If you’re happy and you know it shit your pants

„HAPPYish. Created by Shalom Auslander. Starring Samuel Beckett, Albert Camus, and Dr. Alois Alzheimer“ lauten die Opening Credits von „Happyish“ (Showtime, sieben von zehn Folgen sind bereits gelaufen). Aber was soll uns das sagen?

Während man darüber noch mit zumindest einer halben Gehirnwindung nachdenkt (ja, der Autor heißt wirklich Shalom Auslander), stellt „Happyish“ uns Thom (Steve Coogan) vor, der gerade 44 wird und Werber in New York ist, und der (nach einem Eingangs-rant gegen den Begriff der pursuit of happiness) es hinter einer freundlichen und positiven Attitüde versteckt (oder das zumindest versucht), dass er seinen Job, seine Vorgesetzten, das ganze Leben hasst. Mit Ausnahme seiner Frau Lee (Kathryn Hahn, „Parks and Recreation“) und seines kleinen Sohnes. Andere Kinder dagegen hasst er durchaus und bezeichnet sie als „fucking assholes“, zumindest das von einem befreundeten Ehepaar mitgebrachte Kind, über das sogar die eigene Mutter und ihr neuer Mann schlecht reden: „He’s an asshole because his father was an asshole.“ — „Still. Your ex is still an asshole.“ — „An asshole doesn’t fall far from the tree.“


Alles Arschlöcher also, Gott sowieso, Menschen aber genauso, vor allem die beiden Millenial-Kids aus Schweden, die Thom in seiner Werbeagentur vor die Nase gesetzt bekommt und die sich zwar gut in Sachen social media auskennen, aber von klassischer Werbung keine Ahnung haben. Jedenfalls nicht in Thoms Augen. Und wer würde schon Pepto Bismol, wer würde mithin einem Mittel gegen Sodbrennen auf Twitter folgen?

Thoms Leben ist also die Hölle: die Hölle eines Mittvierzigers, den seine Jugendlichkeit langsam verlässt, der sein Leben lang mit Scheiße verbracht hat: mit Werbung. Denn natürlich ist Werbung nicht glamourös, schon gar nicht so wie in „Mad Men“, sondern das Hinterletzte. Der „Mad Men“-Vergleich fällt auch tatsächlich gleich, und schon damit dürfte es sich „Happyish“ bei einem Gutteil der amerikanischen Fernsehkritiker (z.B. bei Alan Sepinwall) verscherzt haben. (Tatsächlich hat „Happyish“ laut Rottentomatoes bei Kritikern auch nur 30 Prozent Zustimmung, bei Zuschauern aber über 70.)

Thom hasst es, wenig Zeit für seinen Sohn zu haben, die Entlassungswelle in der Agentur mittragen zu müssen und dem Schwachsinn von Kunden und Vorgesetzten ausgesetzt zu sein — etwa Rob Reiner (der sich selbst spielt) als Regisseur einer neuen Cookies-Kampagne, der die Comicelfen durch Kleinwüchsige mit echten Problemen ersetzen will (Krebs, Arbeitslosigkeit). Woraufhin Thom Ärger mit seinen Freunden, den Comicelfen, kriegt.

Denn ja, in jeder Folge treiben entweder animierte Werbefiguren ihr Unwesen, ob es ein Logo-Gecko ist, den Thom natürlich tritt, schlägt und überfährt, oder die Comicelfen oder ein Raumschiff, das Thom und Lee leider nicht mitnimmt. Das ist kurz unterhaltsam, dann nervt es leider etwas, vor allem der Schock-Anteil der Comedy, den 15jährige bestimmt superlustig finden (Comicelfen, die sich erschießen!), aber auf die zielt „Happyish“ ansonsten eher nicht (auf die 15jährigen, meine ich).

„Happyish“ zielt, wie auch „Togetherness“ (HBO, 2015) und „Catastrophe“ (Chanel 4, 2015), auf Menschen meiner Alterskohorte: Mittvierziger, die gerade noch jung waren und nun schon von der nächsten Generation weggespült zu werden drohen, festgefahren in ihren Jobs, die auch dadurch nicht erträglicher werden, dass man jugendlich-coole Hemden trägt („This one says ‚asshole‘ … this one? ‚Half asshole‘ maybe?“). Dabei ist „Happyish“ düster, szenenweise unerträglich düster sogar. Englisch also, was den Ton der Comedy angeht, und Steve Coogan scheint eine ideale Besetzung für Thom zu sein.

Dabei sollte eigentlich Philip Seymour Hoffman diese Figur spielen, hat es in einem (nicht ausgestrahlten) Piloten auch getan. Es wäre seine erste Fernsehrolle gewesen.

Was allerdings gänzlich unenglisch an „Happyish“ ist, ist der moralische Unterton. Der ist sehr amerikanisch. Die ganze Düsterkeit, all der beißende jüdische Selbsthass (Lee ist Jüdin und hat speziell unter ihrer Mutter wohl sehr zu leiden gehabt), die Hoffnungslosigkeit gegenüber Holocaust, Tod und Schuld, hat hier eine moralische Komponente, es scheint dauernd Klage wie Anklage geführt zu werden, was eine britische Sitcom eher nicht tun würde.

Dafür wäre eine britische Sitcom u.U. hin und wieder etwas komischer. Denn selbst wenn man nicht die Beschwerde vorbringen will, die US-Kritiker (wie auch der Guardian) führen: dass Thom und Lee, mit denen wir uns ja identifizieren sollen, wahnsinnig prätentiös und unsympathisch sind (genauso wie das Namedropping im Vorspann, wo noch Sigmund Freud und Adolf Hitler auftauchen), und dass sie nie glücklich wären, egal was passiert, und dass sie immer etwas zu hassen fänden („If he wasn’t complaining about the internet, it would be telephones or electric lightbulbs or women who show their ankles in public“, wie es der Guardian-Kritiker etwas gehässig formuliert), selbst wenn man also nicht die Frage stellt: Warum, um Himmels willen, machst du denn die ganze Scheiße, wenn du alles so schrecklich findest? — dann muss man doch attestieren: „Happyish“ könnte hin und wieder ein bisschen komischer sein, ein, zwei Gags mehr einbauen.

Also: Richtige Gags, nicht nur wieder Schock-Gags, obwohl auch die ja durchaus gut sein können — zum Beispiel der, wo es (ausgerechnet!) um den Cola-Werbespot von 1976 geht, den sog. Hilltop-Spot, der eine zentrale Rolle in der letzten Folge „Mad Men“ spielt, und der hier (leider in Begleitung eines nur ähnlichen Songs, offenbar waren die Rechte an „I’d Like to Teach the World to Sing“ zu teuer) ebenfalls zentral vorkommt, und wo … nein, das verrate ich jetzt nicht. Es ist jedenfalls die gleiche Folge, in der der Thoms Vorgesetzter Jonathan (sympathisch: Bradley Whitford, „West Wing“), der ohnehin ISIS und Al Qaida für ihre Marketingtechnik bewundert, dieses Buch herauszieht und es als die ultimative Werber-Bibel bezeichnet, und schließlich wolle Cola ja ebenfalls nichts anderes als die Weltherrschaft …

… das ist dann doch ein bisschen ehrlicher und lustiger als „Mad Men“.

Der Zotenkönig

Eine Hausfrau wickelt eine Salatgurke in ein Stück Zellophan, dann schüttet sie sich ein Glas Milch über den Kopf. Das Publikum lacht sich kaputt.

Mehr brauchte es wohl in den 70ern nicht, um Sketch-Comedy fürs Fernsehen zu machen. Oder der hier: Kommt der Mann vom Zimmerservice in die Hotelsuite und hört eine Frauenstimme aus dem Bad rufen: „Ich bin unter der Dusche!“ Schon zittert der Gute vor Erregung so, dass ihm das Warmhaltetuch von — was sonst — den beiden Frühstückseiern in ihren Bechern fällt. Haha!

Wenn man mal sehen will, wie britischer Humor vor Beginn der vermeintlich achsobösen political correctness ging, bevor also in den frühen Achtzigern die alternative comedy dem Sexismus, Rassismus und der Schwulenfeindlichkeit in der Comedy ans Leder ging, dann kann man sich ab morgen sogar auf deutsch 38 Folgen der „Benny Hill Show“ auf DVD reinziehen: Comedy vom Unfeinsten vom britischen Zotenkönig, dessen größtes Vermächtnis wohl die Titelmusik „Jakety Sax“ ist, die vor einigen Jahren mal für alle möglichen Mashups bei YouTube herhalten musste.

Heute muss man tatsächlich mehr vor Verblüffung lachen, was mal alles so gegangen ist — und ja nicht eben erfolglos, sondern selbst in den USA unglaublich erfolgreich. Selbst für Michael Jackson war Benny Hill der Größte; gut, andererseits stand Jackson auch auf kleine Kinder. Da folgt Zote auf Zote auf Zote; man erwartet fast, dass sich das Prinzip nach drei oder fünf, spätestens nach zehn Folgen mal totgelaufen hätte. Aber nein: 38 Folgen sind allein in dem neuen deutschen Box-Set, das sind 17 Stunden, und das war nur der kleinste Teil des unfassbar riesigen Werks, das Benny Hill hervorgebracht hat. Von 1955 bis 1989, unglaubliche 34 Jahre lang lief seine Show, wurde in 140 Ländern ausgestrahlt und hatte im Original 45 oder sogar 60 Minuten Laufzeit; in den USA und in Deutschland zum Glück nur knappe halbe Stunden.

Auf Deutsch wird Hill gesprochen von Andreas Mannkopff, und zwar ausschließlich, denn eine englische Tonspur gibt es leider nicht.

Interessanter als die Show selbst — die durchaus noch immer komische Momente hat, vor allem in ihren dreistesten Momenten — aber ist die Geschichte Benny Hills selbst. Der nämlich war das Gegenteil dessen, was er vor der Kamera gespielt hat: leise, höflich, schüchtern bis zur Zurückgezogenheit. Angeblich hatte er die längste Zeit eine kleine Zweizimmerwohnung in Fußweite zu den Studios, und ein Zimmer davon betrat er nie, richtete es nicht einmal ein und bezeichnete es als sein „Müll-Zimmer“. Niemand hat je einen Blick hinein werfen dürfen.

Ein komischer Kauz also, der traurig endete, und wie genau, und was davor alles geschah, das habe ich schon vor vier Jahren einmal für Titanic aufgeschrieben — und seitdem kann man es auch hier im Blog nachlesen: „Der Mann, der Benny Hill war“.

Die entscheidende letzte Folge, Teil 2: „Mad Men“

21. Mai 2015 5 Kommentare

Den gestrigen Text hatte ich schon vor ein paar Tagen geschrieben, jedenfalls bevor die letzte Folge „Mad Men“ (AMC, 2007 – 15) gelaufen ist. Interessanterweise aber wirft auch sie ähnliche Fragen auf, insbesondere das mehrdeutige Ende der Folge.

Spoilerwarnung: Wer das „Mad Men“-Finale noch nicht gesehen hat, sollte jetzt nicht weiterlesen.

Am Ende dieser Folge nämlich sehen wir Don Draper, wie er nach einer weiteren Flucht vor/Suche nach sich selbst quer durch das amerikanische Heartland in einer Hippie-Kommune, einem Ashram oder etwas vergleichbarem landet, wo Hippies alternative Lebensweisen erproben, sich in Gesprächszirkeln und mit Hilfe von Meditation öffnen, ihre Gefühle preisgeben und sich in Gruppen emotional ausziehen, um mit sich selbst in Einklang zu kommen — das genaue Gegenteil von dem Ort also, wo sich ein Don Draper normalerweise wohlfühlen sollte.

Wider Erwarten aber hat Don eine Art kleineren Zusammenbruch, eine emotionale Katharsis, als er der Lebensbeschreibung eines mittelalten Halbglatzenträgers, eines erkennbar auf Durchschnitt angelegten Heinis zuhört, der seine Außenseiterrolle reflektiert und seinerseits überwältigt von der Flut seiner Gefühle in Tränen ausbricht. Mit ihm spürt Don plötzlich eine gemeinsame Wellenlänge — und entdeckt offenbar all seine eigenen verdrängten Gefühle, ja: kann sie sogar zulassen. (O Gott, was für ein Therapeuten-Vokabular!)

Anschließend sehen wir Don, etliche andere Hippies und ihren Guru/Meditationsleiter, wie sie im Lotussitz sitzen, im Gras über einem Steilhang an einer kalifornischen Küste, und „Ommmm“ machen. Ein Lächeln huscht über Dons Gesicht, und es läuft, letzte Einstellung, die „I want to buy the world a coke“-Werbung von 1971, in der ein Hippie-Chor unter freiem Himmel genau dieses Gefühl von hippiesker Freiheit zu transportieren sucht (und das, dank des Songs, auch ziemlich gut hinbekommt).

Ende.

Nun bleibt, Vorhang zu und alle Fragen offen, die Ungewissheit, was Matthew Weiner sagen wollte: Hat sich Don nun verändert, ist er am Ende zu einem, ähm, Blumenkind geworden, das mit seinen Gefühlen in Übereinstimmung lebt? Oder hat er die Inspiration aus dieser Erfahrung dafür genutzt, die beste Werbekampagne aller Zeiten zu erfinden, für die manche diese Cola-Werbung halten? Und ist aus einer tiefen, echten Empfindung wieder einmal Kommerz geworden, fast hätte ich geschrieben: schnöder?

Weiner selbst erklärt sich nur so halb (kein Künstler, der etwas auf sich hält, sollte sich je erklären): Er lebe mit und in so vielen Ambiguitäten, dass er selbst nicht hundertprozentig wisse, was da los gewesen sei.

Auch ich als Zuschauer war nach dem Ende der Episode erstmal gar nicht auf die Idee gekommen, die Colawerbung könnte von Don gewesen sein. Natürlich liegt das nahe, war er doch vorher schon bei McCann Erickson auf dem Colaaccount gewesen. Aber es wird ja nicht explizit gesagt, es sei Dons kreatives Genie gewesesn, dem diese Kampagne entsprungen ist.

Die Antwort auf die Frage, die sich hier stellt, die „Mad Men“ von Anfang an gestellt hat: Kann sich Don, kann man sich generell verändern, oder bleibt man immer der, der man ist? müsste so beantwortet werden: Wer weiß? Wen interessierts?

Denn selbstverständlich haben wir es hier mit Kunst(-handwerk) zu tun, und selbstverständlich kommt alle Kunst (und auch das bessere Kunsthandwerk) aus seinem Schöpfer, wie die Colakampagne (womöglich) aus Don, wie „Mad Men“ aus Weiner. Man könnte also die letzte Szene mit dem Cola-Spot auch als Synthese aus beiden Positionen lesen (These: man bleibt immer der, der man ist; Antithese: Veränderung ist möglich), als dialektische Verbindung und Aufhebung beider Ansichten, die (ohne dass das in eine der beiden Richtungen ausdeutbar wäre) beides in sich trägt: die Möglichkeit und die Unmöglichkeit zur Veränderung.

Aber es gibt die Möglichkeit zur Kunst und zur Aufhebung der Wirklichkeit in der Kunst.

Und so erklärt sich „Mad Men“ aus genau der letzten Folge, der letzten Szene durchaus selbst: nämlich als Kunstprodukt, das strukturell selbst nichts anderes ist als die Colawerbung. Ein Kunstwerk, das uns vielleicht etwas über die Welt erzählt, und zwar so, dass wir entweder zynisch („alles Kommerz!“) oder mitfühlend darauf reagieren können („das ist er, der amerikanische Traum!“) — aber über eines kann uns keine Serie der Welt etwas erzählen: Über uns je selbst, über den Einzelnen, das Individuum.

Dass aber sich die Gesellschaft verändert, und wir uns in ihr, das ist natürlich die andere Quintessenz von „Mad Men“.

Ich persönlich fand diese letzte Folge „Mad Men“ toll und traurig, vor allem mit all den losen Fäden: Ja, Peggy und Stan kriegen sich (das fand ich den am ehesten forcierten und schwächsten Strang), Joan ist schon wieder an den falschen Kerl geraten und entscheidet sich (vermutlich) eher für den Job als für den Kerl, Betty zahlt den Preis für all die Raucherei in den ganzen sieben Staffeln, Pete entscheidet sich sowohl für Trudy als auch für seinen Job und hat mehr Glück, als man ihm am Beginn der Serie zugetraut oder auch nur gegönnt hätte.

Aber nichts davon wird wirklich zuende erzählt: Betty stirbt nicht (nach der vorletzten Folge dachte ich, in der letzten Folge treffen sich alle bei ihrer Beerdigung), wir wissen nicht, ob aus Joans Plänen zu einer Film- und Fernsehproduktion wirklich etwas wird, und was aus Don wird, bleibt ohnehin vollkommen offen. Genau diese, auch hier: Ambiguität (das Ende wird erzählt und bleibt doch offen) finde ich schon ziemlich gut — und finde, dass „Mad Men“ sich mit diesem Finale also absolut gerecht geworden ist.

Die entscheidende letzte Folge

20. Mai 2015 7 Kommentare

Können letzte Folgen ganze Serien ruinieren? Kann die letzte Episode einer Staffel alle elf oder 23 (oder auch nur fünf) Episoden vorher so irreparabel beschädigen, dass man sich ärgert, seine Zeit damit verschwendet zu haben?

Klar, können sie. Und umgekehrt: Letzte Folgen können ganze Serien im Rückblick in neuem Glanz erstrahlen lassen, wenn Schlüsselinformationen mit einem Mal dafür sorgen, dass man alles, was zuvor geschehen ist, in neuem Licht sieht.

Und während letzteres etwa bei der brillanten Serie „Broadchurch“ (ITV 2013, erscheint morgen auf DVD — siehe Ende des Eintrags) der Fall ist, ist es bei „Fortitude“ (Sky Atlantic, 2015) leider wie zuerst beschrieben: Das Ende enttäuscht schwer, weil es zwar das serienbestimmende Geheimnis lüftet (Wer hat den elfjährigen Danny Latimer getötet?/Was ist auf der kleinen arktischen Insel los?) — aber halt auch nicht mehr als das. Es gibt keine zweite Ebene, kein Thema, das unter der Oberfläche dafür sorgt, dem Rätsel im Vordergrund eine quasi literarische Bedeutung zu geben, ohne die jeder Krimi, jeder Thriller, jede Mysteryserie seelenlose Dutzendware bleiben muss, weil es ohne diese Ebene nämlich völlig wurscht ist, ob es nun der Gärtner oder der Chauffeur oder das Alien oder ein Geheimagent aus Moskau war.

Die Genialität von „Broadchurch“ und Autor Chris Chibnall („Doctor Who“) ist es, das Thema der Serie offen anzuspielen und dabei doch bis zum Schluss mit dem Clou hinter dem Berg zu bleiben. Denn es ist von Anfang an klar: Das Thema ist hier die kleinstädtische Nähe, das enge Beziehungsgeflecht der überschaubaren Gemeinschaft, in der jeder jeden zu kennen glaubt — und in der ein so skrupelloser Mord an einem Kind umso erschreckender offenbart, dass man über seine Mitmenschen eben doch lange nicht so gut bescheid weiß, wie man glaubt.

Was man so weiß, reicht den meisten Menschen ja auch — dass ein schon mal straffällig gewordener Pädophiler also ein leichtes Ziel abgibt für den Mob, ist keine Überraschung. Die Überraschung liegt vielmehr in der ständigen Neubewertung der Beziehungen, die die Figuren untereinander haben: die völlig überforderte und übergangene örtliche Polizistin Ellie Miller (die sensationelle Olivia Colman) zum von außen hinzugezogene Ermittler Alec Hardy (ebenfalls toll: David Tennant), der ihr zu ihrem Leidwesen bei der anstehenden Beförderung vorgezogen und ihr vor die Nase gesetzt wird, und all die mehr oder minder verdächtigen Provinzler samt lokaler Klatschpresse.

„Broadchurch“ macht also das denkbar beste aus dem ewiggleichen Whodunnit-Prinzip, das mich bei den meisten Krimis sofort ermüden lässt: denn hier überrascht nicht nur, wer am Ende der Täter war, sondern auch welche Auswirkung die Auflösung auf das der Serie zugrundeliegende Thema hat.

(Es hat mich dementsprechend verblüfft, wie Chibnall die zweite Staffel angelegt hat, die Anfang dieses Jahres gelaufen ist: Sie hat nicht etwa einen neuen Fall an den Anfang gestellt, sondern den Prozess gegen den Täter der ersten Staffel. Das war tatsächlich genauso riskant, wie es sich anhört: Weil es die Erwartung aller Krimifreunde zunächst einmal radikal zerstört hat — nämlich die, dass es einen ähnlich spannenden Fall gibt wie den, der der ersten Staffel Rekordquoten und großes Mitfiebern seitens der Zuschauer eingebracht hat. Angeblich war die Frage nach dem Täter während der ersten Staffel schon während noch gedreht wurde so ein großes Ding, dass selbst die Schauspieler bis zum letzten Moment nicht wissen durften, wie alles ausgeht. In der Tat sind die Quoten der zweiten Staffel schnell eingebrochen, obwohl sich doch noch ein zweiter Fall entwickelt hat, der seinerseits wieder gut, aber eben viel konventioneller war als bei der ersten Staffel.)

„Fortitude“ nun legt ein ähnliches Netz: Hier ist es eine kleine Insel, die zu Spitzbergen gehört und auf der ebenfalls nur eine Handvoll Menschen leben, die allerdings aus aller Herren Länder stammen: denn Fortitude lebt hauptsächlich von den Minen, die nun sukzessive geschlossen werden. Um die Insel am Leben zu erhalten, plant die Gouverneurin Hildur Odegard (Sofie Grabol), Touristen mit einem Hotel anzulocken, das komplett in einen Gletscher hineingebaut sein soll.

Nun passiert aber ein Mord, mit dem die lokale Polizei (auch hier eine Parallele zu „Broadchurch“) überfordert ist, weil sonst nie Gewaltverbrechen auf der Insel passieren. So findet der zwielichtige Sheriff Dan Andersen (Richard Dormer) auch zunächst keine Erklärung — weder was den Mörder angeht noch sein Motiv. Das könnte zwar darin bestehen, dass der getötete Wissenschaftler (Christopher Eccleston in einer Gastrolle) keinen Zugriff auf die gefrorenen Überreste eines prähistorischen Mammuts erhalten soll — aber genau weiß man es nicht.

Nun entwickelt sich auch in „Fortitude“ ein psychologisches Spiel, das von überragenden Schauspielern (u.a. Michael Gambon, Stanley Tucci und Darren Boyd, der auch in ernsten Rollen etwas kann), toll inszenierten und teils ziemlich brutalen Bildern lebt — und doch am Ende der großen Eröffnungsnummer nicht gerecht wird: weil die Auflösung zwar nach den Maßstäben moderner Thriller durchaus plausibel ist, aber eben kaum etwas mit dem Thema zu tun hat, das sich (wie bei Broadchurch) auch erst am Ende offenbart.

Das ist schade, weil man bis dahin schon so viel Zeit investiert hat (insgesamt sind es zwölf Episoden à netto 45 Minuten) — und sich dabei ja auch gut unterhalten gefühlt hat –, dass man einfach mehr erwartet hätte als eine solide, aber eben nicht überragende Auflösung des Ganzen. Doch wenn sich die zahlreichen Nebenhandlungen (die, wie gesagt, jede für sich ziemlich gut und auch sehr spannend sind) als eben genau das erweisen: Nebenhandlungen, die mit dem großen Plot am Ende nicht verknüpft sind — dann regiert (zumindest bei mir) schon eine leise Enttäuschung.

Sehenswert ist, das möchte ich festhalten, „Fortitude“ nun auf jeden Fall trotzdem: die fast 90% bei Rotten Tomatoes sprechen für sich. Aber eben weil Cast und Dramaturgie bis zum Schluss so vielversprechend sind, es nach den ersten Folgen ziemlich schnell ziemlich spannend wird, fällt das flache Ende umso mehr ins Gewicht.

***

Eine „Broadchurch“-DVD der ersten Staffel habe ich zu verschenken — der erste Interessent in den Kommentaren kriegt sie!

Entschleunigtes Fernsehen

Wer zwei Stunden Zeit hat und die Muße findet, kann hier schön Bötchen fahren: „All Aboard! The Canal Trip“ (BBC4) bietet ohne Schnitt, ohne Musik, ohne Offsprecher, in Echtzeit den Kennet and Avon-Kanal zwischen London und Bristol bzw. eine sehr schöne Teilstrecke davon. Die BBC hat einige Texttafeln mit Informationen in die Landschaft gemorpht oder was, an einigen Stellen alte Fotos in die (sehr langsam) bewegten Bilder montiert, etwa um den zugefrorenen Kanal zu zeigen oder alte, längst abgerissene Gebäude an seiner Seite. Unfassbar tolle Bilder, typisch englische Lichtstimmung mit schnellem Wechsel von Sonne und Wolken, Vogelgezwitscher — ein bisschen wie bekifft sein. Gute Fahrt! (Die offenbar viele Menschen schon mitgemacht haben, wie der Independent berichtet. Slow TV ist im Kommen, glaube ich.)

***
Der ursprünglich hier eingebettet Videoclip wurde zwischenzeitlich entfernt, also habe ich ihn jetzt auch rausgenommen.

Auf der Überholspur

Peter Kay ist so etwas wie der britische Hape Kerkeling: Sehr komisch und gleichzeitig sehr mehrheits-, ja, familienfähig. Seine Live-Shows sind seit vielen Jahren chronisch ausverkauft, und weil mit Liveauftritten sehr viel mehr Geld zu machen ist als mit schlecht bezahlten Sitcoms, tut Peter Kay das, was wirtschaftlicher ist: Er tritt live auf. Dabei muss er sich allenfalls vorwerfen lassen, dass er das Comedy-Rad keinesfalls neu erfindet: dass das, was er macht, zum größten Teil harmlos und altmodisch ist, observational comedy, also die unter Comedians mit Herablassung betrachtete niedrigste Form der Comedy. Aber was macht das schon, wenn man erfolgreich ist und, wie gesagt, dabei auch noch sehr komisch.

Aus vermutlich vorwiegend wirtschaftlichen Gründen also ist Peter Kay seltener im Fernsehen zu sehen, als man sich das als Zuschauer wünscht, hat er doch mit „Phoenix Nights“ (Channel 4, 2001 – 02) zwei Staffeln einer wunderbaren Sitcom abgeliefert, die in einem nordenglischen Social Club angesiedelt ist, und mit  Peter Kay’s Britain’s Got The Pop Factor… and Possibly a New Celebrity Jesus Christ Soapstar Superstar Strictly on Ice“ (Channel 4, 2008) ein One-Off-Special, das bis heute seinesgleichen sucht: nämlich die liebevolle Parodie auf die englische Version von DSDS, mit Originalmoderatoren und -Jury, u.a. Pete Waterman, und unglaublich hochkarätigen Gastauftritten (Paul McCartney!). Gut, außerdem gab es noch ein paar nicht so großartige Serien wie „Max and Paddy’s Road to Nowhere“ (Channel 4, 2004) mit dem ungleich weniger talentierte Patrick McGuinness (über den Stewart Lee mal in einem Stand Up zum Thema englische Provinz sagte: „There’s a corn exchange. And that bloke from Max and Paddy is coming. No, no, not Peter Kay, the other one … Paddy. Yes, Paddy McGuinness is coming. Paddy McGuinness is coming with his joke.“)

Nun kommt aber wieder Peter Kay, und wenn meine ganze lange Einleitung ein Ziel hatte, dann das zu verdeutlichen, warum das in England so ein großes Ding ist und warum Kay damit gleich mal den BBC-iPlayer gesprengt hat, auf dem die vorab dort veröffentlichten sechs Folgen von „Peter Kay’s Car Share“ (BBC1, seit April) schon zu sehen waren, bevor sie nun sukzessive auch linear laufen: Weil die wenigen Fernseh-Shows, die Kay gemacht hat, (fast) alle sehr komisch waren — und weil Kay nun nach zehn Jahren Abstinenz wieder in einer Sitcom zu sehen ist.

Auch diese Sitcom — die erste mit Peter Kay, die er nicht selbst geschrieben hat, sondern in diesem Fall Tim Reid und Paul Coleman — ist, das ist das erste, was auffällt, vor allem von dem niedrigen Budget geprägt, mit dem sie produziert ist: Denn die Autoren haben sich von vorneherein gleich selbst darauf beschränkt, sie komplett in einem Auto mit nur zwei Hauptfiguren anzulegen. Das spart ordentlich Geld, und nur einen kleinen Teil des Eingesparten hat die Produktion dann für etwas anderes (Sichtbares) ausgegeben: für ein paar eingestreute Musikvideo-Parodien.

Ansonsten geht es, weil man ja einen wiederholbaren Rahmen braucht, um den Weg zur Arbeit und zurück, und weil die zwei Protagonisten ein bisschen Reibungsfläche brauchen, sind sie nur mehr oder weniger freiwillig zusammen: nämlich weil die Firma, ein Supermarkt, ein Car-Share-Programm aufgelegt hat.

So fahren John (Kay) und Kayleigh (Sian Gibson, unter dem Namen Sian Foulkes schon bei „Britain’s Got The Pop Factor“ mit dabei) täglich zusammen zum Supermarkt und zurück und hören dabei den fiktionalen Musiksender Forever FM, wo alles läuft, was der Generation der Anfang-bis-Mitte-der-70er-Geborenen Spaß macht: R.E.M., They Might Be Giants, Johnny Hates Jazz, Duran Duran usw.

Ein einfaches Konzept, das naheliegenderweise hauptsächlich auf Dialogwitz setzt — und davon gibt es reichlich. Kay und Gibson ergänzen sich prima: Man nimmt den beiden ab, dass sie nicht viel miteinander anzufangen wüssten, wären sie nicht durch das Car-Share-Programm aneinander gebunden: er als dicklicher Spät-Junggeselle im mittleren Management, sie als leicht oberflächliche Verkäuferin, dass sie aber auch nicht so weit auseinander sind, dass sie es nicht miteinander aushielten. Will also etwa ein Dritter mitfahren, etwa der stinkende Fischverkäufer Ray (Gaststar Reece Shearsmith), verbünden die beiden sich ganz schnell.

Außerdem sind die Autoren klug genug, das Prinzip der Serie schnell zu variieren. Schon in der zweiten Episode fahren John und Kayleigh nicht zur Arbeit, sondern sind Teil eines Trauer-Corsos, weil ein Einkaufswagenzusammenschieber gestorben ist. Oder sie fahren mal durch die Waschstraße.

Und man sollte auch nicht annehmen, dass „Mainstream“ und „mehrheitsfähig“ gleichbedeutend mit „bieder“ wäre; es ist schon immer noch eine britische Sitcom. Wie vielleicht nachstehender Clip verdeutlicht, der aus einer der ersten Szene der ersten Folge stammt:

An einer anderen Stelle geht es darum, wie gerne Kayleigh Dogging betreibt, und es braucht eine hübsche Weile, bis klar wird, was Kayleigh unter Dogging versteht, und noch eine, bis sie davon überzeugt ist, dass andere Menschen unter Dogging etwas anderes verstehen als sie.

2,8 Millionen Mal ist „Peter Kay’s Car Share“ schon über den iPlayer abgerufen worden und damit die erfolgreichste Serie ever, die als Box-Set online Premiere hatte. Und das trotz ihres eher restriktiven Rahmens, der einem das Binge-Watching ein wenig schwer werden lässt: Denn mehr als eine Folge will man am Stück eigentlich nicht sehen. Dazu passiert dann äußerlich doch zu wenig.

Aber eine Folge pro Abend, das geht sehr gut, denn es sind viele echte Lacher dabei — eine Seltenheit mittlerweile, wo ich bei den meisten Sitcoms kaum noch schmunzeln muss. Ich hoffe, wenigstens die Autoren haben von dem vielen Geld, das die BBC da gespart hat, ordentlich etwas abbekommen. Hahahaha!