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Archiv für Februar, 2011

Dinner für Spinner

26. Februar 2011 Keine Kommentare

Ist sie das also, die große, neue Britcom, die alle zehn Jahre einmal kommt und das Genre revolutioniert? So wie es „The Office“ 2001 getan hat? Es gibt Prognosen, die sagen: es müßte demnächst mal wieder soweit sein, und nach der großen Zeit der Single-Camera-Mockumentarys sei es nicht unwahrscheinlich, daß das Pendel nun wiederum in die Gegenrichtung ausschlägt: also zurück zu den klassischen, formal beschränkten Fourth-Wall-Sitcoms — natürlich mit einem Twist, wie auch immer der aussieht. Also die Quadratur des Kreises, die damals „Seinfeld“ geschafft hat: einerseits eine traditionelle Sitcom, Multi-Camera und vor Publikum, aber mit einem neuen Dreh in der Erzählung: ohne klassische Sitcom-Plots (Stichwort „show about nothing“) und ohne daß am Schluß irgend jemand irgend etwas gelernt hätte: „Keine Lehren und keine Umarmungen.“

Daß ein gewissen Anspruch da ist, edgy zu sein, zeigt Robert Poppers „Friday Night Dinner“ (Channel 4, freitags) schon im blau pulsierenden Vorspann. Dann allerdings beginnt eine Familien-Sitcom, die so klassisch gestrickt und so formal beschränkt ist, daß man erst einmal alle Erwartungen hintanstellen sollte: Die Twentysomethings Adam (Simon Bird) und Jonny (Tom Rosenthal) besuchen ihre Eltern (Tamsin Greig und Paul Ritter) zum gemeinsamen freitäglichen Abendessen; genauer: zum Beginn des Sabbat. Die Brüder ziehen sich gegenseitig auf, wie Brüder halt so sind; Mum (in Leopardenfellmuster, mit goldenen Slippern) ist großer „MasterChef“-Fan und hätte gerne, daß Dad seine Stapel alter Wissenschaftszeitschriften wegwirft; Dad ist noch ein bißchen exzentrischer, ißt gerne Reste aus dem Küchenabfall, läuft schon mal oben ohne herum, wenn es ihm zu warm wird, ersteigert heimlich noch mehr Wissenschaftszeitschriften, trägt ein Hörgerät und mißversteht auch gerne mal etwas. Sein Fluch „Shit on it!“ wird offenbar die Catchphrase der Show.

(SPOILER) In der ersten Folge wird das Abendessen gleich mehrfach gestört: Der ziemlich merkwürdige Nachbar Jim (Mark Heap) kommt mit seinem Schäferhund mehrfach vorbei, um die Toilette zu benutzen (seine ist ihm irgendwie kaputtgegangen, auf die Frage wie zieht er es aber vor, nur mit einem abwesenden Gesichtsausdruck zu reagieren), und dann möchte auch noch ein Ebayer (Matthew Holness, „Garth Marenghi’s Darkplace“) das Sofa abholen, das er für seinen kranken Vater ersteigert hat. Der aber, das stellt sich durch einen Anruf heraus, ist just gestorben, und während das Sofa noch im Treppenhaus steckt, muß sich der Besucher erstmal hinsetzen und etwas trinken, bekommt aber zweimal ausgerechnet Getränke, die sich die Brüder gegenseitig mit Salz ungenießbar gemacht haben. (/SPOILER)

Das ist genauso ist zwar hübsch ausgeführt, alles in allem aber so underwhelming, wie es sich hier liest: exzentrische Familien kennt man zur Genüge, und auch der merkwürdige Nachbar könnte direkt aus dem Handbuch für Sitcomautoren stammen — da muß man gar nicht bis zu Kramer zurück gehen: Mark Heap hat diese Figur selbst schon in „Spaced“ gespielt, das wie „Friday Night Dinner“ von TalkBack stammt und von Nira Park (co-)produziert wurde. Laut lachen mußte ich in dieser ersten Folge nur selten, andererseits war es eben: die erste Folge. Jedenfalls die erste, die gezeigt wurde; offenbar sind da im letzten Moment noch Änderungen in der Reihenfolge vorgenommen worden.

Am enttäuschendsten fand ich Simon Bird, der in „Friday Night Dinner“ exakt den gleichen Charakter wieder spielen darf, den er schon bei den „Inbetweeners“ spielt, während Heap seinen merkwürdigen Nachbarn wenigstens noch ein bißchen variiert hat; stark wie immer Tamsin Greig (hier nach „Episodes“ schon wieder mit einem ehemaligen „Green Wing“-Kollegen zu sehen); richtig gut gefallen hat mir aber Paul Ritter, dessen Dad mir die interessanteste und stärkste Figur zu sein scheint.

Noch ist mir nicht klar, was die tragende neue Idee sein soll, die „Friday Night Dinner“ unverwechselbar und irgendwie neu machen könnte. Vielleicht wird das ja mit der nächsten Folge aber schon klarer. Und wenn die weirdness, die gerade große Sitcom-Mode zu sein scheint, noch eine Winzigkeit origineller wird, könnte „Friday Night Dinner“ schon eine ziemlich okaye Sitcom werden. Wenn auch vielleicht nicht die Neuerfindung der Britcom.

Pub Dog

17. Februar 2011 Keine Kommentare

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Dämliche Filmtitel

16. Februar 2011 35 Kommentare

Drüben im Britcoms-Facebookstrang stellte gestern jemand eine Frage, die ich so interessant finde, daß sie mir hier einen kleinen Eintrag wert ist:

Weiß jemand, wieso die meisten Filme (z.B. alle von Judd Apatow) im Deutschen stets solch dämliche Titel verpaßt bekommen? Ernsthaft, gibt’s dafür nen Grund?

Das Phänomen kennt ja nun jeder, der sich länger als zwei Sekunden mit Filmen beschäftigt hat (obwohl es mir jetzt bei Apatow-Filmen nicht aufgefallen ist): Komödien und Sitcoms kriegen in deutscher Übersetzung einen albernen Titel, der nicht selten auf Klamauk gebürstet ist und den Charakter der Serie oder des Films gar nicht richtig wiedergibt. Besonders Adam Sandler und Ben Stiller scheint es immer hart zu treffen: Aus „Waterboy“ wird „Der Typ mit dem Wasserschaden“, „Billy Madison“ heißt „Ein Chaot zum Verlieben“, „Cable Guy“ transformiert zu „Die Nervensäge“, „Duplex“ zu „Der Appartement-Schreck“, und „Dodge Ball“, o Gott: „Voll auf die Nüsse“. Aber auch Sitcoms bleibt es nicht erspart: „Fawlty Towers“ firmierte im Deutschen als „Ein verrücktes Hotel“ (ich hatte sogar „Ein total verrücktes Hotel“ in Erinnerung), und „Curb Your Enthusiasm“ als „Laß es, Larry“.

Aber warum? Zwingt jemand die Verleiher oder Fernsehsender dazu? Nein, natürlich nicht. Also muß es einen anderen, womöglich kulturellen, soziologisch erfaßbaren, humortheoretischen Grund geben.

Betrachtet man die Signale, mit denen bedeutet wird, daß man es mit Humor zu tun bekommen wird, also nicht nur die Titel selbst, sondern auch CDs, DVDs, Filmplakate und überhaupt Plakate für Comedy-Veranstaltungen, so wird man feststellen: der Deutsche kündigt seine Humor-Verrichtung gerne explizit an. Da gibt es viele lachende Gesichter, groteske Verkleidungen, überschminkte Frauen — grelle Farben, laute Töne. Besonders Filmaushänge aus der Zeit, als deutscher Humor noch weniger angelsächsisch geprägt war, wenn man etwa an die Filmkomödien der fünfziger und sechziger Jahre denkt, arbeiteten sogar ganz direkt mit Slogans wie „Es darf gelacht werden!“. Alles, was mit Karneval zu tun hat, der deutschesten Humoreinrichtung, läuft bis heute unter „jeck“, „verrückt“, wird mit lachenden Narren verbunden und, besonders wichtig: mit Gemütlichkeit. Die spannungsfreie Gemeinsamkeit, die gemütliche Fröhlichkeit ist die Basis, auf der der Deutsche Komik und Humor zulassen und verstehen kann.

Das wäre sagenwirmal dem Engländer nun äußerst fremd. Nicht nur braucht der keine Einladung, geschweige denn Erlaubnis zum Lustigsein, er zeigt auch nicht via breitem Grinsen, daß er gerade etwas Komisches sagt oder tut. Im Gegenteil: Er ist gerne mit todernstem Gesicht komisch, Stichwort: deadpan. Bei Monty Python wird nicht gelacht, Mario Barth aber ist ohne debiles Grinsen gar nicht vorzustellen. Das typisch deutsche Amalgam von Komik und Gemütlichkeit, das zeitlich und räumlich genau begrenzt ist, kennt der Engländer nicht. Dafür aber ist Humor und Komik bei ihm fester Bestandteil des Alltags, ja geradezu obligat im Umgang mit Mitbürgern. Durch Witz und Schlagfertigkeit kann er Spannungen abbauen, Konflikte entschärfen bzw. austragen, ohne dabei gewalttätig zu werden oder autoritär, was ja auch eine Form der Gewalt ist.

Diese Möglichkeit fehlt dem Deutschen weitgehend. Für ihn ist Komik immer eine Ausnahme, ihm sind in sehr vielen gesellschaftlichen Situationen Humor und Komik schlicht verboten. Vor allem in Situationen, die von starken Hierarchien geprägt sind: im Umgang mit der Polizei etwa (englische Polizisten sind, wenn sie einen nicht gerade verprügeln, unglaublich entspannt), vor Gericht, beim Militär, in der Kirche, auf dem Arbeitsamt, manchmal auch noch auf der Schule oder vor Ärzten. Überall, wo das Machtgefälle groß ist, sind Witze tabu. Umgekehrt muß, wo Komik und Humor erlaubt sind, dort eine entsprechende Beschilderung aufgestellt werden: „Es darf gelacht werden!“ „Jetzt wird’s lustig!“ Und am Besten weiß man auch, von wann bis wann gelacht werden darf („fünfte Jahreszeit“). „Heut‘ sind wir lustig“, so könnte ohne weiteres eine fröhliche Volksmusiksendung in der ARD heißen, von der alle Beteiligten schwören würden, sie wäre wirklich superlustig.

Diese Charakterisierungen von deutschem und englischem Humor sind überzeichnet, klar, und nicht nur hat sich der deutsche Humor seit dem Zweiten Weltkrieg stark verändert und mit dem angelsächsischen Humor vermischt (je jünger das Publikum, desto mehr), auch der englische Humor ist nicht mehr so englisch wie früher. Und natürlich gilt das Beschilderungsgebot für deutschen Humor auch nur für den viel geschmähten sog. „Nonsens“-Humor, der mit Verdikten wie „ist das schlecht“ belegt werden kann (im Gegensatz zu moralischem Humor, also Kabarett und Satire). Gerade deswegen fallen uns deutsche Filmtitel für amerikanische Filmkomödien so auf, die ein möglichst großes Publikum erreichen wollen und deshalb möglichst deutlich sagen wollen: Es wird lustig! Es darf gelacht werden! HAHAHA!! Aber sie werden weniger. Gut so.

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Einladung zum Abendessen

14. Februar 2011 2 Kommentare

Wenn schon für nichts anderes, so muß man Robert Popper doch bis in alle Ewigkeit dankbar sein für „Look Around You“ (2002 + 2005): Liebevollere Parodien auf das Oldschool-Schulfernsehen gab es nie, und dank der Zusammenarbeit mit Peter Serafinowicz und Unterstützung durch Simon Pegg, Edgar Wright (also praktisch der ganzen „Spaced“-Posse) und viele andere Größen der britischen Sitcom auch nie prominenter besetzte. Wer sie noch nicht hat, dem seien die beiden Staffeln dringend empfohlen, schon weil die DVD-Menüs und -Bonusveranstaltungen ihresgleichen suchen (und für die Kürze der Shows entschädigen). Doch auch um die „Inbetweeners“ hat sich Popper verdient gemacht (als Script Editor), um „Peep Show“ (als Producer), „The IT Crowd“ (Comissioning Editor für Channel 4) und die „Peter Serafinowicz Show“ (Writer/Consultant Producer). Manche halten ihn für ein Genie.

Die Latte für seine neue Sitcom „Friday Night Dinner“ (Channel 4, ab dem 25.2.) liegt also denkbar hoch, und daß der „Inbetweeners“-Jungstar Simon Bird und Tamsin Greig („Black Books“, „Episodes“, „Green Wing“) mitspielen und Mark Heap abermals den merkwürdigen Nachbarn geben darf, schraubt die Erwartungen ebenfalls nicht herunter. Dafür sieht der Clip nach einer vergleichsweise konservativen Sitcom aus — in den Kommentaren wird er schon als Mischung aus „Inbetweeners“ und Simon Amstells hölzernem „Grandma’s House“ beschrieben. Ich aber sage: Das guck ich mir an! Und bin mir noch nicht ganz sicher, ob die Besetzung von Tamsin Greig als Mutter zweier Twens mehr über ihr Alter oder über meines aussagt.

Phantom-Nostalgie

11. Februar 2011 2 Kommentare

Jedesmal, wenn ich eine BBC-DVD einlege, freue ich mich schon beim BBC-Video-Ident mit den rot-blau-grünen Rauchfäden, die von rechts oben nach links unten durchs Bild wabern; beim neuen mit dem konzentrischen Kreis-Feuerwerk natürlich auch. Ein pawlowscher Reflex, durch endlose Wiederholungen mittlerweile schön fest in meine Synapsen eingebrannt. Genau das ist natürlich der Sinn dieses Idents, und eben diese Strategie verfolgen auch die Myriaden von Fernsehstationen-Idents seit Generationen.

Als ich gestern Nacht TV-ARK entdeckt habe, war es schon spät, und es wurde sehr, sehr, sehr spät. Denn TV-ARK (oder Tvark) versammelt nicht nur britische TV-Idents seit der Erfindung des Fernsehens, sondern auch Endboards, Serien-Vorspanne, Testbilder und Teletext, stellt Soaps vor und Musiksendungen, Schulfernsehen und Public Information Films, und es gibt sogar eine Sektion mit internationalen Sendern, natürlich auch deutschen wie die zu RTL.

Über 9000 Clips versammelt Tvark angeblich, kommentiert alles kurz und kompetent und macht so den Eindruck eines Museums — wenn auch den eines Museums, das leider seit ein paar Jahren aufgelassen ist und durch das der Wind schon ordentlich durchgefegt ist: Es lädt zwar zum extensiven Stöbern ein, hat aber auch viele Ausstellungsräume, in denen nichts mehr zu sehen ist. Tatsächlich gibt es die Seite nämlich schon seit 1998 und wurde seither etlichen Relaunchs unterzogen, die aber nur zum Teil ausgeführt wurden, und etliche Sektionen sind nicht wieder online gegangen. Und natürlich gibt es keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Das macht aber nichts, denn auch so macht es großen Spaß, sich durch die Geschichte des britischen Fernsehens durchzuwühlen, von den BBC2-Idents von 1979 zu den dreidimensionalen Channel 4-Idents seit 2004, und sich zu wundern: sahen Rentner 1974 wirklich aus wie eine Mischung aus Catweazle und Beefeater? Gibt es Menschen, die wirklich alle Folgen „Doctor Who“ gesehen haben (hier der Vorspann des Pilotfilms von 1963)? Und hat man sich 1989 wirklich über die Softpornos von RTL aufgeregt, die plötzlich via Satellit auch in Großbritannien zu sehen waren?

Eine Zeitvernichtungsmaschine erster Güte ist dieses Tvark, soviel zur Warnung. Bei mir hat es eine Nostalgie ausgelöst, die eigentlich nur ein Phantom sein kann, denn aufgewachsen bin ich natürlich nicht mit den Bildern, die da zu sehen sind. Aber wer schon auf die Archiv-Schnipsel in Charlie Brookers Fernseh-Shows so steht wie ich, wird mit Tvark viel Spaß haben.

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Hunting down the news

9. Februar 2011 1 Kommentar

Als ich sechzehn, siebzehn war, war Titanic mehr für mich als nur leichte Unterhaltung. Das war die Zeit vor Internet und Smartphones; meine Informationen bekam ich aus der örtlichen Tageszeitung (wenn ich sie denn las) und aus der „Tagesschau“. Hin und wieder schmökerte ich in der Schulbibliothek in den wöchentlichen und monatlichen Zeitungen und Magazinen, aber das war im Grunde mehr Pflicht, die Erfüllung eines bildungsbürgerlichen Auftrags — tatsächlich fand ich das meiste, was ich da las, fürchterlich langweilig.

Als ich aber Titanic entdeckte, war das der Schlüssel zu einer Schatzkiste: In den „Briefen an die Leser“ erfuhr ich, wer was Dummes gesagt oder getan hatte, und vor allem, wer überhaupt so relevant war, daß er da auftauchte. Und in den Artikeln bekam ich nicht nur die satirische Einordnung und den komischen Kommentar zu Politik, Medien und Literatur, sondern vor allem erstmal die Nachrichten selbst: wenn ich das neue Heft gelesen hatte, fühlte ich mich besser informiert als nach der Lektüre von Zeit, SZ und Spiegel zusammen.

Hunting down the news and beating the truth out of it nennen sie das bei „10 O’Clock Live“ (Channel 4). Eine gute Dreiviertelstunde lang präsentieren Charlie Brooker, Jimmy Carr, Lauren Laverne und David Mitchell immer Mittwochs eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Mischung aus Information, Talk und Comedy, die deutlich von der Attitüde der drei Comedians getragen wird: Da darf zunächst Jimmy Carr, üblich schwarzhumorig, in einem Stand Up-Solo die Meldungen der Woche durchgehen (ja, die schnelle, kurze Form am Anfang bewährt sich halt immer wieder, egal ob in Print- oder TV-Magazinen). Danach variiert die Reihenfolge, aber immer gibt es ein Gespräch, in dem David Mitchell entweder schön konfrontativ mit Bänkern (und ihren Kritikern) über ihre Bonus-Zahlungen reden darf oder in Einzelgesprächen die britische Grünen-Vorsitzende Caroline Lucas oder Alastair Campbell in die Zange nimmt, den vormaligen Spin Doctor von Tony Blair (der auch die Vorlage für Malcolm Tucker abgeben durfte). Charlie Brooker wirft einen deutlich „Screenwipe“-geprägten Blick auf Ägypten oder Sarah Palin und welches Bild jeweils die Medien vermitteln, Jimmy Carr beleuchtet ein aktuelles Thema quasi kabarettistisch, Mitchell gibt in die Kamera hinein einen Kommentar ab, in dem er sein ganzes kolumnen-geschultes Talent für politische Leitartikel zeigen darf, und die Radio-DJane und Moderatorin Lauren Laverne hält alles zusammen.

Die ganze Show ist bunt und schnell; manchmal vielleicht ein bißchen zu schnell — viele Gespräche sind zuende, bevor alle Diskutanten Betriebstemperatur erreicht haben. Und vielleicht auch ein bißchen zu bunt, und damit meine ich nicht nur die regenbogenartig blinkende Neon-Kulisse, die macht, daß einem die Augen bluten, sondern auch die Atemlosigkeit, die womöglich dem Druck des „live“-Elements geschuldet ist und dem Anspruch, möglichst tagesaktuell zu sein. Und Jimmy Carr, so gut sein Stand Up ist, war im Gespräch mit dem Klimawandel-Scharlatan Bjørn Lomborg gegenüber dem rhetorisch geschulten Dänen schnell ein wenig überfordert.

Aber es sind ja nun erst drei Folgen gelaufen, und der Spaß an unverblümter Meinung, Direktheit und satirischer Feuerkraft ist deutlich größer als eventueller Ärger über Kinderkrankheiten der Show, die zum ersten Mal im Mai 2010 in ähnlicher Form lief als „Channel 4’s Alternative Election Night“. Klar, Jon Stewarts „Daily Show“ läßt grüßen und überstrahlt „10 O’Clock Live“ im Moment noch deutlich. Aber nicht nur haben die Amerikaner mehr Zulieferer im Rücken, sondern auch über zehn Jahre Erfahrung mehr, insofern ist der (unausweichliche) Vergleich vielleicht ein wenig ungerecht.

Die politische Situation in England aber, eine unfähige rechtsliberale Regierung, dramatische Budgetkürzungen, die Einführung von Studiengebühren, das ganze politische Klima in Großbritannien sind, so schrecklich sie für den Einzelnen sein mögen, natürlich Wind unter den Flügeln einer solchen Show. Schlechte Zeiten sind gute Zeiten für Satiriker. Schon deshalb erwarte ich noch einiges von „10 O’Clock Live“.