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Artikel Tagged ‘Jimmy Carr’

Manic Monday (2)

22. November 2011 1 Kommentar

Die vorweihnachtliche DVD-Springflut geht weiter! Gestern neu erschienen sind unter anderem…

„Come Fly with Me“ (BBC1, 2010), die Flughafen-Mockumentary von den „Little Britain“-Machern Matt Lucas und David Walliams. Die beiden wechseln fast im Sekundentakt von Frauen- zu Farbigen- zu Schwulenkostüm, als wäre die Alternative Comedy nie passiert. Die beiden Comedy-Superstars werden allmählich zu den Harald und Eddies Großbritanniens — nur nicht so lustig. Tatsächlich setzte es herbe Kritik an „Come Fly With Me“, der Daily Express nannte die Serie sogar „die schlechteste Sketchshow bzw. Sitcom, die je an Weihnachten ausgestrahlt wurde“; die Einschaltquoten allerdings spiegelten das nicht wider. Lucas und Walliams haben ein treues (vermutlich eher junges) Publikum, und wem der low brow-Humor von „Little Britain“ gefällt, für den ist vielleicht auch „Come Fly With Me“ was, auch wenn letzteres nicht ganz so auf die zwölf geht wie ersteres. Die zweite Staffel dürfte noch in diesem Jahr anlaufen.

„Frankie Boyle’s Tramadol Nights“ (Channel 4, 2010), die böse Sketch/Stand Up-Show des schottischen Comedians Frankie Boyle. Man könnte es für Berechnung halten, wie hier auf Skandale geschielt wurde: Sketche über die heilende Kraft von Vergewaltigungen, „Sesamstraßen“-Parodien mit dem sexbesessenen „Pussy Monster“, „Knight Rider“-Spoofs mit jeder Menge Drogen, ach ja, und natürlich der im United Kingdom mittlerweile notorische Gag über den schwerbehinderten kleinen Sohn von Katie Price und Peter Andre: „Jordan and Peter Andre are still fighting each other over custody of Harvey — eventually one of them will lose and have to keep him.“ — Boyle „has been given enough rope to hang himself“, setzte es prompt vom Guardian was, verdientermaßen. Wenn schon so ätzende Scherze, dann bitte auf Kosten der richtigen Leute — wie es geht, zeigt Stewart Lee. Und nicht so quälend lange, ermüdend unlustige Sketche wie der enorm verspätete über „Knight Rider“.

Weitere neue Stand Up-DVDs: Jimmy Carr (Lesern dieses Blogs womöglich bekannt aus „10 O’Clock Live“) ist „Being Funny“, John Cleese versucht, seine Scheidung mit dem Erlös der „Alimony Tour 2011“ zu bezahlen, Gummigesicht Lee Evans betätigt sich als „Roadrunner – Live At The O2“ und Russell Brand treibt sein flamboyantes Unwesen „In New York City“. Ich habe nichts davon gesehen.

Dafür aber „Outnumbered“ (BBC1, seit 2007), deren vierte Staffel (plus Box-Set mit allen Serien und dem Special) ebenfalls gerade erschienen ist. Zwar hat mich die letzte Season nicht so überzeugt wie die ersten drei, weil die Kinder der Familie Brockman mittlerweile aus ihren ursprünglichen Rollen herausgewachsen sind und die Autoren damit zu kämpfen scheinen, aber wenn man bereit ist, mit dieser Schwäche zu leben, bleibt die Serie kurzweilig genug, um sie weiterzugucken: herzerwärmende Unterhaltung für die ganze Familie.

Ebenfalls warm, aber sehr still: Die erste Staffel „Rev.“ (BBC2, 2010). Tom Hollander als müder, aber gutwilliger protestantischer Priester einer kleinen Innenstadtgemeinde in London hat mit seinem Alltag, seinem Glauben und seiner Frau (Olivia Colman) zu kämpfen. Die Serie mit einem minimalen bis nicht vorhandenem Budget und Drehbüchern, in denen oft Schmunzler sind, wo laute Lacher besser wären. Trotzdem macht „Rev.“ es einem leicht, die Show mögen zu wollen — Hollander als Adam Smallbone ist sympathisch genug, daß ich mit die zweite Staffel, die derzeit läuft, ebenfalls weggucke. Allerdings war nach einer guten ersten Folge (mit einem Gastauftritt von Hugh Bonneville), die mich schon auf grundlegende Verbesserungen in der ganzen zweiten Season hoffen ließ, schon die zweite wieder so unnötig friedhofsruhig, obwohl der Plot deutlich mehr hergegeben hätte (eine junge, dynamische Priesterin bringt Adams Pfarrei auf Vordermann und macht ihm in seiner eigenen Gemeinde Konkurrenz), daß ich nicht genau weiß, was ich davon halten soll. Ich glaube, ich schiebe alles auf die BBC, die derzeit ihre Comedyprogramme offenbar gezielt kaputtsparen möchte.

Hunting down the news

9. Februar 2011 1 Kommentar

Als ich sechzehn, siebzehn war, war Titanic mehr für mich als nur leichte Unterhaltung. Das war die Zeit vor Internet und Smartphones; meine Informationen bekam ich aus der örtlichen Tageszeitung (wenn ich sie denn las) und aus der „Tagesschau“. Hin und wieder schmökerte ich in der Schulbibliothek in den wöchentlichen und monatlichen Zeitungen und Magazinen, aber das war im Grunde mehr Pflicht, die Erfüllung eines bildungsbürgerlichen Auftrags — tatsächlich fand ich das meiste, was ich da las, fürchterlich langweilig.

Als ich aber Titanic entdeckte, war das der Schlüssel zu einer Schatzkiste: In den „Briefen an die Leser“ erfuhr ich, wer was Dummes gesagt oder getan hatte, und vor allem, wer überhaupt so relevant war, daß er da auftauchte. Und in den Artikeln bekam ich nicht nur die satirische Einordnung und den komischen Kommentar zu Politik, Medien und Literatur, sondern vor allem erstmal die Nachrichten selbst: wenn ich das neue Heft gelesen hatte, fühlte ich mich besser informiert als nach der Lektüre von Zeit, SZ und Spiegel zusammen.

Hunting down the news and beating the truth out of it nennen sie das bei „10 O’Clock Live“ (Channel 4). Eine gute Dreiviertelstunde lang präsentieren Charlie Brooker, Jimmy Carr, Lauren Laverne und David Mitchell immer Mittwochs eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Mischung aus Information, Talk und Comedy, die deutlich von der Attitüde der drei Comedians getragen wird: Da darf zunächst Jimmy Carr, üblich schwarzhumorig, in einem Stand Up-Solo die Meldungen der Woche durchgehen (ja, die schnelle, kurze Form am Anfang bewährt sich halt immer wieder, egal ob in Print- oder TV-Magazinen). Danach variiert die Reihenfolge, aber immer gibt es ein Gespräch, in dem David Mitchell entweder schön konfrontativ mit Bänkern (und ihren Kritikern) über ihre Bonus-Zahlungen reden darf oder in Einzelgesprächen die britische Grünen-Vorsitzende Caroline Lucas oder Alastair Campbell in die Zange nimmt, den vormaligen Spin Doctor von Tony Blair (der auch die Vorlage für Malcolm Tucker abgeben durfte). Charlie Brooker wirft einen deutlich „Screenwipe“-geprägten Blick auf Ägypten oder Sarah Palin und welches Bild jeweils die Medien vermitteln, Jimmy Carr beleuchtet ein aktuelles Thema quasi kabarettistisch, Mitchell gibt in die Kamera hinein einen Kommentar ab, in dem er sein ganzes kolumnen-geschultes Talent für politische Leitartikel zeigen darf, und die Radio-DJane und Moderatorin Lauren Laverne hält alles zusammen.

Die ganze Show ist bunt und schnell; manchmal vielleicht ein bißchen zu schnell — viele Gespräche sind zuende, bevor alle Diskutanten Betriebstemperatur erreicht haben. Und vielleicht auch ein bißchen zu bunt, und damit meine ich nicht nur die regenbogenartig blinkende Neon-Kulisse, die macht, daß einem die Augen bluten, sondern auch die Atemlosigkeit, die womöglich dem Druck des „live“-Elements geschuldet ist und dem Anspruch, möglichst tagesaktuell zu sein. Und Jimmy Carr, so gut sein Stand Up ist, war im Gespräch mit dem Klimawandel-Scharlatan Bjørn Lomborg gegenüber dem rhetorisch geschulten Dänen schnell ein wenig überfordert.

Aber es sind ja nun erst drei Folgen gelaufen, und der Spaß an unverblümter Meinung, Direktheit und satirischer Feuerkraft ist deutlich größer als eventueller Ärger über Kinderkrankheiten der Show, die zum ersten Mal im Mai 2010 in ähnlicher Form lief als „Channel 4’s Alternative Election Night“. Klar, Jon Stewarts „Daily Show“ läßt grüßen und überstrahlt „10 O’Clock Live“ im Moment noch deutlich. Aber nicht nur haben die Amerikaner mehr Zulieferer im Rücken, sondern auch über zehn Jahre Erfahrung mehr, insofern ist der (unausweichliche) Vergleich vielleicht ein wenig ungerecht.

Die politische Situation in England aber, eine unfähige rechtsliberale Regierung, dramatische Budgetkürzungen, die Einführung von Studiengebühren, das ganze politische Klima in Großbritannien sind, so schrecklich sie für den Einzelnen sein mögen, natürlich Wind unter den Flügeln einer solchen Show. Schlechte Zeiten sind gute Zeiten für Satiriker. Schon deshalb erwarte ich noch einiges von „10 O’Clock Live“.