Party in der Vorhölle

7. Dezember 2018 3 Kommentare

Den Fans britischer Sitcoms ist er vor allem aus „Black Books“ (Channel 4, 2000 – 2004) in Erinnerung, der gar nicht so schwarzen, sondern eher albern-surrealen Sitcom: Bill Bailey. Dort gab er den Gegenpart zum düster-misanthrophen Bernard Black (Dylan Moran), nämlich den stets heiter-ausgeglichenen Manny Bianco, dem das Helle, Strahlende, Erleuchtete schon im Namen eingeschrieben war.

Vornehmlich aber macht Bill Bailey Stand Up, und auf der Bühne ist seine Persona der des Manny Bianco sehr ähnlich: die des heiteren, unmittelbar sympathischen, mit verblüffender Phantasie gesegneten Entertainers. Nicht ganz unähnlich einem Ardal O’Hanlon, der in der ebenfalls großartigen Vorgängerserie von Graham Linehan und Arthur Matthews, „Father Ted“, dessen Sidekick des Father Dougal gab. (Leider ist O’Hanlons Karriere als Stand Up nie so recht aus dem Quark gekommen.)

Nicht zuletzt war und ist Bailey aber auch Multiinstrumentalist und Musiker, und so waren seine Stand Ups nicht nur oft mit gloriosen Improvisationen und Parodien angereichert, sondern es gab sogar eine ganze Show, die sich nur mit Musik, genauer: mit den Instrumenten eines (Philharmonie-)Orchesters beschäftigte und die sensationell — und sensationell komisch — war.

Mittlerweile kocht Bill Bailey auf etwas kleinerer Flamme. Und so gibt es in seinem gerade auf DVD und als Download erschienenen (vor-)letzten Programm „Limboland“ keine übergroßen Licht- und Feuereffekte und kein ganzes Orchester mehr, und die Show selbst ist kürzer, als ich es mir gewünscht hätte: gerade mal 75 Minuten lang.

Das ist schade, weil Bailey immer noch das Talent hat, mit seinem charmanten Nonsens Lachstürme zu entfachen. Wenn er etwa „Happy Birthday“ in Moll spielt, um über ein, zwei Umwege schließlich ein depressives Geburtstagslied im Stile Kurt Weills aus dem Berliner Kabarett der 30er-Jahre zu machen.

Oder wenn er über british happiness extemporiert, die sich von der der Dänen unterscheidet, die angeblich das glücklichste Volk der Welt sind, wegen hoher Sozialstandards und so: „What the Danes have, is something else. That is contentment (Zufriedenheit). Contentment is knowing that you’re right. Happiness is knowing that someone else is wrong.“

Allerdings mischen sich in „Limboland“ Töne in Baileys Monolog, die ich früher so nicht wahrgenommen habe: Nämlich die Wirklichkeit, und wie wenig gelassen er in Wahrheit ist, wenn es um Politik oder Social Media geht, die er offenbar aus ganzem Herzen verabscheut.

Und so wirkt „Limboland“, das auch noch mit deutlich weniger musikalischen Einlagen als früher angereichert ist, insgesamt leider ein wenig halbgar. Es geht ein bisschen um Politik, mit der er sogar einsteigt („Limboland“ selbst steht für das England der Gegenwart, das für ihn also offenbar eine Art Vorhölle ist), um die Grünen und darum, dass sein nächstgelegenes Krankenhaus geschlossen und durch eine App ersetzt worden ist, die anzeigt, wo man die nächsten Heilkräuter selbst pflücken kann.

Er erzählt von seinem gehackten Emailaccount, der ihn um ein kleines Vermögen gebracht hat, weil seine Buchhalterin, von gefälschten Emails in die Irre geführt, Geld in die Türkei überwiesen hat (eine wahre Geschichte).

Und er verliert sich ein wenig im Anekdotischen, wenn er die (zugegeben sehr komische) Geschichte einer Arktisreise mit den eigenen und den Schwiegereltern beschreibt und seine Begegnung mit Paul McCartney, bei der er vor Aufregung nur Unsinn herausgebracht hätte.

Gut und schön und nicht unkomisch, wie gesagt — aber Anekdoten erzählen, das ist nicht der Höhepunkt der Kunstform Stand Up. Das erwarte ich von Leuten wie Kevin „Silent Bob“ Smith, der in seinem Showtime-Special „Silent But Deadly“ nichts anderes tut und damit durchkommt, weil sein Publikum ihn halt für die Figur liebt, nicht für seinen Stand Up.

Aber bei Bill Bailey bleibt das Gefühl, dass da jemand hinter seinen Möglichkeiten zurück geblieben ist. Schade eigentlich, denn die 75 Minuten „Limboland“ sind ja nicht schlecht, sondern wie gesagt sehr komisch.

Aber es bleibt das Gefühl, dass Bill Bailey eigentlich noch mehr kann.

Ernsthaft komisch

4. Dezember 2018 Keine Kommentare

Eine der kleinsten Regeln guter Comedy ist: Die Figuren dürfen niemals wissen, dass sie in einer Comedy sind. Sobald ich als Zuschauer das Gefühl habe, ein Schauspieler liefert Pointen mit einem (ironischen) Gestus ab, der sicherstellen soll, dass der Witz auch wirklich ankommt, geht sofort jeder komische Funke verloren. Denn die komische Distanz muss zwischen mir, dem Zuschauer, und dem Stück entstehen, nicht zwischen dem Schauspieler und seiner Rolle. Die Figur muss, auch in Comedys, ihre Situation stets ernst nehmen. Wie sollte ich mich etwa vor Peinlichkeit kringeln bei „The Office“, wenn schon Tim und Dawn zu erkennen gäben, dass sie von David Brents zwischenmenschlicher Ahnungslosigkeit gar nicht wirklich betroffen sind? Tun sie zum Glück nicht, ebenso wenig wie die Figuren um Alan Partridge, Basil Fawlty und alle anderen Meisterwerke des dead pan und der cringe comedy.

Nichts ruiniert mir jede Freude an Comedy folglich mehr als die (sehr deutschen) Signale, dass hier gerade etwas Hochlustiges passiert — etwa die unvermeidliche komische Filmmusik, die unter jeder deutschen Filmkomödie liegt, damit nur wirklich kein Zuschauer von einer Pointe überrascht wird. (Der amerikanische Sitcomautor Ken Levine illustriert diesen Gedanken hübsch anhand des Films „Dr. Strangelove“.)

Umso peinlicher, dass ich an dieser Stelle zugeben muss: Auch mir passiert es, dass ich übersehe, wie komisch etwas ist — weil es so straight gespielt ist.

Zum Beispiel „This Country“ (BBC3, nur online, zwei Staffeln und ein Special seit 2017).

Tatsächlich hat sich mir im Verlauf der ersten Folge nicht erschlossen, was daran komisch sein soll, dass zwei Anfangzwanzigjährige, die Footballshirt und Jogginhosen tragende Kerry (Daisy May Cooper) und ihr Cousin Kurtan (Coopers Bruder Charlie Cooper), sich in einer sterbenden Kleinstadt der englischen Heartlands zu Tode langweilen, weil sie keine Chance noch überhaupt Bock auf einen vernünftigen Job haben und stattdessen lieber in einer Art fortgesetzter Kindheit weiter an Bushaltestellen abhängen, aus Schrott und Sperrmüll Bandenverstecke bauen und sich darum streiten, wer im Ofen seine Pizza oben oder seine Dino-Mini-Schnitzel unten backen darf.

Was ein Glück also, dass ich jetzt doch noch eine zweite Folge — und dann gleich sechs weitere — geguckt habe. Denn jetzt verstehe ich, warum „This Country“ zwei Baftas gewonnen und etliche Vergleiche mit, ja eben, „The Office“ eingefahren hat.

Ein großer, allzu großer Vergleich natürlich, vielleicht mehr Bürde als Anschub für eine solche Serie, die man viel lieber als eigenständig und zeitgemäß verstehen sollte denn als späte Anleihe an die paradigmatische Britcom der letzten 20 Jahre. Aber die Ähnlichkeiten liegen auf der Hand. Und das nicht nur, weil es ebenfalls eine Mockumentary der alten Schule ist (bei der zu Beginn Texttafeln erklären, dass Studien gezeigt hätten, wie marginalisiert junge Menschen auf dem Land sich fühlen und die BBC deshalb beschlossen hätte, zwei davon ein halbes Jahr lang zu begleiten), weil das Budget erkennbar minimal ist und Hauptdarsteller auch Autoren der Serie sind.

Sondern weil „This Country“ es wie „The Office“ geschafft hat, eine Fangemeinde hinter sich zu bringen, die quasi aus dem Nichts kam. Denn seit BBC3 nur noch online stattfindet, ist die Aufmerksamkeit darauf dementsprechend kleiner geworden. Und dennoch haben die Coopers mittlerweile Hardcorefans, die „This Country“ praktisch nur mit Mund-zu-Mund-Propaganda zum Hit gemacht haben.

Sehr zu recht. Es ist wirklich beeindruckend, mit wie minimalistischen Pinselstrichen da ein Universum aus Charakteren entworfen wird, die sich vornehmlich langweilen und ihr Leben am Rande der Kriminalität verschwenden — und dabei höchst komisch sind. Nichts ist ja schwieriger, als in Comedys Langeweile zu zeigen, ohne dabei selbst langweilig zu sein. Aber „This Country“ gelingt das, als ob die Coopers ihr ganzes Leben nichts anderes getan hätten, als Fernsehcomedy zu entwickeln. Was beileibe nicht der Fall ist.

Schon die zweite Folge, in der Kerry sich von der gefährlichen Kampflesbe ein Tattoo machen lässt, weil sie nicht mehr aus der Nummer rauskommt, ist ein instant classic, und die dritte nicht weniger, in der Kerry und Kurtan praktisch nichts tun als darauf zu warten, dass ihr Onkel Nugget aus dem Knast und bei ihnen vorbei kommt, nachdem er eingefahren war, „cos he was having a laugh“, konkret: weil er einen Linienbus entführt und damit vier Stunden lang durch einen Roundabout gefahren war. Aber hey, zwölf der 20 Insassen fanden es lustig, und zu Onkels Verteidigung sei gesagt: „He was just having a laugh.“

KURTAN
Shall I tell them about why he’s called Nugget?

KERRY
You can, but it’s a bit boring.

KURTAN
No. Right, Uncle Nugget, yeah? He’s called Nugget because he went in this nightclub and the DJ wouldn’t play this song he requested so he got a knife, yeah? Cut off half the DJ’s scratching thumb, threw it on the floor and some bloke came along who’s just fucked out of his brains, picked it up and ate it cos he thought it was a chicken nugget.

KERRY
(guckt einen Moment irritiert) He’s called Nugget because his second name’s Nuggins. Where the hell did that come from?

KURTAN
(lacht) Seriously?

KERRY
Yeah. (in die Kamera) I think that’s still part of … Kurtan went through a very bad lying phase.

KURTAN
Yeah, I did, yeah.

Ich bin wirklich gespannt, was Daisy May und Charlie Cooper nach der schon genehmigten dritten Staffel „This Country“ tun werden. Und freue mich, dass ich nach langer, langer Zeit wieder eine Britcom gefunden habe, über die ich Tränen lachen konnte und die ich hin und wieder pausieren musste, um über einen Lachanfall hinweg zu kommen, bevor der nächste sich anschleicht.

Wer aber noch kein Weihnachtsgeschenk hatte für alle Freunde, die etwas mit David Brent und Alan Partridge anfangen konnten: der hat jetzt eins.

Dramatische Höhepunkte

28. November 2018 Keine Kommentare

An britischen Dramaserien herrschte dieses Jahr gewiss kein Mangel. Und an guten noch dazu. Jed Mercurios „Bodyguard“ (BBC1) konnte für BBC1 die besten Quoten seit zehn Jahren einfahren, Hugo Blicks „Black Earth Rising“ (BBC2) und Mike Bartletts „Press“ (BBC1) bei der Kritik zumindest die etwas under par gebliebenen Dramaserien des Frühjahrs ausgleichen, von denen etliche allerdings immer noch recht sehenswert waren — etwa David Hares „Collateral“ (BBC2 & Netflix, mit Carey Mulligan), „McMafia“ (BBC1 & AMC), eine Serie, die so gut in der Darstellung russisch-britischer Geldströme war, dass ein eigenes Gesetz nach ihr benannt wurde, und „Trust“, wenn man diese als britische Serie werten möchte, denn trotz britischer Autorenschaft (Simon Beaufoy), Regie (Danny Boyle) und Thematik (der Getty-Clan wurde zwar in den USA stinkend reich, stammte aber aus Großbritannien) ist sie natürlich eine FX-Serie.

Um Comedydrama war es 2018 schon nicht mehr ganz so gut bestellt: da fallen mir zunächst eigentlich nur „Killing Eve“ ein (BBC America), Phoebe Waller-Bridges stylishe Serie um die enigmatische Profikillerin Villanelle (Jodie Comer), die schon beinah Züge von Superhelden hat, und ihren gänzlich unglamourösen Widerpart, die MI5-Innendienstmitarbeiterin Eve Polastri (Sandra Oh). Dann war da noch die Miniserie „A Very English Scandal“ (BBC1), die den Jeremy-Thorpe-Skandal von 1976 – 79 um einen liberalen englischen Parlamentarier (Hugh Grant) und die Folgen seiner homosexuelle Affäre mit dem leicht persönlichkeitsgestörten Norman Josiffe (Ben Whishaw).

Und „Wanderlust“ (BBC1 & Netflix, seit September).

Ja, wanderlust ist ein Germanismus, ein ins Englische entlehntes deutsches Wort wie wunderkind, wiederganger und weltschmerz, und hier steht es für das Fernweh in langjährigen Beziehungen wie der zwischen Joy und Alan Richards (Toni Collette und Steven Mackintosh). Die Sehnsucht nach dem Fremden also, wenn die sexuelle Anziehungskraft des einen Menschen, mit dem man sich für immer und ewig gebunden hat, irgendwann eingeschlafen ist. Wie es bei langjährigen Ehepaaren vorkommen soll.

Wanderlust attestieren auch Joy und Alan sich, immerhin ist sie ohnedies Psychotherapeutin und kennt sich also aus, und schlägt in der Folge vor, dieser wanderlust doch ganz unverbindlich nachzugeben, sprich: eine sogenannte „offene Beziehung“ zu führen, in der man sich nicht gleich trennt, sondern erst noch im gegenseitigen Einverständnis Affären hat, über die hier dann auch noch die (schon halbwegs erwachsenen) Kinder unterrichtet werden.

Keine Überraschung, dass „Wanderlust“ denn auch stark von a) Dialogen und b) Sexszenen dominiert ist. Letztere sind in der Wahrnehmung der Serie denn auch sehr dominant, sowohl in der Kritik als auch in meiner Erinnerung, obwohl sie keineswegs freizügiger sind als englische Serien sonst, m.a.W.: gar nicht. Statt auf Entblößung setzt „Wanderlust“ auf mimische Reaktionen, so dass wir zwar sexueller Aktivität (und auch reichlich Passivität) beiwohnen, allerdings auf den Gesichtern der Beteiligten bleiben und uns so alles erspart bleibt, was außerhalb des Shots und unterhalb der Gürtellinie passiert.

Und, gute Güte, ist das oft peinlich. Absichtlich peinlich, versteht sich, cringe also, wenn Joy und Alan „es“ nach längerer Phase der Abstinenz gleich zu Beginn der ersten Folge mal wieder probieren. Sie hatte zuvor einen Fahrradunfall, der sie körperlich (und auch seelisch; darin liegt, wie wir später sehen werden, der Schlüssel der Serie) einschränkt, er einen Bart, der auch Frauen ohne Trauma im Zweifel lieber enthaltsam bleiben ließe.

Darüber (über Sex und den Unfall, nicht über den Bart) muss dann, siehe a), viel gesprochen werden. Und zwar so, wie es der leicht prätentiöse Titel „Wanderlust“ nahelegt: in pointierten Theaterdialogen. Tatsächlich liegt der Serie von Nick Payne sein gleichnamiges Theaterstück von 2010 zugrunde.

In diesen Dialogen, und auch hin und wieder in Monologen, wenn etwa von den Paaren, die bei Joy in Therapie sind, nur einer spricht (der sträflich unterbesetzte Andy Nyman), in diesen Dialogen also werden dann all die Konflikte verhandelt, die bei Beziehungsexperimenten wie diesen entstehen müssen: Selbstverständlich verliebt sich Alan dann doch in seine jüngere Kollegin Clare (Zawe Ashton, „Fresh Meat“). Klar lassen sich Jugendlieben wie die zwischen Joy und Lawrence (Paul Kaye, „Game of Thrones“) nicht ohne weiteres fortsetzen. Und selbstverständlich liegen unter der oberflächlich-sexuellen Dysfunktion nicht selten tiefere Konflikte, die Joy — in einer Episode, die wie eine bottle episode eine komplette Therapiesitzung bei ihrer Supervisions-Therapeutin Angela (Sophie Okonedo) abbildet — schließlich auch durchschaut.

Lediglich die Kinder scheinen unter den Eskapaden ihrer Eltern nicht zu leiden. Was nicht bedeutet, sie hätten keine sexuellen Probleme, nur haben diese offenbar keine direkte Verknüpfung mit denen ihrer Eltern. Das hätte wohl auch nicht in den, wie oft bei der BBC, leicht pädagogischen Subtext der Serie gepasst (den ich zuletzt bei „Press“ ein wenig zu aufdringlich fand).

Man merkt schon: Ich bin kein Fan geworden. Dabei ist „Wanderlust“ durchaus unterhaltsam, intelligent und schön gefilmt. Luke Snellins Regie tut ihr bestes, den Theaterdialogen kinogroße Bilder entgegenzusetzen. Toni Collette ist zu Recht eine große Schauspielerin, die seit „About a Boy“ (2002) immer wieder interessante, gebrochene Frauenrollen gespielt hat. (Und deren australische Herstammung man ihrem Englisch wohl selbst als Brite nicht anhört.)

Aber das Feld von Komödie und sexuellen Neurosen ist nicht zuletzt in Woody Allens Lebenswerk schon so oft beackert worden, dass diese — zugegeben sehr englische — Variante dann doch letztlich einen Ticken zu erwachsen war.

Boris in The Thick of It

27. November 2018 Keine Kommentare

Hahaha! Als hätte Armando Iannucci eine Folge „The Thick of It“ mit Gaststar Boris Johnson geschrieben. „The tyranny of the Twitter feed is relentless“, ich schmeiß‘ mich weg.

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Des Widerspenstigen Lähmung

22. November 2018 1 Kommentar

Was ist die erste Voraussetzung für Komik? Dass jemand scheitert. In der Regel an sich selbst. Was ist die Voraussetzung dafür, dass man scheitert? Man muss etwas wollen. Die erste Regel für Sitcoms (mit einer Hauptfigur) ist also: a) Sie will etwas. b) Sie kriegt es nicht.

Dass Romesh Ranganathans erste eigene Sitcom „The Reluctant Landlord“ (seit Oktober auf Sky1) selbst scheitert, liegt vor allem daran, dass die Hauptfigur zu wenig will.

Wirt wider Willen ist dabei Romesh Ranganathan selbst: Er hat (wie Ranganathan im wahren Leben) den Pub seines Vaters geerbt und stellt nun fest, dass er für die Arbeit am Zapfhahn nicht ausgeschnitten ist. Die Gäste (u.a. Nick Helm, „Uncle“, und Marek Larwood, „We Are Klang“) nerven mit ihrer Antriebslosigkeit und ihren langweiligen Geschichten, die Ehefrau (Sian Gibson, „Peter Kay’s Car Share“) nervt mit gesundem Essen und Bedürfnis nach Familienleben, die Konkurrenz vom Nachbarpub (Steve Edge, „Phoenix Nights“, „Star Stories“, „Peep Show“) ist ekelhaft freundlich und hilfsbereit.

Romesh shtick ist sein unbewegtes Gesicht, seine Art dead pan, mit der er — ganz wie Ranganathan in seinem ersten Leben als Stand Up-Comedian — durchaus okaye Scherze abliefert. Die aber, mangels Fallhöhe und guter Geschichten, „The Reluctant Landlord“ auch nicht retten, und oft mehr schnippisch, schlecht gelaunt und beleidigend wirken als wirklich komisch. Was dabei nicht hilfreich ist: dass genau dieser deap pan-Ansatz Ranganathans überschaubare schauspielerische Fähigkeiten noch zusätzlich unterminiert.

Sitcom-Hauptfiguren, die Komik vor allem aus ihrem Widerwillen gegen die Zumutungen der Welt gewinnen, gibt es ja viele: von John Cleeses Basil Fawlty über Dylan Morans Bernard Black in „Black Books“ (Channel 4, 2000 – 2004) bis hin zu Jack Dees Rick Spleen in „Lead Balloon“ (BBC 2006 – 11); von „Curb“ mal ganz zu schweigen.

Doch zum einen wollten viele von diesen Figuren bei zweiten Hinsehen ja doch etwas: Basil Fawlty wollte gerne zur Oberschicht gehören und auf niedere soziale Schichten hinabsehen, Bernard Black wollte aktiv keinen Kontakt mit seiner Mitwelt und wurde geradezu erfinderisch in seinen Vermeidungsstrategien, Rick Spleen wollte durchaus gerne Stand Up-Comedian sein, blieb aber eben seiner Charakterschwächen wegen eher erfolglos.

Wenn man aber schon Hauptfiguren entwickelt, deren Eigenschaften vorwiegen negativ sind (im Sinne von fehlenden Eigenschaften: unmotiviert, unnahbar), braucht es umso mehr comichafte Übertreibung (wie „Black Books“ in der typisch Graham-Linehanschen Phantasiewelt von „Father Ted“, „The IT Crowd“ und „Count Arthur Strong“ angesiedelt ist), gute Nebenfiguren — und originelle Geschichten.

Aber leider mangelt es „The Reluctant Landlord“ insgesamt an Originalität: Sitcoms, die in Pubs spielen, habe ich seit „Cheers“ einfach schon so viele gesehen, dass eine neue schon etwas sehr Eigenes, Anderes braucht. Das hat „Landlord“ leider nicht. Die Nebenfiguren sind weit von eigenem Leben und Charaktertiefe entfernt (wenn man sie mal mit Bill Baileys Manny Bianco und Tamsin Greigs Fran Katzenjammer in „Black Books“ vergleicht). Die Geschichten selbst fühlen sich schon von Anfang an extrem alt an — eine Ehefrau, die mit einem Faible für Smoothies und gesunde Ernährung nervt, really?! Und dann gibt es da noch Dialogzeilen wie „Rom, das ist alles deine Schuld“ — lazy writing vom Feinsten.

Sky 1 hat, ich weiß nicht genau, warum, sofort gleich zwei Staffeln „The Reluctant Landlord“ bestellt. Romesh Ranganathan hat also noch einige Folgen Zeit, die Karre aus dem Dreck zu ziehen. Und zumindest den multikulturellen Aspekt der Serie mag ich tatsächlich. Aber an einen späten Erfolg dieser Serie glauben kann ich gerade noch nicht.

Plot und Story

16. November 2018 Keine Kommentare

Was ist der Unterschied zwischen Plot und Story? Mir hat vor Ewigkeiten mal jemand erklärt: Plot, das ist Erst stirbt der König, dann die Königin. Alles andere ist Story.

Soll heißen: Aus Erst stirbt der König, dann die Königin kann man noch alles machen — das große Drama, ein Rührstück, bestes Degeto-Fernsehen.

Oder eben eine Komödie. Was, wenn die Königin sich schon lange darauf gefreut hat, dass der alte Esel endlich stirbt, und sich dann vor Freude an einem Kirschkern verschluckt und erstickt? Im Plot ist also noch nicht enthalten, wie der Stoff behandelt wird.

Mit anderen Worten: Es ist eines der größten Missverständnisse, dass die Geschichten, die Comedy erzählen kann, per se unernst, quatschig sein müssen. Es sind ernste Geschichten, mit komischen Mitteln erzählt, die am Besten funktionieren, denn sie gehen auf das Bedürfnis ein, etwas über echte Menschen zu erfahren (nicht über Comicfiguren) — und dabei trotzdem unterhalten zu werden.

„There She Goes“ (BBC4, seit Oktober) nimmt den ersten Teil seiner Geschichte absolut ernst. Die Mittelklassefamilie, bestehend aus dem spätjugendlichen Simon (David Tennant), seiner Frau Emily (Jessica Hynes), Sohn Ben (Edan Hayhurst) und Tochter Rosie (Miley Locke), hat eines der schwersten Schicksale, die man sich so vorstellen kann: Rosie ist lernbehindert. Allerdings ist „lernbehindert“ ein Euphemismus — tatsächlich ist sie praktisch schwerst autistisch. Sie muss permament überwacht werden, will man nicht, dass sie sich mit Milch übergießt, das Bad unter Wasser setzt, Fäkalien im Puppenhaus versteckt oder einfach nur ohne zu schauen über die Straße rennt, weil sie auf einem Autokennzeichen ein X gesehen hat und ihre einzige Liebe im Leben dem Buchstaben x gilt.

Diese Seite spielt vor allem Jessica Hynes (die offensichtlich viel zu selten ihre Talente als ernste Schauspielerin zeigen darf) sensationell. Sie als Mutter erfährt natürlich auch schon während der Schwangerschaft, dass ihre Tochter nicht so wächst, wie sie soll, schon als Säugling still und ernst ist — die Serie springt zwischen 2006 und 2015 hin und her — und dass praktisch alle Menschen um sie herum diese Situation nach Kräften ignorieren. Allen voran ihre eigene Mutter, deren Verdrängungsleistung der eines mittleren Öltankers gleicht. Wird schon werden! Alle Kinder sind unterschiedlich! Du wirst sehen, sie wird ein ganz normales Kind.

Wird sie natürlich nicht.

Aber wie „There She Goes“ den Stoff behandelt und die komischen Talente von Hynes und Tennant einzusetzen weiß, macht sie zu einem Highlight des Herbstes. Denn nicht nur das expandierende Chaos ist unbestreitbar komisch, auch die Reaktionen etwa des überforderten Simon, der zwischen Flucht in Feierabendbiere und halbherzigen Versuchen schwankt, die Familie nicht ganz aus der Balance geraten zu lassen: Wie er Emily nötigt, ihn mit Rosie in den Park zu fahren, 100 Meter, wo Rosie sich als erstes auf die Wiese legt und irgendwas in den Mund steckt, was zum Glück nur park matter ist; wie Simon frustriert den Fußball seines Elfjährigen wegkickt, um festzustellen, dass natürlich er selbst den dann zurückholen muss. Wie Emily Rosie auszutricksen versucht, deren Vorliebe für Schaumbäder, aus denen sie nicht mehr herauszuholen ist, in einer Art Schaum-Schach enden, bei dem Emily mit kleinen Snacks und Badezusatz Rochaden baut, um Rosie aus der Wanne zu locken. Und wie die Eltern über die Schwierigkeiten der Zahnpflege räsonieren, selbst ein professioneller Hygienespezialist habe in Rosies Fall auf einer Vollnarkose bestanden: das ist nichts weniger als sehr komisch.

Shaun Pye, Autor der Show, hat selbst ein lernbehindertes Kind mit einer noch nicht genau diagnostizierten Chromosomenmutation, was den ernsten Teil erklärt, hat für „Armstrong and Miller“ geschrieben und „The Increasingly Poor Decisions of Todd Margaret“ mitentwickelt und war Nebendarsteller in Ricky Gervais‘ „Extras“ — was den komischen Teil erklärt.

Absolut undenkbar hierzulande (um auch diesen Punkt gleich mal wieder zu machen) wären Dialoge wie der zwischen dem oberflächlichen Daddy mit Fluchttendenzen und der Mama, die nur noch aus einer tiefen Müdigkeit zu bestehen scheint (habe ich schon erwähnt, wie fantastisch Jessica Hynes in dieser Rolle ist?).

2006. SIMON und EMILY stehen über dem schlafenden Säugling in der Krippe.

SIMON
Look at Rosie. Isn’t she beautiful? You know what, if we had to do it all over again, I wouldn’t change a thing. Because whatever’s wrong … I’d want it to be wrong again. Because if she was different, she wouldn’t be Rosie, would she? (Pause) Would you? Would you want to change anything?

EMILY
(sehr müde) Yes. Yes. I’d change it all.

SIMON
Really? You’d want Rosie to be someone else?

EMILY
It was my worst nightmare, having a learning-disabled child. And it seems like it’s coming true.

SIMON
Why does it have to be the worst?

EMILY
Because I’m an intellectual snob? And because … Well, because I don’t know if I can … value her. Erm … You know, I love Ben, with his jigsaws and his puzzle books, just with all my heart, but I … I don’t know. I don’t know how to love her. I don’t. You know, it’s not that I don’t want to love her, I just don’t think I can.

SIMON
You’re overthinking it.

EMILY
Yeah, well, that’s what I do.  Yeah, but you know, I mean, she’s got you. You know, and she’s got Grandma, she’s got the grandparents and they all love her
unconditionally, so, yeah … you know, she will be loved. I’m just not sure if it will
ever be by me, that’s all.

Über ein behindertes Kind sagen, dass man keine Liebe dafür empfindet — das würde in tausend Jahren hier nicht durchgehen. Zu viel Ehrlichkeit, zu viel sozialer Druck. Nicht einmal, wenn es so situativ ist wie hier, denn in den Szenen, die 2015 spielen, wird schon recht eindeutig klar, dass Emily ihre Tochter durchaus liebt.

Aber diese Ehrlichkeit macht „There She Goes“ zu einer fantastischen Serie.

(Mit-)produziert hat hier übrigens Sharon Horgan, die mittlerweile eine der treibenden Kräfte des Britcom-Business geworden ist, und eine, die offenbar stets diesen realistischen Blick anstrebt, der auch „Catastrophe“ (Channel 4, seit 2015) auszeichnet. Ganz anders als, sagenwirmal, Julia Davis, deren „Sally4Ever“ mich nach der ersten Folge so gar nicht überzeugt hat. Aber da kommt ja noch was.