Plot und Story

16. November 2018 Keine Kommentare

Was ist der Unterschied zwischen Plot und Story? Mir hat vor Ewigkeiten mal jemand erklärt: Plot, das ist Erst stirbt der König, dann die Königin. Alles andere ist Story.

Soll heißen: Aus Erst stirbt der König, dann die Königin kann man noch alles machen — das große Drama, ein Rührstück, bestes Degeto-Fernsehen.

Oder eben eine Komödie. Was, wenn die Königin sich schon lange darauf gefreut hat, dass der alte Esel endlich stirbt, und sich dann vor Freude an einem Kirschkern verschluckt und erstickt? Im Plot ist also noch nicht enthalten, wie der Stoff behandelt wird.

Mit anderen Worten: Es ist eines der größten Missverständnisse, dass die Geschichten, die Comedy erzählen kann, per se unernst, quatschig sein müssen. Es sind ernste Geschichten, mit komischen Mitteln erzählt, die am Besten funktionieren, denn sie gehen auf das Bedürfnis ein, etwas über echte Menschen zu erfahren (nicht über Comicfiguren) — und dabei trotzdem unterhalten zu werden.

„There She Goes“ (BBC4, seit Oktober) nimmt den ersten Teil seiner Geschichte absolut ernst. Die Mittelklassefamilie, bestehend aus dem spätjugendlichen Simon (David Tennant), seiner Frau Emily (Jessica Hynes), Sohn Ben (Edan Hayhurst) und Tochter Rosie (Miley Locke), hat eines der schwersten Schicksale, die man sich so vorstellen kann: Rosie ist lernbehindert. Allerdings ist „lernbehindert“ ein Euphemismus — tatsächlich ist sie praktisch schwerst autistisch. Sie muss permament überwacht werden, will man nicht, dass sie sich mit Milch übergießt, das Bad unter Wasser setzt, Fäkalien im Puppenhaus versteckt oder einfach nur ohne zu Schauen über die Straße rennt, weil sie auf einem Autokennzeichen ein x gesehen hat und ihre einzige Liebe im Leben dem Buchstaben x gilt.

Diese Seite spielt vor allem Jessica Hynes (die man offenbar viel zu selten ihre Talente als ernste Schauspielerin zeigen lässt) sensationell. Sie als Mutter erfährt natürlich auch schon während der Schwangerschaft, dass ihre Tochter nicht so wächst, wie sie soll, schon als Säugling still und ernst ist — die Serie springt zwischen 2006 und 2015 hin und her — und dass praktisch alle Menschen um sie herum diese Situation nach Kräften ignorieren. Allen voran ihre Mutter, deren Verdrängungsleistung der eines mittleren Ölfrachters gleicht. Wird schon werden! Alle Kinder sind unterschiedlich! Du wirst sehen, sie wird ein ganz normales Kind.

Wird sie natürlich nicht.

Aber wie „There She Goes“ den Stoff behandelt und die komischen Talente von Hynes und Tennant einzusetzen weiß, macht sie zu einem Highlight des Herbstes. Denn nicht nur das expandierende Chaos ist unbestreitbar komisch, auch die Reaktionen etwa des überforderten Simon, der zwischen Flucht in Feierabendbiere und halbherzigen Versuchen schwankt, die Familie nicht ganz aus der Balance geraten zu lassen: Wie er Emily nötigt, ihn mit Rosie in den Park zu fahren, 100 Meter, wo Rosie sich als erstes auf die Wiese legt und irgendwas in den Mund steckt, was zum Glück nur park matter ist, wie Simon frustriert den Fußball seines Elfjährigen wegkickt, um festzustellen, dass natürlich er selbst den dann zurückholen muss. Wie Emily Rosie auszutricksen versucht, deren Vorliebe für Schaumbäder, aus denen sie nicht mehr herauszuholen ist, in einer Art Schaum-Schach enden, bei dem Emily mit kleinen Snacks und Badezusatz Rochade baut, um Rosie aus der Wanne zu locken. Und wie die Eltern über die Schwierigkeiten der Zahnpflege räsonieren, selbst ein professioneller Hygienespezialist habe in Rosies Fall auf einer Vollnarkose bestanden: das ist nichts weniger als sehr komisch.

Shaun Pye, Autor der Show, hat selbst ein lernbehindertes Kind mit einer noch nicht genau diagnostizierten Chromosomenmutation, was den ernsten Teil erklärt, hat für „Armstrong and Miller“ geschrieben und „The Increasingly Poor Decisions of Todd Margaret“ mitentwickelt und war Nebendarsteller in Ricky Gervais‘ „Extras“ — was den komischen Teil erklärt.

Absolut undenkbar hierzulande (um auch diesen Punkt gleich mal wieder zu machen) wären Dialoge wie der zwischen dem oberflächlichen Daddy mit Fluchttendenzen und der Mama, die nur noch aus einer tiefen Müdigkeit zu bestehen scheint (habe ich schon erwähnt, wie fantastisch Jessica Hynes in dieser Rolle ist?).

2006. SIMON und EMILY stehen über dem schlafenden Säugling in der Krippe.

SIMON
Look at Rosie. Isn’t she beautiful? You know what, if we had to do it all over again, I wouldn’t change a thing. Because whatever’s wrong … I’d want it to be wrong again. Because if she was different, she wouldn’t be Rosie, would she? (Pause) Would you? Would you want to change anything?

EMILY
(sehr müde) Yes. Yes. I’d change it all.

SIMON
Really? You’d want Rosie to be someone else?

EMILY
It was my worst nightmare, having a learning-disabled child. And it seems like it’s coming true.

SIMON
Why does it have to be the worst?

EMILY
Because I’m an intellectual snob? And because … Well, because I don’t know if I can … value her. Erm … You know, I love Ben, with his jigsaws and his puzzle books, just with all my heart, but I … I don’t know. I don’t know how to love her. I don’t. You know, it’s not that I don’t want to love her, I just don’t think I can.

SIMON
You’re overthinking it.

EMILY
Yeah, well, that’s what I do.  Yeah, but you know, I mean, she’s got you. You know, and she’s got Grandma, she’s got the grandparents and they all love her
unconditionally, so, yeah … you know, she will be loved. I’m just not sure if it will
ever be by me, that’s all.

Über ein behindertes Kind sagen, dass man keine Liebe dafür empfindet — das würde in tausend Jahren hier nicht durchgehen. Zu viel Ehrlichkeit, zu viel sozialer Druck. Nicht einmal, wenn es so situativ ist wie hier, denn in den Szenen, die 2015 spielen, wird schon recht eindeutig klar, dass Emily ihre Tochter durchaus liebt.

Aber diese Ehrlichkeit macht „There She Goes“ zu einer fantastischen Serie.

(Mit-)produziert hat hier übrigens Sharon Horgan, die mittlerweile eine der treibenden Kräfte des Britcom-Business geworden ist, und eine, die offenbar stets diesen realistischen Blick anstrebt, der auch „Catastrophe“ (Channel 4, seit 2015) auszeichnet. Ganz anders als, sagenwirmal, Julia Davis, deren „Sally4Ever“ mich nach der ersten Folge so gar nicht überzeugt hat. Aber da kommt ja noch was.

Erbfolge in Serie

7. November 2018 5 Kommentare

In jeder Erbengemeinschaft steckt das „gemein“ ja schon drin. Sie streiten sich, immer, denn sie können sich nie auf was einigen, diese verblödeten Nachkommen: der eine zu doof, der andere zu machthungrig, die dritte zu abgestoßen von der ganzen Familie, der vierte hält sich wieselhaft aus allem heraus, um Ende auf der Seite des Gewinners wieder aufzutauchen. Erben …! Um so problematischer natürlich, wenn das Erbe noch gar nicht zu verteilen ist, weil der Alte ja noch lebt.

Hier liegt der Stoff für die Konflikte, um die es in „Succession“ (HBO) geht. Nur dass die Familie nicht die Durchschnittsnachbarn mit Mietshaus und Aktienfonds sind, sondern die eines Medienzaren, vergleichbar mit, sagen wir mal, der Rupert Murdochs (kein Zufall, dieser Vergleich). Und das Erbe dementsprechend ein Imperium, das der Alte nicht und nicht aus der Hand geben möchte. Trotz Krankheit, Alter und allgemeiner Erschöpfung.

„Succession“ stammt aus der Feder von Jesse Armstrong, dessen Frühwerk „Peep Show“ war, eine Kollaboration mit Sam Bain, wie auch in etlichen anderen Fällen (von „Smack The Pony“ bis „Fresh Meat“). Armstrong hat aber auch für und mit Chris Morris und Armando Iannucci geschrieben, nicht zuletzt „Four Lions“, „The Thick of It“ und (wenn auch nur eine Folge) für die US-Weiterentwicklung von „The Thick of It“, „Veep“, die brillante Polit-Satire mit Julia Louis-Dreyfus, die nach der nächsten Staffel leider zuende gehen wird.

Kein Wunder also, dass diese Tonalität auch bei „Succession“ vorherrscht: der späte Stil der Mockumentary, der sich des dokumentarischen Blicks bedient (Wackelkamera, kleine, schnelle Zooms), ohne aber meint, die Anwesenheit eines Kamerateams erklären zu müssen, schnelle, scharfe Dialoge mit viel Wortwitz und realistische Szenarien und Charaktere, mit denen man viel mehr empathisch sein kann als mit durchschnittlichen Sitcom-Figuren.

Diese Empathie allerdings macht Armstrong dem Zuschauer nicht leicht. Denn die Familie unter dem Patriarchen Logan Roy (Brian Cox) ist durchaus deformiert. Der natürliche Nachfolger, der zweitälteste Sohn Kendall (Jeremy Strong, „Masters of Sex“) erscheint nicht nur seinem Vater schwach (Drogen, Scheidung), zu schwach, um den Konzern zu führen, also desavouiert der Alte ihn und übernimmt kurzerhand selbst wieder die Geschäftsführung. Kendalls kleiner Bruder Roman (Kieran Culkin, dem man die Verwandtschaft mit Macauly Culkin deutlich ansieht) pfeift sich nicht nur noch mehr Drogen rein als Kendall, sondern ist auch noch ein ausgemachtes, wenn auch sehr komisches, weil scharfzüngiges, Arschloch. Die Schwester Shiv (Sarah Snook) neigt ohnehin mehr zur politisch anderen Seite und unterstützt einen politisch verfeindeten US-Senator bei seiner Kandidatur zum Präsidenten, bleibt aber in ihren daddy issues gefangen. Und der älteste Sohn Connor (Alan Ruck, „Ferris Bueller’s Day Off“) hat sich in sein Wolkenkuckucksheim zurückgezogen, um in Ruhe mit seiner Escort-Beziehung („Sie ist Schauspielerin!“) auf einer Farm in Texas zu leben.

Wie in jeder Serie um Superreiche seit „Dynasty“ geht es auch in „Succession“ um Intrigen, Machtverhältnisse, feindliche Übernahmen, Verschwörung und Erpressung, um gierige Einheirater und verhängnisvolle Affären, um Leichen im Keller und Familiengeheimnisse, um die ganz normalen Sorgen von Milliardären eben. Alles vor dem Hintergrund der Nachfolge bei FOX, hups, nein, bei Royco natürlich. Für Royco und den Weg des Konzerns in die Zukunft hat Kendall einige gute (oder „gute“?) Ideen (Internet!), die allerdings denen seines Vaters (mehr Fernsehstationen!) diametral entgegengesetzt sind.

Die Deformation durchs Kapital wird hier deswegen so brutal spürbar, weil alle Figuren sich etwas, nun ja, ganz Normales erhalten haben. Allen voran der Patriarch selbst, der lieber im Wolljanker die Vorstandssitzung leitet als im Anzug. Den zu früh erfahrenen Reichtum, dass er den Weg zur Arbeit öfter mit dem Helikopter denn mit der U-Bahn genommen hat, spielt niemand besser als Kieran Culkin, eine Traumbesetzung, und dass auch an den Denkmälern der wichtigsten Manager einmal „Immer noch eine Enttäuschung für seinen Vater“ stehen wird, drückt Jeremy Strong verblüffend gut aus.

Die Nähe zu „Veep“ wird am Deutlichsten in der Figur des ewigen Praktikanten (und Cousins) Greg Hirsch (Nicholas Braun), der so groß ist, wie er schwach und tollpatschig ist: da sieht und hört man sehr den Jonah Ryan (Timothy Simons) durch, der in „Veep“ als Verbindungsmann zum Weißen Haus ständig mit den Mitarbeitern von Celina zusammenstößt.

Aber „Succession“ ist völlig eigenständig: die Geschichte eines Generationenkonflikts in einer Superreichendynastie, ernst gemeint, aber komisch erzählt. Mitunter hasst man die Charaktere allesamt vielleicht ein bisschen zu sehr — der Verzicht auf auch nur eine an sich sympathische Figur macht „Succession“ stellenweise anstrengend. Aber gute Satire darf auch ein bisschen anstrengend sein, dafür gibt es HBO schließlich. Die haben nun, trotzdem „Succession“ kein Quotenhit war, eine zweite Staffel bestellt. Sehr zu meiner Freude, denn mit dem Ende der Serie hat Armstrong es geschafft, sowohl ein zufriedenstellendes Finale dieser Staffel zu finden als auch genügend Bälle in der Luft zu halten, dass man sich eine zweite Staffel vorstellen kann.

Bedauerlich finde ich einzig und allein den fortgesetzten Brain Drain aus Großbritannien. Offenbar ist nun auch Jesse Armstrong in den USA angekommen. So sehr ich ihn wie Iannucci, Sharon Horgan (mit „Divorce“ ebenfalls bei HBO), Julia Davis (demnächst mit „Sally4Ever“ dito bei HBO), Simon Pegg, Sacha Baron-Cohen, Steve Coogan, Gervais, Merchant und all die anderen dazu beglückwünsche und es verstehen kann, dass man Erfolg in den USA sucht, so sehr würde ich mir wieder mehr gute komische britische Fernsehserien wünschen.

Ist „Fleabag“ die erste Millennial-feministische Britcom?

16. September 2016 3 Kommentare

Mitte vierzig bin ich nun bald und also nicht prädestiniert, Millennials und ihre Eigenheiten sofort verstehen und goutieren zu können. Aber seit „Fleabag“ (BBC3, seit heute auch als Amazon Original (?!), allerdings womöglich nur in den USA) meine ich, sie ein bisschen besser verstehen zu können.

Phoebe Waller-Bridge, bislang (oder sagen wir, bis zu ihrer anderen gerade erschienen Serie „Crashing“ (Channel 4), später mehr dazu) allenfalls als Anwältin in der zweiten Reihe bei „Broadchurch“ (ITV, seit 2013) aufgefallen, ist Jahrgang 1985, spielt die titelgebende weibliche Hauptrolle (angeblich ist auch im wahren Leben Waller-Bridges Spitzname Fleabag) und hat sowohl das der Serie zugrundeliegende Theaterstück geschrieben als auch die Serie selbst, die dementsprechend durch und durch ihre Handschrift trägt: die einer jungen Frau, die sich selbst sieht als „greedy, perverted, selfish, apathetic, cynical, depraved, morally bankrupt woman who can’t even call herself a feminist.“

Ob man das nun als modernisierte Version von „Bridget Jones“ sehen möchte, als „‚Miranda‘ mit Analsex“, wie David Baddiel lästert, oder als UK-Version von „Girls“: Fleabag erzählt jedenfalls tatsächlich auf eine neu-feministische, selbstsichere, selbstermächtigte Weise, u.a. von Analsex, und zwar währenddessen als aside, beiseite gesprochen, direkt in die Kamera — ein Stilmittel, das man nun tatsächlich eher aus dem Theater (und, wenn man David Baddiel ist, von „Miranda“) kennt –, von komplizierten Beziehungen — und sie hat nur komplizierte Beziehungen, nicht nur zu boyfriends (u.a. Hugh Skinner, „W1A“), sondern auch zu ihrer Schwester, ihrem Vater, ihrer Stiefmutter (Olivia Colman, als narzisstische Künstlerin fantastisch), ihrem Bankmanager (Hugh Dennis, „Outnumbered“) … und ihrer früheren Freundin und Café-Mitbesitzerin Boo (Jenny Rainsford).

Deren der Serie vorangegangener Tod, ebenso wie der von Fleabags Mutter, Trauer und Verlust sind die dramatischen Elemente, die „Flebag“ erst die Tiefe und Dreidimensionalität geben, die die Serie so herausragend machen — und die ansonsten überaus spröde, promiske, dauerironische Fleabag überhaupt nahbar, menschlich, einer Identifikation zugänglich.

Sie ist nämlich ansonsten gar nicht mal so sympathisch, sondern, wie es sich für die konfliktbeladene Hauptfigur einer britischen Sitcom gehört, durchaus opportunistisch, beziehungsunfähig und nicht zuletzt grenzkriminell; jedenfalls bekommt der Diebstahl einer kleinen Büste, die ihre Stiefmutter gemacht hat, schnell ein anderes Gewicht als die reine Rachsucht und Böswilligkeit einer egomanen Vaterräuberin gegenüber, die er zunächst zu sein scheint. Denn Fleabag klaut die Büste nicht nur, sondern versucht sie auch zu Geld zu machen — und zu nicht wenig, denn wie sich herausstellt, ist das Ding keinswegs wertlos.

Wie soll sie auch ahnen, dass ihr Schwager, dem sie die Hehlerware überlässt, diese Büste, statt sie zu verkaufen, seiner Frau, Flebags Schwester Claire (Sian Clifford) schenkt, die die Herkunft des Schmuckstücks natürlich sofort durchschaut und daraufhin Flebag zwingen möchte, sie ihrer Stiefmutter zurückzuerstatten? Hilarity ensues.

Erst allmählich lässt einen die Serie, lässt einen die Hauptfigur einen Blick hinter die zugegeben oft lustige und pointiert komische gesellschaftliche Fassade werfen, hinter der sie den dunklen Fleck auf ihrer Seele so gut versteckt wie das Muttermal auf ihrer Stirn, das zumeist von einer Haartolle verdeckt wird und doch da ist, als Makel, der unübersehbar wäre, würde Fleabag nicht so viel Kraft und Aufwand darauf verwenden, ihn zu verstecken.

Zu der schwarzen Komik kommen in „Fleabag“ also, vergleichsweise spät, aber dafür umso wirkmächtiger, eine anrührende Aufrichtigkeit und Menschlichkeit, die den Erfolg von Phoebe Waller-Bridges Theaterstück perfekt erklären (Fringe First Award 2013, The Stage Best Solo Performer 2013, Off West End Award For Most Promising New Playwright 2013, Off West End Award For Best Female Performance 2013, Critics’ Circle Award For Most Promising Playwright) und zuversichtlich stimmen, dass von Waller-Bridge auch in Zukunft Großes zu erwarten ist.

Wer, wie ich, zuerst „Fleabag“ und dann „Crashing“ gesehen hat, kommt nicht umhin, von Letzterem, nun, nicht enttäuscht, aber nicht ganz so begeistert zu sein wie von Ersterem: denn „Crashing“ erzählt um einiges konventioneller die Ensemble-Geschicht einer Handvoll Twenty-bis-Thirty-Somethings, die in einem leerstehenden Krankenhaus als property guardians, also als Zwischenmieter wohnen dürfen, solange sie die Bausubstanz erhalten. Auch hier haben wir es mit emotional defizitären und schwierigen Millennials zu tun, auch hier spielt Waller-Bridge eine vergrößerte Version ihrer selbst (wenn man das einmal unterstellen darf), auf eine ebenfalls komische, allerdings nicht ganz so düstere Art; „Crashing“ ist modern und schnell und voll mit guten Charakteren und Ideen — aber nicht ganz neu, wenn man z.B. „Fresh Meat“ (Channel 4, 2011 – 16) schon gesehen hat.

Phoebe Waller-Bridge aber darf schon mal als britische Comedy-Entdeckung des Jahres gelten (was dieses Jahr zugegeben nicht besonders schwierig ist). Ich freue mich darauf, mehr von ihr zu sehen.

Fabulöse Mediathekenschlampen

2. September 2016 Keine Kommentare

Bei „Absolutely Fabulous“ (BBC1) erkennt man den Stellenwert schon an den Eckdaten der Serie: Original Series: 12 November 1992 — 7 Novermber 1996; Revived Series: 31 August 2001 — 25 December 2004; 20th Anniversary Specials: 25 December 2011 — 23 July 2012, so steht es bei Wikipedia; insgesamt sind es (nur, muss man sagen, wenn man US-Serien danebenhält) 39 Folgen in fünf Staffeln (plus Specials). Die Serie von Jennifer Saunders, in der sie neben Joanna Lumley auch die Hauptrolle spielt, ist einer der Klassiker der Britcom: die Geschichte zweier Karrierefrauen in PR und Modejournalismus, die rauchend, schwer trinkend und oft auf Drogen durch die Londoner Glitzerwelt stolpern, als enfants terrible der Emanzipation. Besonders Frauen und Schwule liebten die Serie, aber nicht nur: sie war Mainstream genug, um nur Kult zu bleiben, inspirierte am Ende auch „Sex and the City“ und verbreiterte die Straße für Comediennes beträchtlich, die schon die aufklärerische Welle der alternative comedy in Großbritannien angelegt hatte.

Nun kommt noch ein Kinofilm hinzu, der am 8. September auch in deutsche Kinos kommt.

Hauptplot: Edina Monsoon (Saunders) tötet versehentlich Kate Moss, woraufhin Patsy (Lumley) und sie fliehen müssen.

Das ist als Geschichte, nun ja, eher dünn; allerdings kommt es auf die Geschichte selbst auch gar nicht so sehr an. Viel interessanter ist, für Fans der Serie, das Wiedersehen mit all den Stars der Originalserie (insbesondere Jane Horrocks als unterbelichtete Assistentin Bubble und Julia Sawalha als spießige Tochter von Edina), und für alle anderen das immense Staraufgebot (das abermals den Stellenwert der Serie reflektiert): von Kate Moss selbst über Jean Paul Gaultier, Jerry Hall bis Stella McCartney gibt sich die Modeszene ein Stelldichein, die zahllosen Film- und Fernsehstar-Cameos will ich gar nicht spoilern (Jon Hamm und Gwendoline Christie sieht man ja im Trailer). Wikipedia listet allein 60 Cameos auf, von denen allerdings etliche vermutlich nur für intensive Kenner der Szene sind (ich wüsste jedenfalls nicht, wie etwa Perez Hilton aussieht).

Die Scherze sind, klarerweise hat Saunders selbst das Drehbuch geliefert, von der gleichen Güte wie früher: oft erfreulich drastisch, manchmal vielleicht ein bisschen allzu sehr mit der Zaunlatte — bei „Ab Fab“ war es einer der komischen Höhepunkte der Serie, als Edina in einer Szene einmal rückwärts aus ihrem Rolls Royce (oder war’s ein Bentley) gefallen ist: den identischen Gag feiert der Film (natürlich auch als Reminiszenz) gleich in den ersten Minuten sehr nebenbei ab.

Was leider auch von der gleichen Qualität ist wie die Serie, ist nicht nur die Dramaturgie (wie gesagt, der Plot ist so dünn wie ein Model auf dem Cover der Vogue), sondern auch die Bildgestaltung. Mandie Fletcher kommt vom Fernsehen und hat auch die letzten Folgen „Ab Fab“ gedreht, und leider ist ihr Stil dementsprechend wenig cineastisch: viele Halbnahen, viele Ausschnitte, in denen das Motiv so bildfüllend in Szene gesetzt ist, dass ich mir gewünscht hätte, jemand hätte die Kamera einfach mal ein paar Meter zurückgefahren — es ist doch Platz auf so einer Leinwand, man muss doch nicht alles übergroß zeigen! Ein bisschen Luft, ein bisschen Rahmen und Passepartout um die Hauptfiguren wäre schön gewesen.

So wirkt „Ab Fab, der Film“ leider wie eine überlange Reunion-Folge der Serie, die es ins Kino geschafft hat. Gestreckt mit allzu vielen Montagen, ästhetisch deutlich hinter dem, was etwa Steve Coogan mit dem Alan-Partridge-Film „Alpha Papa“ (2013) (oder die „Inbetweener“-Movies) geschafft haben, von den „Mr. Bean“-Filmen zu schweigen (die allerdings auch ein deutlich größeres Budget gehabt haben dürften). Und offenbar hat es auch niemand geschafft, Jennifer Saunders die größte Schwäche des Buches auszureden: die Flucht ins Ausland.

Das ist einer dieser Standard-Kniffe, die praktisch alle Fernsehserien-Filme gemacht haben: die eben schon erwähnten „Mr. Bean“-Filme wie die „Inbetweeners“, nur dass bei letzteren die innere Logik noch größer war als die hier, dass man nach dem „Mord“ an Kate Moss nämlich ins Ausland fliehen müsse: dass 18jährige nach dem Ende ihrer Schulzeit Weltreisen antreten, das akzeptiere ich sofort. Steve Coogan hat das klug erkannt und seinen Alan Partridge das genaue Gegenteil machen lassen: ihn noch weiter in die Provinz verlegt.

Trotzdem funktioniert „Ab Fab, der Film“, wenn man ihn als das nimmt, was er ist: eine etwas zu spät aufgelegte Kinofassung eines Specials, von der Fans bestimmt mehr haben als Zuschauer, die Edina und Patsy neu entdecken.

Cunk on Shakespeare

William Shakespeare findet derzeit anlässlich seines 400. Todestages auch in der britischen TV-Comedy statt: Ben Elton darf einmal mehr ran und beweisen, dass er doch noch mehr drauf hat als es zuletzt mit „The Wright Way“ (BBC1, 2013) den Anschein hatte: „Upstart Crow“ (BBC2, seit letzter Woche), veredelt mit einer guten Handvoll prominenter Comedians (David Mitchell, Harry Enfield, Mark Heap und „Raised by Wolves“-Hauptdarstellerin Helen Monks) hat nach der ersten Folge allerdings noch nicht hundertprozentig überzeugt; am merkwürdigsten aufgestoßen ist mir dabei, dass einer der Nebendarsteller offenbar versucht, Ricky Gervais‘ shtick zu imitieren, was ein guter Regisseur/Produzent mit Sicherheit hätte verhindern müssen.

Uneingeschränkt super allerdings war das One-Of von Philomena Cunk alias Diane Morgan in ihrer Paraderolle aus „Charlie Brooker’s Weekly Wipe“ (BBC2, seit 2013): „Cunk on Shakespeare“ (BBC2): clever, informativ und sehr, sehr komisch.

Kurz nur währten meine Zweifel, dass das parodistische „Fernseh-Experten“-Format aus „Weekly Wipe“ mit einer halben Stunde womöglich nicht tragen würde: das tat es, und zwar ohne Mühe. Denn Brooker hat es hinbekommen, auf dem schmalen Grat zwischen Nonsens und gut versteckten echten Informationen ein komödiantisches Tänzchen aufzuführen, wie man es selten zu Gesicht bekommt: mit Scherzen für Leute, die nichts über Shakespeare wissen, mit Scherzen für Halb- und womöglich sogar mit Scherzen für Supergebildete in puncto Shakespeare, zu denen ich mich jetzt nicht zählen würde.

Denn es ist natürlich nur zum Teil ein schöner Gag, am Ende als „Shakespeares bekanntestes Werk“ „Game of Thrones“ anzuführen. Tatsächlich ist es gar nicht so hoch gegriffen, die „GoT“-Mischung aus Drama, Komödie, Horror und Historienfilm als „typisch Shakespeare“ zu analysieren: denn dass der es war, der all diese Register in seinen Stücken gezogen hat, wie er es brauchte, kriegt sogar Philomena Cunk mit Hilfe echter Experten vorher schon heraus.

(Wie sie das machen, für „Weekly Wipe“ wie hier, echte Experten vor die Kamera zu bekommen, die auf die Ahnungslosigkeit von „Philomena Cunk“ authentisch reagieren, also größtenteils mit britischer Höflichkeit, das würde ich mal gerne von einem Insider erklärt bekommen: Kann man die wirklich im Glauben lassen, Cunk sei keine Kunstfigur? Und wenn ja: wie kriegt man dann hinterher deren Zustimmung, das zu senden? Oder werden diese Experten von der Produktion gebeten, das Spiel einfach mitzuspielen? Ich kann mir kaum vorstellen, dass durchschnittliche Wissenschaftler und Kulturschaffende so gute Schauspieler sind.)

Am meisten freut es mich, dass Brooker sich eine Nische geschaffen hat, in der so etwas möglich ist: diese Mischung von high brow und low brow-Comedy, intellektueller und alberner Comedy, die an ein Publikum gerichtet ist, das zu erreichen sich das deutsche Fernsehen längst nicht mehr traut: nämlich doch ein vorwiegend gebildetes, das sich im Zusammenhang mit leichter Unterhaltung und Comedy überhaupt auf ein Thema aus der Hochkultur einlässt. Und das zu belachen geistig auch imstande ist.

Allerdings: Bernd Eilert, jahrzehntelanger Autor und Regisseur für und von Otto Waalkes, schreibt auch seit Jahrzehnten mit an den Bühnenprogrammen von Otto und konstatierte schon vor Jahren, dass eine Sorte Witze heutzutage praktisch gar nicht mehr funktionieren würde: nämlich eben die, die auf Kunst und Literatur rekurrieren. Anspielungen auf den Erlkönig, die Parodie gar, die Anfang der Siebziger zu Ottos Programm gehörte, gingen heute beispielsweise kaum noch: weil kaum noch jemand den „Erlkönig“ so parat hat, dass er Witze darüber goutieren könnte.

Und auch in meiner eigenen bescheidenen Erfahrung als Fernsehautor ist mir das regelmäßig begegnet: die Befürchtungen von Chefautoren, Producern, Fernsehmachern, dass „das Publikum das nicht versteht“; eine Befürchtung, die zu einer Selbstbeschneidung führt, die sich anschließend überall im deutschen Fernsehen bemerkbar macht.

So kommen am Ende zwei Tendenzen zusammen: der Kulturpessimismus der Fernsehschaffenden, die immer dazu bereit sind, um möglichst alle mitzunehmen, die intellektuellen Ansprüche herunterzuschrauben (damit die Senioren mitkommen, verzichten wir mal besser auf das Wort „App“ und nehmen „Programm“, ach was, wir verzichten besser ganz auf Computer und Internet!), und der tatsächliche Bildungsverlust (wer unter 80 weiß denn noch was von der deutschen Romantik?!). Das Ergebnis lässt sich im Mainstreamfernsehen besichtigen: der kleinste gemeinsame Nenner. So erzieht man sich natürlich auch das Publikum, das man verdient.

Nun denn, umso dankbarer sind die kleinen Grüppchen von Versprengten, die lieber so großartige Shows wie „Cunk on Shakespeare“ gucken oder obskure Comedyshows auf Spätnacht-Slots in Nischensendern wie ZDF.neo, als RTL-Ramsch wegzukonsumieren, über dessen Qualität ja jeder bescheid weiß außer denen, die es gucken.

Nun denn. Hoffnung ist oft ein Jagdhund ohne Spur, und wer Worte macht, tut wenig. Schön wäre es aber, wenn Philomena Cunk und Charlie Brooker sich auch in Zukunft immer mal wieder großer Themen annähmen, sie uns in diesem Halbstundenformat näherzubringen. Ich würd’s gucken!

 

Britcoms?

Eines der Probleme dieses Blogs ist: es heißt britcoms.de und soll sich eigentlich um britische Sitcoms drehen. Das tut es allerdings nicht mehr so oft, und zwar nicht zuletzt, weil ich in letzter Zeit immer weniger britische Sitcoms finde, über die es sich zu berichten lohnen würde.

Warum ist das so? Finde ich sie nur nicht oder sind einfach nicht genügend gute dabei?

Nun, da gibt es noch die große BBC1-Sitcom wie etwa „I Want My Wife Back“ (seit April): Ben Miller und Caroline Catz („Doc Martin“) als Paar in einer zerrüttetend Ehe, sie trennt sich von ihm im gleichen Moment, wo sie von seinen Schwiegereltern, ihren Eltern, eine Reise in die Türkei geschenkt bekommen; er will all die Büroarbeit zurückfahren, die der Zweisamkeit bislang im Weg gestanden hat und steht; allein: die äußeren Einflussnahmen auf Murray und Bex sind übermächtig und ziehen und zerren die Protagonisten gegen ihren Willen in mal die eine, mal die andere Richtung.

Ein klassisches Setup, wie man es jetzt nur mal zum Beispiel auch in „Worst Week of My Life“ (BBC1, 2004 – 06) gesehen hat, ebenfalls mit Ben Miller und, Überraschung, ebenfalls von Mark Bussell und Justin Sbresni. Nur dass „Worst Week“ etwas Dämonisch-Komisches hatte, weil die Verschwörung der Welt gegen v.a. Howard (Miller) aber auch seine Verlobte Mel (Sarah Alexander) bis hin zu Gegenständen zu reichen schien, die regelrechte Komplotte zu schmieden schienen. Hier in „I Want My Wife Back“ sind es nur („nur“) (Schwieger-)Eltern, horrible bosses und verliebte Assistentinnen an der Grenze zum Stalkertum. Fragt man sich fast, warum es so lange gedauert hat, bis Bussell und Sbresni auf diese Idee gekommen sind: die höheren Mächte, die zwei Verliebte davon abhalten wollen zu heiraten, nun dazu einzusetzen, die Trennung von zwei Eheleuten zu verhindern.

Mit einem Wort: „I Want My Wife Back“ sieht aus wie eine gute Mainstream-Sitcom-Idee — fällt aber hinter die zwölf Jahre ältere Vorgängerserie zurück. „IWMWB“ hat keinen USP, nichts, was man so nicht schon zu sehen geglaubt hat, und tut so zwar nicht weh, weil man sich von gutem Handwerk und ansehbaren Darstellern ja immer noch unterhalten lassen kann. Aber für Begeisterung sorgt diese Serie zumindest bei mir nicht.

In „Flowers“ (Channel 4) hatte der Sender gleich so wenig Vertrauen, dass er die ganze Serie im Laufe einer einzigen Woche ausgestrahlt hat, mit einer Doppelfolge zum Auftakt, über die ich auch nicht hinausgekommen bin, trotz guten Willens. Denn ich mag Olivia Colman, ich mag Julian Barratt („Mighty Boosh“), und die düster-exzentrische Familie, die Will Sharpe in „Flowers“ porträtiert, erschien mir zunächst wie eine britische Version von „Arrested Development“ oder den „Royal Tenenbaums“, was ich allerdings nur so lange für eine gute Idee hielt, bis mir auffiel, dass ich weder „Arrested Development“ noch die „Royal Tenenbaums“ wirklich mochte.

Hier fehlte zum Mindesten eine Folie der Normalität, sei es nun eine Figur, die den Irrsinn aller anderen Figuren reflektiert und anschaulich macht; „Flowers“ war eine Wundertüte von grotesken, überlebensgroßen, zum Teil traurigen, zum Teil abscheulichen Figuren, die aber allesamt so wenig zur Identifikation einluden, dass ich von keinem wissen wollte, wie es nun weiterging.

Dann gibt es noch zwei, drei andere Britcoms, die mich entweder von vorneherein gar nicht ansprechen („Witless“, BBC3) oder die schon in der dritten Staffel laufen, so dass es kaum noch etwas hinzuzufügen gibt („Plebs“, ITV2, nach wie vor recht unterhaltsam, „Cuckoo“, BBC3, schwach, „Raised By Wolves“, Channel 4, an dem mein Interesse ebenso schnell wieder erlahmt ist, wie es entfacht war).

Es gibt kaum noch ComedyDrama, das der Rede wert wäre: namentlich „The Aliens“ (E4), das aus der gleichen Schmiede stammt wie das weitenteils brillante „Misfits“ (E4, 2009 – 13), aber durch dramaturgische Klopse recht schnell angeschossen war — womöglich die gleichen Fehler, die Fintan Ryan schon bei „In The Flesh“ (BBC3, 2013 – 14) gemacht hat, dessen Prämisse (geheilte Zombies, die in die Gesellschaft wieder eingegliedert werden müssen) ich ebenso gut fand wie die von „The Aliens“ (eine Parallelgesellschaft von Aliens, anhand derer Rassismus diskutiert wird), die allerdings in der Umsetzung deutlich zu wünschen übrig ließen.


Also: Wo sind die Britcoms, über die zu schreiben wäre? Was habe ich verpasst? Oder gibt es in diesem Jahr, das nun auch schon beinah zur Hälfte vorbei ist, einfach gar nichts, was mit den US-Serien des Jahres mithalten könnte? Ich bin wirklich ein bisschen ratlos — und, zugegeben, womöglich auch schlecht informiert, weil von all den guten amerikanischen Serien abgelenkt.

Weiß jemand Rat?