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Neue Helden

Der Serienansatz ist nicht neu: Gewöhnliche Menschen, die plötzlich die Fähigkeiten von Superhelden haben, das gab es schon in „Heroes“ und „The 4400“. Aber „Misfits“ (E4 2009), die britische Variante des Themas, ist besser, weil es typisch englisch ist: einen Ticken dreckiger — und zwei lustiger.

Sie sind die letzten, von denen man sich retten lassen würde, und sie haben auch nichts dergleichen vor: fünf straffällig gewordene Jugendliche reißen ihre Sozialstunden in einem pittoresk desolaten Industriestadtviertel herunter. Großmaul Nathan wird von seiner Mutter vor die Tür gesetzt und ist damit obdachlos, Supernerd und Brandstifter Simon hat den flackernden Blick eines jungen Klaus Kinski, Vorstadtschlampe Kelly gibt sich als die Billigversion von Katie Price (falls das überhaupt vorstellbar ist), Partygirl Alisha ist beim Autofahren unter Alkoholeinfluß erwischt worden, und der Schwarze Curtis hat sich eine hoffnungsvolle Sportlerkarriere durch Drogenhandel versaut. Nun müssen sie Parkbänke streichen und Senioren die Langeweile bei Kaffee und Kuchen vertreiben — und nach einem mysteriösen Gewitter, bei dem sie beinah von koffergroßen Hagelkörnern erschlagen werden, auch noch mit merkwürdigen Begabungen umzugehen lernen, die einer nach dem anderen an sich feststellt: Kelly kann Gedanken lesen (die meistens nicht sehr schmeichelhaft für sie sind — sogar ihr Hund schlabbert ihr erst das Gesicht ab und denkt dann: Wenn die wüßte, daß ich mir gerade die Eier geleckt habe…), Simon wird hin und wieder unsichtbar, ohne diese Gabe aber steuern zu können, und Curtis hat in besonderen Momenten Flashforwards (bzw. kann tatsächlich in der Zeit zurückreisen und die Gegenwart verändern). Ihr Problem: Nicht nur sie haben durch das Gewitter merkwürdige Befähigungen erhalten…

Spoilers ahead, darum hier mein Tip: Wer dieses düster-komische Jugenddrama im Stile von „Skins“ mit allen überraschenden Wendungen sehen möchte, sollte lieber bestellen statt weiterzulesen.

In der ersten Folge ist es ihr Sozialarbeiter, der nach dem Gewitter anders als zuvor auf Provokationen seiner Schützlinge reagiert: nämlich indem er sich in einen Zombie-Slasher verwandelt und sie umzubringen versucht. Einen (sechsten) Jugendlichen hat er bereits getötet, als die fünf sich seiner schließlich erwehren können — und prompt mit zwei Leichen dastehen, die sie verschwinden lassen müssen. Schlecht für sie, daß eine weitere Sozialarbeiterin ihren toten Freund vermißt und die Fährte aufnimmt.

„Misfits“ überzeugt nicht durch die hanebüchene Prämisse, logischerweise, sondern durch die Glaubwürdigkeit, mit der dieser offenkundige Humbug umgesetzt wird: die Jugendlichen wirken durch die Bank authentisch, schenken sich in ihren bös-komischen Disputen nichts und verhandeln unter der Hand relevantere soziale Themen, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Alisha etwa hat die absonderliche Gabe, alle Männer, die sie berührt, so besinnunglos notgeil auf sie zu machen, daß sie nicht anders können, als mit ihr zu schlafen — was durchaus als Externalisierung eines gravierenden sozialen Problems gelesen werden kann, nämlich des unkontrollierten Sexlebens britischer Jugendlicher, die öfter als die Jugendlichen irgend eines anderen europäischen Landes in zartesten Altern schwanger werden.

Der beste Dreh aber ist, daß Nathan, dem die Serie die meiste Aufmerksamkeit widmet, als einziger keine besondere Begabung zu haben scheint, über Folgen hinweg damit hadert und immer wieder mit seinen Versuchen scheitert, sie zu finden (soviel sei verraten: Fliegen ist es nicht). Ein underachiever unter Superhelden, ein besonders ausgeschlossener unter Außenseitern, diese Idee ist schon ziemlich gut.

Als „Misfits“ im November und Dezember des vergangenen Jahres auf dem Bezahlsender von Channel 4 lief, waren sich Kritik und Publikum über die Qualität der Serie ziemlich einig: hervorragende Presse und gute Quoten haben schon für grünes Licht für eine zweite Staffel gesorgt; die erste ist für mich eine der angenehmeren Überraschungen der letzten Monate gewesen. Auch wer nichts mit „Heroes“ und „The 4400“ anfangen konnte (so wie ich), wird „Misfits“ mit Vergnügen sehen.

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  1. Ralf
    15. Januar 2010, 14:22 | #1

    Das hört sich interessant an. Und auch die Ausschnitte die man finden kann versprechen einiges. Deshalb die obligatorische Frage (und weil ich darüber nirgendwo was finden konnte): Hat auch diese DVD englische Untertitel?

  2. 15. Januar 2010, 14:24 | #2

    sie hat. ut sind bei britischen dvds so üblich, daß ich künftig darauf hinweisen werde, wenn es keine gibt, ok?

  3. Ralf
    15. Januar 2010, 14:47 | #3

    Super. Vielen Dank.

  4. 15. Januar 2010, 18:29 | #4

    Supertip, bin gerade bei der 3.Folge, ist auf Usenet zu finden.
    Ist aber mehr als 2 x dirtier als alles, was man aus USA kennen würde, zum Glück….

  5. ßadaßing
    15. Januar 2010, 20:50 | #5

    Sieht vor allem „filmisch“ sehr gut aus. Wikipedia sagt, dass Kubricks Clockworck auch an diesem See gedreht wurde. Das Community-Center ist hier auch gut zu erkennen: http://bit.ly/7z1GoB

  6. 16. Januar 2010, 11:24 | #6

    Fand die erste Epsiode bislang recht unterhaltsam. Kann mir wer etwas mehr über „die andere Serie“ Skins erzählen?

  7. trixie
    22. Januar 2010, 02:26 | #7

    na toll.in zwei tagen(grippe) alle folgen durch bis zur 6ten
    http://www.youtube.com/watch?v=SF765OUWNeo
    bin gut unterhalten worden und will mehr.

  8. Jeun
    25. Januar 2010, 14:25 | #8

    Bin auch gut unterhalten worden, will mehr, freue mich insbesondere jedes Mal, wenn Lauren Socha alias Kelly den Mund aufmacht, scheue mich aber auch nicht zu fragen: Was war das eigentlich für ein Sturm? Und noch wichtiger eigentlich: Warum interessiert das niemanden in der Serie? Oder bin ich jetzt ein doofer Spielverderber?

  9. 25. Januar 2010, 14:33 | #9

    ja, solche fragen darf man nicht stellen bei fantasy, das ist auch mein größtes problem mit dem genre. immerhin ist es aber schon gut, wenn der serienkosmos wenigstens in sich logisch funktioniert und es infolgedessen nicht allzu viele fragen sind, die sich dem zuschauer aufdrängen – hier nur die eine, und auch die hab ich mir tatsächlich gar nicht gestellt, dazu hat die suspension of disbelieve wohl bei mir zu gut funktioniert. anders etwa als bei „avatar“, wo eine frage an die andere anschließt.

  10. Jeun
    25. Januar 2010, 14:40 | #10

    Ganz interessant in dem Zusammenhang: http://www.e4.com/video/ohL3wPXd3wyvaYBju62v0d/play.e4
    Der geheimnisvolle Kapuzenmann, der Nathan auf dem Fahrrad rettet, bringt dem Zuschauer die Frage nach den Hintergründen ins Bewusstsein.

  1. 14. Januar 2010, 18:02 | #1