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Archiv für die Kategorie ‘Comedy Musical’

Saturiert Night Fever

6. März 2010 8 Kommentare

Was soll man angesichts dieses Trailers empfinden, der den gleichnamigen Film zum Monty-Python-Festakt „Not The Messiah“ bewirbt?

Der Film wird an angeblich nur einem Tag in England in den Kinos laufen, nämlich am 25. März — glaube das, wer wolle. Die Saturiertheit, mit der da die einst anarchischen Witze zum millionsten Mal wiederholt werden, diesmal gesungen und mit dem BBC Symphony Orchestra als Band, und dann natürlich „Always Look on The Bright Side of Life“… Ich weiß nicht. Kann das lustig sein? Ist das noch das unzähmbare, antiautoritäre Biest Monty Python? Oder ein domestizierter, zahnloser Stubentiger? Hat John Cleese am Ende gut daran getan, sich nicht zu Eric Idle, dem Moder- und Initiator des Spektakels zu gesellen? Oder wäre es fair play gewesen, den Fans diesen Spaß zu gönnen, wenn schon Terry Gilliam, Terry Jones und Michael Palin ihn mitmachen?

It’s…

8. Juli 2009 2 Kommentare

Not the Messiah

Not the Messiah

Monty Python’s Flying Circus‘ Reunion — jedenfalls beinahe: Zum 40. Jahrestag der Erstausstrahlung des Fliegenden Zirkus‘ werden sich die Pythons für eine Live-Show in der Royal Albert Hall zu London wieder zusammentun. Mit Ausnahme von, natürlich, Graham Chapman, der 1989 an Krebs gestorben ist — und aber auch ohne John Cleese, was die Meldung gleich viel weniger sensationell macht.

„Not the Messiah (He’s a Very Naughty Boy)“ soll ein „komisches Oratorium“ werden, so Eric Idle, der die Show zusammen mit John du Prez (Musik u.a. für „M. P.’s Meaning of Life“) geschrieben hat. Mit von der Partie werden außerdem Carol Cleveland und Neil Innes sein, den ich für seine Beatles-Anverwandlungen für „The Rutles — All You Need is Cash“ ebenso bewundere wie für seine komischen Platten mit der Bonzo Dog Doo-Dah Band. Wer 140 Pfund für ein Ticket übrig hat (gibt aber auch billigere): Am 23. Oktober ist es so weit.

Und weil man den ganzen Monty Python-Kram nun doch schon so oft gesehen hat: Hier „Ouch“ aus dem Rutles-Film (zu dem ich sehr raten kann, jedenfalls zum ersten Teil. Es gibt noch einen gottseidank weitgehend unbekannten zweiten Teil, aber über den schreibe ich ein andermal, wenn ich schlechte Laune habe).

Blasphemy! He’s said it again! „Jerry Springer – The Opera“

20. April 2009 5 Kommentare

Eine der schönsten Traditionen Großbritanniens sind Skandale rund um Comedians und komische Produkte. Vor allem die religiöse Rechte setzte und setzt sich sehr für den Erhalt des Brauchtums ein, schon zu trommeln und zu wehklagen, noch bevor irgend jemand etwas genaues weiß. Die Monty Pythons hatten seit der ersten Ausstrahlung des „Flying Circus“ am 5. Oktober 1969 Ärger mit Christen bzw. eben schon vorher: Denn der „Flying Circus“ erhielt, ausgerechnet, einen Sendeplatz, den zuvor eine religiöse Sendung gehabt hatte. Keine glückliche Wahl der BBC, die sich seit Mitte der sechziger Jahre mit einer gewissen Mary Whitehouse und ihrer „National Viewers‘ and Listeners‘ Association“ herumschlagen mußte.

<Abschweifung>Whitehouse, Lehrerin aus Shropshire, organisierte regelmäßig Kampagnen für „sauberes Fernsehen“ und gegen das, was sie für Pornographie und die Verletzung religiöser Gefühle hielt, und wurde, nicht zuletzt weil die Medien sie und ihre spinnerten Anliegen bereitwillig ventilierten, schnell zu einer Figur des öffentlichen Lebens. Comedians revanchierten sich auf ihre Weise, nicht zuletzt durch die Stand Up/Sketch-Show „The Mary Whitehouse Experience“ (und auch die Pornographen benannten die vormalige Schmuddelseite whitehouse.com nicht nach dem Weißen Haus, sondern nach Mary Whitehouse). Etliche recht komische Bezugnahmen auf Mary Whitehouse in der Popkultur finden sich hier; Bernard Manning kommentierte ihr Ableben im Jahre 2001 so: „She’ll be sadly missed, I imagine, but not by me.“</Abschweifung>

springer-1Auch der noch vor dem Gezeter um „The Life of Brian“ zweitgrößte Comedy-Skandal Großbritanniens funktionierte so (der größte war, nach Zählung der Sendung „50 Most Shocking Comedy Moments“ von 2006, Chris Morris‘ „Brass Eye“-Spezial über Pädophilie). Eine mächtige Welle der Empörung brach über Richard Thomas‘ und Stewart Lees Musical „Jerry Springer — The Opera“ herein: 55 000 Beschwerden erreichten BBC2 bereits vor der Sendung im Januar 2005; 8000 danach — die Fernsehversion der Jerry-Springer-Oper wurde mit 2,4 Millionen Zuschauern die erfolgreichste TV-Oper bis dahin. Die Verantwortlichen der BBC erhielten Morddrohungen, einige mußten sogar kurzfristig umziehen, um den Protesten aufgebrachter Christen zu entgehen. Vor der geplanten Tournee durch das Vereinigte Königreich übte die christliche Lobbyistengruppe Christian Voice Druck auf die Spielstätten aus, die „Jerry Springer — The Opera“ in ihr Programm aufnehmen wollten. Ein Drittel davon sprang daraufhin ab und machte die Tour beinahe finanziell unrentabel, zumal das Arts Council ihr Fördermittel verweigerte. Und das, obwohl das Stück im Londoner West End extrem erfolgreich gelaufen war, etliche Preise gewonnen hatte — und nebst allerlei anderer Prominenz Jerry Springer selbst unter den Zuschauern gewesen war, ohne hinterher vor Wut explodiert oder vor Gericht gezogen zu sein. Im Gegenteil.springer-2

Grund genug hätte er dabei gehabt, guckt man nur auf die Oberfläche: In Thomas‘ und Lees Musical wird Springer, der englischstämmige Vater aller Krawall-Talkshows, auf offener Bühne erschossen und fährt zur Hölle. Die Ausdrucksweise, der sich bereits im ersten Akt Springers Talkshowgäste befleißigt haben, ist, um es vorsichtig zu formulieren, rüde:

„My mom used to be my dad. I was jilted by a lesbian dwarf, but she gave good head. I used to be a lapdancing preoperative transsexual, a chick with a dick“

singt der Chor der Talkshowgäste, und der Kontrast zwischen ernsthafter Operninszenierung und niedrigster Gossensprache könnte komischer kaum sein. Seinen Gästen, den Windelfetischisten, Ehebrechern und Frauenhassern, ist nach ihrem Auftritt in der „Jerry Springer Show“ nichts Gutes widerfahren; Jerry begegnet ihnen im zweiten Akt in der Vorhölle wieder, wo über ihn zu Gericht gesessen wird. Nach seinem Schuldspruch landet er schließlich in der Hölle. Dort stellt Satan ihn vor eine unlösbare Aufgabe und droht Jerry damit, ihm neben dem regulären höllischen Zwicken und Zwacken auch noch einen mit Stacheldraht umwickelten Pfosten in den Arsch zu rammen, sollte er scheitern.

springer-3Die eigentliche Blasphemie ist das noch nicht, klarerweise, ich will aber nicht unfair sein: Jeder, der zwei Stunden unmotivierte Singerei auf offener Bühne aushalten kann und will (ich selbst lehne Musicals aus ästhetischen Gründen entschieden ab und habe nicht vor, nach dieser noch eine weitere Ausnahme zu machen), soll dafür wenigstens mit der gleichen komischen Wucht getroffen werden, die mich im dritten Akt minutenlang hat lachen lassen wie nicht ganz dicht — ja, ich glaube, ich habe sogar ein bißchen geweint vor Lachen. Darum werde ich die überraschende Wendung hier nicht verraten (sondern erst auf der nächsten Seite) und beschränke mich auf den Hinweis, daß (bei Amazon.uk für ganze £2,98) die DVD erhältlich und, neben einigen schönen Extras, auch mit sehr hilfreichen Untertiteln versehen ist. Die Inszenierung ist, soweit ich als Musical-Laie das beurteilen kann, tatsächlich sehr gelungen, allerdings ist der erste Akt mit 55 Minuten so lang wie der zweite und dritte zusammen und damit vielleicht ein weniges zu lang. Über Stewart Lee werde ich demnächst wohl noch ausführlicher berichten, ich gucke mich gerade durch seine beiden Stand Up-DVDs und bin jetzt schon ganz eingenommen für ihn und seine klare politische Haltung, die ihn von den meisten eher unpolitischen Stand Ups unterscheidet. Mehr…