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Archiv für die Kategorie ‘Comedy News Show’

Cunk on Shakespeare

William Shakespeare findet derzeit anlässlich seines 400. Todestages auch in der britischen TV-Comedy statt: Ben Elton darf einmal mehr ran und beweisen, dass er doch noch mehr drauf hat als es zuletzt mit „The Wright Way“ (BBC1, 2013) den Anschein hatte: „Upstart Crow“ (BBC2, seit letzter Woche), veredelt mit einer guten Handvoll prominenter Comedians (David Mitchell, Harry Enfield, Mark Heap und „Raised by Wolves“-Hauptdarstellerin Helen Monks) hat nach der ersten Folge allerdings noch nicht hundertprozentig überzeugt; am merkwürdigsten aufgestoßen ist mir dabei, dass einer der Nebendarsteller offenbar versucht, Ricky Gervais‘ shtick zu imitieren, was ein guter Regisseur/Produzent mit Sicherheit hätte verhindern müssen.

Uneingeschränkt super allerdings war das One-Of von Philomena Cunk alias Diane Morgan in ihrer Paraderolle aus „Charlie Brooker’s Weekly Wipe“ (BBC2, seit 2013): „Cunk on Shakespeare“ (BBC2): clever, informativ und sehr, sehr komisch.

Kurz nur währten meine Zweifel, dass das parodistische „Fernseh-Experten“-Format aus „Weekly Wipe“ mit einer halben Stunde womöglich nicht tragen würde: das tat es, und zwar ohne Mühe. Denn Brooker hat es hinbekommen, auf dem schmalen Grat zwischen Nonsens und gut versteckten echten Informationen ein komödiantisches Tänzchen aufzuführen, wie man es selten zu Gesicht bekommt: mit Scherzen für Leute, die nichts über Shakespeare wissen, mit Scherzen für Halb- und womöglich sogar mit Scherzen für Supergebildete in puncto Shakespeare, zu denen ich mich jetzt nicht zählen würde.

Denn es ist natürlich nur zum Teil ein schöner Gag, am Ende als „Shakespeares bekanntestes Werk“ „Game of Thrones“ anzuführen. Tatsächlich ist es gar nicht so hoch gegriffen, die „GoT“-Mischung aus Drama, Komödie, Horror und Historienfilm als „typisch Shakespeare“ zu analysieren: denn dass der es war, der all diese Register in seinen Stücken gezogen hat, wie er es brauchte, kriegt sogar Philomena Cunk mit Hilfe echter Experten vorher schon heraus.

(Wie sie das machen, für „Weekly Wipe“ wie hier, echte Experten vor die Kamera zu bekommen, die auf die Ahnungslosigkeit von „Philomena Cunk“ authentisch reagieren, also größtenteils mit britischer Höflichkeit, das würde ich mal gerne von einem Insider erklärt bekommen: Kann man die wirklich im Glauben lassen, Cunk sei keine Kunstfigur? Und wenn ja: wie kriegt man dann hinterher deren Zustimmung, das zu senden? Oder werden diese Experten von der Produktion gebeten, das Spiel einfach mitzuspielen? Ich kann mir kaum vorstellen, dass durchschnittliche Wissenschaftler und Kulturschaffende so gute Schauspieler sind.)

Am meisten freut es mich, dass Brooker sich eine Nische geschaffen hat, in der so etwas möglich ist: diese Mischung von high brow und low brow-Comedy, intellektueller und alberner Comedy, die an ein Publikum gerichtet ist, das zu erreichen sich das deutsche Fernsehen längst nicht mehr traut: nämlich doch ein vorwiegend gebildetes, das sich im Zusammenhang mit leichter Unterhaltung und Comedy überhaupt auf ein Thema aus der Hochkultur einlässt. Und das zu belachen geistig auch imstande ist.

Allerdings: Bernd Eilert, jahrzehntelanger Autor und Regisseur für und von Otto Waalkes, schreibt auch seit Jahrzehnten mit an den Bühnenprogrammen von Otto und konstatierte schon vor Jahren, dass eine Sorte Witze heutzutage praktisch gar nicht mehr funktionieren würde: nämlich eben die, die auf Kunst und Literatur rekurrieren. Anspielungen auf den Erlkönig, die Parodie gar, die Anfang der Siebziger zu Ottos Programm gehörte, gingen heute beispielsweise kaum noch: weil kaum noch jemand den „Erlkönig“ so parat hat, dass er Witze darüber goutieren könnte.

Und auch in meiner eigenen bescheidenen Erfahrung als Fernsehautor ist mir das regelmäßig begegnet: die Befürchtungen von Chefautoren, Producern, Fernsehmachern, dass „das Publikum das nicht versteht“; eine Befürchtung, die zu einer Selbstbeschneidung führt, die sich anschließend überall im deutschen Fernsehen bemerkbar macht.

So kommen am Ende zwei Tendenzen zusammen: der Kulturpessimismus der Fernsehschaffenden, die immer dazu bereit sind, um möglichst alle mitzunehmen, die intellektuellen Ansprüche herunterzuschrauben (damit die Senioren mitkommen, verzichten wir mal besser auf das Wort „App“ und nehmen „Programm“, ach was, wir verzichten besser ganz auf Computer und Internet!), und der tatsächliche Bildungsverlust (wer unter 80 weiß denn noch was von der deutschen Romantik?!). Das Ergebnis lässt sich im Mainstreamfernsehen besichtigen: der kleinste gemeinsame Nenner. So erzieht man sich natürlich auch das Publikum, das man verdient.

Nun denn, umso dankbarer sind die kleinen Grüppchen von Versprengten, die lieber so großartige Shows wie „Cunk on Shakespeare“ gucken oder obskure Comedyshows auf Spätnacht-Slots in Nischensendern wie ZDF.neo, als RTL-Ramsch wegzukonsumieren, über dessen Qualität ja jeder bescheid weiß außer denen, die es gucken.

Nun denn. Hoffnung ist oft ein Jagdhund ohne Spur, und wer Worte macht, tut wenig. Schön wäre es aber, wenn Philomena Cunk und Charlie Brooker sich auch in Zukunft immer mal wieder großer Themen annähmen, sie uns in diesem Halbstundenformat näherzubringen. Ich würd’s gucken!

 

She died too late

25. April 2013 1 Kommentar

Ja, doch, ich glaube, es gibt andere Konventionen im öffentlichen Umgang mit Verstorbenen im United Kingdom. Oder wäre eine Einlassung wie diese von David Mitchell in „10 O’Clock Live“ zum Tode von Margaret Thatcher in Deutschland wirklich denkbar?

I think that in a horrible way she died too late for people to really enjoy it … If she died in the mid 90s, it would’ve been a real uplift for the whole nation.

Hunting down the news

9. Februar 2011 1 Kommentar

Als ich sechzehn, siebzehn war, war Titanic mehr für mich als nur leichte Unterhaltung. Das war die Zeit vor Internet und Smartphones; meine Informationen bekam ich aus der örtlichen Tageszeitung (wenn ich sie denn las) und aus der „Tagesschau“. Hin und wieder schmökerte ich in der Schulbibliothek in den wöchentlichen und monatlichen Zeitungen und Magazinen, aber das war im Grunde mehr Pflicht, die Erfüllung eines bildungsbürgerlichen Auftrags — tatsächlich fand ich das meiste, was ich da las, fürchterlich langweilig.

Als ich aber Titanic entdeckte, war das der Schlüssel zu einer Schatzkiste: In den „Briefen an die Leser“ erfuhr ich, wer was Dummes gesagt oder getan hatte, und vor allem, wer überhaupt so relevant war, daß er da auftauchte. Und in den Artikeln bekam ich nicht nur die satirische Einordnung und den komischen Kommentar zu Politik, Medien und Literatur, sondern vor allem erstmal die Nachrichten selbst: wenn ich das neue Heft gelesen hatte, fühlte ich mich besser informiert als nach der Lektüre von Zeit, SZ und Spiegel zusammen.

Hunting down the news and beating the truth out of it nennen sie das bei „10 O’Clock Live“ (Channel 4). Eine gute Dreiviertelstunde lang präsentieren Charlie Brooker, Jimmy Carr, Lauren Laverne und David Mitchell immer Mittwochs eine auf den ersten Blick ungewöhnliche Mischung aus Information, Talk und Comedy, die deutlich von der Attitüde der drei Comedians getragen wird: Da darf zunächst Jimmy Carr, üblich schwarzhumorig, in einem Stand Up-Solo die Meldungen der Woche durchgehen (ja, die schnelle, kurze Form am Anfang bewährt sich halt immer wieder, egal ob in Print- oder TV-Magazinen). Danach variiert die Reihenfolge, aber immer gibt es ein Gespräch, in dem David Mitchell entweder schön konfrontativ mit Bänkern (und ihren Kritikern) über ihre Bonus-Zahlungen reden darf oder in Einzelgesprächen die britische Grünen-Vorsitzende Caroline Lucas oder Alastair Campbell in die Zange nimmt, den vormaligen Spin Doctor von Tony Blair (der auch die Vorlage für Malcolm Tucker abgeben durfte). Charlie Brooker wirft einen deutlich „Screenwipe“-geprägten Blick auf Ägypten oder Sarah Palin und welches Bild jeweils die Medien vermitteln, Jimmy Carr beleuchtet ein aktuelles Thema quasi kabarettistisch, Mitchell gibt in die Kamera hinein einen Kommentar ab, in dem er sein ganzes kolumnen-geschultes Talent für politische Leitartikel zeigen darf, und die Radio-DJane und Moderatorin Lauren Laverne hält alles zusammen.

Die ganze Show ist bunt und schnell; manchmal vielleicht ein bißchen zu schnell — viele Gespräche sind zuende, bevor alle Diskutanten Betriebstemperatur erreicht haben. Und vielleicht auch ein bißchen zu bunt, und damit meine ich nicht nur die regenbogenartig blinkende Neon-Kulisse, die macht, daß einem die Augen bluten, sondern auch die Atemlosigkeit, die womöglich dem Druck des „live“-Elements geschuldet ist und dem Anspruch, möglichst tagesaktuell zu sein. Und Jimmy Carr, so gut sein Stand Up ist, war im Gespräch mit dem Klimawandel-Scharlatan Bjørn Lomborg gegenüber dem rhetorisch geschulten Dänen schnell ein wenig überfordert.

Aber es sind ja nun erst drei Folgen gelaufen, und der Spaß an unverblümter Meinung, Direktheit und satirischer Feuerkraft ist deutlich größer als eventueller Ärger über Kinderkrankheiten der Show, die zum ersten Mal im Mai 2010 in ähnlicher Form lief als „Channel 4’s Alternative Election Night“. Klar, Jon Stewarts „Daily Show“ läßt grüßen und überstrahlt „10 O’Clock Live“ im Moment noch deutlich. Aber nicht nur haben die Amerikaner mehr Zulieferer im Rücken, sondern auch über zehn Jahre Erfahrung mehr, insofern ist der (unausweichliche) Vergleich vielleicht ein wenig ungerecht.

Die politische Situation in England aber, eine unfähige rechtsliberale Regierung, dramatische Budgetkürzungen, die Einführung von Studiengebühren, das ganze politische Klima in Großbritannien sind, so schrecklich sie für den Einzelnen sein mögen, natürlich Wind unter den Flügeln einer solchen Show. Schlechte Zeiten sind gute Zeiten für Satiriker. Schon deshalb erwarte ich noch einiges von „10 O’Clock Live“.