Home > Allgemein, Komödie, Sitcom, US-Produktion > The state of comedy

The state of comedy

Ricky Gervais, berichtet der Guardian, habe sich kürzlich mockiert, Großbritannien falle in puncto Comedy mittlerweile hinter die USA zurück:

„We’ve got some poor copies of ‚Curb Your Enthusiasm‘, some poor copies of ‚Entourage‘ and some poor copies of ‚Seinfeld‘. With a few exceptions the Americans seem to be ahead of the game.“

Er, Gervais, sehe in der Folge gar keine britische Comedy mehr.

Hat Ricky Gervais recht? fragt der Guardian und gibt keine rechte Antwort, verweist aber darauf, daß a) Gervais stets zu Polemik neigt und b) gerade seinen neuen (US-produzierten) Film The Invention of Lying bewirbt, man außerdem seiner Ansicht sein könnte, wenn man gute US- mit schlechten GB-Produktionen vergliche, ihm aber widersprechen, wenn man gute GB- neben schlechte US-Comedys stellte.

(Hier übrigens der Trailer zu „The Invention of Lying“, der tatsächlich ganz vielversprechend aussieht:)

Das sind natürlich Binsenweisheiten. In der Tat aber hat das amerikanische Fernsehen in den letzten Jahren immer bessere, ja bisweilen fantastische Serien produziert, auch komische, während große britische Sitcoms-Hits wie „The Office“ rar geworden sind. Aber während es ziemlich einfach ist, den Erfolg von US-Sitcoms zu erklären (alle von Gervais aufgezählten Beispiele etwa sind mit Budgets gesegnet (gewesen), von denen die BBC und ihre heimischen Konkurrenten nur träumen können; die USA sind so groß, daß selbst die Minderheiten, die an intelligentem, schwarzen Humor interessiert sind, groß genug sind, daß speziell für sie Comedy produziert wird), während also die Vorteile leicht zu erkennen sind, die ein so großer Markt wie der amerikanische für Nischen bietet, aus denen heraus durchschlagende Mainstream-Erfolge kommen können, ist es nicht so leicht zu erkennen, warum das britische Fernsehen gerade keine Comedy-Smash-Hits hervorbringt.

Eine Erklärung, die ich für möglich und sehr bedauerlich halte, ist: Globalisierung. Ich vermeine einen ganz allgemeinen Trend zu erkennen, keineswegs nur auf Comedy bezogen, der die Vorteile der Insellage, die splendid isolation Großbritanniens Stück für Stück wegbrechen läßt, die Briten immer mehr ans Festland der restlichen Welt schmiedet und ihnen so den speziell englischen Charakter, nun ja, nicht gerade wegnimmt, aber doch in seiner Ausprägung reduziert. Das ist insbesondere für den spezifisch englischen Humor bedauerlich, der von Charaktereigenschaften lebt, wie sie in den USA so nicht zu finden sind, oder besser: nicht zu finden waren, denn mittlerweile gibt es eben auch genügend US-Beispiele für britischen Humor, der u.a. von Exzentrik, Grausamkeit („schwarzem Humor“), Nonsens, starkem Individualismus und Respektlosigkeit vor Autoritäten, Understatement und Bathos geprägt ist. Zusammen mit dem schleichenden Abschied von anderen englischen Eigenheiten (wie etwa dem Gentleman-Ideal) treten auch diese Eigenschaften zurück, während das US-Fernsehen gleichzeitig immer mehr Comedy auf Grundlage des englischen Humors produziert — und das natürlich in jeder Hinsicht megalomanisch: mit mehr Autoren, mehr Gags pro Folge, mehr Folgen pro Staffel und mehr Staffeln pro Serie.

Daß aber die Briten nun bei den Amerikanern Ideen und Formate klauten, wie Gervais das unterstellt, halte ich für reine Polemik, denn jeder Comedian, der etwas Neues zu machen versucht, hat Vorbilder, an denen er sich orientiert, und jede Serie baut auf das auf, was vor ihr da war. Es kommt, wie immer, nicht darauf an, etwas völlig Neues zu erfinden (das dürfte im Drama mehr noch als in der Komödie ausgeschlossen sein), sondern das Alte so zu erzählen, daß es die Zuhörer mitnimmt. Über einen Witz, den man schon kennt, lacht man schließlich auch ein zweites Mal, wenn er nur gut erzählt ist.

Das ist natürlich nun sehr allgemein dahingesagt, aber genauer weiß ich es auch nicht. Thoughts, anyone?

  1. v. Gestern
    7. Juli 2009, 18:01 | #1

    Ich habe darüber nun auch schon tagelang angestrengt nachgedacht, mich gefragt, ob Gervais‘ Beobachtung stimmt oder nicht und wenn ja, warum bzw. wenn nein, warum nicht…
    Abgesehen davon, dass die zitierten Binsenweisheiten so unbefriedigend sind, glaube ich tatsächlich an so etwas wie Popkultur-Zyklen und gehe daher von der Zwangsläufigkeit von Dürreperioden in der Britcomlandschaft wie auch der US-Serienlandschaft aus. Warum also können wir nicht gerade zufällig Ebbe in England und gleichzeitig Hochkonjunktur in Amerika haben?
    Es scheint mir z.B., als habe es in GB in den 80ern eine kreative Flaute gegeben, die uns rückblickend nicht so auffällt, weil die Geniestreiche zu Beginn des Jahrzehnts (Blackadder, Yes, Minister/P.M., The Young Ones, Shelley, Whoops Apocalypse) so lange nachwirkten bzw. ideengeschichtlich vielleicht noch Kinder der 70er waren, aber das Jahrzehnt prägten (wie ‚Allo ‚Allo! und Fools & Horses).
    Die 80er in England waren ein Jahrzehnt für Sketch Comedy, für Gummipuppen, Smith & Jones, French & Saunders, Fry & Laurie: Zwischen ’84 und ’90 hat kaum eine relevante Serie debütiert.
    Also stelle man sich vor, John Cleese, gerade dabei, einen amerikanisch co-produzierten Film zu promoten, hätte im Jahre 1988 einen Anfall von Gervais bekommen… – er hätte sagen können: „We’ve got some poor copies of ‚WKRP in Cincinnati‘, some poor copies of ‚The Bill Cosby Show‘ and some poor copies of ‚Quark‘. With a few exceptions the Americans seem to be ahead of the game.“
    Damit hätte er Seitenhiebe gegen „Hot Metal“, „Desmond’s“ und „Red Dwarf“ verteilt (von letzterem hätte er ’88 ja nicht wissen können, was in den 90ern daraus werden würde) und wir hätten Einspruch erhoben und vielleicht auf Budgets und Marktgröße verwiesen oder anerkannt, dass Golden Girls, Roseanne, Cheers und Night Court in der Tat gute bis großartige Serien seien, die aber manchmal bemerkenswert britisch wirkten. Vielleicht wäre es ihm auch nur um diesen Fisch-Film gegangen?
    Also noch einmal: Hat Gervais recht? Wenn ja, dann vielleicht wegen der unvermeidlichen Flaute.
    Andererseits fürchte ich immer, dass meinen Idolen ihr Ruhm zu Kopfe steigt. Die Stand-Up-Programme von Gervais wirken fast zu glaubwürdig, um ihn nur in der Rolle eines elitären Narziß zu sehen. Vielleicht hofft er auf die Sintflut nach ihm, um für alle Zeiten der letzte Innovator der Britcom gewesen zu sein?

    Ich weiß es doch auch nicht.

    Doch ich denke seit Tagen angestrengt nach und das ist für mich sehr untypisch. Ich habe ein großes Interesse an guten Realitätsfluchtprogrammen, daher hat mich dieser Guardian-Artikel alarmiert, um so mehr, als ich bis dahin den Eindruck hatte, dass die nun schon länger fetten Jahre der US-Serie schon bald bulimisch werden könnten. D.h. in den letzten Jahren hielt ich die US-Serienlandschaft für annähernd paradiesisch, aber im Glauben, dass es nicht ewig so weiter gehen kann, erhoffte ich von einem TV-Visionär wie Ricky Gervais doch eher eine Bestätigung dafür, dass die Briten bald schon wieder obenauf sein werden, spätestens dann, wenn NBC wegen der Insolvenz von GE nur noch Call-In-Rätsel versendet und auf ABC der aus der Konkursmasse für 20 Jahre eingekaufte Leno zusammen mit Oprah die Prime-Time bestreitet.
    Ich habe also noch weitere merkwürdige Theorien, wegen dieses Nachdenkens, und ich will, dass das aufhört, aber jetzt muss ich erst mal los, einkaufen und dann nach Hause, fernsehen.

  2. v. Gestern
    9. Juli 2009, 18:37 | #2

    http://video.msn.com/?mkt=en-GB&from=sp&vid=c88c1f12-a2fa-45ec-90b5-7395f3a20bab
    Der andere Gervais-Trailer. Mit Merchant! Und …! Und es tut mir leid, dass mein letzter Kommentar so lang geworden ist, dass ich dafür eigentlich ein Weblog hätte starten können.
    Jedenfalls fällt mir noch ein: Laut der hier im Februar besprochenen Dokumentation „Who Killed the British Sitcom“ war es doch das Digitalfernsehen und die damit verbundene Diversifizierung, die der BBC Prime Time-Sitcom den Garaus gemacht hat. Es könnte demnach also wirklich die schiere Größe amerikanischer Nischen sein, die es den Amerikanern ermöglicht, mit dieser technischen Entwicklung besser umzugehen. Eine Beschreibung britischer Zielgruppensegmente, die nicht die kritische Masse haben, um ihre eigene Britcom zu bekommen, wäre gewiss interessant.
    Letzter Vorschlag: Vielleicht waren die Amerikaner durch ihre P.C.-Diktatur, den christlichen Fundamentalismus, durch die Exzesse in Corporate America, durch Antiintellektualismus und Bigotterie, Flugzeuge in Häusern und ständige Kriegspropaganda auch einfach nur stärker stimuliert als die Briten, die dabei meist nur halbherzig mitgemacht haben?

  3. 10. Juli 2009, 13:48 | #3

    > Die 80er in England waren ein Jahrzehnt für Sketch Comedy, für
    > Gummipuppen, Smith & Jones, French & Saunders, Fry & Laurie: Zwischen
    > ‘84 und ‘90 hat kaum eine relevante Serie debütiert.

    naja, naja, naja…

    Zwischen 84 und 90 debütierten u.a. „The New Statesman“, „Red Dwarf“ und „One Foot in The Grave“, welche ich alle zu den sehr relevanten Britcoms zähle.
    Natürlich kann man aber auch in der Zeit nach dem „Einschlag“ der Alternative Comedy von einer „Trockenperiode“ für die Sitcoms reden, die BBC war ab 1984/85 wegen eines eingeschränkten Budgets (Einführung der 24h-Ausstrahlung bei gleichem Budget), einem neuen Controller (Michael Grade) und politischer Ränkespiele nicht mehr so experimentierfreudig. ITV hatte damals auch nicht das große Geld und die Fortune, eine zündende Idee in einer Serie unterzubringen. Und die Masse der Zuschauer war dazu noch scharf auf „Eastenders“, „Neighbours“ (und ähnlichem Dreck), so dass die Entwicklung neuer, experimenteller Sitcoms etwas in den Hintergrund trat.

  4. Florian
    10. Juli 2009, 15:41 | #4

    Auch für Ricky gilt, was Oliver über Simon Pegg gesagt hat: er sollte sich auf das konzentrieren, was er am besten kann: gute Sitcoms. Seine letzten Filme waren ja eher mau. Der neue erinnert stark an den Dummschwätzer und scheint nicht der langersehnte würdige Nachfolger für Extras/The Office zu sein. In seinem Blog merkt man, dass er zunehmend dünnhäutiger wird, was Kritik angeht. Auf die Idee, dass die Kritik schlechter wird, weil die Produkte schlechter werden, scheint er nicht zu kommen. Er schiebt das eher auf Neid und Missgunst.

  5. Tim
    22. Juli 2009, 16:54 | #5

    Kommt vielleicht etwas spät, aber ich wollte doch sagen: Gervais liegt falsch. Vor allem, weil die komischen Serien in den USA gerade eben nicht so dolle sind derzeit. Ich kenne die britische Serienlandschaft zwar nicht genauso gut, aber würde mich sehr wundern, wenn sie gesamt so viel schlechter wäre, daß man als Gervais der britischen Comedy abschwören müßte.
    Die USA besitzen noch immer eine außerordentlich große Menge hochqualitative Serien, aber vor allem im Bereich des Dramatischen. Im komischen stagniert es dagegen seit Jahren. Gerade die erwähnten „Entourage“ und „Curb“ haben einige Jahre auf dem Buckel und haben trotz immer noch hohem Standards abgebaut. Und was ist denn seitdem gutes Neues hinzugekommen? 30Rock. Das war’s, oder? Alles andere Brauchbare war/ist doch eher solides Mittelmaß (Flight of the Conchords, Sarah silverman). Gerade in den großen Networks ist man doch meilenweit entfernt davon, ein neues Frasier, Seinfeld, Cheers oder von mir aus auch nur Friends oder Becker (eine weithin unterschätzte Serie, wie ich finde) zu produzieren. Da gibt es doch von Two and a half man über According to Jim bis Til Death nur Müll.

  6. 22. Juli 2009, 17:01 | #6

    was ist mit how i met your mother? das wird doch weithin gelobt.

  7. Dashcroft
    22. Juli 2009, 19:10 | #7

    Gegen „How I Met Your Mother“ ist nichts zu sagen: Typisches amerikanisches Sitcom-Setting, recht gute Gags, sympathische Figuren, guter Flow, aber insgesamt auch nur leichte Kost ohne rechten Tiefgang, wenn auch durchaus nicht flach (wie z. B. „Friends“). Für wenn man gerade nichts anderes zu schauen hat.

    Eine echte Empfehlung wäre hingegen die wenig beachtete „The Bernie Mac Show“. – „Arrested Development“ sehe ich gerade zum zweiten Mal, und ich weiß noch immer nicht, ob ich es gut finde. Ich lache oft, und doch –

  8. Kenny von Spenny
    22. Juli 2009, 19:42 | #8

    In Amerika hat man wohl eher den Vorteil der fehlenden Insellage, würde ich meinen. Dort sitzt die ganze Welt noch einmal in einem etwas kleineren Rahmen beisammen und man kann sich von allen Seiten die besten Rosinen rauspicken. Darum sind Amerikaner immer noch die Weltmeister im Genremix.
    Viele ‚reine‘ Comedies, Dramolette oder Krimis sind nach meinem Geschmack ja immer auch ein bißchen dröge: entweder zu ernst oder aber zu (bemüht) dauerlustig. Wenn man sich dagegen einen so großartigen Hybriden wie, sagen wir mal, „Boston Legal“ o.ä. anschaut: schon eine einzige Folge ist derart vielschichtig und geladen von unterschiedlichsten Stimmungen, das ist doch einfach unschlagbar.

  9. Tim
    22. Juli 2009, 20:30 | #9

    Über „How I met your mother“ habe ich auch Gutes gehört, habe aber noch nicht reingeschaut. Mich schreckt der Hauptdarsteller (Dougie Howser) irgendwie. Habe aber keinen guten Grund dafür.
    „Arrested Developement“ war natürlich großartig, ist aber auch schon eine Weile abgesetzt.
    Erschreckenderweise fand ich „The Bing Bang Theory“ ein paar Folgen lang ganz gut, obwohl es von den „Dharma&Greg“-Machern stammt. Hatte aber eine Weile trotz der Ausgelutschtheit des Nerd-Klischees etwas Frasierhaftes(wenn auch deutlich jugendlicher und oberflächlicher), weil das Aufeinandertreffen von sozial schwer verträglichen, arroganten Fachidioten mit Normalos (in diesem Fall natürlich eine junge Blondine vom Land) stets genügend Fallhöhe für einige Lacher bietet. Jedoch wird die Serie sehr schnell sehr eintönig und nervt mit „Friends“-artigen Liebesverwicklungen, so daß ich sie nicht weiter verfolgt habe.

    Ansonsten hat Kenny Recht: Fast alle guten Serien in den USA sind Mischformen, die auch immer wieder gervorragende Witze bieten. Bestes Beispiel ist natürlich „House“ (auch wenn es da mittlerweile einige Tiefen gab – wobei die Serie für das simple Grundkonzept doch erstaunlich lange auf akzeptablen Niveau weiterlebt).

    Einiges verspreche ich mir von „Hung“ auf HBO. Es geht um einen All-American-Guy, dem nach einer Reihe katastrophaler Entwicklungen nur noch sein dicker Prengel übrig geblieben ist, den er jetzt verzweifelt zu vermarkten sucht. Wenn das mal keine schöne Metapher für den Zustand der USA ist? Spielt selbstverständlich in Detroit. Ist auf 30 Minuten ausgelegt, dürfte aber eher „Dramady“ sein.

  1. Bisher keine Trackbacks