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Archiv für April, 2009

Blasphemy! He’s said it again! „Jerry Springer – The Opera“

20. April 2009 5 Kommentare

Eine der schönsten Traditionen Großbritanniens sind Skandale rund um Comedians und komische Produkte. Vor allem die religiöse Rechte setzte und setzt sich sehr für den Erhalt des Brauchtums ein, schon zu trommeln und zu wehklagen, noch bevor irgend jemand etwas genaues weiß. Die Monty Pythons hatten seit der ersten Ausstrahlung des „Flying Circus“ am 5. Oktober 1969 Ärger mit Christen bzw. eben schon vorher: Denn der „Flying Circus“ erhielt, ausgerechnet, einen Sendeplatz, den zuvor eine religiöse Sendung gehabt hatte. Keine glückliche Wahl der BBC, die sich seit Mitte der sechziger Jahre mit einer gewissen Mary Whitehouse und ihrer „National Viewers‘ and Listeners‘ Association“ herumschlagen mußte.

<Abschweifung>Whitehouse, Lehrerin aus Shropshire, organisierte regelmäßig Kampagnen für „sauberes Fernsehen“ und gegen das, was sie für Pornographie und die Verletzung religiöser Gefühle hielt, und wurde, nicht zuletzt weil die Medien sie und ihre spinnerten Anliegen bereitwillig ventilierten, schnell zu einer Figur des öffentlichen Lebens. Comedians revanchierten sich auf ihre Weise, nicht zuletzt durch die Stand Up/Sketch-Show „The Mary Whitehouse Experience“ (und auch die Pornographen benannten die vormalige Schmuddelseite whitehouse.com nicht nach dem Weißen Haus, sondern nach Mary Whitehouse). Etliche recht komische Bezugnahmen auf Mary Whitehouse in der Popkultur finden sich hier; Bernard Manning kommentierte ihr Ableben im Jahre 2001 so: „She’ll be sadly missed, I imagine, but not by me.“</Abschweifung>

springer-1Auch der noch vor dem Gezeter um „The Life of Brian“ zweitgrößte Comedy-Skandal Großbritanniens funktionierte so (der größte war, nach Zählung der Sendung „50 Most Shocking Comedy Moments“ von 2006, Chris Morris‘ „Brass Eye“-Spezial über Pädophilie). Eine mächtige Welle der Empörung brach über Richard Thomas‘ und Stewart Lees Musical „Jerry Springer — The Opera“ herein: 55 000 Beschwerden erreichten BBC2 bereits vor der Sendung im Januar 2005; 8000 danach — die Fernsehversion der Jerry-Springer-Oper wurde mit 2,4 Millionen Zuschauern die erfolgreichste TV-Oper bis dahin. Die Verantwortlichen der BBC erhielten Morddrohungen, einige mußten sogar kurzfristig umziehen, um den Protesten aufgebrachter Christen zu entgehen. Vor der geplanten Tournee durch das Vereinigte Königreich übte die christliche Lobbyistengruppe Christian Voice Druck auf die Spielstätten aus, die „Jerry Springer — The Opera“ in ihr Programm aufnehmen wollten. Ein Drittel davon sprang daraufhin ab und machte die Tour beinahe finanziell unrentabel, zumal das Arts Council ihr Fördermittel verweigerte. Und das, obwohl das Stück im Londoner West End extrem erfolgreich gelaufen war, etliche Preise gewonnen hatte — und nebst allerlei anderer Prominenz Jerry Springer selbst unter den Zuschauern gewesen war, ohne hinterher vor Wut explodiert oder vor Gericht gezogen zu sein. Im Gegenteil.springer-2

Grund genug hätte er dabei gehabt, guckt man nur auf die Oberfläche: In Thomas‘ und Lees Musical wird Springer, der englischstämmige Vater aller Krawall-Talkshows, auf offener Bühne erschossen und fährt zur Hölle. Die Ausdrucksweise, der sich bereits im ersten Akt Springers Talkshowgäste befleißigt haben, ist, um es vorsichtig zu formulieren, rüde:

„My mom used to be my dad. I was jilted by a lesbian dwarf, but she gave good head. I used to be a lapdancing preoperative transsexual, a chick with a dick“

singt der Chor der Talkshowgäste, und der Kontrast zwischen ernsthafter Operninszenierung und niedrigster Gossensprache könnte komischer kaum sein. Seinen Gästen, den Windelfetischisten, Ehebrechern und Frauenhassern, ist nach ihrem Auftritt in der „Jerry Springer Show“ nichts Gutes widerfahren; Jerry begegnet ihnen im zweiten Akt in der Vorhölle wieder, wo über ihn zu Gericht gesessen wird. Nach seinem Schuldspruch landet er schließlich in der Hölle. Dort stellt Satan ihn vor eine unlösbare Aufgabe und droht Jerry damit, ihm neben dem regulären höllischen Zwicken und Zwacken auch noch einen mit Stacheldraht umwickelten Pfosten in den Arsch zu rammen, sollte er scheitern.

springer-3Die eigentliche Blasphemie ist das noch nicht, klarerweise, ich will aber nicht unfair sein: Jeder, der zwei Stunden unmotivierte Singerei auf offener Bühne aushalten kann und will (ich selbst lehne Musicals aus ästhetischen Gründen entschieden ab und habe nicht vor, nach dieser noch eine weitere Ausnahme zu machen), soll dafür wenigstens mit der gleichen komischen Wucht getroffen werden, die mich im dritten Akt minutenlang hat lachen lassen wie nicht ganz dicht — ja, ich glaube, ich habe sogar ein bißchen geweint vor Lachen. Darum werde ich die überraschende Wendung hier nicht verraten (sondern erst auf der nächsten Seite) und beschränke mich auf den Hinweis, daß (bei Amazon.uk für ganze £2,98) die DVD erhältlich und, neben einigen schönen Extras, auch mit sehr hilfreichen Untertiteln versehen ist. Die Inszenierung ist, soweit ich als Musical-Laie das beurteilen kann, tatsächlich sehr gelungen, allerdings ist der erste Akt mit 55 Minuten so lang wie der zweite und dritte zusammen und damit vielleicht ein weniges zu lang. Über Stewart Lee werde ich demnächst wohl noch ausführlicher berichten, ich gucke mich gerade durch seine beiden Stand Up-DVDs und bin jetzt schon ganz eingenommen für ihn und seine klare politische Haltung, die ihn von den meisten eher unpolitischen Stand Ups unterscheidet. Mehr…

Blick in die USA: „Breaking Bad“ – die Chemie stimmt

17. April 2009 3 Kommentare

Aus strahlend blauem Himmel segelt eine beige Herrenhose und bleibt auf einem Feldweg mitten in der Wüste liegen; ein dinosauriergroßes Wohnmobil rast darüber weg. Im Wohnmobil liegen zwei leblose Menschen, allerhand Laborgerät purzelt durcheinander, bis der Mann am Steuer, nur mit Unterhose und Gasmaske bekleidet, die Kontrolle verliert und den Wagen in den Graben fährt. Er springt aus dem Gefährt, in welchem er seinen bewußtlosen und ebenfalls mit Gasmaske angetanen Beifahrer zurückläßt, streift sich wenigstens ein Hemd über, holt eine großkalibrige Pistole aus dem Wohnmobil und stellt sich, nachdem er letzte Worte an seine Familie in eine Videokamera gesprochen hat, mit der Waffe im Anschlag dem lauter werdenden Sirenengeheul auf der Straße entgegen.

Das ist die erste Szene von „Breaking Bad“ (AMC 2008 – ), und wenn ich diese Serie für nur einen ihrer zahlreichen brillanten Drehs loben müßte, dann dafür, daß sie den Einfall hatte, den Cliffhanger vieler Episoden je an den Anfang der Folge zu stellen: Denn nach dieser furiosen Eröffnung wird erst einmal erklärt, wie der fünfzigjährige Chemielehrer Walter White, der Mann in der Unterhose, an diesen Punkt seines Lebens kam. Dazu braucht „Breaking Bad“ nicht einmal die ganze erste Folge —  schon nach einer guten dreiviertel Stunde sind wir wieder im staubigen Hinterland New Mexicos und fragen uns, was da jetzt wohl kommen mag: Wenn schon in der ersten Folge die Dr. Jekyll/Mr. Hyde-Transformation eines biederen amerikanischen Untere-Mittelschichtsbürgers in einen höchst kriminellen Crystal-Meth-Koch eingetreten ist, die Verwandlung eines Biedermannes in eine loose cannon?

Da kommt noch einiges. Und wenn ich nicht sehr irre, hat „Breaking Bad“ das Zeug dazu, die nächsten „Sopranos“ zu werden. Die Vorstadtdealergeschichten von „Weeds“ jedenfalls (der naheliegendste Vergleich) läßt es sehr schnell hinter sich; und „Weeds“ war gut (na, die ersten zwei Staffeln jedenfalls). Daß „Breaking Bad“ noch besser ist, liegt zum einen an dem ausgezeichneten Bryan Cranston, der den Vater in „Malcolm in The Middle“ gespielt hat und hier zu oscarreifer Form aufläuft. Es liegt selbstverständlich aber auch an dem Creator Vince Gilligan, der schon für die „X-Files“ geschrieben hat und hier ein düsteres ComedyDrama aufmacht. Die Betonung liegt hier auf Drama (in der ersten Epsiode ist kein lauter Lacher), dessen filmische Umsetzung aber ist oft die einer Komödie: Humor als comic relief für allzu gewalttätige, krasse Momente, an denen „Breaking Bad“ nicht arm ist. Und die starke Identifikation mit Walter, der im harten Drogengeschäft ein fish out of water par excellence ist und mit seinem viel jüngereren Compagnon eine Neuinterpretation des odd couple darstellt, sorgt für so viel kriminelle Sympathie, daß man ihm auch zutiefst unmoralische Taten ohne weiteres verzeiht. Nicht zuletzt die tolle Kamera- und Regiearbeit mit vielen Zeitraffer-Sequenzen und hübschen visuellen Einfällen bspw. zur Umsetzung von Drogenräuschen (ich mußte öfter mal an die Crystal Meth-Komödie „Spun“ denken), das gute Ensemble (etwa der unter Kinderlähmung leidende RJ Mitte als Walter White jr.) und der erkennbare Wille zu einem Realismus was die Gefährlichkeit, aber auch die Anziehungskraft von Methamphetaminen ausmacht, heben „Breaking Bad“ weit über das Gros amerikanischer TV-Serien.

Bevor ich ins Detail gehe und Spoiler folgen lasse, noch ein paar Informationen für alle, denen diese Beschreibung schon reicht, um einige der besten Serienabende des Jahres beim Onlinehändler ihres Vertrauens in Auftrag zu geben: Es gibt eine deutsche DVD-Ausgabe, denn „Breaking Bad“ ist bis vor kurzem auf dem PayTV-Sender AXN gelaufen, und die Synchronisation scheint (ausgerechnet bis auf die Stimme der Hauptfigur) auch okay zu sein; die erste Staffel hatte wegen des Autorenstreiks nur sieben Folgen statt geplanter neun; die zweite Staffel läuft in den USA gerade und eine dritte ist schon in Auftrag.

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You are all idiots!

13. April 2009 8 Kommentare

Ich kann mittlerweile weite Teile auswendig mitsprechen, so sehr liebe ich „Nathan Barley“ (2005, Channel 4), die Mediensatire-Serie der nuller Jahre von Chris Morris und Charlie Brooker rund um selbstverliebte junge Medienaffen, die coole Websites, hippe Stadtmagazine und ganz generell „was mit Medien“ machen. Nathan Barley (Nicholas Burns) ist der Oberaffe, dessen Webpage trashbat.co.ck (dot cock, got it?) ihm als Ort der Selbstdarstellung dient, an dem er seine Gratismeinungen über George W. Bush neben „lustige“ Videoschnipsel mit gemeinen Streichen stellt, die er seinem Praktikanten spielt. Ein ganzer Affenfelsen für Hipster-Medienprimaten ist die Redaktion des Untergrund-Magazins „Sugar Ape“ (das „Suga“ steht klein im Bauch des R von „RAPE“): Dort sieht man sie mit ihren lustigen Hütchen auf ultramodernen Handys herumspielen, während sie schaukeln oder albern mit Tretautos herumfahren, sich in Hipster-Speak unterhalten und „Cock, Muff, Bunghole“ spielen, eine obszöne Variante von „Stein, Schere, Papier“ — so habe ich mir die Spex-Redaktion in den späten Neunzigern immer vorgestellt (bestimmt sehr zu Unrecht!). Permanent grinsende Idioten, die sich für etwas Besseres halten, für „in“ und „vorne“.

Für „Sugar Ape“ schreibt Dan Ashcroft (Julian Barratt, „The Mighty Boosh“), dem allerdings diese Idioten sehr auf den Sack gehen. „The Rise of the Idiots“ heißt sein wegweisender Essay über die Spezies, als deren Spitzenkraft Barley gelten kann:


Doch kaum ist Dans Leitartikel erschienen, gratulieren ihm ebendiese Idioten herzlichst zu seinen kritischen Auslassungen, jubeln ihm nach Kräften zu und beginnen ihn regelrecht als Preacher zu verehren. Eine Rolle, die er aus Sachzwängen (Geldnot) annimmt, um in der zweiten Folge auf einer Club-Bühne als Prediger verkleidet aufzutreten. Ein Auftritt, der ihm zutiefst widerstrebt, bei dem er schließlich aus der Rolle fällt und alle als Idioten beschimpft: „You are all idiots!“ — „Yes, we are all idiots!“ schallt es zurück; was sonst.

„Nathan Barley“ (die Figur geht auf Brookers satirische Website TVgohome zurück, hier gesammelte Barley-Einräge) ist atmosphärisch dicht, so voller böser, lustiger Details, daß man erst beim wiederholten Sehen alle wahrnimmt: Wie etwa ein Plakat im Hintergrund, das für „Email the Musical“ wirbt („Ross Kemp as Pixel, Lyrics by Ben Elton“). Es geht um die Sorte Kunst, die meine Frau als „Kunscht“ bezeichnet, wenn etwa eine Vernissage von Schwarzweißfotos vorkommt, in der Prominente beim Urinieren (z.B. in einen Toaster) ausgestellt werden („When you urinate you are actually a lot more relaxed than when you sleep!“) und um einen Klamottenladen namens „bumphuk“ — alles spot on gezeichnet. Allen voran die Figur des Nathan Barley, der über einen Beischlaf prahlt: „Kicked the brown door in, painted it white on the way out.“

Drastisch und hochkomisch, das alles. So nimmt es kaum Wunder, daß im Abspann praktisch nur Menschen stehen, denen ich jederzeit mein gesamtes Erspartes ausleihen würde, bräuchten sie denn Geld für eine neue Serie: Neben den Giganten Chris Morris („Jam“, „The Day Today“, „Brass Eye“) und Charlie Brooker („Dead Set“, „Charlie Brooker’s Screenwipe“, „Newswipe With Charlie Brooker“) u.a. Noel Fielding (wie Barratt in „The Mighty Boosh“), Oliver Chris („The Office“, „Green Wing“) und Richard Ayoade („The IT Crowd“); für die Musik zeichnet neben Morris selbst (der auch „Jam“ bereits zu Radiozeiten selbst mitvertont hat) auch Jonathan Whitehead verantwortlich, der seinerseits etwa den perfekten „Green Wing“-Score komponiert und eingespielt hat und immer phantastisch ist, wenn es um parodistische Musik geht.

Weiteres „Nathan Barley“-Material, das gerüchteweise in der Pipeline ist, würde ich aufs Entschiedenste begrüßen, selbst wenn es so schrecklich erfolglos sein sollte, wie es die Serie zu ihrer Zeit leider war. „Nathan Barley“ ist, soweit ich das überblicken kann, so ziemlich komplett bei YouTube zu sehen, und weil ich die Schnipsel hier nicht einbetten kann, gibts halt nur einen Link — mit der dringenden Empfehlung, sich die DVD zu kaufen, die ihrerseits ein veritables Gesamtkunstwerk mit aufwendigem Booklet und tollen Menüs und allem ist. Kaufzwang!

Kein Empfang

Jede Fernsehshow braucht das gewisse Etwas: Einen Clou, der sie von allen anderen Shows unterscheidet und einzigartig macht. Und jeder Blogeintrag hier braucht etwas, das über die reine Kritik („hat mir gut gefallen“) hinausgeht und ihn idealerweise auch dann lesenswert macht, wenn man die Show selbst nicht gesehen hat. Bei „No Signal“ (FX, mittwochs) fällt mir so ein Text schwer, möglicherweise, weil sie das gewisse Etwas eben nicht hat: zu viel Ähnliches habe ich schon gesehen, sei es „Broken News“ oder die „Kevin Bishop Show“, die alle von kurzen, schnellen Fernsehparodien leben, wie sie hierzulande von „Switch“ sehr hübsch betrieben werden. „No Signal“ tut so, als zappe jemand mit ADS durch etwa 3876 digitale Kanäle und bliebe dabei hie und da hängen, etwa bei „America’s Next Serial Killer“ oder der „100 Greatest 100 Greatest TV Moments Show Show“, bei der auf Platz 100 die „100 Greatest Cheese on TV Moments“-Show liegt, zwischendurch läuft russisches Homeshopping etwa für russische Bräute oder DVD-Werbung für Actionfilme („Plotless II“). Optisch ist das alles prima, vermutlich weil die beiden Köpfe hinter der Show, Pete Cain und Louis Bogue, aus der Werbung kommen; wirklich komisch aber ist es nur hin und wieder (nämlich etwa „American’s Next Serial Killer“).

„No Signal“ ist in England lediglich deshalb aufgefallen, weil es die erste britische Eigenproduktion des Fox-Ablegers FX ist, der in Großbritannien seit fünf Jahren digital empfangbar ist, und daß ich dennoch hier darüber berichte, hat nur einen Grund: Die schöne Homepage der Serie, die es dem Betrachter unter nosignaltv.com ermöglicht, selbst durch etliche der Sketche durchzuzappen und sich so ein Bild zu machen. Wer auf TV-Parodien dieser Art steht (und ein bißchen Ahnung von britischem Fernsehen hat, das da parodiert wird), greife aber lieber zur oben schon empfohlenen „Kevin Bishop Show“; Kevin Bishop selbst hat schon als Mitglied des „Star Stories“-Ensembles Meriten erworben.

Runtergeputzte Nachrichten

5. April 2009 1 Kommentar

Am Besten ist Charlie Brooker, wenn er sich aufregt. In seinen Guardian-Kolumnen über alle Facetten des öffentlichen Lebens (und ihre mediale Vermittlung — gibt’s auch in Buchform), in „Charlie Brooker’s Screenwipe“ über das Fernsehen, in „Newswipe with Charlie Brooker“ neuerdings über, ratenSiemal, richtig: die Nachrichten; genauer: die Fernsehnachrichten. In seinem gerechten und meist recht komischen Zorn über mediale Zumutungen ähnelt er dabei von ferne Oliver Kalkofe, doch Brookers Ambitionen erstrecken sich nicht nur auf die spöttische Zurschaustellung mehr oder weniger offensichtlicher Unzulänglichkeiten des Fernsehens und seiner Protagonisten, er betreibt gleichzeitig feuilletonistisch kluge Kritik und will infomieren: darüber, wie Fernsehen, wie die Nachrichten funktionieren.

In „Screenwipe“ nahm sich Brooker der Selbstverliebtheit des Fernsehens und seiner zahlreichen Selbstauszeichungsshows an, beschrieb am eigenen Beispiel, warum Fernsehen immer sehr teuer ist und was alles bezahlt werden muß, bevor die erste Minute einer Show über den Bildschirm gehen kann, räsonierte über Angst- und Prangerfernsehen („Crimewatch“, eine Art britisches „Aktenzeichen XY“, und „Big Brother“) und über Gameshows, die neuerdings so tun, als wäre ihr Inhalt eben kein Spiel, sondern ernst — obwohl sie weder Superstars noch Topmodels machen, sondern lediglich so tun als ob. Brooker reflektierte klug über Vergangenheit und Zukunft des Fernsehens („You probably watch this show not on television but on a notebook“ — erwischt!), experimentierte selbst mit unterschiedlichen Fernsehformaten und gab DVD-Tips für Fortgeschrittene, immer wieder (vor allem zu Beginn des Hypes) besprach er „24“, das für ihn bald zu einer Obsession wurde, und zu einer, bei deren Auswüchsen ich immer gerne zusah.

Keine Überraschung also, daß auch „Newswipe“ kompetent und unterhaltsam ist; in der ersten Folge sogar mit einer deutschen Geschichte, aber zu einem Thema, das Briten vertraut ist: das allzu hemmunglose mediale Dauerfeuer, hier nach dem Amoklauf in Winnenden:

Zwar rennt auch Brooker hin und wieder offene Türen ein, zumindest bei etwas wacheren Zeitgenossen, die schon wissen, daß auch die Nachrichten ihrer Zurichtung zur Unterhaltung nicht entkommen können und deshalb immer mehr zu einer Ton- und Bildschnipselparade werden. Und natürlich schimpft Brooker auch deshalb so laut und so unflätig, damit manche eher banale Erkenntnis noch einen gewissen Unterhaltungswert bekommt. Aber ich mag „The Week in Bullshit“:

Und mir gefällt’s, wenn etwa der Trend beschimpft wird, die „öffentliche Meinung“ zur Nachricht zu machen — da könnte ich noch viel länger zuhören. Aber Brooker beschimpft ihn ja nicht nur: Er ordnet ihn historisch ein (nach dem Tod Dianas wurde erstmals die öffentliche Meinung und ihr Transport durch die Medien so übermächtig und so sehr zentraler Punkt der Berichterstattung, daß selbst die Queen nicht umhin konnte zu reagieren), kommentiert ihn klug (daß es nämlich scheint als ob es einen Großteil normaler Leute und einen kleinen Teil emotional überreagierender Leute gibt, letztere aber überproportional häufig in den Medien vorkommen) und schließt ein sehr komisches Beispiel an: Denn der letzte Winter hat nicht nur hierzulande für „Brennpunkte“ gesorgt, deren journalistischer Inhalt gegen null tendierte, sondern auch in Großbritannien Infotainment-Beiträge hervorgebracht, in denen etwa eine Onlineredakteurin im Interview erzählen durfte, die BBC habe noch nie in ihrer Geschichte so viel Zuseherreaktion erhalten wie im Falle des Wintereinbruchs, der zeitweise zu 35 000 eingeschickten Fotos am Tag geführt hätte. „How do you wade through that amount of pictures?“, fragt der Moderator, und Brooker merkt an: „Yeah, how — and why?“, und hält nebeneinander: Ein Bericht von der Hinrichtung Saddam Husseins — Nachricht. Ein Bild von einem Schneemann — keine Nachricht. Und nochmal, um es ganz klar zu machen: Ein Bericht von der Hinrichtung Saddam Husseins — Nachricht. Ein Bild von einem Schneemann — keine Nachricht. Doch gegen den user generated content ist kein Kraut gewachsen, und wenn die Redaktion es befiehlt, bitten auch seriöse Nachrichtenmänner ihre Zuschauer, Selbstgemachtes einzuschicken. Doch sie kommentieren es immerhin schön böse wie in diesem Clip Jeremy Paxman (via):

So gerne ich allerdings „Newswipe“ sehe: noch lieber wäre mir eine weitere Staffel „Screenwipe“ – oder gar noch eine Brooker-Serie wie das bereits gelobte „Dead Set“. Und ein ähnlich gewieftes, polemisches und pointiertes deutsches Pendant zu „Screenwipe“ und „Newswipe“ wäre natürlich ein Traum. Daß ich nicht daran glaube, ihn wahr werden zu sehen: Keine Nachricht.

Gegen den Osterhasen

1. April 2009 2 Kommentare

Da hier dieser Tage so wenig passiert, hier eine gerade wieder aktuelle Humorkritik zu Bill Mahers „Religulous“, der morgen in die, na ja, eher: in manche deutsche Kinos kommt. Jaha, auch das hat wieder nix mit Britcoms zu tun!


Zunächst einmal: Mit Religiosität, wie man sie in weiten Teilen Westeuropas versteht, hat die spinnerte Eiferei der US-Amerikaner eher nichts zu tun. Deshalb ist Bill Mahers Dokumentation „Religulous“ (ab morgen, 2.4., in ausgesuchten Kinos) für deutsche Zuschauer auch weniger als Kirchen- und Religionskritik interessant denn als Dokumentation der Diskrepanz, die sich in den USA zwischen weltweiter Spitzenwissenschaft und beinhartem Glauben an Kreationismus auftut. Die ist allerdings erschreckend.

Mahers Reise führt ihn zu korrupten Fernsehpredigern, die sich in feinste Anzüge werfen, Reptilienlederschuhe und schweren goldenen Schmuck tragen und im Brustton der Überzeugung erklären, Jesus sei selbst reich gewesen, zu einem römischen Priester, der ihm direkt vor dem Vatikan erklärt, ein Großteil dessen, was in der Bibel stehe, sei Unsinn, und in einen »Holy Land« genannten Freizeitpark in Florida, in dem sich der Jesusdarsteller erst von Maher in kompromittierende Gespräche verwickeln und anschließend vor den Augen etlicher adipöser Frührentner ans Kreuz schlagen läßt, woraufhin seinem überwiegend in Shorts und T-Shirt gekleideten Publikum das Pipi in die Augen schießt. Versetzt sind diese offen manipulativ geschnittenen Interviews mit Ausschnitten aus religiösen Spielfilmen, Zeichentrickszenen und allerhand anderen Schnipseln, die zusammen das Bild einer grenzdebilen Gläubigenschar von Christen, Juden und Moslems bis hin zu Mormonen ergeben, die an sprechende Schlangen glauben und daran, daß tatsächlich Menschen im Inneren eines großen Fischs mehrere Tage überleben können, um anschließend wieder an Land zu steigen. Das ist plakativ und kurzweilig; daß Regisseur Larry Charles (»Seinfeld«) sein satirisches Handwerk im Schlaf beherrscht, weiß man spätestens seit dem »Borat«-Film.

Problematisch wird „Religulous“ (aus religious und ridiculous) nicht erst da, wo Maher etwas zu routiniert seine Gegenüber der Lächerlichkeit preisgibt, woraufhin diese häufig prompt das Interview abbrechen oder ihre aggressiven Impulse jedenfalls kaum verbergen können. Zumindest auf halbwegs aufgeklärte Zeitgenossen wirkt Mahers Mühen oft, als wolle er Kindern beweisen, daß es keinen Osterhasen gibt, während diese aber um jeden Preis weiterhin an den Osterhasen glauben wollen. Das mag in einer Nation, die die Existenz des Osterhasens zu ihrem gesellschaftlichen Fundament gemacht hat, durchaus ehrenhaft sein, wie ja auch Mahers politische Talkshow/Standup-Show »Real Time« zu loben ist. So brisant wie in seiner Heimat ist Mahers Dokumentation in hiesigen, weitgehend agnostischen Gefilden leider nicht.

Zuerst erschienen in TITANIC 3/2009, da noch mit dem ursprünglich früheren Kinostart