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Archiv für März, 2011

Japan-Witze

16. März 2011 7 Kommentare

Es ist wieder mal so weit: Comedians werden gefeuert für Witze über Japan und die verschiedenen Katastrophen dort, die immer noch und wie in Zeitlupe in vollem Gange sind. Die Tragödie, die Katastrophe selbst ist ja noch nicht einmal ansatzweise vorbei, so daß das Rezept „Tragedy + Time = Comedy“ noch nicht zur Anwendung kommt; momentan geraten Medien bereits in die Kritik, weil sie Katastrophenbilder zu einer Art Musikvideoclip zusammenschneiden und so etwas leisten möchten wie Trauerarbeit (wie es ein Autor der „heute show“ bei Facebook nannte), für die es genauso zu früh ist wie für Comedy. Weshalb auch eine öffentlich-rechtliche Comedy-Show schon ihre Autoren informiert hat, daß für die nächste Ausgabe keine Japan-Witze benötigt werden.

Dabei weiß ich gar nicht genau, was mit Japan-Witzen gemeint ist. Natürlich gibt es die Sorte geschmackloser Witze, die an den schattigen Stellen des Netzes sofort wie Unkraut gewachsen sind und die sich von selbst verbieten. Andererseits scheinen diese Witze ein Grundbedürfnis zu befriedigen, vielleicht ein Bedürfnis nach Normalität, und auch ich mußte über den einen (der etwa mit der Hautfarbe der „Simpsons“ und unfähigen Atomkraftwerks-Angestellten arbeitete) oder anderen (der sagte, daß Wale und Delphine so schnell keine bessere Chance zur Rache bekämen) immerhin schmunzeln.

Aber es gibt ja noch andere Möglichkeiten, mit der Katastrophe in komischer Form umzugehen. Die neue Variation des alten Anti-Atomkraft-Aufklebers etwa („Atomkraft? Deine Mutter!“) finde ich komisch und moralisch kein bißchen fragwürdig, sondern Ausdruck der einzigen Haltung, die man haben kann. Oder die herzzerreißende Information, daß Afghanistan 50.000 Dollar nach Japan spendet: Darüber den Scherz zu machen „Du weißt, daß dein Land wirklich am Arsch ist, wenn plötzlich Spenden aus Afghanistan kommen“ — ist das verwerflich? Oder die Tatsache, daß die USA Atom-Experten nach Japan geschickt haben: Darf man nicht anmerken, daß beim letzten Mal, als die USA Atom-Experten nach Japan geschickt haben, anschließend 100.000 Japaner tot waren?

Oder sollte man gerade von Comedians, deren Shows ja immer mehr zum Nachrichtenersatz für junge Menschen werden, eine Einordnung erwarten und damit rechnen dürfen, daß sie sich zum Thema äußern und es nicht schamhaft tabuisieren? Ich denke da an Leute wie Jon Stewart (habe die „Daily Show“ in letzter Zeit allerdings nicht verfolgt) oder Charlie Brooker, der gewiß etwas zur medialen Aufbereitung des japanischen Infernos zu sagen hätte. Verbietet sich das? Wenn ja, aus welchen Gründen? Wird „10 O’Clock Live“ nichts zu Japan sagen? Wo verläuft die Grenze zwischen (moralischem, also immer legitimen) Kabarett und Comedy (zur schnöden Unterhaltung)? Dürfte Harald Schmidt, liefe er denn am morgigen Donnerstag, nichts dazu sagen, Dieter Nuhr im „Satire Gipfel“ aber schon? Wo liegt die Grenze zwischen Japan-Witzen und Witzen über den Umgang mit der Katastrophe und ihren weitreichenden Folgen? Gibt es diese Grenzen überhaupt?

Was meint ihr?

UPDATE Björn Mannel, der oben zitierte Autor der „heute show“, schreibt mir:

Ich bin gerade dabei, die Strecke zum Thema für die Sendung zu schreiben. Wir konzentrieren uns ganz auf die Atomdebatte hierzulande, und da gibts so einiges zum Thema Heuchelei und Angst um die Wahl zu sagen… Ansonsten bin ich ganz bei Dir: Lachen hat was Befreiendes. Und außerdem: Das Argument, wie könnt ihr lachen, wenn in Afrika jeden Tag Kinder sterben, das Argument kann man immer bringen. Da ist es fast schon zynisch, jetzt irgendeine Pietät einzufordern.

Twenty Twelve

10. März 2011 5 Kommentare

Nächstes Jahr finden die Olympischen Spiele in London statt, und schon nächste Woche hat BBC4 dazu eine sechsteilige Doku…-Comedy. Yes! „Twenty Twelve“.

They’ve got nine billion pounds to spend and plenty of time to think about it all. What can possibly go wrong?

Klingt lustig, sieht gut aus, und mit Olivia Colman („Peep Show“, „Green Wing“), Karl Theobald („Green Wing“), Jessica Hynes („Spaced“) und Amelia Bullmore („I’m Alan Partridge“) sind auch etliche gute Leute dabei; Autor John Morton steht für die sehenswerte Comedyserie „People Like Us“, gleichfalls eine Mockumentary, über die man heutzutage selten stolpert, weil der unselige Chris Langham eine Hauptrolle darin hat. Wen das nicht stört: Geheimtip!

„Twenty Twelve“-Top-Dialog:

– It’s a lot like flying an aeroplane: You get this right, no one’s gonna notice. You get this wrong…

– …everyone notices.

– First they notice, yeah. Then they die.

„Twenty Twelve“ läuft am Montag an.

Mausetote Comedy

9. März 2011 2 Kommentare

Wer sich fragt, warum man in letzter Zeit so wenig von John Landis („Blues Brothers“, „An American Werewolf in London“) gehört hat, dem möchte ich es ersparen, sich auf der Suche nach einer Antwort seine erste Regiearbeit nach zwölf Jahren in voller Länge anzusehen: „Burke And Hare“ (2010) legt nahe, daß Landis einfach der nötige Musenkuß fehlt. Was aber leider nicht das einzige Problem des Films ist.

William Burke und William Hare (Simon Pegg und Andy Serkis), zwei einfache irische Arbeiter im Edinburgh des frühen 19. Jahrhunderts, finden eines Morgens einen Zimmernachbar in ihrer Pension tot in seinem Bett. Weil der Mann noch Miete schuldig ist (und niemand für sein Begräbnis aufkommen möchte), bringen sie den Leichnam zu Dr. Knox (Tom Wilkinson, „The Full Monty“, „Shakespeare in Love“), einem Anatomen der Universität Edinburgh, der aufgrund der rechtlichen Lage große Probleme hat, an frische Studienobjekte zu kommen. Burke und Hare wittern eine Einnahmequelle, und nach einigen fruchtlosen Umwegen über Grabräuberei beginnen sie schließlich zu morden, um die Toten zu verkaufen.

Das grundlegende Problem von „Burke And Hare“ liegt damit schon auf der Hand: Wie läßt man diese zwei Mordburschen mit den denkbar niedrigsten Motiven sympathisch erscheinen? Landis versucht es mit Grausamkeiten und momentweise übertriebenem, komisch gemeintem Gore, indem er etwa eine öffentliche Hinrichtung zu Beginn des Films und kaum später eine ärztliche Vivisektion sehr blutspritzend zeigt, um damit anzudeuten: Hey, die Paradigmen waren eben andere damals, unsere beiden Helden sind gar nicht so viel grausamer als ihre Zeitgenossen. Doch das funktioniert leider nicht so recht, denn dieses quasi unschuldige „Hineinrutschen“ ins Berufsmördertum habe zumindest ich an keiner Stelle so richtig geschluckt. Vielleicht aber ist das eher ein Problem der Drehbuchautoren Piers Ashworth und Nick Moorcroft.

Gewiß des Regisseurs Problem ist aber die holpernde Dramaturgie. Mir kam es so vor, als ob ich Landis‘ Handschrift aus den „Blues Brothers“ wiedererkannt hätte: diese Abgehackte, Stotternde, nie so richtig Flüssige. Das war bei dem episodisch angelegten „Blues Brothers“, wo Jake und Elwood ein Bandmitglied nach dem anderen wiederfinden und überzeugen mußten, möglicherweise nicht so schlimm. Hier aber wirken die Szenen irgendwie zusammenhanglos, fragmentarisch, als hätten sie im Schnitt auch ganz anders zusammengesetzt werden können. Daß der Motor des Films nie rund läuft, macht „Burke And Hare“ sehr anstrengend.

Am bedauerlichsten aber ist, daß „Burke And Hare“ ein enormes Aufgebot britischer Comedians vollkommen verschenkt. Von mittleren Rollen bis zu kleinsten Cameos sind praktisch alle dabei, die Rang und Namen haben: Bill Bailey, Ronnie Corbett, Simon Farnaby, Jessica Hynes, Stephen Merchant, Reece Shearsmith, Paul Whitehouse; ich meine sogar Lee Evans gesehen zu haben. Tim Curry (der Frank’n’furter aus der „Rocky Horror Picture Show“) hat eine tragende Rolle, und sogar Sir Christopher Lee ist in einer Szene zu sehen. Doch keiner (bis auf eine komische Szene mit Whitehouse) darf sein Talent ausspielen, keiner hat einen wirklich guten Gag im Buch stehen! Als ob die bloße Anwesenheit der Comedy-Creme schon ausreichte. Tut sie leider nicht.

Nicht einmal das Comedian-Spotting zwecks Trivialitäten-Klatsches nach dem Film (Isla Fisher ist übrigens die Ehefrau von Sacha Baron Cohen!) macht Spaß: Denn obwohl (wie gesagt) die meisten Komik-Stars wirklich winzige Cameos haben, werden sie im Abspann prominent der Reihe nach noch einmal vorgezeigt. Seht her, wir haben zehn Sekunden mit Stephen Merchant im Film! Und fünf mit Christopher Lee! Nein, so sehr ich es wollte: Ich konnte „Burke And Hare“ nicht einmal als gescheiterten Film sympathisch finden. Die miesen 35% bei Rotten Tomatoes gehen leider völlig klar.

Deutsche Bücher, deutsches Geld

8. März 2011 12 Kommentare

Wenn mir demnächst eine Mail ins Haus flatterte: die Hölle friert zu, und aus diesem Anlaß lädt die Zeitschrift Konkret gemeinsam mit Heckler & Koch zu einem kleinen Umtrunk ein — dann könnte ich auch nicht viel erstaunter sein als gerade eben. Vor ein paar Minuten erhielt ich diese Mail:

von: presse@keinundaber.ch
Betreff: Einladung zur Lunchlesung mit Markus Feldenkirchen am 21. März in den Deutsche Bank Türmen in Frankfurt am Main

(…) Der Verlag Kein&Aber und die Alfred Herrhausen Gesellschaft der Deutschen Bank laden Sie herzlich zu einer Lesung zur Mittagszeit: Markus Feldenkirchen liest aus seinem Roman „Was zusammengehört“. Im Anschluss: Der Autor und Spiegel-Redakteur im Gespräch mit Stephan Sattler, Editor at Large, Hubert Burda Media. Einführung: Wolfgang Nowak, Geschäftsführer der Alfred Herrhausen Gesellschaft“

Ja, wirklich? DAS gehört jetzt zusammen? Kein&Aber und die Deutsche Bank? Also der sympathische Schweizer Verlag, in dem Gerhard Polt, Harry Rowohlt und etliche Autoren der Neuen Frankfurter Schule verlegt sind, und die Bank, die Kredite für skrupellose Projekte vergibt und Spekulationsgeschäfte auf Kosten hochverschuldeter Länder betreibt? Die gehören jetzt zusammen? Herzlichen Glückwunsch!

Zur Erinnerung: Die Deutsche Bank finanzierte, um ein willkürliches Beispiel zu nennen, in den Neunzigern eine Gold- und Kupfermine in Indonesien, deren Betreibern grobe Menschenrechtsverletzungen und massive Zerstörung des Ökosystems vorgeworfen wurde und das indonesische Militär Zwangsumsiedlungen durchführen ließ, bei denen über ein Dutzend Menschen umkamen. Die Deutsche Bank hat dem afrikanischen Apartheitssystem durch großzügige Umschuldungen und langfristige Kredite zu günstigen Bedingungen wieder auf die Beine geholfen. Die Deutsche Bank zahlt kaum noch Steuern („Unsere Absicht ist es, … Industriebeteiligungen so zu veräußern, daß die Steuerfreiheit gegeben ist, d.h. der erwartete Steuersatz null Prozent beträgt“, so der Vorstand in seinem Geschäftsbericht), während die deutschen Steuerzahler via Hermes-Kreditsicherung durch den Bund für Ausfälle und Risiken haften. Die Deutsche Bank fördert die Atomkraft. Und, und, und.

Und mit dieser Deutschen Bank arbeitet jetzt ohne Not Kein&Aber zusammen, deren Autoren F.W. Bernstein, Wiglaf Droste, Bernd Eilert, Fil, Bernd Fritz, Greser & Lenz, Josef Hader, Eckhard Henscheid, Rudi Hurzlmeier, Ernst Kahl, Peter Knorr, Bernd Pfarr, Gerhard Polt, Harry Rowohlt, Rocko Schamoni, Michael Sowa, Hans Traxler, F.K. Waechter und Hans Zippert für das diametral Andere, das Gute und Schöne und Wahre in der Welt stehen? Nämlich auf der Seite des Menschen, des Kleinen, Ausgebeuteten, Schwachen? Deren Verlag arbeitet jetzt mit DER DEUTSCHEN BANK zusammen??

Ich muß gleich kotzen.

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Malcolm Tucker vs. Gutti

1. März 2011 3 Kommentare

Malcolm Tucker: It IS possible to have a good resignation, you know!

Guttenberg: „A good resignation“? Oh, I’m looking forward to how you’re gonna sell THIS to me!

Malcolm Tucker: Look, people really like it when you go just a bit early! You know, steely jawed, faraway look in your eyes! Before they get to the point when they sitting round in pubs and say „Oh, that fucker’s got to go!“, you surprise them! „Blimey, he’s gone! I didn’t expect that! Resigned! You don’t see THAT much anymore! Old school! Respect! I rather liked the guy! He was hounded out by the fucking press!“ How about that, ah? What a way to go! Yeah!

Zu spät.

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