Guilty Pleasure

21. Februar 2019 Keine Kommentare

Ja, ich gebe es zu: Ich sehe sehr gerne diese ganzen historischen Adelsdramen britischer Provenienz: „The Crown“ (Netflix, seit 2016) etwa, oder derzeit die dritte Staffel „Victoria“ (ITV, ebenfalls seit 2016).

Eine Leidenschaft übrigens, bei der mich die Frau, ansonsten „Downton Abbey“ nicht abgeneigt, dann doch schön alleine lässt; zu sehr geht ihr die Feudalismusverherrlichung gegen den Strich. Und natürlich hat sie recht: So wie Krimis das Narkosemittel der Bürokratiegesellschaft sind, ist diese Aristokratieanbetung die Rechtfertigung einer ständischen Gesellschaft.

Aber wenn diese Serien dann eben die ganzen Königinnen und ihre mehr oder weniger schwachen Männer (Albert, das empfindsame Würstchen aus Coburg! Prinz Philip, der ewig an seiner Bedeutungslosigkeit knabbernde Möchtegernplayboy!) so menschlich zeichnen! Wie soll man da kein Herz für die Monarchie entwickeln.

Das ich ja ohnehin habe. Denn ich finde das Konzept, dass sich ein Volk eine Familie von Arbeitslosen hält, die sie in einem Schloss ausstellt und zur Anbetung freigibt, eigentlich ganz überzeugend. Überzeugender jedenfalls als die deutsche Lösung, sich stattdessen einen bürgerlichen Grüßaugust von Bundespräsidenten in ein Schloss zu setzen, dem der göttliche Auftrag zum Faulenzertum völlig fehlt.

Der sogar gewählt wird! Braucht man denn zur absoluten Faulheit ein demokratisches Mandat?!

Nein, so lange die parlamentarische Demokratie funktioniert — und die englische ist ja nun mal sogar die älteste der Welt, wenn ich mich nicht täusche –, finde ich diese Idee sehr schön: Wer will nicht so sein wie diese Langzeitarbeitslosen, die es sich auf Kosten des Staates ein Leben lang gut gehen lassen! Die vorleben, dass man in der sozialen Hängematte leben kann wie die Made im Speck und Kinder kriegen wie die Kaninchen! Victoria hatte allein, das lernt man dann nebenbei eben auch, sieben Stück.

Das finde ich sehr gut, und ich sehe Jenna Coleman beim höfischen Ausdemfenstergucken genauso gerne zu wie ich Claire Foy dabei zugesehen habe, die in „The Crown“ ja nun offenbar von Olivia Colman abgelöst werden soll.

Weiter so, mehr davon, ich gucke das alles weg. Lang lebe die Monarchie!

Aha!

9. Februar 2019 Keine Kommentare

Ich bin sehr gespannt.

Die Banalität des Guten

5. Februar 2019 Keine Kommentare

Als „Bürokraten mit Waffen“ beschreibt der Anthropologe David Graeber in seinem Buch „Bürokratie. Die Utopie der Regeln“ (Klett-Cotta 2016) Polizisten und erklärt den enormen Bedarf unserer Gesellschaft an Polizei- und Kriminalfiktion ganz schlicht mit dem Fetisch, der unser aller Leben mehr bestimmt, als wir es gerne wahrhaben möchten: mit Bürokratie.

Will heißen: Graeber diagnostiziert — noch bevor er sich in seinem nächsten Buch explizit auf die „Bullshit-Jobs“ stürzt, die einen Gutteil der aktuellen Lohnarbeit ausmachen — eine horrende Verwaltungsapparatur am Werk, die uns verpflichtet, Regeln zu befolgen, die wir nur noch zu einem Bruchteil verstehen (Steuererklärung, „Akzeptieren“-Buttons, Mobilfunkverträge, Altersvorsorge, Projektmanagement), und dann Berichte über die Ausführung von Regeln und die zukünftige Anwendung von Regeln anzufertigen, was im Wesentlichen alle in den Wahnsinn treibt, auch wenn sie es nicht merken.

Allein dass Universitätsmitarbeiter mittlerweile einen beachtlichen Teil ihrer Arbeitszeit nicht mehr mit Forschen und Lehren verbringen, sondern mit Anträgen und Verwaltung, die auch die Ergebnisse noch gar nicht begonnener Untersuchungen schon im Vorhinein wissen möchten, um finanzielle Mittel zu bewilligen, sollte einen zum Haareraufen bringen: denn das bedeutet nichts anderes, als dass sich die Wissenschaft längst der Verwaltung, dem Bürokratentum gebeugt hat und von ihm abhängig ist statt andersherum.

Graeber kaut auf diesem Gedanken mit den schönsten Ergebnissen herum, aber mich haben vor allem seine Ausführungen zur Popkultur fasziniert und seine Erklärung, warum Science Fiction in den Sechzigerjahren eines der bestimmenden Genres war (und warum die Föderation in „Star Trek“ im Prinzip eine leninistisch-kommunistische Militärdiktatur abbildet), es aber seit dem Übergang einer produktionsbestimmten Gesellschaft in eine Informationsgesellschaft eher ein anderes Genre ist, das uns begeistert: nämlich Krimis.

Denn der Siegeszug von immer demokratischeren Modellen brachte ein Problem mit sich: Die Frage, was das Volk eigentlich will. Datenerhebung, Auswertung, Verwaltung, Gremien, Meetings, „Management“. Anträge, Projektbeschreibungen, Kästchenankreuzerei. Mit einem Wort: immer überbordendere Bürokratie — die sogar das Militär schlussendlich in die Knie zwingt, siehe die derzeitigen Probleme bei der Bundeswehr. Von der Deutschen Bahn mal ganz abgesehen. Oder von Bauprojekten (BER, Stuttgart 21). Es ist die Verwaltung, endlose sinnlose Aktenschubserei, die letztlich alles lahmlegt, die man aber nie wieder los wird, wenn sie sich erst einmal das System unterworfen hat. Die Dirigenten haben das Orchester übernommen, und mittlerweile kommen zwölf Dirigenten auf einen Bratschisten.

Der bewaffnete Arm des demokratischen Staates, der die Durchsetzung von Regeln zur Aufgabe hat, ist der Polizist. Er ist viel mehr mit der Aufgabe betraut, über die Einhaltung der öffentlichen Ordnung zu wachen — und, selbstverständlich, ebenfalls Berichte, Berichte, Berichte zu schreiben. Das nimmt einen viel größeren Teil seiner Arbeitszeit ein als eventuelle Verfolgung von schießwütigen Ganoven oder überhaupt tatsächliche Gewalttätigkeit. Die Hauptaufgabe eines Polizisten ist die Informationsbeschaffung: für seinen Vorgesetzten, für die Staatsanwaltschaft, für die Gerichte.

(Dort, wo die Informationsbeschaffung heimlich zu geschehen hat, ist der Spion zuständig — ein eigenes, dem Krimi aber anverwandtes Genre in der Popkultur.)

Kein Wunder also, dass der Polizist, der Ermittler, der Held unserer bürokratiegeprägten Zeit ist, dem ein nicht zu unterschätzender Teil der Bildschirmzeit im deutschen Fernsehen gehört.

Und umso bedauerlicher, dass wenige Krimis diesem Umstand Rechnung tragen.

Das wurde mir — ich bin wahrlich kein Fan von Krimis — einmal mehr deutlich, als ich gestern den ITV-Dreiteiler „Manhunt“ (2019) gesehen habe, in dem ein wahrer Fall von Anfang der Nullerjahre aufgerollt wurde: der scheinbar wahllose Mord an einer jungen Französin in London, der zur Aufdeckung einer ganze Mordserie an jungen Frauen führte.

Im Mittelpunkt von „Manhunt“ steht der ermittelnde Inspektor (Martin“Doc Martin“ Clunes als DCI Colin Sutton), der so anders ist als andere vergleichbare Kriminaler, dass es eine Wohltat ist: nüchtern, unaufgeregt, sachlich. Weit entfernt von der toxischen Maskulinität eines „Luther“, die in Krimis oft die Heldenhaftigkeit ihrer Hauptfigur illustrieren soll. An Colin Sutton ist nichts Heldenhaftes. Er ordert die Auswertung aller verfügbaren Überwachungskameras in einem riesigen Areal, auch wenn es zehn Beamte drei Wochen in Anspruch nimmt, Bildmaterial auszuwerten, von dem man nicht einmal weiß, was man darauf sucht. Wenn 25.000 weiße Lieferwagen überprüft werden müssen, müssen eben 25.000 weiße Lieferwagen überprüft werden. Wenn Taucher einen halben Fluss nach einem Handy absuchen müssen, muss die Einheit eben den halben Fluss absuchen. Und wenn eine Supermarktquittung von vor vier Jahren ein wichtiges Indiz ist, muss im Supermarktbüro eben auf riesigen archivierten Quittungsrollen nach diesem einen Bon gesucht werden, auf dem 41,35 Pfund für Windeln, Reis und Olivenöl draufstehen.

Es ist, mit anderen Worten, die Banalität des Guten, die hier am Werk ist. Am Ende stellt sich heraus, dass die Mordserie schon vor den letzten Toten hätte beendet werden können, wenn sich nicht ein  — selbstredend bürokratischer — Fehler eingeschlichen hätte.

Dass der Täter ein Monster ist, wird dabei nur sehr am Rande thematisiert: das versteht sich von selbst. Warum er ein Monster (geworden) ist, ist vollkommen unwichtig. Die familiäre Belastung, die dieser Fall für Sutton darstellt, lässt ihn selbst kalt — er ist der preußischste Beamte des Vereinigten Königreichs. So beamtisch, dass er beinah blass wirkt. Die Dramaturgie ist klug genug,  genau diese trockene Ermittlerarbeit zu problematisieren, denn Sutton eckt mit seiner peniblen Art bei Untergebenen wie Vorgesetzten selbstverständlich an.

Aber wenn schon Krimi, dann so: keine Psychologie, keine persönlichen Motive zwischen Täter und Ermittler (wie sie längst nicht mehr nur in Thrillern zuhause sind); wenn schon deutsche Krimis, dann lieber Derrick als Nick Tschiller. Da weiß man wenigstens, dass Horst Tappert in der Waffen-SS war, bevor er so knochentrocken im Münchener Reichenmilieu ermitteln durfte. Die Staatsformen ändern sich, ihre Identifikationsfiguren bleiben gleich.

Gute Krimis aber legen ihre Bürokratenverherrlichung offen. Über die Wucherungen dieser staatlichen Gewalt, die in Großbritannien etwa eine ubiquitäre Videoüberwachung mit sich gebracht hat, darf man da freilich entsetzt sein: Omnibusse mit Kameras, die nicht nur das Innere, sondern auch den Verkehr vor und hinter dem Bus aufzeichnen etwa. Dass man als Zuschauer aber gezwungen ist, diese überwachungsstaatliche Perspektive einzunehmen und sehr stark für Totalüberwachung zu sein, weil sie die Verstöße gegen ihre staatlichen Regeln verfolgen hilft: das ist lobenswert, denn erst dieser innere Konflikt hält mich als Krimizuschauer überhaupt wach.

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Erste Zweite Wahl

25. Januar 2019 1 Kommentar

Olivia Colman als beste Hauptdarstellerin für einen Oscar nominiert! — Echt jetzt? Das war, ungefähr, meine erste Reaktion auf die Nachricht, die Queen-Anne-Darstellerin sei für ihre Leistung in „The Favourite“ auf die Liste der Academy gerutscht.

Nicht, weil sie es nicht verdient hätte. (Und auch nicht, weil ich mir von „The Favourite“ wenig verspreche, seit ich Yorgos Lanthimos‘ „The Lobster“ gesehen habe, einen unerträglich verkünstelten und sensationell langweiligen Postdada-Schmarrn.) Sondern weil ich sie nicht auf dem Schirm hatte als Hauptrollen-Material.

Denn eigentlich ist Colman die perfekte Besetzung für „zweite Wahl“-Charaktere. Das war sie in meiner Wahrnehmung zuerst in „Peep Show“ (Channel 4, 2003 – 2015), wo sie die eher ungepflegte und verlotterte Arbeitskollegin von Mark (David Mitchell) spielte, in die er sich verliebt zu haben glaubt, die ihm aber schnell als, nun ja, zweite Wahl erscheint.

Übergewichtig und überarbeitet, Mutter von vier Kindern und in einer gescheiterten Ehe gefangen war sie auch in ihrer Rolle als Personalerin in „Green Wing“ (Channel 4, 2004 – 06), der surrealen Mischung aus Sketchshow und Sitcom vom „Smack The Pony“-Team um Victoria Pile. Das Gegenteil eines love interests jedenfalls, unscheinbar und mit kaum vorhandenem Selbstwertgefühl.

Und selbst als Colman in „Broadchurch“ (ITV, 2013 – 17) in der zweiten Hauptrolle neben David Tennant ermittelte, war ihre Figur abermals „zweite Wahl“, insofern sie, statt befördert zu werden, eben Tennant als leitenden Kommissar vor die Nase gesetzt bekam — nicht zuletzt, weil sie angeblich zu sehr mit ihrer Familie und zu wenig mit ihrem Beruf beschäftigt war. Was wiederum in „The Night Manager“ (BBC1, 2016) als Motiv so umgesetzt wurde, dass sie da als Ermittlerin hochschwanger war.

Colman hat in ihren Rollen nie durch Attraktivität gepunktet, war immer eher die graue Maus. So grau, dass ich gar nicht auf dem Schirm hatte, dass sie sowohl in „The Office“ war als auch in „Hot Fuzz“, in „Skins“ und in „Love Soup“, in „Twenty Twelve“ — alles Sachen, die ich mehr als zweimal gesehen habe.

Freilich ist genau das ihr Talent. Und auch das Pfund (höhö), mit dem sie wuchern kann: Sie hatte, was ich so lese, kein Problem damit, sich für die Rolle der Queen Anne dickzufressen (sondern, klar, eher damit, die Pfunde dann wieder loszuwerden). Sie hat den Mut zur Hässlichkeit, was für Schauspielerinnen noch bravouröser ist als für ihre männlichen Kollegen. Insbesondere, wenn frau nicht nur komische Rollen spielen möchte (wie, sagen wir mal, Miranda Hart).

Das, zusammen mit ihrem schauspielerischen Talent, hat sie in Großbritannien enorm beliebt gemacht und nun für die Hauptrolle in „The Favourite“ prädestiniert. Wäre schön, wenn der Film auch noch was taugen würde, aber, wie schon gesagt, daran habe ich leider meine Zweifel.

Mehr Drama, Baby!

22. Januar 2019 Keine Kommentare

Es gilt halt letztlich doch: ohne Konflikt ist alles nix. Verblüffend nur, dass das auch für sowas wie Auto-Shows gilt.

Die drei enfants terribles der Autoshows jedenfalls dürfen, seit sie zu Amazon Prime gewechselt sind und ihre Show nicht mehr „Top Gear“ heißt, sondern „Grand Tour“, machen, was sie wollen. Klingt traumhaft, führt aber zu verblüffend langweiligen Sendungen.

Gerade ist „Grand Tour“ in die dritte Staffel gestartet, und dass James May mittlerweile Jeremy Clarkson im Dickwerden noch zu übertreffen versucht, deutet schon drauf hin, wie bequem sie es sich eingerichtet haben mit ihrem Alterswerk. In der ersten Folge jedenfalls genügt es ihnen — bis auf einen Test eines sog. McLaren Senna –, mit drei Muscle Cars durch das sterbende Detroit zu heizen und sich über urban gardening zu mockieren, sprich: durch Gemüsebeete zu fahren, die sich Selbstversorger angelegt haben.

Das ist zwar völlig konsistent mit allem, was „Top Gear“ schon an Umwelt-Ignoranz an den Tag gelegt hat — aber es hat mittlerweile etwas Abgeschmacktes, was nicht nur daran liegt, dass da drei (vermutlich) Millionäre, alte, weiße Männer, sich über Armut lustig machen. Das alleine fände ich schon grenzwertig, zumal es ja nun in allererster Linie die hier mit Hochglanzbildern beworbene Automobilindustrie und ihre Lobbyisten waren, die ganz Detroit in Armut gestürzt haben, und zwar nicht die Manager, sondern die Trottel am Band, deren Immobilien nun so wenig wert sind, dass sie kaum noch umziehen können.

Dick im Geschäft: May, Clarkson, Hammond in „The Grand Tour“

Nein, die Fadesse von „Grand Tour“ hat auch etwas mit den inneren Mechanismen der Show zu tun: nämlich dass es mittlerweile keinerlei Konflikt mit Kontrollinstanzen mehr gibt, die zumindest bei der BBC noch vorhanden waren. Ein Großteil des Spaßes war es halt doch zu sehen, wie Clarkson, Hammond und May sich den Auflagen ihrer Redaktion zu entziehen versuchten oder zumindest die Regeln wenn schon nicht brachen, so doch in ihrem Sinne verbogen. Da wurden eben doch noch Service-MAZen simuliert, Gebrauchs- und Alltagsautos zumindest mit Rezensionsparodien versehen, die Nähe zum Zuschauer wenigstens durch ihre explizite Verhöhnung noch in die Show geholt.

Der Freibrief aber, den Streaminganbieter ihren Stars geben, führt nicht zwangsläufig zu besseren Shows. Eher im Gegenteil. Der Wiener Standard hat neulich in einem lesenswerten Stück darüber sinniert, ob das Prinzip des „Hauptsache viel und prominent“, dem Netflix, Amazon & Co. ihre Qualitätskontrollen offenbar geopfert haben, nicht auf die Dauer Fernsehserien eher ruiniert.

Für „The Grand Tour“, so scheint es gerade, trifft das wohl zu. Schad‘ drum.

Schmidtchen schleich dich

15. Januar 2019 2 Kommentare

Unqualifizierter Beitrag, die zweite: Aber ich kann nicht. Ich kann „Labaule & Erben“ (SWR, nach einer Idee von Harald Schmidt) nicht ansehen. Jedenfalls nicht mehr als die erste Folge, die ich fast ganz geschafft habe. Immerhin.

Und soviel kann ich auch nach Besichtigung dieser ersten Folge sagen: Das Konzept von „Satire“, das die Verantwortlichen hier verfolgen, ist wohl, dass Satire mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun haben braucht. Dass Charaktere in Dialogen reden dürfen, die vollkommen papiern klingen. Dass Figuren wie mit der Heckenschere ausgeschnitten wirken dürfen.

Ich glaube schon mal von Anfang an nicht, dass ausgerechnet Uwe Ochsenknecht (63) als der „junge Verlegersohn“ besetzt ist, dessen Schicksal es sein soll, dass er zu schöngeistig ist, um einen Verlag zu führen. In einem Alter, in dem andere kurz vor der Pensionierung stehen.

Ich glaube nicht an das (grotesk schlecht inszenierte) Missverständnis der Polizei, der Verlegersohn sei mit seiner Tennistasche in den Verlag gegangen, um dort Geiseln zu nehmen.

Ich glaube nicht an den „zufällig“ ins Internet übertragenen Monolog, den der Verlegersohn in ein Handy spricht, das direkt vor seiner Nase auf einem Stativ montiert steht, das er aber angeblich gar nicht sieht.

Ich glaube nicht, dass diese Liveübertragung „zufällig“ von praktisch der Mehrheit der Deutschen (auf der Onlineseite einer Regionalzeitung!) live (!) angesehen wird.

Kurz: Ich glaube überhaupt gar nichts, keine Sekunde. Keinen Charakter, keine Szene. So dass die Zeit, in der ich die ersten 45 Minuten durchhocke, sich anfühlt wie sechs Wochen Urlaub in Bottrop bei Regen.

Umso schrecklicher, dass ich noch permanent die gute Version dieser Serie vor Augen habe: „Succession“ (HBO), in der eben dieses Szenario perfekt durchgespielt wird: dass der Sprössling eines Medienmoguls sich als so unfähig herausstellt, dass der Alte ihn kurzerhand demontiert und in der Folge ein intrafamiliärer Krieg aller gegen alle beginnt.  (Wie sich Quotenmeter.de ein Vergleich mit „Newsroom“ auch noch aufdrängen kann, ist mir vollkommen schleierhaft.)

Ist also Harald Schmidt, der die Idee zu dieser Serie hatte, das für den SWR, was Woody Allen für Amazon Prime war? Ein weiteres Beispiel dafür, dass große Namen in letzter Zeit (vor allem bei Streaminganbietern) auch mal durch zu viel Freiheit und zu wenig Qualitätskontrolle Mist bauen können?

Oder ist, Schmidt hat ja nun angeblich nur die „Idee“ zur Serie geliefert (was auch immer das heißen mag), „Labaule“ ein weiterer Beleg dafür, dass bei manchen Projekten zu viele Fernsehredakteure ihren künstlerischen Anwandlungen nachgeben dürfen, sich als die besseren Autoren dazwischenwerfen und so viel Einfluss nehmen, dass am Ende so ein verkopft-esoterischer Murks herauskommt?

Und interessiert mich das wirklich? Oder sonst wen?