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Artikel Tagged ‘Benny Hill’

Der Mann, der Benny Hill war (extd. Rmx, Pt. 3)

24. August 2011 Keine Kommentare

Was bisher geschah: Benny Hill stirbt unter unwürdigen Umständen, nachdem der Zeitgeist seine Karriere ruiniert und ihn aus dem Comedy-Olymp ins ewige Feuer der political correctness geworfen hat.

Vielleicht lag es in seinen Genen. Schon der Großvater war als Clown aufgetreten, ein Onkel gar als Drahtseilkünstler im Zirkus, was ihn schließlich das Leben kostete. Hills Vater Alfred war selbst mit sechzehn von zuhause weggelaufen, um in Fossett’s Circus als Clown aufzutreten. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs aber, geschwächt durch Gasvergiftung und Gefangenschaft, vom Leben enttäuscht und verbittert, wandte er sich vom Showbusiness ab und einem bürgerlichen Leben als Verkäufer in einem Ladengeschäft für medizinisch-chirurgische Produkte zu. Das jedenfalls war die offizielle Bezeichung; konkret verkaufte er vorwiegend Verhütungsmittel. Der Laden lag in der Nähe der Hafendocks und in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem einschlägigen Pub, in dem neben Seemännern auch Prostituierte verkehrten. Die Geschäfte liefen gut, doch über den Beruf von Alfred sen. im Allgemeinen, insbesondere aber über Kondome, genannt „French Letters“, wurde zuhause keine Silbe gesprochen. Wie der Vater überhaupt ein strenges Regiment führte, und ein noch strengeres, nachdem er festgestellt hatte, daß es sehr unklug von ihm gewesen war, auf die Beteiligung an dem Laden zu verzichten, die ihm der Inhaber angeboten hatte. Meckerte Alfie nun etwa über das Essen, verbat sich sein Vater das gerne mit dem Hinweis auf das, was er habe essen müssen, damals, in deutscher Gefangenschaft. Sein Sohn ging ihm fortan meistens aus dem Weg und hielt sich sehr an seine Mutter, die er bis zu ihrem Tod 1976 abgöttisch liebte.

Der Beruf seines Vaters aber bedeutete für Alfie, daß er in der Schule regelmäßig mit sexuellen Anspielungen aufgezogen wurde, wogegen er sich mit noch anzüglicheren Witzen zur Wehr setzte. Wenn Sie jetzt bitte selbst eins und eins zusammenzählen würden…

Benny Hills erster Witz (laut seinem Bruder Leonard)
Lehrer (zum zu spät kommenden Schüler): „Where have you been?“
Schüler: „Up Shirley Hill.“
Lehrer (zur zu spät kommenden Schulmädchen): „Who are you?“
Schulmädchen: „Shirley Hill!“

Als Hill 15 ist, wird seine Schule nach einem Bombeangriff evakuiert, und kurz darauf geht er ab — ohne jeglichen Abschluß. Mit Gelegenheitsjobs hält er sich eine Weile mehr schlecht als recht über Wasser: er bedient eine LKW-Waage für die Phoenix Coal and Coke Company, erhält eine Stelle als Trainee Manager für Woolworth. Die aber bedeutet, daß er vorwiegend Hilfsarbeiten machen muß, die mit Worten beginnen wie „der Hund einer Kundin hat da hinten am Regal ein Geschäft gemacht, würdest du bitte…“. Hill kündigt nach nicht einmal vier Wochen. Anschließend liefert er Milch mit einem damals noch von Pferden gezogenen Karren aus. Letzteres wird, auf den dringenden Wunsch seines Vaters hin, nach zugehöriger Ausbildung sogar sein regulärer Beruf: Milchmann. Immerhin sein Song „Ernie (The Fastet Milkman in the West)“, Weihnachts-Hit 1971, profitiert später von seinen Erfahrungen. Schon damals aber spielt er lieber Gitarre und übt sich an komischen Nummern, und der Beruf des Milchmanns mit Arbeitszeiten von sieben Uhr morgens bis ein Uhr nachmittags läßt ihm sogar genügend Zeit dafür. Abends treibt er sich außerdem gerne im Backstage der Variety-Bühnen herum, wo er mit möglichst vielen Comedians in Kontakt zu kommen hofft. Comedy und Musik werden eine Leidenschaft.

Bald spielt Alfie in einer Band. Er wird Drummer in der semiprofessionellen Band von Ivy Lillywhite, einer örtlichen Musiklehrerin, die in der Stadthalle Southampton Bunte Abende organisiert, und er verdient damit Geld — oft mehr als in seinem regulären Beruf. Die Gigs und seine wild zusammenimprovisierten Stand Up-Nummern, die er gelegentlich vorführt, geben ihm schließlich genügend Selbstvertrauen: Er packt seine Sachen und zieht nach London. Da ist er siebzehn. Er strolcht um längst geschlossene Music Halls, schläft im kalten September auf der Straße, um Geld zu sparen, wird erst Laufbursche, dann Assistant Stage Manager am East Ham Palace. Ins Showbusiness will Alfie Hill unbedingt, und bald zieht er mit einer Revue namens „Send Him Victorious“ durch England.

Benny Hill (ganz rechts) in Frankreich (1943)

Weil auf Tour, erreicht ihn 1941 sein Einberufungsbefehl nicht; prompt wird er, als die Militärpolizei ihn schließlich in Cardiff stellt, zunächst vier Tage inhaftiert und anschließend unter scharfer Bewachung zu seiner Kaserne verfrachtet, wo er den Boden der Arrestzelle schrubben muß. Daß er behandelt wird wie ein Krimineller, obwohl er sich nicht vorsätzlich schuldig gemacht hat, prägt ihn und befeuert, so sagt er später selbst, eine lebenslange Abneigung gegen jede Form der Autorität. Als Fahrer und Mechaniker wird er, obwohl er lausig ist in diesen Tätigkeiten, zunächst in Dünkirchen stationiert, dann in Holland, Belgien und Deutschland. Am liebsten träte er sofort in die Unterhaltungsabteilung der Armee ein, doch ausgerechnet der später lebensbedrohlich übergewichtige Hill ist körperlich zu gut in Form, um als Musiker abgestellt zu werden. Erst nach Ende der Kriegshandlungen darf er dem „Central Pool of Artists“ der Armee beitreten, den sogenannten „Stars in Battledress“. Mit ihnen tourt er bald die Army Bases in den besetzten Teilen Europas. Nun kommt ihm sein Sprachentalent zugute; Hill spricht (und wird es später in vielen seiner Sketche zu parodistischen Zwecken einsetzen) fließend Französisch und genügend Deutsch, Holländisch und Italienisch, um sich auf seinen zahlreichen Reisen überall verständlich machen zu können. Insbesondere Frankreich tut es ihm an; nach Marseille wird er sich noch als Superstar bis in die späteren Achtziger regelmäßig flüchten, um unerkannt in Cafés und Bars verkehren zu können. Und, man weiß es nicht genau, vermutlich auch in Bordellen.

Demnächst: Benny schafft es auf die Live-Bühne — aber ohne Erfolg. Im Gegenteil: Seine Bühnenerfahrungen werden ihn für sein ganzes Leben traumatisieren.

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Der Mann, der Benny Hill war (extd. Rmx, Pt. 2)

22. August 2011 Keine Kommentare

Was bisher geschah: Benny Hill stirbt unter unwürdigen Umständen; zuvor titelt der Daily Star zu einem Foto von Hill, auf dem der Millionär mit einer Supermark-Plastiktüte voller Lebensmitteldosen zu sehen ist: „Mr Mean“.

Doch diese defamatorischen Schlagzeilen waren ungerecht. Gewiß, Benny Hill lebte in Verhältnissen, die einem Star seiner Größenordnung nicht zukamen, und ja, seine Klamotten wohnten bei ihm auf dem Boden statt im Kleiderschrank. (Kirkland: „Why do you throw all your clothes on the floor?“ Hill: „Because they won’t stick to the ceiling.“) Aber womöglich machte er sich einfach nichts aus Geld, genauso wenig wie aus neuen Schuhen oder Hemden, und bestimmt war sein Chaos ein kreatives. Denn seine Sketch-Ideen, und davon hatte er viele, notierte er sich auf allem, was in seiner Reichweite war: aufgerissenen Cornflakes-Kartons, alten Zeitungen, Zigarettenschachteln. Diese lagen, zwischen dem schmutzigen Geschirr und ungeöffneter Fanpost, überall in seiner Wohnung herum. Stapelweise. Sogar seine Skripte, die er aus aller Welt an den Fernsehsender schickte, waren nicht selten auf Pappkartons geschrieben, wie man sie mit der sauberen Wäsche zusammen aus der Reinigung bekommt, auf Servietten und alten Briefkuverts.

Hill, Kirkland, Hill

Der doppelte Benny (bei Madame Tussaud’s) mit Produzenten Kirkland

Wozu hätte er auch eine größere Wohnung gebraucht? Im noblen Londoner Stadtteil Queensgate, aus dem Hill später nach Teddington gezogen war, weil das in Fußweite der Studios war, hatte er ja noch eine größere Wohnung gehabt. Aber weder Familie noch Freunde, die er eingeladen hätte. Nicht einmal seinen Agenten und Freund Richard Stone bat er je hinauf in sein Reich, obwohl der ihn über zwanzig Jahre regelmäßig vom Dreh nach Hause fuhr. Wenn man denn von Reich sprechen möchte in Bezug auf Hills Behausung: In einem Zimmer ein kleiner Schwarzweißfernseher vor einem häßlichen Plastiktisch und einem Sessel. Keine Bilder, keine Bücher, nur ein Kaminsims, auf dem achtlos hingestellte und -gelegte Preise Staub fingen, und ein Plastik-Spielzeug, hinter dem der Hausherr, ebenfalls ungeöffnet, Umschläge mit Schecks sammelte, bis sich so viele angesammelt hatten, daß alles auf den Boden zu fallen drohte. Dann reichte Hill sie bei der Bank ein. Selbstverständlich ohne sie vorher auch nur anzusehen. Oder abzuzeichnen. Regelmäßig kamen sie also von der Bank zurück, mit der Bitte um Unterschriften. Ein zweites Zimmer, so erinnert sich Kirkland, war komplett unmöbliert und glich einer Müllhalde. In diesem Raum sei er nie, habe Hill gesagt.

War es seine Schuld, daß die Zeit über ihn hinweggegangen war? Daß in den Achtzigern plötzlich ein anderer Wind in der Comedy-Szene wehte, ein frischerer? Mit einem Mal stand Benny Hill für antiquierte Comedy der dumpfen Sorte, war ein Relikt aus voraufklärerischer Zeit. Seine Show, die von 1951 bis 1991 vierzig Jahre lang das englische gleichermaßen wie das internationale Comedy-Fernsehen mitgeprägt hatte (in 97 Ländern lief seine Show am Ende), geriet in Verruf. Mehr als das: Benny Hill, die „Benny Hill Show“ stand plötzlich synonym für alles, was schlecht war an der Mainstream-Komik: Ihr latenter Rassismus mit seinem Blackfacing, ihr offener Sexismus, ihr ganzer patriarchaler Gestus. Dicke, alte, weiße Männer waren plötzlich nicht mehr „in“, jedenfalls nicht, wenn sie sich als alte Schachteln verkleideten oder hinter barbrüstigen jungen Frauen herrannten oder diese hinter ihnen. Benny Hill war out, wie man nur out sein konnte, als die Alternative Comedy, allen voran Ben Elton und die „Young Ones“, in den Achtzigerjahren die Komikindustrie revolutionierten und damit ein junges, intellektuelles Publikum erreichten, das bald ganze Fußballstadien füllen sollte. Als Thames Television seinen Star nach zwanzig fetten Jahren schließlich feuerte, blieb ihm, der nie ein Privatleben gehabt hatte, nichts mehr. Benny Hill zog sich zurück und starb wenige Jahre später seinen einsamen Tod.

Dabei zählte Benny Hill in seinen frühen Tagen selbst zu einer neuen, einer alternativen Form der Comedy: Benny, geboren als Alfred Hawthorn Hill am 21. Januar 1924 in Southampton, war der erste Variety-Star des Fernsehens — und der größte.

Demnächst: Kindheit und Jugend — liegen Benny Hill die Witze in den Genen? Wer nicht warten möchte: Die ganze Humorkritik findet sich in der Printausgabe der aktuellen Titanic.

Wahlweise: Bitte hier entlang.

Der Mann, der Benny Hill war

28. Juli 2011 2 Kommentare

Bald zwanzig Jahre nach seinem Tod verbinden die meisten mit Benny Hill kaum noch mehr als eine alberne Melodie, die praktisch jeden Filmclip komisch wirken läßt, wenn man ihn nur ein bißchen schneller abspielt. Wer sich doch noch an ihn erinnert, denkt an sexistischen Humor der altbackenen Sorte. Dabei war er zu seiner Zeit nicht nur größer als Charlie Chaplin: Er hat in den Kindertagen des Fernsehens bereits Formen gefunden, von denen Comedyshows bis heute zehren.

Als er am Ostermontag 1992 starb, alleine auf dem Sofa seiner schäbigen kleinen Mietswohnung in Teddington, war aus ihm das geworden, was er immer gespielt hatte: Eine Witzfigur. Mit wild abstehendem Haar und offenem Hemd, ohne Schuhe und Socken hatte ihn ein Herzinfarkt überrascht, während er Teletext guckte; es war sein zweiter. Neben sich zwei leere Teller und zwei leere Weight-Watchers-Softdrinks, so fand ihn sein langjähriger Produzent und Regisseur Dennis Kirkland drei Tage später. Wären da nicht die 300 Pfund in bar gewesen, die ihm aus der Hose gefallen waren (und die 7,5 Millionen auf der Bank): man hätte ihn für einen armen Schlucker halten können. Als solcher war er zuletzt auf der Titelseite des Daily Star gewesen; der hatte ihn dabei fotografiert, wie er mit zwei Plastiktüten voll Konservendosen aus dem Supermarkt kam, und mit der Schlagzeile „Mr. Mean“ noch nachgetreten: Das ist aus Benny Hill geworden, dem vormals berühmtesten Engländer im Ausland, dem ungekrönten Star-Comedian der Fünfziger, Sechziger, Siebziger und sogar der Achtziger – ein ungepflegter, dicker, schmutziger alter Mann, der Millionen mit Tittenwitzen verdient hat, aber so geizig ist, daß er sich weder Personal noch ein Auto, eine Eigentumswohnung oder gar ein Haus leistet. Ein Eigenbrötler, der selbst sein Weihnachtsmahl bei Marks & Spencer kauft und keinen Menschen neben sich erträgt außer einer Zugehfrau. Auch die durfte seine Sachen kaum berühren, und in der Folge machte sie dann eben zwischen seinen Dreckhaufen sauber.

Die ganze Geschichte in einem ausführlichen Humorkritik-Spezial gibt’s ab morgen in der August-Ausgabe der Titanic am Kiosk Ihres Vertrauens!

Bzw. jetzt natürlich auch hier im Blog: Hier geht’s zum zweiten Teil.

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Ist Benny Hill noch lustig?

22. Mai 2011 6 Kommentare

Ich kann mir nicht helfen: JEDES Mal, wenn ich diesen Clip hier sehe, muß ich lachen. Geht das nur mir so?