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Artikel Tagged ‘Karl Pilkington’

Die allertraurigste Show der Woche

13. April 2012 2 Kommentare

Hätte ich mir den Superlativ im letzten Eintrag doch gespart! Dann müsste ich ihn jetzt nicht noch überbieten. Denn das Prädikat „traurig“ gebührt ohne Zweifel „Derek“ (Channel 4), der Pilot-/One-Off-Folge von Ricky Gervais‘ jüngster Show rund um ein geistig zurückgebliebenes Faktotum in einem Altersheim. „Traurig“ in mehr als einer Hinsicht.

Traurig, in erster Linie, weil es nichts zu lachen gibt. Nennt mich altmodisch, aber ich mag Comedy, die mich zum Lachen bringt. Bei „Derek“ musste ich nach handgestoppten 14 Minuten (von 25) zum ersten Mal leise kichern, und danach kam nur noch ein einziger Lacher. Und nein, das war nicht der Moment, als Derek in den Brunnen gefallen ist. Vermutlich hat Gervais „Derek“ deswegen vorsorglich als Comedy-Drama deklariert, weil es schlicht fast keine Comedy gibt. Das Format (die schon erwähnten 25 Minuten) weist die Show aber im Grunde als Sitcom aus (ich kenne kein englisches Comedy-Drama, das so kurze Episoden hätte).

Als solche funktioniert „Derek“ nicht. James Carey fasst in seinem Blog Sitcom Geek sehr gut zusammen, was aus humorkritischer Perspektive nicht funktioniert: eine Sitcom benötigt eine Hauptfigur, die a) ein Ziel hat, eine Mission, mit einem Wort: die Âventiure, die seit dem Mittelalter jeden Ritter hat in die Welt ziehen lassen, um sich Bewährungsproben zu suchen. Dereks Wunschziel bleibt äußerst unklar. Comedy braucht aber auch b) Hindernisse, die aus dem Charakter selbst entstehen, aus seiner Eitelkeit, seiner Misanthropie, egal — er muss sich aber selbst im Weg stehen. Er braucht ein Handicap.

Genau hier stoßen wir an das Problem der Show, denn Derek hat ein Handicap, er ist aber nicht selbst schuld daran: Derek ist — sei es nun eine tatsächliche Behinderung, sei es nur ein extrem unterdurchschnittlicher Intelligenzquotient — beschränkt. Da hat „der Spaß ein Loch“, wie Murmel zu sagen pflegt. Denn wenn Derek nun über etwas stolpert, wörtlich und im übertragenen Sinne, hat das praktisch keine Fallhöhe. Er fällt nicht von einem hohen Ross; er ist von Anfang an schon ganz unten.

Es ist also schwierig, mit einer solchen Hauptfigur in einem solchen Setting komische Geschichten zu erzählen. Folglich hängen die wenigen genuin komischen Momente an den Nebenfiguren: Karl Pilkington als seniorenverachtender Altenpfleger Dougie etwa, der es durchaus verdient, wenn ihm etwas schlechtes widerfährt, oder die sympathische Pflegerin Hannah (Kerry Godliman), die von Derek in eine peinlich-amüsante Situation gebracht wird, als er ihr eigentlich nur helfen möchte. Die Komik, die da evoziert wird, ist aber allenfalls naiv und sentimental-rührend (beim erwähnten einzigen lauten Lacher ist Derek gar nicht beteiligt). Wer das mag, ist mit „Derek“ vielleicht ganz gut bedient.

Aber ich habe neben der fehlenden Fallhöhe (und dem abgedroschenen Mockumentary-Format) noch ein anderes Problem: Ich empfinde leider keine Sympathie mehr für Ricky Gervais. Ich kann nicht darüber hinwegsehen, dass die Figur des Derek vom Macher von „Life’s Too Short“ gespielt wird, der damals schon „keine Witze über Zwerge“ versprochen hat und dann doch nur Slapstick um einen Zwerg lieferte, der im Klo stecken bleibt. Gervais ist in meinen Augen hauptsächlich ein Agent Provocateur, der genau um die Wirkung weiß, wenn er sich die Haare in die Stirn kämmt, den Unterkiefer vorschiebt, mit einem „Glöckner von Notre Dame“-Gang geht und überhaupt einen Behinderten spielt. Ich kann von Anfang an nicht anders als denken: hier wird um der Provokation willen provoziert.

Eine interessante, erzählenswerte Geschichte konnte ich in „Derek“ jedenfalls nicht finden (eine erkennbare Handlung gab es überhaupt erst in den letzten zehn Minuten), und eine komische schon gar nicht. „Derek“ war für mich zwei Drittel Langeweile und ein Drittel Widerwillen, und ich wäre froh, wenn ich mich nicht durch weitere fünf Folgen „Derek“ quälen müsste.

Gervais: Doch nicht der Mongo, der man dachte?

29. März 2012 3 Kommentare

Nach einem Screening von Ricky Gervais‘ Piloten „Derek“ (Channel 4, 12. April) sieht es nach einer überraschenden Wendung in der Meinung der Kritiker aus: Offenbar ist die Show rund um einen geistig Zurückgebliebenen/Behinderten, der in einem Altenheim arbeitet, doch nicht so offen beileidigend, wie man nach „Life’s Too Short“ (BBC2, 2011) annehmen konnte.

Tatsächlich sind sich die Online-Medien relativ einig: „Derek“ ist eine eher warme, freundliche Show, die keine Scherze auf Kosten ihrer Hauptfigur macht, bzw. jedenfalls nicht nur:

The cleverest part of the comedy is the thinly-veiled double entendre; on one hand, you might find cheap laughs in a mentally challenged man falling into a pond, but on the other hand you might find more rewarding comedy concealed in Derek’s interpretations of the world that surrounds him. Either way, it doesn’t take long before all threat is dispersed and you’ve established a tenable connection to Derek.

berichtet Heatworld, und der Digital Spy erwähnt „emotionale Momente, die unweigerlich kommen (es ist schließlich eine Ricky-Gervais-Show)“ und die Gervais‘ Potential als ernsthafter Schauspieler zum Vorschein brächten — Momente, in denen man mit der Hauptfigur aus tiefstem Herzen mitfühlt, was abermals ein großer Unterschied zu „Life’s Too Short“ oder Karl Pilkington in „An Idiot Abroad“ (Sky 1, seit 2010) wäre.

Apropos Pilkington: der spielt auch mit, allerdings quasi sich selbst. Überhaupt scheint von Anfang an in jedem Moment klar zu sein, dass wir es mit einer Show von Ricky Gervais zu tun haben: Es ist, logo, abermals ein Mockumentary-Format, allerdings ohne dass je erklärt würde, warum ein Kamerateam das Leben und Wirken Dereks in einem Seniorenheim dokumentieren sollte. So bleiben die Vergleiche mit „The Office“ und „Extras“ auch in der RadioTimes-Kritik nicht aus, aber: es sind Vergleiche mit den positiven Aspekten aus Gervais Vorgängerwerken. „Derek“ sei

a sensitive comedy drama that recalls the sudden cries from the heart we saw at the end of Extras and, particularly, The Office. Almost all those preconceptions are wrong. Almost all of them. Gervais is trying, if not to atone, then to progress — but he’s not been bold enough. Smears of old paint spoil the canvas.

Das alles klingt sehr nach einer der besseren Ideen von Gervais. Womöglich ist es sogar bedauerlich, dass Channel 4 keine ganze Staffel „Derek“ bestellt hat. Chortle jedenfalls schließt mit der Bemerkung, Gervais käme hier wesentlich „aufrichtiger“ rüber, viel weniger frivol als in anderen Shows, und das will ich mir gerne ansehen.

***

UPDATE: Ricky Gervais äußert sich nun selbst zu „Derek“:

He’s lovely and kind. Whatever he thinks and does is the nice way to go. He knows what he likes and does everything with passion and honesty.

I’ve never thought of him as disabled. He’s not that bright but neither are Kev [David Earl’s character] or Karl. He’s cleverer than Baldrick and Father Dougal and he certainly hasn’t got as big a problem as Mr Bean. When portraying someone with disabilities I usually get someone with that disability to play them.

People assume my work is cynical and outrageous and it’s never been. I’ve always liked realism. There’s nothing better than real life. I like getting close to real emotions. It’s just that people don’t quite expect it if they’ve been having a laugh.

Der vollständige Text findet sich bei Chortle, wo auch berichtet wird, über eine volle Staffel sei bei Channel 4 noch gar nicht entschieden worden.

Eine Sitcom von Ricky Gervais ist eine Sitcom von Ricky Gervais ist eine…

11. November 2011 2 Kommentare

Die Sitcoms von Ricky Gervais, seine Gastauftritte bei „Curb Your Enthusiasm“ und den „Simpsons“, für die er auch eine ganze Folge geschrieben hat, sein gesamtes Oeuvre ist motivisch und stilistisch verbunden: Man kennt sein Faible für einen realistischen Ansatz, sei es der einer penibel durchgeschriebenen Mockumentary („Office“) oder eher improvisiert („Curb“). Man weiß um seine phantastischen Connections zur A-List-Prominenz aus Film und Musik, die gerne ihrerseits Gastauftritte in seinen Produktionen absolviert. Und man kennt seine Charaktere, deren soziale Auffälligkeiten bei gleichzeitigem Unvermögen entweder bedeuten, daß sie gedemütigt werden oder andere demütigen. Dieses Bullying kann, wie im Falle Karl Pilkingtons und der „Ricky Gervais Show“ bzw. „An Idiot Abroad“, manchmal auch ein bißchen ermüden.

Tut Gervais also das Erwartbare bei seiner neuen Sitcom „Life’s Too Short“ (BBC2, seit gestern)?

Ja, das tut. O Mann, und wie er das tut.

*Spoiler ahead!*

Zu Beginn der ersten Folge treffen wir auf einen überraschend seriösen Geschäftsmann: Warwick Davis wird, mit seinem eigenen Kommentar aus dem Off, als Schauspieler und Schauspieler-Agent für Kleinwüchsige präsentiert, der mit seiner gut (aber nicht phantastisch) aussehenden Frau in einem repräsentablen Haus wohnt, einen Geländewagen fährt, stets im Anzug zu sehen ist und seine Erfolge von gestern stolz präsentiert, als er als Ewok in den „Star Wars“-Filmen zu sehen war und schon in Hollywood angekommen schien. Recht schnell blicken wir aber hinter die Fassade: Von seiner Frau hat er sich gerade getrennt und sollte eigentlich schon aus dem Haus ausgezogen sein; die von ihm vermittelten Schauspieler sind keine wirklichen Größen (haha!), und George Lucas hat schon sehr, sehr lange nicht mehr angerufen.

Als Davis dann Stephen Merchant und Gervais in deren Büro aufsucht (wo Merchant und Gervais albernerweise wie bei Pilkingtons Reiseserie an einem Schreibtisch nebeneinander sitzen), kommt die erste ungemütliche Szene: Die beiden haben keine Arbeit für ihn, wollen ihn eigentlich nur möglichst schnell wieder loswerden — woran Davis allerdings schon gewöhnt zu sein scheint.

Davis nächster Gang führt ihn zu seinem vollkommen vertrottelten Buchhalter, der ihm offenbart, das Finanzamt erwarte eine Nachzahlung von 250 000 Pfund — er habe mal nachgerechnet und sei aber nur auf anfallende Steuern in Höhe von 50 000 Pfund gekommen. Dann habe er mit dem Finanzamt verhandelt. — Und? — Sie wollen 250 000 Pfund.

Zuguterletzt treffen in der mit Abstand komischsten Szene der ersten Folge, abermals bei Merchant und Gervais im Büro, alle drei auf Liam Neeson, der mit seinem „Schindlers Liste“-Gesicht erzählt, er wolle ins Comedy-Fach wechseln. Er besteht darauf, sofort eine Impro-Nummer mit Gervais zu spielen, und ruiniert diese vollkommen — und höchst unterhaltsam.

*Spoiler Ende*

Man kann in Davis Spiel unschwer die Manierismen Gervais‘ erkennen: Seinen Sprachduktus, seine Art, mit der Präsenz der Kamera umzugehen. Und man kann in vielen Szenen, wie ich das oben ja schon getan habe, die Zutaten deutlich rausschmecken, die Gervais auch bei seinen früheren Werken schon eingesetzt hat: die Kamera aus „The Office“, die Stars aus „Extras“ (in der nächsten Folge wird Sting dabei sein), das Bullying aus „An Idiot Abroad“.

Aber ist das wirklich kritikabel? Wenn die Geschichten gut sind, warum nicht auf bewährte Mittel setzen? Wer eine Sitcom von Ricky Gervais sehen möchte: Der kriegt eine Sitcom von Gervais, nichts anderes.

Ob die Geschichten gut genug sind, ist eine andere Frage. Die zu beantworten aber noch zu früh ist: Wir haben ja gerade einmal die Vorstellung der Figuren gesehen und wie die Fallen aufgestellt werden, in die sie während der nächsten Folgen treten werden. Ob das Zuschnappen dieser Fallen dann überraschend genug ist für einen weiteren Erfolg a lá „Extras“? Schaumermal.

Trottel unterwegs

27. September 2010 3 Kommentare

Dies sei, so Ricky Gervais in den ersten Minuten von „An Idiot Abroad“ (Sky1), nichts anderes als ein sehr teurer practical joke, und Karl Pilkington „an idiot in a corner, poked by a stick — and I am the stick“. Zu vorgeblich keinem anderen Zweck, als um Pilkington zu foppen, schicken Gervais und Merchant den Simpleton-Sidekick aus ihren höchst erfolgreichen Podcasts um die Welt. Die sieben Weltwunder soll er bereisen, und dabei immer genau das tun, was die Bullys zuhause ihm via iPhone auftragen: In der ersten Folge etwa, die Chinesische Mauer zu besichtigen — und zwar in ihrer gesamten Länge.

Das tut Pilkington dann auch brav, immer schön das Trottelgesicht mit offenem Mund und halb geschlossenen Augen aufgesetzt, und jammert sich durch halb China: die Chinesen können seinen Namen nicht aussprechen („It’s not car, it’s Karl!“), essen ekelhafte Insekten am Spieß, Hühnerföten und Kröten, denen sie vor laufender Kamera die Köpfe einschlagen und die Haut über die… über das ziehen, was auch immer Kröten anstelle von Ohren haben. Außerdem versteht Pilkington die Schriftzeichen nicht, muß im Bus neben einer Frau sitzen, die fortwährend Rotz hochzieht und in eine Plastiktüte spuckt, und darf sich beim Kung Fu blamieren. „Are you having a laugh?“ fragt er hin und wieder entgeistert, und man fragt sich, wer diese Catchphrase nun von wem übernommen hat. (Ich habe allerdings die Podcasts nicht gehört, falls das da thematisiert worden sein sollte.)

Es ist tatsächlich alles ein einziger großer Streich, dem man als Zuschauer beiwohnt. Trottel Pilkington läßt einiges über sich ergehen, obwohl er keinerlei wirkliches Interesse für seine Umwelt hat — die betrifft ihn nur insofern, als er sich von fehlenden Toilettentüren indigniert sieht, beim Krötenessen würgen muß und bei einer traditionellen Massage halb flambiert wird. Er wird vom Reisen nicht klüger, allenfalls dümmer, und im Grunde will er nur nach Hause.

Diese Umkehrung der Vorzeichen für eine Reisereportage ist zunächst durchaus clever und lustig. Ein Reisender, für den das Reisen eine Qual und alles, was im fernen Ausland passiert, im Grunde nur unverständlich ist und potentiell demütigend für Fremde, hat für eine Fernsehdokumentation nur einen Nachteil: So richtig zu erfahren gibt es nichts. Also bleibt, wenn man sich von Pilkington und seiner Trottelrolle nur so halb unterhalten fühlt, von „An Idiot Abroad“ kaum mehr übrig als Bilder vom chinesischen Alltag. Die sind zugegeben recht hübsch anzusehen, weil sie nicht nur den Ausschnitt zeigen, den alle anderen Reisereportagen präsentieren.

Aber irgendwie wurde zumindest ich das Gefühl nicht los, daß da etwas fehlte, und zwar möglicherweise etwas Entscheidendes. Vielleicht auch, weil ich Pilkington seine Trottelrolle und die Demütigungen viel weniger abnehme als sagenwirmal James May, der bei „Top Gear“ eine ganz ähnliche Rolle spielt und bei sämtlichen größeren Abenteuern der drei immer die Arschkarte zieht, immer gedemütigt wird — und dabei aber immer etwas glaubwürdiger in dieser Rolle ist als Pilkington.

Ricky Gervais-Podcast als Zeichentrickserie

5. Dezember 2009 Keine Kommentare

Der Podcast/die Radioshow von und mit Ricky Gervais, Stephen Merchant und Karl Pilkington, 2007 aufgenommen ins Guinness-Buch als am meisten runtergeladener Podcast, kommt demnächst als 13teilige Zeichtrickserie — zunächst in den USA bei HBO, später auf Channel 4. Das berichtet heute die BBC. Anders als seine Fernsehserien, die er beendet hat, bevor sie fad werden konnten, legt Gervais es bei dieser Show allerdings auf Länge an: Sie solle immer weitergehen — wie die „Simpsons“. „The world has a new Homer, but this one is real“, so Gervais über Pilkington. Ja, Bescheidenheit war noch nie seine Stärke…