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Come on, Sirens

6. Juli 2011 1 Kommentar

In den Straßen und Sozialbauwohnungen von Leeds, hoch im Norden Englands, tummeln sich (insbesondere des Nachts) genügend Gestalten, die einen Sanitäter an der Menschheit zweifeln lassen können: schwer betrunkene Obdachlose, Streithähne mit offenen Wunden und komatös besoffene Schwangere mit soviel Übergewicht, daß selbst drei Sanis sie kaum die vier Stockwerke hinuntertragen können. Kein Wunder also, daß in „Sirens“ (Channel 4) der Sanitäter Stuart (Rhys Thomas, „Fast Show“, „Nathan Barley“, „Star Stories“, „Bellamy’s People“) an der Menschheit zweifelt und lieber an Biologie und Chemie glaubt als an psychologische Mätzchen.

Mit überschaubarem Erfolg: Nach einem Einsatz bei einem dramatischen Autounfall, der Eröffnungsszene der ersten Folge, soll Stuart mit seinen beiden Crew-Kollegen Ashley (Richard Madden) und Rashid (Kayvan Novak, der unterbelichtete Terroris aus „Four Lions“) zur psychologischen Betreuung. Aber was ist so eine posttraumatische Belastungsstörung schon für einen Intellektuellen wie ihn? Mit seinem Titelgebenden „Up, horny, down“-Syndrom wird er schon fertig — indem er es unterdrückt, verdrängt, und weder der Euphorie noch der sexuellen Erregung nachgibt, die einem in so einem Fall die Synapsen fluten, bevor die depressive Phase beginnt. Während sich Rashid und Ashley die Seele aus dem Leib vögeln, bleibt Stuart nur, zu seiner (platonischen) Freundin Maxine (Amy Beth Hayes) zu gehen, um bei ihr abzuwarten, bis alles vorbei ist. Das ist zumindest der Plan. Allerdings empfindet Maxine es nicht gerade als Kompliment, daß Stuart sie ob ihrer niedrigen sexuellen Anziehungskraft auf ihn ausgesucht hat — und setzt ihn vor die Tür.

Natürlich geht Stuarts Verdrängungsstrategie nicht auf. Natürlich muß er am Schluß von der psychologischen Betreuerin erfahren, daß auch diese Verdrängung eine natürliche Reaktion auf Streßerfahrungen ist, wie sie bei Sanitäter-Einsätzen nun einmal vorkommen. Und natürlich geht es auf dem Weg zu dieser Erkenntnis um sehr viel Sex. Nicht nur in der ersten Episode.

Das ist das Set-Up des neuen Comedy-Dramas von Channel 4: ein ebenso smarter wie misanthroper Sanitäter, zwei Sidekick-Kumpel (einer orientalischer Abstammung, einer schwul) und eine beste Freundin. Maxine ist Polizistin, so daß er ihr regelmäßig bei Einsätzen begegnet, ebenso wie den Jungs von der Feuerwehr. Mit denen liefern sich die Sanitäter regelmäßig Wettrennen zum Einsatzort — für Buben und ihre Spielzeuge, ein ewiger Quell der Komik, ist also reichlich gesorgt.

Sehr innovativ ist das zwar nicht. Einige Charakterzüge Stuarts lassen ab und zu an „House“ denken, und etliche Standardsituationen (wie das regelmäßige bollocking vonseiten Stuarts Vorgesetzter wg. Kompetenzüberschreitung und Beschwerden über seine schroffe Art) ebenfalls. Womöglich würden auch ein paar mehr Gags „Sirens“ nicht schaden. Das aber macht die Serie (bislang, nach zwei Folgen) mit viel Charme und hohen Schauwerten wett, und auch der Soundtrack ist vom Feinsten. Zwei der Autoren, Tony Basgall und Sarah Phelps, haben bereits je eine Folge für „Being Human“ geschrieben; Creator Brian Fillis hat mit „Fear of Fanny“ (2006) schon einen sehenswerten Film vorgelegt.

Wenn „Sirens“ also noch ein bißchen besser eingestellt wird, eine kleine Lustigpille hier und ein Innovations-Zäpfchen da, dann könnte der Serie noch ein langes Leben bevorstehen. Von meiner Seite jedenfalls: Alles Gute, „Sirens“.