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Dem Mainstream eine Lanze

11. Oktober 2015 Keine Kommentare

Wenn eine TV-Serie „Boy Meets Girl“ heißt, wie bereits 2009 eine ITV-Minserie und nun eine BBC2-Sitcom, dann kann man sich über eines sicher sein: dass der allzu banal-harmlose Titel eine Untertreibung ist, der man sofort anmerken soll: Hier geht es sicher um mehr, aber jedenfalls um etwas anderes, als dass ein Boy ein Girl trifft. Bei ITV war es damals eine body swap-Geschichte, in der ein simpel gestrickter Typ (Martin Freeman) und eine erfolgreiche Journalistin (Rachael Stirling) mit dem Körper und Leben des je anderen zurecht kommen müssen.

Die aktuelle „Boy Meets Girl“-Version ist da auf den ersten Blick eine viel klassischere Britcom: Der sechsundzwanzigjährige Leo (Harry Hepple), gerade arbeitslos geworden und noch bei seinen Eltern wohnend, verliebt sich in Judy (Rebecca Root), was vor allem bei Leos Mittelschichts-Mutter Pam (Denise Welch) auf wenig Begeisterung stößt. Schließlich sind Judys Mutter und Schwester sozial deutlich tieferstehend, ja, ein bisschen verrückt. Judy Mutter Peggy (Janine Duvitski, die sexuell deutlich zu aktive Seniorin aus „Benidorm“) ist sehr distanzlos und trägt ihr Herz ein wenig zu weit vorne auf der Zunge; Judys Schwester Jackie trägt für ihre Figur etwas zu köperbetonte Leopardenmusterklamotten.

Und Judy ist fast vierzig.

Da entstehend Spannungen, die an den frisch Verliebten zerren, ohne sie aber trennen zu können — mehr als ein bisschen fühlt man sich an „Gavin & Stacey“ (BBC3, 2007 – 10) erinnert, die enorm warmherzige Sitcom, die James Corden und Ruth Jones berühmt gemacht hat: realistisch erzählt, mit glaubhaften Konflikten, die durch soziale und kulturelle Unterschiede entstehen, mit vielen sympathisch beschädigten (Neben-)Figuren, aber immer getragen von dem britischen „Wir schaffen das“-Geist, der in den Mainstream-Serien von der Insel immer viel deutlicher weht als in den kleinen, bösen, schwarzen Minderheiten-Sitcoms (die aber, wie „Gavin & Stacey“, oft aus Steve Coogans Produktionsfirma Baby Cow stammen).

„Boy Meets Girl“ ist eine Mainstream-Sitcom im besten Sinne. Und das ist bemerkenswert, denn ihr Alleinstellungsmerkmal ist nicht, dass Judy ein gutes Dutzend Jahre älter ist als Leo. Sondern dass sie transexuell ist, Post-OP. In relativ späten Jahren, nämlich mit dreißig. Und dass ihre Transexualität realistisch erzählt wird: nicht zu hoch gehängt, nicht überdramatisiert, aber auch nicht als Bagatelle und obenhin.

Zum ersten Mal, nach all den Männern in Frauenkleidern der Fernsehgeschichte, nach all den oben schon erwähnten body swap-Geschichten, wird Transexualität als Teil des Alltags beschrieben, in dem nun einmal Konflikte zu bewältigen sind: Altersunterschiede, kulturelle, soziale — und eben auch Gender-Unterschiede. Und „Boy Meets Girl“ erzählt, dass das eben nicht (nur) die großen Konflikte sind, mit engstirnigen Stiernacken auf der Bowlingbahn (klar, mit denen schon auch). Sondern dass da Konflikte, innere und äußere, auch von kleineren Dingen entzündet werden können — wenn Leo etwa, so aufgeklärt und verliebt er ist, plötzlich doch einen Stich kriegt, wenn er ein Foto des gutaussehenden jungen Mannes sieht, der Judy vor ihrer OP einmal war.

Dabei vermeidet „Boy Meets Girl“ alle Witze auf Kosten von Transexuellen so schlafwandlerisch sicher, dass ich überhaupt erst jetzt, als ich es aufschreibe, bemerke, wie leicht dieses Unterfangen auch hätte schiefgehen können. Denn zum Beispiel sofort die erste Szene, in der Judy und Leo bei ihrem ersten Date in einem Restaurant sitzen und Judy nicht damit hinterm Berg hält, im falschen Körper geboren worden zu sein (ein Klischee, klar, aber ganz ohne geht es eben doch nicht), führt natürlich prompt zu einer social awkardness, die schnelle Lacher bringt: Natürlich erklärt sie genau in dem Momen: „I was born with a penis“ (der dritte Satz, der in der Serie fällt!), als der Ober neben dem Tisch zu stehen kommt (und sein britisch-stoischer dead pan-Gesichtsausdruck ist prompt viel lustiger, als wenn ihm vor Schreck das Tablett aus der Hand gerutscht wäre).

Es ist aber Leos Rekurrieren auf diesen Moment eine Viertelstunde später, der das rechte Licht auf alles wirft: „Ok, my turn“, flüstert er Judy zu, als er den Ober abermals nahen sieht, um ihr dann so laut zu erklären, dass es der Ober hören muss: „Just so you know, I am impotent.“ — „I’ll come back“, quittiert der. Ausgleich zum 1:1.

Denn das ist das Gute an „Boy Meets Girl“: Es kann sich nicht nur auf die Fahnen schreiben, als erste Sitcom Transexualität als Mainstream-Thema in die Normalität der Fernsehcomedy geholt zu haben, ohne dass seine Trans-Hauptfigur als „sad, bad or mad“ beschrieben würde, sondern es ist auch noch sehr solide komisch. Die Chemie zwischen Leo und seinem Bruder James (Jonny Dixon) erinnert an die der Brüder aus „Friday Night Dinner“ (Channel 4, seit 2011), der auch von der britischen Presse gezogene Vergleich zu „Gavin & Stacey“ kommt ohnehin einem Ritterschlag gleich, und auch sonst fehlt der Serie nichts zu einer typisch britischen Oldschool-Sitcom: Ihre Comedy kommt aus den Charakteren, mehr als aus Knaller-Onelinern, ja, ihr Humor ist nicht einmal allzu laut und grell, sondern eher hintergründig; die ganze Show ist angesiedelt in einer Zeit vor „The Office“ und all den abgründigen Bösartigkeiten, die auf „The Office“ gefolgt sind.

Drei Jahre war „Boy Meets Girl“ in Entwicklung, die Serie ist das Ergebnis des Trans Comedy Award, den die BBC 2012 zusammen mit AllAboutTrans veranstaltet hat. Rebecca Root ist selbst transexuell und hat langjährige Erfahrung als StandUp-Comedienne. Elliott Kerrigan, Autor der Show, hatte selbst keine Berührungspunkte mit dem Thema, anders als Jill Soloway, die mit „Transparent“ (Amazon Video, 2015) eine ähnliche Serie erzählt, bei der es allerdings mehr darum geht, wie die erwachsenen Kinder damit zurecht kommen, dass ihr Vater Mort (Jeffrey Tambor, „Arrested Development“) auf seine alten Tage damit herausrückt, dass er transgender ist. Der seinerseits zwar womöglich nicht mad oder bad ist, aber doch ein bisschen sad.

„Boy Meets Girl“ spart sich das Drama, das „Transparent“ (so verdienstvoll diese Serie ansonsten auch ist) der Comedy noch anhängen muss — und ist tatsächlich auf eine altmodische Art warm, komisch und britisch. Und deshalb ziemlich weit vorne.