Heute abend wird sich zeigen, ob eine Chance auf die 97teilige Serie besteht, die Stephen Mangan sich erhofft: “Dirk Gently” wird auf BBC4 zu sehen sein. Zwei Ausschnitte und ein Gespräch mit Mangan zeigt das BBC-Frühstücksfernsehen.
Ich selbst werde “Gently” erst in ein paar Tagen sehen können, wenn ich wieder im Land bin. Bis dahin ist hier Winterruhe, die Kommentare müssen so lange warten.
You read a James Bond book — is Daniel Craig, is Sean Connery or any of them how you would actually picture James Bond in your head? No, they’re not, probably. … It’s difficult playing those characters that are so loved by the people who read those books because you almost feel like you’re playing a real person. But not a real person that anyone has ever seen. You’re not going to be everyone’s idea of the character.
Stephen Mangan über die Verfilmung von “Dirk Gently”, wieviel “Sherlock” in “Dirk Gently” stecken wird und wie Howard Overmans Script Douglas Adams’ Texte zwangsläufig ändern muß, schon weil Dirk Gently im ersten Buch erst nach der Hälfte überhaupt auftaucht. Mangan hat schon in einer der Serien-Adaptionen der “Adrian Mole”-Tagebücher die Hauptrolle gespielt, die auf den sehr erfolgreichen Büchern von Sue Townsend beruhten — er sollte also wissen, wovon er spricht.
Douglas Adams, Howard Overman, Stephen Mangan, Daren Boyd: Die Verfilmung von “Dirk Gentlys holistischer Detektei” (BBC4, 16.12.) steht unter einem guten Stern. Über Adams muß ich wohl keine Worte verlieren, Mangan sehe ich seit “Green Wing” immer wieder gerne und Boyd hat in “Whites” brilliert.
Overman wiederum ist der Autor von “Misfits”, deren zweite Staffel gerade auf dem Weg ist, zur besten Superhero-Serie aller Zeiten zu werden (und nicht nur mich, sondern auch die Frau jedes Mal atemlos zurückläßt, wenn auch letztere aus anderen Gründen) — dazu ein andermal mehr. Er ist allerdings auch der Autor von “Vexed”, einer dreiteiligen Krimi-Comedy, die überhaupt nicht funktioniert hat. Leider ist “Dirk Gently” von der Anlage her deutlich näher an “Vexed” als an “Misfits”, aber ich will mal nichts beschreien. Hier ein erster Trailer.
Die erste Expedition zum Nordpol, die CO2-neutral, vegetarisch und bio ist, aber leider auch vollkommen dilettantisch ausgeführt, hat “Beyond The Pole” zum Inhalt. Brian und Mark wollen Aufmerksamkeit auf die Erderwärmung ziehen, haben aber die Rechnung ohne gefährliche Eisbären gemacht. Und ohne konkurrierende Expeditionen schwuler Norweger. Und ohne Marks allmählichen Realitätsverlust.
Könnte lustig werden; der Trailer sieht jedenfalls nach einem kleinen, aber ambitionierten Filmprojekt aus. Wie Reuters berichtet, steckt hinter dem Film sogar der aufrichtige Versuch, dem großen Thema Klimawandel mehr Öffentlichkeit zu schaffen, und so wurde angeblich zwar in Grönland und Island (unter entsprechend widrigen Bedingungen) gedreht, aber unter der Maßgabe einer möglichst niedrigen CO2-Bilanz. Soll mir recht sein, so lange die Komik-Bilanz stimmt. Stephen Mangan (“Green Wing”, “Free Agents”) sehe ich jedenfalls immer gerne. “Beyond The Pole” läuft in England im März an, laut IMDB-Messageboard werden noch Facebook-Fans gesucht, um den Film in noch mehr Kinos zu bringen (nicht in Deutschland allerdings, würde ich vermuten).
Unterhaltungsliteratur (wie etwa die momentan äußerst erfolgreiche Romantrilogie von Stieg Larsson) bedient sich einiger Tricks, um ihre Leser in Bann zu schlagen: Sie ist kritisch genug gegenüber Systemen, um sich von rein affirmativer Trivialliteratur zu unterscheiden, befeuert die Phantasie des Lesers/der Leserin aber wie diese durch gezielt gestreute Liebesplots und sexuelle Abenteuer, und hält durch zopf-artig verwobene Storylines genügend Abwechslung bereit, um auch ungeübte Leser bei der Stange zu halten. Vor allem aber schlägt sie ein langsames Tempo an und wiederholt alle für das Verständnis der Handlung wichtigen Informationen so oft, daß auch vorübergehend unkonzentriertes Lesen niemanden aus dem Buch wirft — unter anderem deshalb sind etwa Larssons Bücher auch dermaßen dick.
Im Fernsehen arbeiten Soap Operas und Daily Soaps mit ähnlichen Mitteln. Sind sie schlecht, merkt man die minütliche Wiederholung relevanter Wissensfragmente z.B. über den Charakter einer Figur an grottigen Dialogen (“Daß Tanja ein Scheusal ist, weiß ich schon, seit sie meine Katze in den Betonmischer geworfen hat!”); bessere Soaps bauen solche Informationen subtiler ein. So wie die Krankenhaus-Soap-Sitcom, die so innovativ, unkonventionell und komisch war, daß sie in England zunächst nur ein kleines, aber dafür umso fanatischeres Gefolge hatte, alsbald zum Kult wurde und nun in meinen Top-10-Britcoms der Nullerjahre auf Platz zwei angelangt ist:
“Green Wing” (2004 — 07, Channel 4)
“Green Wing” erzählt in der Form einer Ensemble-Sitcom die Geschichte einer Krankenhaus-Belegschaft: Caroline Todd, zu Beginn der Serie Neuzugang in der Chirurgie, ist schon bald zwischen dem charmant-lässigen Dr. Mac und dem arroganten Anästhesisten Guy hin- und hergerissen; die Personalchefin Joanna Clore fügt ihrer obsessiven erotischen Beziehung zum Chefradiologen und Hochgeschwindigkeitsneurotiker Alan Statham ständig neue, bizarre Facetten hinzu; Statham führt einen lächerlichen Kleinkrieg mit dem Arzt im Praktikum Boyce, und Sue White, Staff Liaison Officer und damit Vertrauensfrau des Krankenhauspersonals, scheint komplett wahnsinnig zu sein. Jede Folge beschreibt einen Arbeitstag, und das Drehbuch spielt dabei alle mathematisch möglichen Begegnungen zwischen den Charakteren konsequent durch, den oben aufgeführten wie etlichen anderen, — mit immer wieder neuen, unfaßbar komischen Ergebnissen.
IstCaroline die Identifikationsfigur für den Zuschauer, so stellt das Nervenbündel Statham eines der komischen Epizentren der Serie dar: Der permanent haspelnde, verklemmte Statham mit seiner autoritätsheischenden, aber erbärmlichen Art ist die Zielscheibe des allgemeinen Spotts, und selbst wenn er sich mal an Boyce und seinen kindischen Pranks rächen will und seinerseits einen practical joke inszeniert, geht das nach hinten los:
Eine Auseinandersetzung über einen Parkplatz in nächster Nähe zum Krankenhaus, wie ihn Mac hat, Statham aber nicht, kann schon mal zu Besessenheit führen, die mit einem Streit mit dem Parkplatzpersonal beginnt…
…und mit dem Verspeisen einer Gallenblase endet:
Die Handlung der Serie ist typisch für Soaps: Mac und Guy tragen ihre Rivalitäten aus, Joanna Clore fürchtet sich vor dem Altwerden und würde deshalb gerne eine Affäre mit dem farbigen IT-Experten beginnen, Caroline schmeißt eine House-Warming-Party, Martin muß sich Prüfungen unterziehen und Mac überlegt, das Krankenhaus zu verlassen und woanders eine bessere Stelle anzunehmen.
Sensationell an “Green Wing” ist aber, wie innerhalb dieser Soap die Figurencharakterisierung durch beständige Wiederholung funktioniert: Indem nämlich die Körpersprache der Figuren ebenso durch Zeitraffer und Zeitlupen verdeutlicht wird wie durch visuelle Gags, lange Einstellungen und einen brillianten Soundtrack und durch sketchartige Vignetten, nämlich die beschriebenen Zusammentreffen der Figuren in allen denkbaren Konstellationen. In diesen Miniaturen werden Charaktere so präzise porträtiert, wie es Dialoge kaum könnten — etwa in dieser Szene, wo Boyce und Martin um die Wette aus Schokoriegeln Türme bauen und Sue White dazukommt:
Überhaupt ist Sue White neben Statham eine weitere schillernde Figur, weil sie vollkommen unberechenbar ist:
Diese Mischung aus handlungstragenden und nur charakter-basierten Sketchen schlug sich in der Drehbucharbeit in unendlich vielen Zetteln nieder, die zusammen eine Folge ergaben und die, von den Autoren geschrieben, vor der Produktion immer aufs neue arrangiert wurden: für die Story relevante Szenen auf Zetteln in einer Farbe, freie Gags in anderen Farben, so lange umgruppiert und verschoben, bis stimmige, runde Episoden dabei herauskamen.
“Green Wing” lebt zum einen von dieser außergewöhnlichen Herangehensweise, zum anderen aber von dem phantastischen Cast. Der ging, allen voran Stephen Mangan (Guy) und Michelle Gomez (Sue), so in seinen Rollen auf, daß etliche Szenen durch Improvisationen noch komischer wurden, als die Autoren sie vorher geschrieben hatten — sehr zum Leidwesen letzterer. Tamsin Greig (als Caroline) hatte sich zuvor in “Black Books” Meriten erworben, Mark Heap (Statham) desgleichen als der Künstler Brian in “Spaced”, Oliver Chris (Boyce) war bereits aus “The Office” bekannt. Sarah Alexander (“Coupling”, “The Worst Week of My Life”), Michelle Gomez als Sue White (“The Book Group”) und Pippa Haywood (“The Brittas Empire”) unterstützten sie nach Kräften, in der zweiten Staffel ergänzt durch Sally Phillips (“I’m Alan Partridge”). Hinter der Serie steckte das Team, das zuvor mit der Frauen-Sketchshow “Smack the Pony” populär geworden war, allen voran Produzentin Victoria Pile, und hinter dem Soundtrack Trellis aka Jonathan Whitehead, der auch für “Nathan Barley”, “Black Books”, “Brass Eye” und “The Day Today” den Soundtrack besorgt hat.
Einziges Manko von “Green Wing” ist, daß die zweite Staffel gegen Ende das hohe Niveau des Anfangs nicht mehr ganz halten konnte und mit einem Special endet, das ein wenig enttäuschte, weil es nicht mehr in der vertrauten Krankenhausumgebung spielte und die großen Erwartungen, die die Fans darauf gerichtet hatten, nicht erfüllen konnte. Dennoch ist “Green Wing” eine der hierzulande weitgehend unbekannten Britcoms, die größere Bekanntheit, ja: unbedingtes Fantum auf jeden Fall verdient haben. Schon für diese Szene, in der Sue White einen schönen Teller Nabelschnüre ißt, was Guy allerdings erst nach einer beherzten Kostprobe erfährt:
PS: Ein Tip, der sich schon mehrfach bewährt hat: “Green Wing” funktioniert bei vielen Zuschauern erst mit und nach der zweiten Episode, möglicherweise, weil man sich an den Stil erst gewöhnen muß, weil die erste Folge zum Teil aus der Pilotfolge besteht (mal drauf achten: Macs Frisur ändert sich in der ersten Episode mehrfach) oder weil erst die zweite Folge eine Serie überhaupt erst zur Serie und serielle Momente augefällig macht.
Es klingt wie eine gute Idee: Eine entlarvende Komödie über Comedians, die sich auf der Bühne locker und cool geben, im Privatleben aber bestenfalls als humorlos, eitel und aufgeblasen durchgehen. Eine kleine Independent-Produktion, ein Ensemble-Film über ein Festival, bei dem auch Comedy aufgeführt und ausgezeichnet wird, gedreht auf dem Edinburgh Festival Fringe. Ein Film, in dem man es esoterischen Schauspielern und selbstverliebten Agenten reinreichen kann, nach Höherem strebenden Lokalradiomoderatoren und höheren Töchtern, die so gerne auch frei und kreativ wären wie die von Festival zu Festival vagabundierenden Schauspieler. Ein Film, der einen Blick hinter die Kulissen der Gaukler ermöglicht, auf schalen Sex und unmäßigen Alkoholkonsum, vergeigte Karrieren und permanente Sucht nach Aufmerksamkeit.
Ein solcher Film wäre “Festival” (2005) gerne, und die Anlagen dazu hat er auch: Gute Schauspieler/Comedians wie Stephen Mangan (“Green Wing”), Amelia Bullmore (“Jam”, “I’m Alan Partridge”, “Big Train”), Raquel Cassidy (“Lead Balloon”) und Chris O’Dowd (“The IT Crowd”). Jubel und Trubel eines Festivals, das Gelegenheit für Improvisationen mit ahnungslosen Festivalbesuchern bietet. Und ein Drehbuch, das dem ewig angeekelten und überdrüssigen Star-Comedian Sean Sullivan (Mangan) wie der Radiomoderatorin Joan Gerard (Daniela Nardini) finstere Ausbrüche zuschreiben kann — ihm, weil ihn sein Job längst anekelt, ihr, weil sie gerne ihre Position als Comedy-Jurorin sexuell ausnutzen würde, aber eher selbst ausgenutzt wird:
“Arsehole comedians! ‘Look at me, look at me, laugh at me, laugh at me.’ Christ, haven’t we not had enough?! Who cares about funny? What’s all the fuss about funny?!”
“Oh, this is the comedy awards, Joan…”
Und natürlich ergeben sich auch Gelegenheiten, es den Größen des Metiers zu besorgen:
“Eddie Izzard — he can’t do voices. Only got one accent: Tranny London Pothead.”
Leider schafft es “Festival” aber nicht, sein Potential auszuspielen: Der Film kann sich nicht entscheiden, ob er Komödie, Melodrama oder doch sogar Tragödie sein will. Die Erzählstränge sind zu belanglos nebeneinandergestellt und bleiben weitgehend unverknüpft. Keine Figur schafft es, sympathetisch zu werden. Nicht einmal das Aufgebot von Comedians, die kleinere Auftritte haben, von Richard Ayoade (ebenfalls “The IT Crowd”) über Tom Goodman-Hill (der Polizist aus “Ideal”) bis Neil Fitzmaurice (Sophies Arbeitskollege aus “Peep Show”), reißt es raus, und auch nicht die Fülle an expliziten Sexszene inklusive Fistfuck: “Festival” bleibt irgendwie schal, hinterläßt keinen bleibenden Eindruck außer dem, daß man einer vertanen Chance zugesehen hat. Vertan von Annie Griffin, deren Buch und Regie hier gefloppt sind. Was mich nicht sehr zuversichtlich stimmt, daß ihre Sitcom “The Book Group”der Burner ist, der mir bislang entgangen ist. Na, schaumermal.
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