gebracht hat, treibt die postmoderne Reflexion auf die Spitze, indem sie sich mit (“Reality”-) TV zum einen und mit Comedy selbst zum anderen beschäftigt und so in ungeahnte Höhen (oder Tiefen?) der Peinlichkeit vorstößt:
Platz 3: “The Office” (2001 — 2003, BBC2)
David Brent (Ricky Gervais) ist der Boß aus der Hölle: Einer ohne jegliches Einfühlungsvermögen, ohne Autorität, der nicht nur von allen gemocht und als Freund betrachtet werden möchte, sondern Anerkennung für ein Talent einfordert, dessen völliges Fehlen jedem im Großraumbüro schmerzhaft bewußt ist außer ihm selbst: das Talent, komisch zu sein. Er hält sich für einen “chilled-out entertainer”, ist Fan von Fernsehcomedy (nennt sein Pub-Quiz-Team dementsprechend “The Dead Parrots”) und möchte vor der Dokumentar-Filmcrew, die ihn und seine Angestellten begleitet, stets den besten Eindruck hinterlassen. Seine unsicheren Blicke in die Kamera, seine Angebereien betreffen uns, sie sind an uns, die Zuschauer (und Comedyfans) vor dem Fernseher gerichtet und machen “The Office” so schmerzhaft wie kaum eine andere Sitcom davor oder danach. Die Hölle, das sind auch hier die anderen, nämlich die, von denen David Brent geliebt werden möchte, und die ihrerseits kaum herauskommen aus der Dilemma-Hölle zwischen der Verzweiflung Brents und seiner Verblendung, ein begabter Unterhalter zu sein.
Der fake documentary-Stil von “The Office” war zunächst aus rein praktischen Erwägungen entstanden: Stephen Merchant durchlief 1998 das “Trainee Assistant Producer Scheme” (TAPS) der BBC, in dessen Rahmen ein kurzer Feature-Film produziert werden sollte. Merchant entschied sich, mit Gervais etwas Fiktionales zu drehen anstelle der üblichen Mini-Reportagen, und da sie das Kamerateam für nur einen Tag hatten, war es das schnellste, dokumentarisch vorzugehen: Das bedeutete, daß man auf Beleuchtung, Geräusche und narrative Setups keine Rücksicht nehmen mußte. Damit hatten sie sich im wesentlichen aus den gleichen Gründen für einen Docusoap-Ansatz entschieden wie zur gleichen Zeit (und bis heute) viele Fernsehstationen: Es war billiger und ging schneller.
Bald war jedoch klar, daß genau dieser Docusoap-Stil auch das beste Transportmittel war für die desaströsen Comedyversuche Brents. Der hofft, daß seine Zitate und Verweise auf Comedy oder komisch gemeintes (wie den sprechenden Plastikfisch an der Wand) auf ihn abfärben und ihn als komischen Typen dastehen lassen; nicht selten schiebt er, um ganz sicher zu gehen, daß er richtig verstanden wird, auch noch einen Appendix an Erklärungen und Quellenangaben hinterher. Er selbst ist allerdings nie lustig, allenfalls hysterisch, wenn er etwa mit einem aufblasbaren Riesenpenis herumimprovisiert, den Tim zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, und wird sofort bitter ernst, als es um eine seiner catchphrases geht:
Brent: Remember, you’re only as old as the woman you feel.
Gareth: I say that sometimes.
Brent: Yeah, I heard you say it the other day, and I thought, “He’s using one of my catchphrases”. I dont’t mind influencing a younger comedian — you’re not a comedian — but, you know, I usually credit someone if I use their comedy.
Die Verwechslung von Comedy-Referenzen mit Comedy erreicht ihren Höhepunkt, als Brent bei seiner Motivationsrede über einen Mann aus der Papierindustrie zu reden beginnt, Eric Hitchmough, und sich diesen sowohl als Basil Fawlty wie auch als Columbo vorstellt:
Brent: Imagine if Eric was a Los Angeles detective. Be a bit weird, wouldn’t it? “Um, yeah… One final thing, my wife loves you… and I don’t agree with that in a workplace!” What’s that, Eric? You’ve given up being a Los Angeles detective and started running a hotel in Torquay? “Yes! Don’t mention the war! I mentioned it once, but I think I got away with it and I don’t agree with that in a workplace!”
Ricky Gervais spielt David Brent, der Eric Hitchmough imitiert, wie er John Cleese als Basil Fawlty nachäfft, der Adolf Hitler darstellt — postmoderner wird’s nicht.
“The Office” trat auf den Plan, als die Unkenrufe zum Zustand der britischen Comedy kaum noch zu überhören waren: “Is this the end for TV Sitcoms?” fragte die Daily Mail, “Something is rotten in the state of TV comedy”, witterte der Daily Telegraph), während der Guardian Fernsehcomedy mit “Both feet in the grave” sah (alle zitiert nach dem empfehlenswerten “The Office” von Ben Walters) — daß aber wenige Wochen später mit “The Office” eine Sitcom auf den Plan treten sollte, die die Maßstäbe für Jahre setzen sollte, war auch nach der Ausstrahlung der ersten Staffel nicht sofort klar: “The Office” hatte marginale Quoten, fuhr für BBC2 die geringste Publikums-Zustimmungsrate des Jahres 2001 ein (abgesehen von der Übertragung vom Frauen-Bowling) und wurde von vielen Zuschauern nicht einmal als Comedy erkannt. Einige Jahre später war es die meistverkaufte Britcom-DVD aller Zeiten, verkauft an Sender in sechzig Länder und in einer US-Version adaptiert, die mittlerweile in der sechsten Staffel ist.
Auf gänzlich unsentimentale Weise gehen derzeit Larry David und Jerry Seinfeld die Wiedervereinigung des »Seinfeld«-Casts an: Sie spielen sie nämlich nur, im Rahmen von Davids aktueller Staffel »Curb Your Enthusiasm«, und wie es bei »Curb« zu schöner Routine geworden ist: Alle kriegen sich früher oder später mit »L.D.« in die Haare – für »Weißt du noch, damals«-Gefühligkeiten bleibt da zum Glück keine Zeit.
Das ist bei dem sechs einstündige Folgen starken »Monty Python: Almost the Truth – The Lawyer’s Cut« (Edel) anders. Die Pythons feierten soeben ja auch schon ihr vierzigstes Jubiläum, und entsprechend respektvoll begegnen sie zwar immerhin nicht sich gegenseitig, aber die prominenten Fans ihren Heroen, und alle kommen in dem 3-DVD-Box-Set ausführlich zu Wort: Stephen Merchant, Simon Pegg und Steve Coogan, Dan Aykroyd, Pink Floyds Nick Mason und Tim Roth dürfen gratulieren und ihre Kindheitserinnerungen zum besten geben, und natürlich die Pythons selbst bzw. David Sherlock, Graham Chapmans langjähriger Freund, an Stelle des verstorbenen Pythons.
Zwar gibt es für eingefleischte Pythonauten auch hier kaum neue Erkenntnisse (außer daß Eric Idle aufhören sollte, sich die Haare zu färben), aber das Altbekannte wird neu und kompetent erzählt – von den ganz frühen Tagen aller Pythons (»The Not-So-Interesting Beginnings«), die allerdings mit dann doch interessanten neuen Fotos und privaten Super-8-Filmchen schön angedickt werden, dem »Flying Circus« (»The Much Funnier Second Episode«) und den schäbigen Momenten (»The Sordid Personal Bits«), in denen die Zensur versuchte einzugreifen, die BBC beinah die Aufnahmebänder gelöscht hätte und die Pythons mit Chapmans alkoholinduzierter Arbeitsunfähigkeit, Cleeses Starallüren und den Rivalitäten zwischen den beiden Terrys zu kämpfen hatten.
So geht das weiter bis zum letzten Kinofilm, »The Meaning of Life«: Mit zahllosen Ausschnitten, die Lust machen, sich das Gesamtwerk der Pythons gleich noch mal reinzuziehen, und die geistesverwandten Geniestreiche des Python-Vorbilds Spike Milligan, der »Goon-Show« und der Bonzo-Dog-Doo-Dah-Band gleich hinterher – und doch bleibt nach aller Sentimentalität immer das Gefühl, man habe gerade mitgeholfen, Punk ins Museum zu bringen und damit der Anarchokomik alles Anarchistische (und auch alles Komische) zu nehmen, etwas auf einen Sockel zu stellen, das immer gegen alle Erhabenheit war, aus einer Komikergruppe eine Institution zu machen, die stets alle Institutionen vorgeführt und lächerlich gemacht hat. Ein Dilemma, aus dem man kaum herauskommt. Es sei denn, man greift zur Fernbedienung und widmet sich einer weiteren hervorragenden neuen Folge von Larry Davids »Curb«.
Zuerst erschienen in TITANIC 11/2009
Letzte Kommentare