Recht begeistert

20. Mai 2019 2 Kommentare

Schon wieder so eine Sitcom-Idee, die so naheliegend scheint, dass man sich fragt: Warum ist da nicht früher jemand drauf gekommen? Ist England mit seinen Schlössern, Burgen und Herrenhäusern doch das Ursprungsland für Geister-, Spuk- und Gespenstergeschichten. Wie kann es sein, dass also noch niemand den Gedanken hatte, daraus eine Ensemble-Sitcom zu machen, in der eine Gruppe Gespenster aus recht unterschiedlichen Epochen auf zwei Vertreter der Gegenwart, sprich: auf zwei Millennials trifft? Oder umgekehrt, je nach Perspektive.

In „Ghosts“ (BBC1, fünf von sechs Folgen sind bereits gelaufen) sind diese beiden Millennials Alison (Charlotte Ritchie, „Fresh Meat“, „Call The Midwife“) und Mike (Kiell Smith-Bynoe), die in der ersten Folge auf Wohnungssuche sind, als sie ein Anruf erreicht: Alison hat geerbt, ein verfallendes Landgut, und die beiden ziehen umgehend ein. Einen Sturz auf den Kopf später, der beinah tödlich endet, kann Alison (nicht aber Mike) die Schar der verblichenen Mitbewohner sehen — hilarity ensues.

Denn die Geister sind schön ausgedacht: von einem Steinzeitmenschen (Laurence Rickard) über eine als Hexe verbrannte (und nun vor sich hin kokelnde) Frau (Katie Wix), einen Dichter der Romantik (Mathew Baynton, „The Wrong Mans“) und einen Captain der britischen Armee aus dem Zweiten Weltkrieg (Ben Wilbond) bis hin zu einem Politiker und MP der Achtzigerjahre, der bei einem Sexunfall sein Leben gelassen hat und nun stets hosenlos herumläuft (Simon Farnaby, „The Mighty Boosh“, „Detectorists“).

Es ist also im Wesentlichen das Ensemble hinter „Horrible Histories“ (CBBC, 2009 – 13 (und in anderer Besetzung wieder seit 2015)), das nun seine erste Sitcom vorgelegt hat, und das sieht man. Im Guten wie im Schlechten.

Das Schlechte, um es gleich aus dem Weg zu räumen: gerade die ersten Folgen leiden ein wenig unter ihrer Sketchhaftigkeit. Bei nur sechs Folgen in einer Staffel ist es nicht ökonomisch, wenn man erst am Ende der zweiten Episode da ist, wo man schon am Ende der ersten dramaturgisch hätte sein müssen: dass nämlich die Prämisse soweit erklärt ist, dass die Geschichten erzählt werden können, um die es eigentlich geht. Es passiert in den ersten beiden Folgen zu wenig, es sind zu viele Vignetten um die einzelnen Charaktere, die sich die einzelnen Schauspieler vermutlich selbst ins Skript geschrieben haben, denn, wie gesagt, es handelt sich ja um eine Ensemble-Produktion. Und der Cast ist nicht eben klein.

Dann aber gewinnt „Ghosts“ an Fahrt, und selbst wenn die Serie auf Sitcom-Klischees zurückgreift, die nun wirklich allzu bekannt sind, verzeiht man das: dass etwa in der fünften Folge ein reicher und mächtiger Nachbar zum Dinner kommt, ist die uralte „Der Boss kommt zum Abendessen“-Kiste. Aber mei, sie funktioniert.

Denn da folgt Scherz auf Scherz, schön gefilmt und in einem Ton erzählt, der für Erwachsene wie Kinder gleichermaßen funktioniert — wie es bei „Horrible Histories“ eben auch schon war. Es gibt anrührende Momente, wenn die Angehörigen eines Pfadfinder-Leiters an seinem Todestag das Anwesen besuchen und Alison ihnen eine Botschaft überbringen kann, es gibt Slapstick, als eine Fernsehproduktion das Haus mietet, um das Leben Lord Byrons zu verfilmen, und es gibt natürlich immer wieder kleine Horror-Anleihen, die sich aber stets ein einem äußerst familienfreundlichen Rahmen halten.

„Ghosts“ ist also schön geschrieben und gefilmt, eine durchweg wohlmeinende, unkomplizierte Sitcom, und ich hoffe doch sehr, dass die zweite Staffel schon beauftragt ist.

Zwei nicht ganz außer Rand und Band

11. Mai 2019 3 Kommentare

Nett ist natürlich immer ein Schimpfwort, aber es ist das erste, das mir zu „Stan & Ollie“ (jetzt in den Kinos) einfällt: eine vergnügliche, durchgehend harmlose Hommage an das Komikerduo, das hierzulande unter der üblich despektierlichen Bezeichnung „Dick und Doof“ firmierte, auf deutsch nacherzählt von der ansonsten nicht unter dem Verdacht großer Albernheit stehenden Kabarett-Legende Hanns Dieter Hüsch (siehe hier).

Klar, ein britischer Film über einen der (neben Chaplin) brillantesten englischen Comedians der frühen Kinojahre kann ja nur mit dem größten denkbaren Wohlwollen daherkommen (Buch: Jeff Pope). Zumal wenn einer der profiliertesten gegenwärtigen englischen Comedians, Steve Coogan, eine perfekte Kopie Laurels im Repertoire hat, und auch John C. Reilly als Oliver Hardy sehr präzise spielt. Biopics müssen ihre Helden ja überhöhen, seien es die guten oder schlechten Seiten ihrer Protagonisten.

Und so ist der zentrale Konflikt in „Stan & Ollie“ naturgemäß nicht sehr stark: Zu Beginn trennt sich das Duo, dessen kreative Hälfte (Laurel) auf eigene Rechnung Filme drehen möchte, während der eher vorsichtige Hardy lieber weiter bei Hal Roach unter Vertrag bleiben möchte — und mit seinem neuen Filmpartner prompt so wenig an frühere Erfolge anknüpfen kann, dass wir heute gar nicht mehr wissen, dass Stan und Ollie sich je getrennt haben.

Eineinhalb Jahrzehnte später, die größten Erfolge haben sie hinter sich, versuchen sie ein Comeback. Die beiden alternden Künstler touren gemeinsam durch England. Hardys Gesundheit ist nicht zum Besten, und der ungelöste Konflikt zwischen den beiden schwelt, angefeuert von den sehr unterschiedlich temperierten „besseren“ Hälften der beiden.

Das ist durch die Bank schön inszeniert (Regie: Jon S. Baird), unterhaltsam ausgespielte Comedy Routines der beiden Helden tun das ihre zum Zeitkolorit, und ich kann nicht sagen, dass ich mich gelangweilt hätte.

Sehr viel hängen geblieben ist andererseits auch nicht.

Am ehesten im Kopf geblieben ist mir Rufus Jones („Home“) als schön ungreifbarer Agent Delfont, dessen doublespeak einen schon als Zuschauer auf die Bäume treiben kann. Wie seine Doppelzüngigkeit erst Laurel und Hardy irre gemacht haben muss, kann ich nur spekulieren.

Aufs Ganze gesehen aber ist „Stan & Ollie“ eher dekorativ. Nett anzusehen, aber ohne die Substanz, ein wichtiger Film zu sein. Schade eigentlich.

Frauen und Comedy 2.0

Daisy Haggard kannte man bislang allenfalls aus „Episodes“ (Showtime/BBC2, 2011 – 17), wo sie die fabelhaft humorfreie Comedychefin des Senders spielen durfte, für den Sean und Beverly Lincoln (Steve Mangan und Tamsin Greig) mit ihrem Star Matt LeBlanc (Matt LeBlanc) arbeiteten: da fiel sie vor allem durch ihr indigniertes Knurren und ihren ablehnenden Gesichtsausdruck auf. Nun ist sie mit ihrer ersten eigenen Sitcom „Back to Life“ (BBC3, seit 15. April) in große Fußstapfen getreten: auf dem Sendeplatz von Phoebe Waller-Bridge und „Fleabag“.

Eine Tatsache, die in Großbritannien weithin Beachtung gefunden hat. Nicht nur, weil Waller-Bridge den Weg bereitet hat für die Serien anderer junger Frauen und ihren eigenen Perspektiven auf die Welt (das hat zuvor etwa Julia Davis auch schon getan), sondern weil auf den ersten Blick der Ton auch recht ähnlich ist: nämlich einer zwischen großem Pathos und Liebenswürdigkeit der Hauptfigur bei eher dunkler Grundierung der ganzen Show. Nicht zuletzt vielleicht, weil sowohl „Fleabag“ als auch „Back To Life“ aus der gleichen Produktion stammen, Two Brothers („The Missing“, „Liar“).

„Back to Life“ erzählt die Geschichte von Miriam „Miri“ Matteson (Haggard), die mit 36 aus der Haft entlassen wird, die sie 18 Jahre lang verbüßt hat, und mangels Alternativen wieder bei ihren Eltern einzieht: in einem kleinen Kaff an der Küste. Selbstverständlich weiß jeder im Städtchen bescheid über Miri und ihre Tat, und so sind die Reaktionen in der ersten Folge hauptsächlich“Oh shit“ und zugeschlagene Türen, als sie versucht, da weiterzumachen, wo sie vor 18 Jahren aufgehört hat. In ihrem Kinderzimmer hängen noch Poster von David Bowie, Prince und Jamie Oliver („Last man standing“, kommentiert ihre Mutter; sehr gut: Geraldine James), ihr Walkman ist auch noch da, und auf die Frage des ahnungslosen Nachbarn Billy (Adeel Akhtar, „woman with a beard“ in „Four Lions“) „Airb’n’bing?“ hat sie keine Antwort.

Tatsächlich geht die Story in „Back to Life“ dann darüber hinaus, wie schwierig es ist, Arbeit zu finden mit 18 Jahren Lücke im Lebenslauf einer Mittdreißigerin, und wie alte Freunde und die Community reagieren. Es geht auch um den Fall, der sie ins Gefängnis gebracht hat, ein ungelöstes Geheimnis und einen „True Crime“-Fan und Stalker, der sich in Miris Privatleben hineinzeckt. Leider ist genau diese Figur ein bisschen die Schwachstelle der Show, denn sie wird nicht wirklich befriedigend zu Ende erzählt. Im Wesentlichen aber funktioniert die Mischung aus Comedy, Drama und Crime von Haggard und ihrer Co-Autorin Laura Solon („Man Stroke Woman“, „Harry And Paul“) sehr gut.

Mehr als die Show für sich begrüße ich aber die Gesamttendenz, mehr Serien aus frischen weiblichen Perspektiven zu sehen. Die letzten drei guten Sitcoms, die ich hier besprochen habe, sind von und mit Frauen, „Killing Eve“ läuft gerade in der zweiten Staffel, und mir gefällt das alles sehr gut.

Pur und vom Feinsten

Es ist immer ein bisschen problematisch, autobiographische Geschichten für Film und Fernsehen in Form zu bringen. Die Historie folgt eben keinen dramaturgischen Gesetzmäßigkeiten, und vieles, was im wahren Leben einleuchtend und selbstverständlich erscheint, bedarf on screen einer eigenen Motivation, um nicht zu irritieren.

Das gilt umso mehr, wenn es nicht ein Zeit-, sondern ein Krankheitsverlauf ist, der einer Fernsehserie zugrunde liegt. Wie eben in „Pure“ (Channel 4, 2019). „Pure“ beruht auf der wahren Geschichte und dem gleichnamigen autobiographischen Buch von Rose Cartwright, die bei der Fernsehfassung als Associate Producer geführt wird und auch beim Casting mitreden durfte (ich komme gleich darauf zurück). Die zur Rede stehende Krankheit ist OCD, und zwar eine besonders „reine“ Ausprägung davon (die medizinisch, glaube ich, umstritten ist); auf deutsch: eine Zwangsstörung.

Unter dieser Zwangsstörung leidet die 24jährige Marnie (Charlie Clive). Sie ist einem permanenten Störfeuer ihres eigenen Hirns ausgesetzt, das sie zwingt, sich sexuelle Handlungen mit praktisch allen Menschen vorzustellen, mit denen sie im Alltag zu tun hat — und zwar im gleichen Moment. Ganz besonders in stressigen Situationen. Zwangsvorstellungen, die ihr das Leben so sehr zur Hölle machen, dass sie nach einem besonders peinigenden Moment bei einer Familienfeier abhaut: Weg aus Schottland, ab nach London, wo niemand sie kennt.

Dort nun bekommt sie es bei ihrem ersten Versuch als freier Erwachsener mit den typischen coming of age-Problemen zu tun — PLUS den Vorstellungen, denen ihre Impulskontrolle nur bedingt gewachsen ist. Sie hat prompt Sex am Arbeitsplatz, trinkt, um den Stress irgendwie abzubauen, und hat bald die schönsten Verwicklungen am Hals.

Charlie Clive ist dabei die beste vorstellbare Besetzung und eine wahre Entdeckung. Sie ist die perfekte Mischung aus jugendlicher Unschuld, der man sofort alles verzeihen möchte, was sie aus schwer steuerbaren Impulsen heraus tut (und zerstört), und früh-erwachsener Persönlichkeit, die Verantwortung übernehmen sollte und muss für das, was sie anrichtet. Sie ist nicht das manic pixi dream girl, das in der Hollywoodversion dieser Serie von Zooey Deschanel gespielt werden müsste, sie ist keine männliche Autorenphantasie, sondern ein realer Mensch mit handfesten Problemen — und doch gleichzeitig charmant, jung, hübsch, begehrenswert.

Eine Gratwanderung, denn das Problem in dieser konkreten Variante autobiographischer Fiktion ist natürlich, dass wir den inneren Konflikt unserer Heldin sofort verstehen, der äußere aber schnell schwierig werden kann: denn klarerweise richtet Marnie genügend an, damit ihre Vorgesetzte, die Frau, die ihr den Job verschafft hat, alle, mit denen sie Sex hat, ihr böse sein können — aber was für Arschlöcher müssen das sein, wenn sie über Marnies Krankheit bescheid wissen und ihr das nicht zugute halten? Also muss Marnie zugunsten der Dramaturgie ihre Krankheit möglichst geheim halten oder darf jedenfalls nicht sofort damit herausrücken — sonst sind alle Konflikte, in die sie gerät, schon zu ihren Gunsten entschieden. Böse kann man ihr nur sein, wenn man nichts von ihrer Krankheit weiß.

Aber Charlie Clive kriegt es hin, und das mag einen Grund haben: Denn sie hat Erfahrung mit schwerer Krankheit und einem komischen Umgang damit. Sie hat selbst über ein Jahr unter einem Hirntumor gelitten, der die längste Zeit unentdeckt geblieben war — und später eine Zweimann-Comedyshow für das Fringe-Festival in Edinburgh daraus gemacht: „Britney“. In ihr hat sie die Erfahrung verarbeitet: als junge Frau ihren Aufenthalt in den USA abbrechen zu müssen, wo sie keine bezahlbare medizinische Betreuung finden kann, und zurück zu ihren Eltern nach Großbritannien zu ziehen. Dort wird ihr ein golfballgroßer Tumor entfernt.

Eine Erfahrung, die sie prädestiniert für die Rolle der Marnie; eine Erfahrung, die offenbar auch Rose Cartwright beim Casting für diese Rolle sofort bemerkt hat.

So ist aus „Pure“ eine Serie geworden, die eine psychische Erkrankung mit komischen Mitteln thematisiert, ohne dass je Scherze über die Krankheit gemacht würden. Ein absolut ernstes Thema, in einer Comedy angemessen repräsentiert. So gehen Serien, die man im Kopf behält. Und selbstverständlich blendet Channel 4 am Ende jeder Folge Kontaktdaten ein für Menschen, die sich von den dargestellten Konflikten angesprochen fühlen.

Gute Unterhaltung — und mehr als Unterhaltung. Alles, wofür ich britische Serien mag.

Keine Zeit

Ich würde ja gerne. Über „Larry Charles‘ Dangerous World of Comedy“ schreiben, seine Netflix-Doku über Stand Up Comedians in Liberia, Irak und anderen Orten, wo es lebensgefährlich ist, Witze zu machen, und Comedy doch existiert.

Über das bedauerliche Ende von „SMILF“.

Über „Stan & Ollie“ und darüber, dass Steve Coogan ein verblüffend guter Schauspieler ist, der sich Gestik und Mimik von Stand Laurel für diesen Film unfassbar gut draufgeschafft hat. Und dass der Film selbst zwar als Hommage sehr gut ist, aber irgend etwas fehlt. Ich würde gerne selbst herausfinden, was.

Über „Pure“, ein Comedydrama über OCD und eine phantastische Hauptdarstellerin, die selbst mit Anfang 20 unter einem Hirntumor gelitten hat, der sie über ein Jahr begleitet und zu ihrem ersten Stand Up-Solo beim Fringe-Festival in Edinburgh animiert hat.

Aber ich komme nicht dazu. Zu viel zu tun. Bis Ostern, wie es aussieht. Danach geht’s hier regulär weiter.

Bis dann!

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Holy Rick

24. März 2019 6 Kommentare

Die neue Sitcom von Ricky Gervais, „After Life“ (Netflix), könnte als seine beste seit „Extras“ (BBC2, 2005 – 07) durchgehen. Wenn man nicht immer mal wieder das Gefühl haben müsste, Gervais dabei zuzusehen, wie er sich selbst heiligspricht.

Ich will es nicht verhehlen: Meine Erwartungen an Sitcoms von und mit Ricky Gervais haben eine Tendenz gegen null, spätestens seit seinem sog. „Comedydrama“ um einen grenzdebilen Altenpfleger namens „Derek“ (Channel 4, 2012 – 14). Umso angenehmer überrascht hat mich „After Life“.

Darin variiert Gervais seine Arschlochfigur (David Brent, Andy Millman), indem er seinem Tony Johnson eine traurige Backstory gibt, die seine Trostlosigkeit und seine Misanthropie einleuchtend grundiert: Er hat seine über alles geliebte Frau Lisa (Kerry Godliman, präsent in Videos, die Tony mit ihr und sie für Tony gedreht hat) verloren. Seitdem geht er seiner Arbeit als Lokalreporter für ein Gratisblättchen noch lustloser nach als ohnehin, zweifelt am Sinn des Lebens, ja: führt seine Selbstmordgedanken jeden Tag ausführlich spazieren. Am Leben erhält ihn eigentlich nur noch sein Hund.

Zum Glück hat er einen einfühlsamen Chef (und Schwager) in Matt (Tom Basden, „Plebs“), einen Fotografen (Tony Way), der Tonys Demütigungen stoisch erträgt, und überhaupt sehr viele aufmerksame und mitfühlende Menschen um sich herum, die ihm immer wieder bestätigen, was für ein guter Mensch er doch in Wahrheit ist: Emma (Ashley Jensen, „Extras“), die Altenpflegerin, die sich um Tonys dementen Vater (David Bradley, „Game of Thrones'“ Walder Frey) kümmert. Daphne/Roxy (Roisin Conaty), eine Prostituierte, und Julian (Tim Plesder), einen Drogenabhängigen — denn ganz wie Jesus ist sich auch Tony für keinen gesellschaftlich Ausgestoßenen zu gut. Und Anne (Penelope Wilton, „Shaun of the Dead“), eine Witwe, die Tony regelmäßig am Grab seiner Frau trifft.

Dabei halten sich Melancholie und Comedy ganz gut die Waage: die Rüpelhaftigkeit, mit der Tony seinen Mitmenschen begegnet, ist durchaus so gut motiviert, dass man mit ihm fühlt. Die Scherze, die aus seiner drastischen Offenheit entstehen, sind komisch. Dass der Cast, den Gervais um sich herumstellen kann, hochkarätig ist (außer den genannten etwa noch die sträflich zu wenig genutzte Diane „Philomena Cunk“ Morgan und Paul Kaye, „Game of Thrones'“ Thoros of Myr), versteht sich von selbst. Ebenso, dass die Ansichten Tonys (es gibt keinen Gott, Tiere sind die besseren Menschen, jeder hat das Recht auf einen selbstbestimmten Tod) zartfühlenden Menschen womöglich extrem scheinen, es in Wahrheit aber kaum noch sind.

Dass diese Ansichten sich zu 95 Prozent mit denen decken, die Ricky Gervais in seinen Standups äußert: das stört mich spätestens dann, wenn er nach fünf Folgen Herumflegelns eine ganze Episode darauf verwendet, sich von allen Nebendarstellern Persilscheine ausstellen zu lassen: dass das schon okay ist und Tony eigentlich ein dufter Typ. Und dass Tony dann tatsächlich wieder einen Lebenwillen entwickelt: das macht diese ganze letzte Folge zu einem einzigen Epilog, der mir weder in sich noch als dramaturgische Idee schlüssig erscheint. Denn wie soll nach diesem Ende eine zweite Staffel beginnen? Mit dem Tod seiner zweiten Frau?

„After Life“ hinterlässt mich also mit gemischten Gefühlen: Es ist ganz sicher nicht Gervais „beste Arbeit“, wie er mit Gervaisscher Bescheidenheit selbst wissen lässt. Eher hat man den Eindruck, auch hier hätte ein Co-Creator gut getan, der den Heiligenschein ein, zwei Stufen herunterdimmt.

Aber solide genug für drei unterhaltsame Stunden ist es doch.