Cunk on Shakespeare

William Shakespeare findet derzeit anlässlich seines 400. Todestages auch in der britischen TV-Comedy statt: Ben Elton darf einmal mehr ran und beweisen, dass er doch noch mehr drauf hat als es zuletzt mit „The Wright Way“ (BBC1, 2013) den Anschein hatte: „Upstart Crow“ (BBC2, seit letzter Woche), veredelt mit einer guten Handvoll prominenter Comedians (David Mitchell, Harry Enfield, Mark Heap und „Raised by Wolves“-Hauptdarstellerin Helen Monks) hat nach der ersten Folge allerdings noch nicht hundertprozentig überzeugt; am merkwürdigsten aufgestoßen ist mir dabei, dass einer der Nebendarsteller offenbar versucht, Ricky Gervais‘ shtick zu imitieren, was ein guter Regisseur/Produzent mit Sicherheit hätte verhindern müssen.

Uneingeschränkt super allerdings war das One-Of von Philomena Cunk alias Diane Morgan in ihrer Paraderolle aus „Charlie Brooker’s Weekly Wipe“ (BBC2, seit 2013): „Cunk on Shakespeare“ (BBC2): clever, informativ und sehr, sehr komisch.

Kurz nur währten meine Zweifel, dass das parodistische „Fernseh-Experten“-Format aus „Weekly Wipe“ mit einer halben Stunde womöglich nicht tragen würde: das tat es, und zwar ohne Mühe. Denn Brooker hat es hinbekommen, auf dem schmalen Grat zwischen Nonsens und gut versteckten echten Informationen ein komödiantisches Tänzchen aufzuführen, wie man es selten zu Gesicht bekommt: mit Scherzen für Leute, die nichts über Shakespeare wissen, mit Scherzen für Halb- und womöglich sogar mit Scherzen für Supergebildete in puncto Shakespeare, zu denen ich mich jetzt nicht zählen würde.

Denn es ist natürlich nur zum Teil ein schöner Gag, am Ende als „Shakespeares bekanntestes Werk“ „Game of Thrones“ anzuführen. Tatsächlich ist es gar nicht so hoch gegriffen, die „GoT“-Mischung aus Drama, Komödie, Horror und Historienfilm als „typisch Shakespeare“ zu analysieren: denn dass der es war, der all diese Register in seinen Stücken gezogen hat, wie er es brauchte, kriegt sogar Philomena Cunk mit Hilfe echter Experten vorher schon heraus.

(Wie sie das machen, für „Weekly Wipe“ wie hier, echte Experten vor die Kamera zu bekommen, die auf die Ahnungslosigkeit von „Philomena Cunk“ authentisch reagieren, also größtenteils mit britischer Höflichkeit, das würde ich mal gerne von einem Insider erklärt bekommen: Kann man die wirklich im Glauben lassen, Cunk sei keine Kunstfigur? Und wenn ja: wie kriegt man dann hinterher deren Zustimmung, das zu senden? Oder werden diese Experten von der Produktion gebeten, das Spiel einfach mitzuspielen? Ich kann mir kaum vorstellen, dass durchschnittliche Wissenschaftler und Kulturschaffende so gute Schauspieler sind.)

Am meisten freut es mich, dass Brooker sich eine Nische geschaffen hat, in der so etwas möglich ist: diese Mischung von high brow und low brow-Comedy, intellektueller und alberner Comedy, die an ein Publikum gerichtet ist, das zu erreichen sich das deutsche Fernsehen längst nicht mehr traut: nämlich doch ein vorwiegend gebildetes, das sich im Zusammenhang mit leichter Unterhaltung und Comedy überhaupt auf ein Thema aus der Hochkultur einlässt. Und das zu belachen geistig auch imstande ist.

Allerdings: Bernd Eilert, jahrzehntelanger Autor und Regisseur für und von Otto Waalkes, schreibt auch seit Jahrzehnten mit an den Bühnenprogrammen von Otto und konstatierte schon vor Jahren, dass eine Sorte Witze heutzutage praktisch gar nicht mehr funktionieren würde: nämlich eben die, die auf Kunst und Literatur rekurrieren. Anspielungen auf den Erlkönig, die Parodie gar, die Anfang der Siebziger zu Ottos Programm gehörte, gingen heute beispielsweise kaum noch: weil kaum noch jemand den „Erlkönig“ so parat hat, dass er Witze darüber goutieren könnte.

Und auch in meiner eigenen bescheidenen Erfahrung als Fernsehautor ist mir das regelmäßig begegnet: die Befürchtungen von Chefautoren, Producern, Fernsehmachern, dass „das Publikum das nicht versteht“; eine Befürchtung, die zu einer Selbstbeschneidung führt, die sich anschließend überall im deutschen Fernsehen bemerkbar macht.

So kommen am Ende zwei Tendenzen zusammen: der Kulturpessimismus der Fernsehschaffenden, die immer dazu bereit sind, um möglichst alle mitzunehmen, die intellektuellen Ansprüche herunterzuschrauben (damit die Senioren mitkommen, verzichten wir mal besser auf das Wort „App“ und nehmen „Programm“, ach was, wir verzichten besser ganz auf Computer und Internet!), und der tatsächliche Bildungsverlust (wer unter 80 weiß denn noch was von der deutschen Romantik?!). Das Ergebnis lässt sich im Mainstreamfernsehen besichtigen: der kleinste gemeinsame Nenner. So erzieht man sich natürlich auch das Publikum, das man verdient.

Nun denn, umso dankbarer sind die kleinen Grüppchen von Versprengten, die lieber so großartige Shows wie „Cunk on Shakespeare“ gucken oder obskure Comedyshows auf Spätnacht-Slots in Nischensendern wie ZDF.neo, als RTL-Ramsch wegzukonsumieren, über dessen Qualität ja jeder bescheid weiß außer denen, die es gucken.

Nun denn. Hoffnung ist oft ein Jagdhund ohne Spur, und wer Worte macht, tut wenig. Schön wäre es aber, wenn Philomena Cunk und Charlie Brooker sich auch in Zukunft immer mal wieder großer Themen annähmen, sie uns in diesem Halbstundenformat näherzubringen. Ich würd’s gucken!

 

Britcoms?

Eines der Probleme dieses Blogs ist: es heißt britcoms.de und soll sich eigentlich um britische Sitcoms drehen. Das tut es allerdings nicht mehr so oft, und zwar nicht zuletzt, weil ich in letzter Zeit immer weniger britische Sitcoms finde, über die es sich zu berichten lohnen würde.

Warum ist das so? Finde ich keine Britcoms mehr oder sind einfach nicht genügend gute dabei?

Nun, da gibt es noch die große BBC1-Sitcom wie etwa „I Want My Wife Back“ (seit April): Ben Miller und Caroline Catz („Doc Martin“) als Paar in einer zerrüttetend Ehe, sie trennt sich von ihm im gleichen Moment, wo sie von seinen Schwiegereltern, ihren Eltern, eine Reise in die Türkei geschenkt bekommen; er will all die Büroarbeit zurückfahren, die der Zweisamkeit bislang im Weg gestanden hat und steht; allein: die äußeren Einflussnahmen auf Murray und Bex sind übermächtig und ziehen und zerren die Protagonisten gegen ihren Willen in mal die eine, mal die andere Richtung.

Ein klassisches Setup, wie man es jetzt nur mal zum Beispiel auch in „Worst Week of My Life“ (BBC1, 2004 – 06) gesehen hat, ebenfalls mit Ben Miller und, Überraschung, ebenfalls von Mark Bussell und Justin Sbresni. Nur dass „Worst Week“ etwas Dämonisch-Komisches hatte, weil die Verschwörung der Welt gegen v.a. Howard (Miller) aber auch seine Verlobte Mel (Sarah Alexander) bis hin zu Gegenständen zu reichen schien, die regelrechte Komplotte zu schmieden schienen. Hier in „I Want My Wife Back“ sind es nur („nur“) (Schwieger-)Eltern, horrible bosses und verliebte Assistentinnen an der Grenze zum Stalkertum. Fragt man sich fast, warum es so lange gedauert hat, bis Bussell und Sbresni auf diese Idee gekommen sind: die höheren Mächte, die zwei Verliebte davon abhalten wollen zu heiraten, nun dazu einzusetzen, die Trennung von zwei Eheleuten zu verhindern.

Mit einem Wort: „I Want My Wife Back“ sieht aus wie eine gute Mainstream-Sitcom-Idee — fällt aber hinter die zwölf Jahre ältere Vorgängerserie zurück. „IWMWB“ hat keinen USP, nichts, was man so nicht schon zu sehen geglaubt hat, und tut so zwar nicht weh, weil man sich von gutem Handwerk und ansehbaren Darstellern ja immer noch unterhalten lassen kann. Aber für Begeisterung sorgt diese Serie zumindest bei mir nicht.

In „Flowers“ (Channel 4) hatte der Sender gleich so wenig Vertrauen, dass er die ganze Serie im Laufe einer einzigen Woche ausgestrahlt hat, mit einer Doppelfolge zum Auftakt, über die ich auch nicht hinausgekommen bin, trotz guten Willens. Denn ich mag Olivia Colman, ich mag Julian Barratt („The Mighty Boosh“), und die düster-exzentrische Familie, die Will Sharpe in „Flowers“ porträtiert, erschien mir zunächst wie eine britische Version von „Arrested Development“ oder den „Royal Tenenbaums“, was ich allerdings nur so lange für eine gute Idee hielt, bis mir auffiel, dass ich weder „Arrested Development“ noch die „Royal Tenenbaums“ wirklich gut fand.

Hier fehlte zum Mindesten eine Folie der Normalität, sei es nun eine Figur, die den Irrsinn aller anderen Figuren reflektiert und anschaulich macht; „Flowers“ war eine Wundertüte von grotesken, überlebensgroßen, zum Teil traurigen, zum Teil abscheulichen Figuren, die aber allesamt so wenig zur Identifikation einluden, dass ich von keinem wissen wollte, wie es nun weiterging.

Dann gibt es noch zwei, drei andere Britcoms, die mich entweder von vorneherein gar nicht ansprechen („Witless“, BBC3) oder die schon in der dritten Staffel laufen, so dass es kaum noch etwas hinzuzufügen gibt („Plebs“, ITV2, nach wie vor recht unterhaltsam, „Cuckoo“, BBC3, schwach, „Raised By Wolves“, Channel 4, an dem mein Interesse ebenso schnell wieder erlahmt ist, wie es entfacht war).

Es gibt kaum noch ComedyDrama, das der Rede wert wäre: namentlich „The Aliens“ (E4), das aus der gleichen Schmiede stammt wie das weitenteils brillante „Misfits“ (E4, 2009 – 13), aber durch dramaturgische Klopse recht schnell angeschossen war — womöglich die gleichen Fehler, die Fintan Ryan schon bei „In The Flesh“ (BBC3, 2013 – 14) gemacht hat, dessen Prämisse (geheilte Zombies, die in die Gesellschaft wieder eingegliedert werden müssen) ich ebenso gut fand wie die von „The Aliens“ (eine Parallelgesellschaft von Aliens, anhand derer Rassismus diskutiert wird), die allerdings in der Umsetzung deutlich zu wünschen übrig ließen.


Also: Wo sind die Britcoms, über die zu schreiben wäre? Was habe ich verpasst? Oder gibt es in diesem Jahr, das nun auch schon beinah zur Hälfte vorbei ist, einfach gar nichts, was mit den US-Serien des Jahres mithalten könnte? Ich bin wirklich ein bisschen ratlos — und, zugegeben, womöglich auch schlecht informiert, weil von all den guten amerikanischen Serien abgelenkt.

Weiß jemand Rat?

Pfrrrrrrps, pffffrrpppps, pfrrrrrrrt the Queen!

2. April 2016 8 Kommentare

Wo doch gerade online (zumindest in einigen Nischen des Internets) so ergiebig über Fernsehsatire diskutiert wird, was eigentlich Satire ist (zum Beispiel der „Erdowie, Erdowo, Erdogan“-Song von Extra3, der im Grunde ja nur journalistisch völlig korrekt wiedergibt, was Erdogan tatsächlich vorzuwerfen ist — ist das dann Satire? Ich würde meinen: nicht im engeren Sinne), was Satire darf (journalistisch korrekte Fakten als lustiges Liedchen wiedergeben) und was nicht (Böhmermanns Erdogan-Gedicht, das genau das tut, was Satire ausmacht, nämlich auch mit evtl. drastisch unangemessenen Mitteln arbeiten [und wo wir schon dabei sind: es war eben keine Schmähkritik, weil die z.B. von fehlenden künstlerischen Mitteln definiert ist, und ein Gedicht wie das von Böhmermann im „Neo Magazin Royale“ war gewiss nicht kunstlos, sondern hat sich schön gereimt]), …

… wo wir nun also schon dabei sind, einmal mehr über Satire und ihre Grenzen im Fernsehen zu sprechen, möchte ich hier auf Stewart Lee verweisen, der Meister ist in der Vermischung von erster Ebene des Stand-Up, der Comedy, und Metaebene, der Diskussion über das Wesen von Comedy, von Stand-Up, von der Beziehung zum Publikum. Diese Meisterschaft hat er gerade wieder bewiesen in der vierten Staffel von „Stewart Lee’s Comedy Vehicle“ (BBC2, seit 2009), von der ich hier mal die (noch) online verfügbare dritte Folge einbette, in der es um Patriotismus geht (auch die über Migranten ist sehr gut), und die exemplarisch zeigt, wie’s geht:

(Das Video wurde mittlerweile wegen Urheberrechtsansprüche der BBC gelöscht.)

Erst täuscht Lee eine observational comedy-Routine vor, schon ein bisschen gebrochen von Insider-Beobachtungen: die Rolle der Rechtsaußen-Trottel von UKIP vor der letzten britischen Wahl, wie er schon pro UKIP auf die Straße gegangen sei, um sein Comedy-Material nicht zu verlieren, und wie er immer ein gebrochenes Verhältnis zur englischen Flagge gehabt habe, die die längste Zeit ein Symbol der extremen Rechten gewesen sei.

In the 1970s, if you were flying an England flag off your house, it meant you were either an admirer of Adolf Hitler or a member of the royal family. — There’s two jokes there. Did you spot that? There’s two.

Dann erklärt er, wie sich sein Verhältnis zur englischen Flagge über die Jahre entspannte und er, als vor zwei Jahren die englische Fußballnationalmannschaft bei der WM ausschied und die Preise für die englische Fahne, die überall erhältlich war, über Nacht so purzelten, dass er sich drei Dutzend davon kaufte und sie im Keller einlagerte. Setup, Teil eins.

Setup, Teil zwei: Seine Familie ist aus dem Haus, er allein muss die Hauskatze namens Jeremy Corbyn versorgen. Ja, alle seine Haustiere hätten seit seiner Kindheit die Namen von Prominenten getragen: mit fünf sein Jack Russell Terrier namens Enid Blyton usw. Von der heutigen Popularität des vergleichsweise linksgerichteten Labour-Führers Jeremy Corbyn habe er natürlich von neun Jahren noch nichts ahnen können, als die Katze getauft worden sei.

An dieser Stelle wird schon klar: Ob das wohl stimmt? Eher nicht, aber macht nix, mal sehen, wohin uns dieser Quatsch führt. Die Metaebene wird schon sichtbar, und wir erfahren noch ein paar sehr lustige „Anekdoten“ über Haustiere mit Prominenten-Vor-und-Zunamen, geerdet mit echten Beobachtungen etwa über den Golden Retriever von Lord Grantham in „Downton Abbey“ und warum er vergangene Weihnachten einen mysteriösen, vorzeitigen Tod sterben musste (der Hund hieß Isis).

Nach fast 18 Minuten (!) folgt dann schließlich der Payoff dieser ganzen langen Einleitung: nämlich wie Jeremy Corbyn, während Lee allein zu Hause gewesen sei, schrecklichen Durchfall bekommen habe. Wie Jeremy Corbyn sich in den Keller zurückgezogen hätte, auf sein, Jeremy Corbyns, altes Katzenklo, längst außer Benutzung und ohne Streu. Und wie er, Lee, dann die alten englischen Flaggen genommen hätte, um damit … zu improvisieren.

Woraufhin vier so fantastisch lustige Minuten mit fast nichts als blowing raspberries folgen, unterbrochen von der englischen Hymne, „God Save The Queen“, die er, Lee, gleichzeitig gesungen habe, um der Flagge wenigstens einen Rest Würde zu bewahren.

Vollkommen ausgedachte Situation, das ist natürlich mittlerweile dem ganzen Publikum bewusst, aber so enorm komisch, dass zumindest ich vor Lachen beinah vom Sofa gefallen wäre. Einfach durch Pupsgeräusche und der Vorstellung, wie eine Katze namens Jeremy Corbyn auf die englische Fahne defäkiert, während jemand dazu das National Anthem singt und salutiert.

Und das ist erst der Anfang, denn natürlich ist das nicht das Ende der Geschichte. Das kann sich jeder, der mag, selbst ansehen. Wert wär’s das.

Aber der Punkt ist natürlich: diese zunächst so harmlos und matter of fact-mäßig daherkommende Geschichte ist ja eine saftige Beleidigung staatlicher Symbole, die zumindet hierzulande theoretisch ernsthafte juristische Folgen haben könnte, denn diese Staatssymbole unterstehen einem besonderen Schutz, wie auch der Bundespräsident. (Der „Deutschland-Schmäh-Shop“, den es Anfang der 90er mal in Titanic gab, war damit etwa hart an der Grenze, und wollte es auch sein, als er schwarzrotgoldenes Klopapier anbot, entsprechende Klobürsten und andere Utensilien, die in eindeutigem Zusammenhang gezeigt wurden.)

DAS ist nämlich die Kunst und das Tolle an satirischer Comedy: ein Publikum, das im Falle von „Stewart Lee’s Comedy Vehicle“ ja nun nicht aus Staatsfeinden und Linksautonomen besteht, geschweige denn nur aus Stewart-Lee-Fans, sondern aus dem durchschnittlichen BBC-Publikum, das zu solchen Aufzeichnungen kommt, ein solches Publikum genau durch das klug vorbereitete, allmählich aufgebaute, sich ankündigende Überschreiten der Geschmacksgrenzen bei gleichzeitiger Höchstkomik auf eine ganz andere Bewusstseinsebene zu bringen — vielleicht unfreiwillig, wie man eben Lachen MUSS, nicht weil man sich bewusst dafür entscheidet, sondern weil es eine körperliche Funktion ist wie Erbrechen bei Ekel, sexuelle Erregung beim Ansehen von Pornografie usw., —

aber dieses Lachen ist ein befreiendes Lachen, ein Lachen des Individuums, des Einzelnen über etwas, das viel mächtiger, ehrfurchtgebietender ist als man selbst: den Staat und seine Symbole, denen man ja sonst nur ausgeliefert ist, die man aber in diesem einen, winzig kurzen Moment der Freiheit durch Comedy überwinden kann, zeitlich kurz und räumlich gebunden, nicht für immer, nur diese paar Minuten, durch etwas, das man Kunst nennen könnte, in der andere Regeln gelten als juristische, die andere Grenzen hat als die des Geschmacks.

Ein Publikum also, das eigentlich anderer Meinung ist, gegen seinen Willen so zum Lachen zu bringen, es dazu zu bringen, sich einerseits so hinzugeben, dem Bild zu erliegen, das jemand entstehen lässt und das gleichzeitig abstoßend UND komisch ist: das kann Satire, das kann Comedy.

(Und Stewart Lee schafft es sogar, gleichzeitig die Fäden zu zeigen, an denen seine Puppen tanzen, also die Mechanik der Comedy bloßzulegen.)

Wohingegen Satire, die mehrheitsfähig sein will, die immer nur das kunstvoll gedrechselt wiederholt, was ohnehin schon jeder denkt und weiß, zumindest eines meistens nicht ist: so komisch, dass man darüber lachen müsste.

Genau hier liegt nun das Dilemma des Fernsehens, des Fernsehsenders, der qua Auftrag mehrheitsfähig sein will (in Deutschland insbesondere die Öffentlich-Rechtlichen), und die Freiheit des Einzelnen, die Freiheit der Satire und Comedy, ja, auch der Meinung, die ja nur dann verteidigenswert ist, wenn sie eben eine abweichende ist und nicht die, die von ganz unten bis ganz oben im Sender sowieso schon jeder hat.

Die BBC hat mit Stewart Lee, jedenfalls so weit ich weiß, kein Problem.

Und so endet diese fantastische Folge des „Comedy Vehicle“ dann auch mit Medienkritik vom Allerfeinsten. Und auch danach: kein Aufschrei, kein Löschen aus Mediatheken, nichts.

Nur ein Publikum mit Bauchschmerzen vom Lachen. Wenn ich jetzt von mir auf andere schließen müsste.

Guter böser Laurie

29. März 2016 3 Kommentare

Abermals hat das britische Fernsehen (diesmal in Zusammenarbeit mit dem us-amerikanischen) eine Serie hervorgebracht, die so gut ist, dass man ihr keine zweite Staffel wünscht: „The Night Manager“ (BBC1/AMC; seit gestern in Deutschland via Amazon Prime zu sehen), die aktualisierte Verfilmung eines John-le-Carré-Thrillers um den erfolgreichen, charismatischen und höchst kriminellen Waffenhändler Richard Roper (Hugh Laurie) und den Nachtportier eines Kairoer Hotels und ehemaligen britischen Soldaten Jonathan Pine (Tom Hiddleston), der in den Wirrungen des arabischen Frühlings zufällig an ein Dokument gerät, das die Machenschaften Ropers aufdeckt. Woraufhin Pine in Zusammenarbeit mit Angela Burr (Olivia Colman), der Leiterin einer MI6-Unterabteilung, sich in die Kreise Ropers einschleicht — gefährlich, weil weite Teile des MI6 selbst in die Waffenschiebereien verwickelt sind, und verführerisch, weil nicht nur der Charme Ropers, sondern auch dessen Luxusleben ihre Wirkung auf Pine nicht verfehlen. Wird also Pine, von Roper zu seinem persönlichen Assistenten gemacht, die Seiten wechseln? Oder einen dummen Fehler begehen und sich in die Geliebte seines Chefs, Jed (Elizabeth Debicki), verlieben?

„The Night Manager“, eine sechsteilige Miniserie, sieht gut aus, denn offenbar ist viel Geld schon allein in die Drehs in aller Welt geflossen, und es macht Spaß, denn von Regie (die die Dänin Susanne Bier übernommen hat, die bislang vorwiegend für’s Kino gedreht hat) und Buch bis hin zu dem exzellenten Cast stimmt hier alles: Laurie genießt es sichtbar, einen Bösewicht zu spielen, der geistreich, jugendlich, sympathisch und attraktiv sein kann, Colman darf einmal mehr die (hier auch noch schwangere) Frau spielen, die als Polizistin/Agentin von allen unterschätzt wird wie schon in „Broadchurch“, und nicht zuletzt Tom Hollander als Ropers rechte Hand Lance Corkoran ist es gestattet, funkelnd bösartige Facetten zu zeigen, die man nach „Rev.“ (BBC2, 2010 – 14) nie an ihm vermutet hätte.

Einziger Wermutstropfen: „The Night Manager“ war so erfolgreich, dass eine zweite Staffel schon ausgemacht ist — und erzählt doch eine so abgeschlossene Geschichte, dass es schwer fällt sich vorzustellen, wie eine zweite Staffel da noch mithalten soll. Ein Problem, das immer mehr gute Fernsehserien haben: das oben schon erwähnte „Broadchurch“ etwa, das einen (sehr) abgeschlossenen Kriminalfall erzählte — und sich in der zweiten Staffel darauf verlegte, chronologisch weiter zu erzählen, nämlich die Gerichtsverhandlung des überführten Mörders und alles, was sich aus ihr für die kleine namensgebende Gemeinde ergibt, in der er stattfindet.

Das fand ich damals recht brilliant; im Nachhinein muss man aber einräumen, dass die Serie an die Qualität der ersten Staffel damit nicht mehr anschließen konnte, die tatsächlich enorm spannend war — ein dramaturgisches Element, das in der zweiten Staffel zwangsläufig (oder jedenfalls in der Dosierung der ersten) fehlte.

„Happy Valley“ (BBC1 seit 2014) hingegen, von dem ebenfalls kürzlich die zweite Staffel lief, obwohl ich es nach der sensationellen ersten hätte gut sein lassen, hat den Spagat geschafft und abermals einen Kriminalfall geschildert, ebenfalls in einer eher überschaubaren Stadt, der für die alternde Polizistin Catherine Cawood (Sarah Lancashire) wiederum mit höchst persönlichen Elementen verkompliziert wird, ohne dass das in der Wiederholung dieser sehr speziellen Umstände unangenehm aufgefallen wäre. Autorin Sally Wainwright, die ich schon nach der ersten Folge der ersten Staffel „Happy Valley“ für ihr Können bewundern musste, ist es gelungen, dieses Rezept zu variieren, so dass es sowohl der ersten Staffel treu bleiben als auch genügend Neues bieten konnte, ohne als Selbstplagiat oder zu weit vom Original entfernt empfunden zu werden.

Und, gna gna, natürlich hängt auch hier das Damoklesschwert einer weiteren Staffel abermals über der Serie — kann man diesen Zaubertrick denn nun ein drittes Mal …?

Für „The Night Manager“ könnte dieser Trick besonders tricky werden, denn wenn ich das richtig sehe hat le Carré keinen weiteren Jonathan-Pine-Roman geschrieben, so dass es hier nicht nur den Grundgedanken der ersten Staffel, sondern auch noch den Geist des Originalautors zu bewahren gilt. Das hat, trotz einiger mittelgroßen Eingriffe in das Buch, in der ersten Staffel gut funktioniert, weil le Carré selbst als kreativer Berater der Produktion zur Seite stand.

Vielleicht fühlt sich le Carré ja so geschmeichelt, dass er auch bei der zweiten Staffel „The Night Manager“ selbst mit Hand anlegt. Und wenn sie es dann noch schaffen, auch den fabelhaften Hugh Laurie wieder mitspielen zu lassen … toi, toi, toi.

Louis C.K., again

Für gewöhnlich halte ich mich von Sitcoms und Comedys fern, die mir, in Ermangelung eines besseren Begriffes, zu albern erscheinen. Von Comedys also, die ihre Charaktere so wenig ernst nehmen, dass sie um schneller Lachen willen zweidimensional bleiben. Ich kann mit den wenigsten Sachen von Judd Apatow etwas anfangen, mir sind Will Ferrell und „Ron Burgundy“ fremd geblieben, auch „Eastbond & Down“ war nichts für mich: alles zu laut, zu sehr auf die zwölf, zu viel Klamauk für meinen Geschmack. „The Last Man on Earth“ (Fox, seit 2015) war da schon eine Ausnahme, weil Will Fortes Phil immerhin noch ein Quentchen Tragik mitbrachte. Dass ich auch diese Serie im Laufe der zweiten Staffel irgendwann nicht mehr weiter geguckt habe, lag wohl eher an der konzeptbedingten Invarianz: es wiederholte sich alles halt doch recht regelmäßig.

Auch Zach Galifianakis („Hangover“) fiel bislang in diese Kategorie — und hat nun mit „Baskets“ (FX, seit Januar) aber eine Sitcom vorgelegt, die ich trotz ihrer Albernheit bislang gerne sehe: denn auch sie hat diese Prise Melancholie und Verlorenheit, die den reinen Quatsch (etwa Männer in Frauenkleidern) aufwiegen. Vermutlich nicht zuletzt, weil „Baskets“ nicht nur von Galifianakis, sondern auch Louis C.K. stammt, der allerdings nicht selbst mitspielt.
So ist es womöglich C.K.s Schwermut, die die Schießbudenfiguren erdet, von denen „Baskets“ bevölkert ist: von Chip Baskets (Galifianakis), einem nicht mehr wirklich jungen Mann, dessen Berufswunsch Clown in der ersten Folge schön zerschmettert wird: auf der Clown-Akademie in Paris scheitert er nicht zuletzt daran, dass er kein Wort Französisch spricht, und die Berufsaussichten zurück in den USA halten sich in engen Grenzen. So endet er als Rodeoclown; ein Beruf, von dessen Existenz ich bislang nichts gewusst hatte. Hier bedeutet es hauptsächlich, dass er sich von Stieren auf die Hörner nehmen lassen muss, um Menschen zum Lachen zu bringen. Talent ist dafür nicht erforderlich.


Weil er mit seinem französischen Motorroller einen Unfall baut, ist Chips hauptsächliche Bezugsperson bald die Versicherungsagentin Martha (Martha Kelly), die Karikatur eines farblosen, emotional vollkommen ausdruckslosen Mauerblümchens, die aber immerhin stoisch Chips (schlechte) Launen eträgt, ihn in ihrem Auto überall hinfährt und bald für seine Freundin gehalten wird. Und dann ist da noch Chips übergewichtige Mutter (gespielt von Stand-Up-Comedian Louie Anderson), ein Paradebeispiel übergriffiger Mütter, zu dem Chip den trotzigen Sohn als Counterpart gibt.

Für eine Serie, die an hanebüchenen Prämissen nicht eben spart (da gibt es z.B. noch Chips französische „Freundin“ und später Ehefrau, die nicht das geringste Interesse an ihm hat, der er aber vollkommen ergeben ist), fällt dann zwar als erstes auf, dass richtige, laute Lacher gar nicht mal so gehäuft vorkommen, wie man erwarten könnte. Im Gegenteil, die vordergründige Albernheit wird schön konterkariert durch Galifianakis‘ Deadpan-Spiel und insgesamt beinah depressive Töne.

Genau das aber macht dann eine Mischung, die ich so noch nicht gesehen habe — außer eben bei Louis C.K., wo ich diese spezielle Comedy-Farbe aber bislang immer mit der Person und der Persona von Louis C.K. selbst verbunden habe. Turns out: das lässt sich auch auf andere Serien übertragen!

Noch bin ich mir nicht sicher, ob nicht auch bei „Baskets“ die Halbwertzeit ähnlich kurz sein wird wie bei „Last Man on Earth“, ob nicht auch hier die flachen Figuren und ihre enge Bindung an die Prämisse schnell zu öden Wiederholungen führen. Aber für die erste Serie von Louis C.K. ohne Louis C.K. darin finde ich „Baskets“ bislang eigentlich ganz gut.

Horace and Pete

7. Februar 2016 17 Kommentare

Louis C.K. hat, völlig überraschend und ohne jede Ankündigung, eine neue Serie am Start, die er ausschließlich über seine eigene Homepage vertreibt. Sie heißt „Horace And Pete“, die erste Folge kostet fünf Dollar (!), und ich verstehe sie kein bisschen. Hier sind ein paar Fragen, vielleicht kann mir ja jemand helfen.

  1. Warum zeichnet man eine Serie, die in einer Bar spielt (wie z.B. „Cheers“) im Stile einer Sitcom auf, also im Multicam-Verfahren, verzichtet dann aber, zumindest weitgehend, auf Witze?
  2. Warum holt man sich, selbst Stand-Up-Comedian, Komödianten wie Alan Alda und Steven Wright dazu und Schauspieler, die ein ausgesprochen komisches Talent haben, wie Edie Falco und Steve Buscemi — und gibt ihnen dann praktisch keine Witze?
  3. Warum zeichnet man eine über 60minütige Folge wie ein Theaterstück auf, verzichtet aber auf Publikum?
  4. Warum gibt man Fans, die einen als Comedian kennen und von denen man fünf Dollar für die erste Folge einer Serie haben möchte, nicht zumindest einen Trailer oder ein paar Informationen vorab, dass man sich auf eine völlig unlustige, anstrengende Stunde einzustellen hat?
  5. Warum?
  6. Nein, ernsthaft jetzt: Warum?
  7. Warum?

Zwischendurch hatte ich kurz die Theorie, Louis C.K. versuchte hier die Parodie einer Sitcom, die naturgemäß ja keine Oneliner, keine erkennbaren Gags haben dürfte. Aber weil er sicher wüsste, dass Parodien nie länger sein dürfen als das Original, im Gegenteil eher kürzer sein müssen, kann das eigentlich nicht sein.

Bleibt nur die Vermutung, er wollte tatsächlich alles genau so haben: so aus der Zeit gefallen, altmodisch, rätselhaft. Und die Frage: Warum?

Also: Warum?