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Ich war noch niemals in New York

18. März 2009 1 Kommentar

Briten sind ein furchtbar neugieriges Volk. So reserviert sie sein können, so klatschsüchtig und interessiert am Intimleben ihrer Mitmenschen sind sie auch, insbesondere an dem der Prominenten. Daher eine kaum zu bändigende Yellowpress, die genüßlich alle großen und kleinen Skandale rund ums Königshaus oder die sexuellen Präferenzen britischer Politiker ausbreitet. Weil Briten außerdem Herausforderungen, Wetten und Spielen hohen Unterhaltungswert zumessen, haben Formate wie „Big Brother“ und „I’m A Celebrity… Get Me Out Of Here!“ enormen Erfolg auf der lustigen Insel. Zwei Charakterzüge, die bedenklich sein können, einerseits, andererseits aber auch äußert kurzweilig, wenn sie etwa von Marcus Brigstocke mit seiner neuen Comedy Chat Show „I’ve Never Seen StarWars“ (seit 12.3. auf BBC4) gezielt bedient werden.

Brigstocke lädt pro Folge genau einen prominenten Gast ein, um ihn auf unterhaltsame Weise mit Dingen zu konfrontieren, die er zuvor nie getan hat: Eine Stunde in einem Floating Tank verbracht etwa, „Men Are From Mars, Women Are From Venus“ gelesen, in der National Lottery gespielt (jaja, die Liebe zu Wetten und Spielen!), einen Kultfilm wie „Withnail & I“ gesehen oder eine Lektion Judo erhalten. Das alles jedenfalls mußte der Comedian, Autor und Moderator Clive Anderson in (bzw. vor) der ersten Folge über sich ergehen lassen, und er tat es mit Grandezza, sprich: Einer stiff upper lipp und der Portion Humor, die man von ihm erwarten konnte.

Das Format allein ist dabei so reizvoll, daß eine vergnügliche halbe Stunde selbst für Zuschauer dabei herausschaut, die von dem Gast (so wie ich) noch nie zuvor gehört hatten: Denn man erfährt einmal mehr etwas über Menschen an sich, ihre Art, auf Unerwartetes zu reagieren, und man erfährt etwas über die Herausforderungen — ich jedenfalls hätte weder über Floating Tanks, noch über „Men Are From Mars“ oder „Withnail & I“ etwas gewußt; jetzt aber schon.

„I’ve Never Seen Star Wars“ ist selbstredend nicht das einzige Format seiner Art: Ganz ähnlich funktionierte „Room 101“ (BBC2), benannt nach einer Folterkammer, die in George Orwells „1984“ vorkommt (und die Orwell wiederum nach einem Sitzungszimmer der BBC benamst hat, in dem er etliche unerquickliche Stunden hatte verbringen müssen): Dort stellten sich (bis die Sendung 2007 abgesetzt wurde) wiederum Promis ihren Ängsten und wurden vom Moderator allerdings nicht gefoltert, sondern meist nur zu Gesprächen über ihre Phobien, Abneigungen und Befürchtungen gebeten — wer einen lebhaften Widerwillen gegen Marzipan äußerte, durfte aber durchaus mit der Aufforderung rechnen, ein Stück Marzipankuchen zu essen (wie Jessica Hynes).

Beiden Talkshows, und das hebt sie vom Gros langweiliger Selbstdarstellungsbühnen ab, die Talkshows oft sind, gelingt es dabei, etwas aus ihren Gästen herauszukitzeln, das diese normalerweise nicht von sich preisgeben würden, zutiefst Privates oder gar Intimes: Ein Ansatz, den in Deutschland allenfalls, ein wenig zahmer allerdings, Götz Alsmann und Christine Westermann in „Zimmer frei!“ verfolgen; eine Sendung, die ich dementsprechend gerne sehe. Und ich sehe nicht viele Talkshows.

Hier ein Ausschnitt aus einer Folge „Room 101“ von 2002 mit Ricky Gervais, der nach der Show hoffentlich seinen Friseur gefeuert hat: