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Archiv für April, 2012

Mehr „Episodes“

25. April 2012 9 Kommentare

Ab Juli wird die zweite Staffel von „Episodes“ (Showtime/BBC2, seit 2011) ausgestrahlt, der erfolgreichen Sitcom rund um zwei britische Drehbuchautoren (Tamsin Greig und Stephen Mangan), die in Hollywood auf ihre Nemesis treffen (Matt LeBlanc als er selbst). Hier ist das jüngst veröffentlichte Poster dazu:

Die gute Nachricht: Hat Trick, die britische Produktionsfirma der Show, hat die zweite Staffel in 150 Länder weltweit verkauft, darunter Frankreich, Spanien, Japan, Griechenland, Israel, Russland, die Türkei, Neuseeland, Norwegen, Portugal und Schweden. Auch von Lateinamerika ist die Rede, von Afrika, den Benelux-Ländern, Mittel- und Osteuropa.

Die schlechte Nachricht: Welches Land fehlt in der Liste? — ‚türlich!

Der Kilometa-Humor von „Community“

23. April 2012 9 Kommentare

„Community“ (NBC, seit 2009) ist eine der besten Sitcoms, die derzeit laufen.

Dieser Meinung bin ich noch nicht lange, gebe ich zu: Nachdem ich damals den Piloten gesehen hatte, habe ich erst einmal auf weitere Folgen verzichtet. Erst seit ein paar Wochen gehöre ich zu der kleinen, aber enthusiastischen Fangruppe, die diese Show trotz nicht gerade überwältigender Einschaltquoten am Leben erhält. Warum hat das so lange gedauert?

Weil ich kein Freund von Meta-Humor bin. Nicht mehr jedenfalls. Ich war es mal, damals, als Redakteur einer großen deutschen Satirezeitschrift, und musste irgendwann feststellen, was für ein einsames Geschäft das ist: Witze, die (vorderhand) nicht witzig sind, werden eben von den meisten Menschen tatsächlich auch nicht als witzig empfunden. Sie fühlen sich ausgeschlossen und wenden sich ab („Nicht witzig!“, „…kündige ich mein Abo“ usw.).

Was aber ist Meta-Humor? Ein klassischer Witz unterläuft eine Erwartung; er enttäuscht den einen Sinnzusammenhang und stellt einen neuen her. Meta-Humor ist, wenn wiederum genau diese Erwartung unterlaufen wird: Dass ein neuer Sinnzusammenhang hergestellt wird. Meta-Humor ist also vor allem für Menschen lustig, die das klassische Witz-Schema in- und auswendig kennen. Der prototypische Meta-Witz („Sitzen zwei Atomkraftwerke im Baum und stricken“) erhält nur noch die Form des klassischen Witzes, in diesem Fall das Set-Up, verzichtet aber nicht nur auf die Pointe, sondern auch auf jeden Sinn. Das finden dann tatsächlich nur noch Leute komisch, die sich schon sehr viele Witze erzählt haben. Und auch die nur eine Weile.

Als Satirezeitschriftenredakteur kennt man den Aufbau und die Funktionsweise von Witzen im Schlaf. Schon deshalb beginnt man irgendwann, sich nach Alternativen zu den klassischen Gags zu sehnen, und möchte zu Witze-Ufern aufbrechen, die noch nie zuvor ein Mensch betreten hat. Stefan Gärtner und ich hatten jedenfalls immer das Gefühl, dass wir die lustigsten Typen der Welt sind, weil wir gut darin waren, gegenseitig unsere Sätze zu vollenden. Beim gemeinsamen Schreiben kamen auf diese Weise tatsächlich oft komische Wendungen heraus: Einer begann einen Satz, der andere merkte intuitiv, wo dieser Satz hinwollte, auf welchen Witz er hinauslaufen sollte — und setzte dann eben genau eine Wendung hinter den ersten Halbsatz, mit der nicht zu rechnen gewesen war. Das war gut, solange dann trotzdem eine Pointe kam. Wenn nur die Erwartung einer Pointe gebrochen wurde, war das zeitweise auch komisch — aber eben meta.

Hier genau liegt eine der großen Gefahren des Meta-Humors: er wird irgendwann beliebig, wenn die Voraussetzungen zu hoch und die Belohnungen zu klein werden, die als Scherz aus den vielen Voraussetzungen entspringen. Noch ein Beispiel: Gärtner und ich haben als Running Gag in unseren Texten oft den Namen meines vormaligen WG-Mitbewohners Dirk Schulz eingebaut, wann immer wir einen „Experten“ oder so brauchten. Für aufmerksame Beobachter war das (glaubten wir zumindest) lustig, wenn er erkannte, wie viele Auftritte dieser Dirk Schulz hatte. Dann begannen wir, Dirk Schulz zu variieren („Schilz Durk“), und irgendwann waren diese Variationen überhaupt nicht mehr lustig, sondern allenfalls albern, dann rätselhaft und zum Schluss wurscht. Meta. Gärtner und ich mussten aufhören, junge Kollegen entwandten unseren zitternden Händen Bleistift und Kugelschreiber, wir wurden entlassen und an einer Autobahnraststätte ausgesetzt.

Seitdem habe ich Meta-Humor als Humor für faule Autoren betrachtet, die sich den Aufwand ersparen wollen, richtige Witze zu machen.

Aber das ist natürlich auch nur die halbe Wahrheit. Denn Meta-Humor kann sehr komisch sein, wenn man sich auf dem Feld, das mit Meta-Humor beackert wird, gut auskennt. „Geht ein Journalist an einer Kneipe vorbei“: das ist (bzw. war vor hundert Jahren mal) lustig, wenn man wusste, wie viel Journalisten so trinken. Und sie trinken sehr, sehr viel; jedenfalls die vom alten Schlag.

Und jetzt komme ich endlich zu „Community“: Das ist ebenfalls sehr, sehr komisch — wenn man sich in der Popkultur auskennt, und speziell mit Sitcoms.

Denn natürlich sind die Figuren, die sich da einmal die Woche an einer Art Volkshochschule zum gemeinsamen Studieren treffen, alle wahnsinnig konstruiert. Es ist ein Comedy-Ensemble, das mit maschinengewehrartiger Feuerkraft Witze aufsagt, also das Gegenteil britischer Sitcom-Figuren, die vom Charakter leben und weniger von Gags. Mit den „Community“-Figuren wird man lange nicht warm, weil man nicht an sie als Menschen anschließen kann. Sie sind keine. Sie sind Sitcom-Klischees.

Umso besser aber können diese Figuren in andere Rollen schlüpfen, in denen der „Community“-Macher Dan Harmon sie dann pro Folge durch einen Parcours der Popkultur jagt: durch eine Mafia-Film-Folge, durch eine Science-Fiction-Parodie, durch „Breakfast Club“, „Batman“, Anwaltsfilme, „Glee“-Parodien, durch Quentin Tarantinos Universum. Sie erfüllen ihr prototypisches Rollenbild so gut, dass sie die Mechanik hinter Sitcoms und Filmen bloßlegen können, dass sie die Fäden sichtbar machen können, an denen sie tanzen.

Wer die Voraussetzungen mitbringt, die „Community“ erfordert, der wird reich belohnt. Überreich, denn ich fürchte, mir bleibt die Hälfte aller Anspielungen, aller Zitate, aller kleinen Sight Gags im Hintergrund verborgen (hat hier jemand schon mal was von „My Dinner with Andre“ von Louis Malle gehört? Ich auch nicht). Aber auch so kommen noch derart viele Späße, die sich diese Show erlaubt, bei mir an, dass ich längst süchtig geworden bin.

„Community“ ist eine Show von Nerds und Geeks für Nerds und Geeks, sie ist exklusiv, weil sie viele Menschen ausschließt, die nicht ihr ganzes Leben vor dem Fernseher und im Kino verbracht haben. Sie lebt von Meta-Humor. Wer „Spaced“ mochte, wer Simon Peggs und Edgar Wrights Humor mag (was die Verweise auf Popkultur betrifft, weniger was die warmherzige Figurenzeichnung angeht), der wird „Community“ lieben. Wer „Parks & Recreation“, das zusammen mit „Community“ auf NBC läuft, für seine Humor-Farbe mag, der wird „Community“ lieben. Wer „Glee“ hasst, der könnte „Community“ lieben.

„Community“ hat mich mit dem Meta-Humor versöhnt. Nicht so sehr, dass ich mir jetzt Wes-Anderson-Filme freiwillig ansehen würde, aber doch versöhnt.

„Community“ läuft ab nächstem Samstag nachmittag um 13.30 Uhr (!) auf ProSieben.

Det fiel ma uff: Was ich zur Urheberrechtsdebatte zu sagen habe

15. April 2012 17 Kommentare

Lange habe ich gezögert, mich von der grassierenden Stellungnahme-Epidemie anstecken zu lassen, die offenbar gerade viele Menschen zwingt, sich zur Debatte um Urheberrecht, Handelsblatt, Piratenpartei, „Gratiskultur“ und verlorenen Köpfen zu äußern. Das Gezeter und die Propaganda beider Seiten, das „Contentmafia“-Geschrei von der Piraten-Seite genauso wie der vermeintliche Untergang der Zivilisation, den die Verwertungsindustrie geradezu herbeibetet, weil sie ihre Felle davonschwimmen sieht, gehen mir gleichermaßen auf den Zeiger.

Ich lese die ganze Auseinandersetzung um den Handelsblatt-Schmarrn zwar, bevorzugt die Texte, die Stefan Niggemeier in seinem Blog zusammengetragen hat und all das, worauf diese Texte wiederum verweisen. Aber ich bin es absolut müde, mich in diese Diskussion so zu vertiefen, wie ich müsste, um qualifiziert etwas dazu sagen zu können. Wer das erwartet, kann an dieser Stelle aufhören zu lesen.

Nach Lektüre des Textes von Johnny Haeusler auf Spreeblick aber bin ich zum Schluss gekommen: Am meisten geht es mir auf den Zeiger, dass ich mittlerweile zum Juristen, Wirtschaftsexperten und womöglich Philosophen werden muss, um weiter das machen zu können, was ich schon seit -zig Jahren mache. Und was ich für so legitim halte, dass ich darüber genauso wenig reden möchte wie darüber, dass ich als Radfahrer nicht nachts an einer leeren Kreuzung vor einer roten Ampel stehen bleibe.

Heißt: Aus meiner Lebensrealität, aus dem Alltag eines sowohl kreativ schaffenden Menschen, der gerne für seine Arbeit bezahlt werden möchte, als auch aus meinem Alltag als Konsument (was nicht voneinander zu trennen ist), hat sich ein Umgang mit Medieninhalten ergeben, der mit den Buchstaben des Gesetzes hin und wieder genau so in Konflikt gerät wie ich als Fahrradfahrer mit der StVO kollidiere.

Genau aus dieser völlig subjektiven, privaten Perspektive, die auch den Kern dieses Blog betrifft, möchte ich jetzt ein paar Worte sagen.

1. Ja, vieles von dem, was ich hier auf Britcoms.de bespreche, kommt aus dunklen Quellen. Zunächst. Allerdings: die 2,40 Meter auf 2,10 Meter DVDs, die hinter meinem Fernseher stehen, hätte mir die Kulturindustrie gewiss nicht verkaufen können, hätte ich den Krempel nicht vorher irgendwo angesehen. Das ist der Gegenwert eines neuen Mittelklassewagens, den ich da in Raten an die Kreativen und die Firmen überwiesen habe, die von den Kreativen leben. Minimum. Da ist noch gar nicht inbegriffen, was ich für Kino, Musik, Internet, (deutsches) Fernsehen und Bücher ausgebe. Ich bin es absolut leid, mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass ich amerikanische und britische Fernsehinhalte sofort sehen will und nicht erst, wenn ZDF.neo sie schlecht synchronisiert zu nachtschlafender Stunde versendet.

Wie es mein Rechtsempfinden treffen würde, sollte ich je abgemahnt werden für etwas, das ich nicht nur längst via DVD bezahlt habe, sondern womöglich qua Empfehlung hier im Blog auch noch zu verkaufen geholfen habe, wage ich nicht vorauszusehen.

2. Ich schreibe selbst fürs Fernsehen und für Print (ein Buch, an dem ich mitgeschrieben habe, ist in Vorbereitung), meine Frau ist (vorwiegend Print-) Journalistin und Vorstandsmitglied bei den Freischreibern. Aus unserer täglichen Erfahrung kann ich sagen: Das Problem der Urheber ist nicht der Piraten-Punk, der sich Texte umsonst aus dem Internet zieht. Das Problem sind Verwerter, die für Texte nichts mehr bezahlen möchten.

Das Problem sind Knebelverträge, mit denen sämtliche Weiterverwertung einmal geschriebener Texte an Verlage abgetreten werden sollen. Sei es Weiterverwertung im Internet, in Tageszeitungen, die mit den Zeitungen verschwistert sind, wo der Text zuerst erschienen ist, sei es sogar in Büchern oder in Online-Archiven, die zwar von Nutzern bezahlt werden müssen, die etwas suchen wollen, aber von diesem Geld nichts an die Autoren weitergeben, die all die schönen archivierten Texte geschrieben haben. Das ist die Kostenlos-Kultur, die tatsächlich zu geißeln wäre.

Als Fernsehautor wiederum leuchtet es mir absolut kein bisschen ein, warum etwa „Tatort“-Autoren überhaupt einen offenen Brief zum Thema bösböse Gratiskultur schreiben sollten. Werden Fernsehautoren für ihre Bücher nicht schon bei Abnahme bzw. Ausstrahlung bezahlt? Ich jedenfalls schon. Mit ist es persönlich eher schnurz, ob sich jemand das runterlädt, was ich geschrieben habe — mein Geld habe ich dann schon bekommen. Und zwar nachdem ich einen Total-Buyout-Vertrag unterschrieben habe, der mir sämtliche Verwertungsrechte abgenommen hat.

Ich mache Privatkopien, seit ich denken kann. Ich habe beim letzten Umzug selbst aufgenommene VHS-Kassetten weggeworfen, die drei große blaue Müllsäcke vollgemacht haben, ich habe exzessiv Mixtapes aufgenommen und mir schon mit zehn Jahren Audiokassetten mit Popmusik illegal aus dem Radio runtergeladen (Bayern 3).

Ich sehe, dass Menschen in meiner Umgebung den Glauben an den Rechtsstaat (wo nicht die Zivilisation) verlieren, weil sie sich einmal dusseligerweise eine CD mit 100 Stücken deutscher Unterhaltungsmusik aus dem Netz gezogen haben (um sie im Büro als Hintergrundbeschallung statt Radio abzuspielen) und nun Monat für Monat von immer neuen Verbrecher-Kanzleien Abmahnungen über je 400.- Euro erhalten. Kein Ende abzusehen.

Und ich sehe freie Autoren, die trotz größtem Arbeitseifer kaum noch Honorare erhalten, von denen sie leben können, weil Verlage mittlerweile ihre Qualitätszeitungen von Rentnern und Freiwilligen kostenlos vollschreiben lassen („Leserreporter“). Das sind, ich wiederhole mich, die Verlage, die fremder Leute Texte ungefragt an Dritte verscherbeln. Und anschließend über die Kostenloskultur heulen.

*****

In der ursprünglichen Version dieses Textes war noch ein Absatz darüber, dass ich in meiner Arbeit als Autor versucht hätte, den Stil und die Witze der von mir bewunderten (Titanic-)Autoren zu kopieren. Diesen Absatz habe ich wieder entfernt, weil er mir zu missverständlich erschien. Aber tatsächlich gehört dieses Thema entscheidend zu meiner Perspektive auf den Themenkomplex Urheberrecht/Kopieren: dass jeder Künstler, jeder Kreative zunächst das imitiert, mithin kopiert, was er gerne liest/sieht/hört. So fängt jeder einzelne Kreative an: dass er so sein möchte wie seine Helden.

Und natürlich gehört auch die Frage dazu, ob nicht auch Parodien wie „Switch Reloaded“ im Grunde von der Arbeit anderer Autoren leben, die die parodierten Figuren und Geschichten ja schließlich erfunden haben. Es baut halt alles aufeinander auf, alles Neue lebt vom und durch das Alte. That’s Dialektik. Vielleicht sollte ich dem mal einen eigenen Blogeintrag widmen.

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Die allertraurigste Show der Woche

13. April 2012 2 Kommentare

Hätte ich mir den Superlativ im letzten Eintrag doch gespart! Dann müsste ich ihn jetzt nicht noch überbieten. Denn das Prädikat „traurig“ gebührt ohne Zweifel „Derek“ (Channel 4), der Pilot-/One-Off-Folge von Ricky Gervais‘ jüngster Show rund um ein geistig zurückgebliebenes Faktotum in einem Altersheim. „Traurig“ in mehr als einer Hinsicht.

Traurig, in erster Linie, weil es nichts zu lachen gibt. Nennt mich altmodisch, aber ich mag Comedy, die mich zum Lachen bringt. Bei „Derek“ musste ich nach handgestoppten 14 Minuten (von 25) zum ersten Mal leise kichern, und danach kam nur noch ein einziger Lacher. Und nein, das war nicht der Moment, als Derek in den Brunnen gefallen ist. Vermutlich hat Gervais „Derek“ deswegen vorsorglich als Comedy-Drama deklariert, weil es schlicht fast keine Comedy gibt. Das Format (die schon erwähnten 25 Minuten) weist die Show aber im Grunde als Sitcom aus (ich kenne kein englisches Comedy-Drama, das so kurze Episoden hätte).

Als solche funktioniert „Derek“ nicht. James Carey fasst in seinem Blog Sitcom Geek sehr gut zusammen, was aus humorkritischer Perspektive nicht funktioniert: eine Sitcom benötigt eine Hauptfigur, die a) ein Ziel hat, eine Mission, mit einem Wort: die Âventiure, die seit dem Mittelalter jeden Ritter hat in die Welt ziehen lassen, um sich Bewährungsproben zu suchen. Dereks Wunschziel bleibt äußerst unklar. Comedy braucht aber auch b) Hindernisse, die aus dem Charakter selbst entstehen, aus seiner Eitelkeit, seiner Misanthropie, egal — er muss sich aber selbst im Weg stehen. Er braucht ein Handicap.

Genau hier stoßen wir an das Problem der Show, denn Derek hat ein Handicap, er ist aber nicht selbst schuld daran: Derek ist — sei es nun eine tatsächliche Behinderung, sei es nur ein extrem unterdurchschnittlicher Intelligenzquotient — beschränkt. Da hat „der Spaß ein Loch“, wie Murmel zu sagen pflegt. Denn wenn Derek nun über etwas stolpert, wörtlich und im übertragenen Sinne, hat das praktisch keine Fallhöhe. Er fällt nicht von einem hohen Ross; er ist von Anfang an schon ganz unten.

Es ist also schwierig, mit einer solchen Hauptfigur in einem solchen Setting komische Geschichten zu erzählen. Folglich hängen die wenigen genuin komischen Momente an den Nebenfiguren: Karl Pilkington als seniorenverachtender Altenpfleger Dougie etwa, der es durchaus verdient, wenn ihm etwas schlechtes widerfährt, oder die sympathische Pflegerin Hannah (Kerry Godliman), die von Derek in eine peinlich-amüsante Situation gebracht wird, als er ihr eigentlich nur helfen möchte. Die Komik, die da evoziert wird, ist aber allenfalls naiv und sentimental-rührend (beim erwähnten einzigen lauten Lacher ist Derek gar nicht beteiligt). Wer das mag, ist mit „Derek“ vielleicht ganz gut bedient.

Aber ich habe neben der fehlenden Fallhöhe (und dem abgedroschenen Mockumentary-Format) noch ein anderes Problem: Ich empfinde leider keine Sympathie mehr für Ricky Gervais. Ich kann nicht darüber hinwegsehen, dass die Figur des Derek vom Macher von „Life’s Too Short“ gespielt wird, der damals schon „keine Witze über Zwerge“ versprochen hat und dann doch nur Slapstick um einen Zwerg lieferte, der im Klo stecken bleibt. Gervais ist in meinen Augen hauptsächlich ein Agent Provocateur, der genau um die Wirkung weiß, wenn er sich die Haare in die Stirn kämmt, den Unterkiefer vorschiebt, mit einem „Glöckner von Notre Dame“-Gang geht und überhaupt einen Behinderten spielt. Ich kann von Anfang an nicht anders als denken: hier wird um der Provokation willen provoziert.

Eine interessante, erzählenswerte Geschichte konnte ich in „Derek“ jedenfalls nicht finden (eine erkennbare Handlung gab es überhaupt erst in den letzten zehn Minuten), und eine komische schon gar nicht. „Derek“ war für mich zwei Drittel Langeweile und ein Drittel Widerwillen, und ich wäre froh, wenn ich mich nicht durch weitere fünf Folgen „Derek“ quälen müsste.

Die traurigste Show der Woche

11. April 2012 1 Kommentar

Es gibt nur wenige Fernsehshows, die bei mir dieses Zen-Gefühl auslösen wie „Wheeler Dealers“ (Discovery Channel, seit 2003): Ein Autohändler (Mike Brewer) und ein Autoschrauber (Edd China) kaufen Autos, überwiegend Oldtimer, setzen sie wieder instand und verkaufen sie — und ihnen dabei zuzusehen, ist so entspannend wie nur was. (Gerade fällt mir auf, dass es ja auch ZEN gibt, „Zuschauen — Entspannen — Nachdenken“, und das kommt eigentlich hin, bis auf’s Nachdenken jedenfalls.) Genau die Sorte Popcorn-Fernsehen, wie ich sie neulich im Zusammenhang mit Alex Polizzi schon mal besprochen habe, genau das, wofür ich auch „Top Gear“ schätze.

Ursprünglich als Anleitung zum Do-It-Yourself gedacht, folgt „Wheeler Dealers“ einem strengen Format: Mike stellt das Modell der Folge vor, kauft einen Oldtimer plus, falls nötig, Ersatzteile (in der ersten Folge für ein Budget von 1000.- Pfund, in der zweiten von 2000.- Pfund usw.), Edd repariert und renoviert ihn, anschließend wird er profitabel verkauft. Vor allem wie Edd China im Verlauf der Show Motoren überholt, Verschleißteile ersetzt, Unfallschäden unsichtbar macht, Interieurs wiederherstellt und überhaupt alles tut, um den Wagen möglichst fabrikneu erstrahlen zu lassen, wie er dabei jeden Arbeitsschritt erklärt und kommentiert und wie am Schluss ein (meist) bildschöner Klassiker der Automobilgeschichte in neuem Glanz erstrahlt: Das hat etwas zutiefst Befriedigendes. Na ja, zumindest für mich als Freund von Autos der siebziger Jahre, der selbst eines besitzt und auch schon, äh, daneben gestanden und Hiwi-Arbeiten erledigt hat, während der Fachmann Bremsleitungen erneuert, das Getriebe gewechselt und den Vergaser eingestellt hat.

Genau deshalb aber, weil ich ein Freund gepflegter alter Autos bin (im Gegensatz zu verbastelten, „gepimpten“ Oldtimern), ist „Wheeler Dealers“ gleichzeitig eine zutiefst traurige Show. Denn in praktisch jeder Folge wird klar: Das grundlegende Prinzip, auf dem „Wheeler Dealers“ zu beruhen vorgibt, funktioniert nicht, die beiden machen niemals Profit mit ihrer höchst ehrenhaften Arbeit. Zumindest nicht, wenn man die Arbeitsstunden zählt, die Edd (und auch Mike) investieren. Manchmal aber machen sie nicht einmal Profit, wenn man gar keine Arbeitszeit berechnet.

So im Falle der aktuellen Folge, wo Mike und Edd einen Renault Alpine 330 in Frankreich kaufen, die leckende Wasserpumpe austauschen, unter Zuhilfenahme abenteurlicher selbstgebauter Werkzeuge Radlager tauschen, den Motor (ausnahmsweise) ein wenig aufmotzen und einige optische Korrekturen vornehmen — und dann auf den Cent das dafür bekommen, was sie für Fahrzeug und Teile ausgegeben haben, so dass vermutlich -zig Arbeitstage sich einfach in Luft auflösten. Das tut ein bisschen weh, und ich glaube, um das zu spüren, muss man gar kein Liebhaber sein.

Hier ist die aktuelle Folge mit dem Alpine, und YouTube hat einige mehr: die mit dem Fiat Dino Coupe (aus der aktuellen, der 10. Staffel), mit dem Ford Capri (1. Staffel), mit dem Porsche 928 (3. Staffel), dem Fiat 500 (5. Staffel) oder dem VW „Bulli“ T2 (7. Staffel, den allerdings fast kaputtgepimpt).