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Artikel Tagged ‘Spaced’

Unheimlich lustige Begegnung der dritten Art

15. April 2011 1 Kommentar

Wer einen großen Film erwartet, könnte enttäuscht sein. Aber „Paul“ (Regie: Greg Mottola) will gar kein großer Film sein. Sondern eine sympathische Komödie von Geeks für Geeks — und genau das ist er auch.

Gestern abend im Kino (OV, versteht sich) war es ein bißchen, als seien die Wünsche der Simon-Pegg-Fans in Erfüllung gegangen, die sich immer mehr „Spaced“ und „Shaun of the Dead“ gewünscht haben statt mehr „How to Lose Friends and Alienate People“ und „Burke and Hare“: Pegg und Frost waren endlich, endlich zurück. Genauer: der geekige SciFi-Freund und Comiczeichner Tim aus „Spaced“ in Verbindung mit den besten Kumpels Shaun und Ed aus „Shaun of the Dead“. Hier heißen sie Graeme (Pegg) und Clive (Frost), sind zwei britische Buddys auf Fan-Urlaub in den USA und fahren nach einem Besuch der Comic-Con mit einem Wohnmobil nach Nevada in die Area 51, wo sie prompt einem Außerirdischen begegnen (Stimme: Seth Rogen). Binnen kurzem befinden sie sich gemeinsam auf der Flucht: vor Rednecks, deren Geländewagen sie angerempelt haben, einem Hillbilly-Priester, dessen Tochter mit ihnen flieht, und diversen Men in Black. Ihr Ziel: Paul vor den Menschen zu verstecken und den Seinen zurückzubringen.

Schnell wird klar, wer die wirklichen Aliens sind: Die Engländer Graeme und Clive, für die so ziemlich alles in den USA fremdartig ist. Paul dagegen ist, weil seit 1947 mit dem American Way of Life vertraut, bestens akklimatisiert, im Grunde sogar ein rechter Klugscheißer. Und für noch jemanden ist alles neu: Ruth (Kristen Wiig), die Pfarrerstochter und Kreationistin, die von dem merkwürdigen Trio fix eines Anderen, Besseren belehrt wird und sich schnell an einen neuen Lebensstil mit Fluchen, Sex und Drogen gewöhnt.

Selbstverständlich ist „Paul“ randvoll mit Anspielungen, In-Jokes und Motiven, die man aus tausend SciFi-Filmen, aber auch aus „Spaced“ und „Shaun of the Dead“ kennt. Immer wieder finden sich Variationen von Scherzen aus frühen Pegg-und-Frost-Werken, aber nie werden Witze zweimal erzählt. Natürlich geht es höchst albern zu, mit vielen Zoten zum Thema anal probes und Alienweibern mit drei Brüsten, aber wer es nicht lustig findet, wenn Menschen vor Schreck ohnmächtig hintüberfallen, der sollte für „Paul“ erst gar keine Tickets kaufen.

Dafür aber alle, die eine Beat für Beat ordentlich gemachte Komödie sehen wollen, in der mit Jason Bateman und Jeffrey Tambor zwei „Arrested Development“-Größen mitspielen (Mottola hat seinerseits bei einigen Folgen „AD“ Regie geführt) und ein paar nette Cameo-Auftritte von noch größeren Stars warten. Alle, die den Plot von „E.T.“ einmal als Komödie ausgespielt sehen möchten. Und alle Fans, die in diesem „Fish out of Water“-Film Nick Frost und Simon Pegg mal wieder aber sowas von in ihrem Element sehen möchten.

Dinner für Spinner

26. Februar 2011 Keine Kommentare

Ist sie das also, die große, neue Britcom, die alle zehn Jahre einmal kommt und das Genre revolutioniert? So wie es „The Office“ 2001 getan hat? Es gibt Prognosen, die sagen: es müßte demnächst mal wieder soweit sein, und nach der großen Zeit der Single-Camera-Mockumentarys sei es nicht unwahrscheinlich, daß das Pendel nun wiederum in die Gegenrichtung ausschlägt: also zurück zu den klassischen, formal beschränkten Fourth-Wall-Sitcoms — natürlich mit einem Twist, wie auch immer der aussieht. Also die Quadratur des Kreises, die damals „Seinfeld“ geschafft hat: einerseits eine traditionelle Sitcom, Multi-Camera und vor Publikum, aber mit einem neuen Dreh in der Erzählung: ohne klassische Sitcom-Plots (Stichwort „show about nothing“) und ohne daß am Schluß irgend jemand irgend etwas gelernt hätte: „Keine Lehren und keine Umarmungen.“

Daß ein gewissen Anspruch da ist, edgy zu sein, zeigt Robert Poppers „Friday Night Dinner“ (Channel 4, freitags) schon im blau pulsierenden Vorspann. Dann allerdings beginnt eine Familien-Sitcom, die so klassisch gestrickt und so formal beschränkt ist, daß man erst einmal alle Erwartungen hintanstellen sollte: Die Twentysomethings Adam (Simon Bird) und Jonny (Tom Rosenthal) besuchen ihre Eltern (Tamsin Greig und Paul Ritter) zum gemeinsamen freitäglichen Abendessen; genauer: zum Beginn des Sabbat. Die Brüder ziehen sich gegenseitig auf, wie Brüder halt so sind; Mum (in Leopardenfellmuster, mit goldenen Slippern) ist großer „MasterChef“-Fan und hätte gerne, daß Dad seine Stapel alter Wissenschaftszeitschriften wegwirft; Dad ist noch ein bißchen exzentrischer, ißt gerne Reste aus dem Küchenabfall, läuft schon mal oben ohne herum, wenn es ihm zu warm wird, ersteigert heimlich noch mehr Wissenschaftszeitschriften, trägt ein Hörgerät und mißversteht auch gerne mal etwas. Sein Fluch „Shit on it!“ wird offenbar die Catchphrase der Show.

(SPOILER) In der ersten Folge wird das Abendessen gleich mehrfach gestört: Der ziemlich merkwürdige Nachbar Jim (Mark Heap) kommt mit seinem Schäferhund mehrfach vorbei, um die Toilette zu benutzen (seine ist ihm irgendwie kaputtgegangen, auf die Frage wie zieht er es aber vor, nur mit einem abwesenden Gesichtsausdruck zu reagieren), und dann möchte auch noch ein Ebayer (Matthew Holness, „Garth Marenghi’s Darkplace“) das Sofa abholen, das er für seinen kranken Vater ersteigert hat. Der aber, das stellt sich durch einen Anruf heraus, ist just gestorben, und während das Sofa noch im Treppenhaus steckt, muß sich der Besucher erstmal hinsetzen und etwas trinken, bekommt aber zweimal ausgerechnet Getränke, die sich die Brüder gegenseitig mit Salz ungenießbar gemacht haben. (/SPOILER)

Das ist genauso ist zwar hübsch ausgeführt, alles in allem aber so underwhelming, wie es sich hier liest: exzentrische Familien kennt man zur Genüge, und auch der merkwürdige Nachbar könnte direkt aus dem Handbuch für Sitcomautoren stammen — da muß man gar nicht bis zu Kramer zurück gehen: Mark Heap hat diese Figur selbst schon in „Spaced“ gespielt, das wie „Friday Night Dinner“ von TalkBack stammt und von Nira Park (co-)produziert wurde. Laut lachen mußte ich in dieser ersten Folge nur selten, andererseits war es eben: die erste Folge. Jedenfalls die erste, die gezeigt wurde; offenbar sind da im letzten Moment noch Änderungen in der Reihenfolge vorgenommen worden.

Am enttäuschendsten fand ich Simon Bird, der in „Friday Night Dinner“ exakt den gleichen Charakter wieder spielen darf, den er schon bei den „Inbetweeners“ spielt, während Heap seinen merkwürdigen Nachbarn wenigstens noch ein bißchen variiert hat; stark wie immer Tamsin Greig (hier nach „Episodes“ schon wieder mit einem ehemaligen „Green Wing“-Kollegen zu sehen); richtig gut gefallen hat mir aber Paul Ritter, dessen Dad mir die interessanteste und stärkste Figur zu sein scheint.

Noch ist mir nicht klar, was die tragende neue Idee sein soll, die „Friday Night Dinner“ unverwechselbar und irgendwie neu machen könnte. Vielleicht wird das ja mit der nächsten Folge aber schon klarer. Und wenn die weirdness, die gerade große Sitcom-Mode zu sein scheint, noch eine Winzigkeit origineller wird, könnte „Friday Night Dinner“ schon eine ziemlich okaye Sitcom werden. Wenn auch vielleicht nicht die Neuerfindung der Britcom.

Empfehlung des Hauses

26. Oktober 2010 7 Kommentare

Es ist schon eine Weile her, daß Kochen der neue Rock’n’Roll und die englische Küche besser wurde, als ihr Ruf bis heute ist: Jamie Olivers erste Fernsehshow „The Naked Chef“ lief 1999 an; da gab es die neue britische Begeisterung für Haute Cuisine bereits eine ganze Weile. So lange sogar schon, daß bereits von 1993 bis ’96 drei Staffeln „Chef!“ auf BBC1 gelaufen waren, in denen Lenny Henry einen cholerischen Sternekoch in einem Gourmet-Restaurant auf dem Land spielte, bei dem sich Überheblichkeit und Talent die Waage hielten. Es ist also keine ganz fangfrische Idee, heute eine Sitcom zu machen, in der Alan Davies einen überheblichen, talentierten Chefkoch in einem Nobelrestaurant auf dem Land spielt.

Zum Glück haben Matt King und Oliver Lansley das berücksichtigt, als sie „Whites“ geschrieben haben (BBC2, dienstags). Ihr Chefkoch Roland White (dem eine gewisse Ähnlichkeit mit Bob Geldof nicht abzusprechen ist) hat sein Haltbarkeitsdatum erreicht, wo nicht überschritten. Ihm ist langweilig geworden über die Jahre, er spricht lieber seine Autobiographie (um die ihn niemand gebeten hat) ins Diktiergerät, als in der Küche zu arbeiten, und er kocht schon seit Jahren die gleichen Gerichte — meistens mit Fleisch. Mit sehr viel Fleisch. Seine Restaurant-Managerin Caroline hätte gerne, daß er auch mal ein, zwei vegetarische Gerichte in Angriff nimmt, und sein Souschef Bib hätte gerne, daß er überhaupt mal irgendwas in Angriff nimmt. Selbstredend wird aus Whites Buchvertrag nichts, denn die Verlegerin, Gast der Restaurant-Eigentümerin, ist: Vegetarierin. Und auch der Besuch des Sternekochs Shay Marshall in der zweiten Folge endet im Desaster, denn der hat, vor Urzeiten, mal als Lehrling bei Roland angefangen, seinen Chef aber längst einge- und überholt. Und nicht zuletzt hat Roland auch noch eine Rechnung mit ihm offen, die er nun auf hinterhältige Weise zu begleichen gedenkt.

Im Trailer: Kellnerin Kiki und Souschef Bib klären, was das Wort „Steak“ bedeutet.

„Whites“ (eine Kamera, kein Laugh Track) ist, ganz ähnlich wie „Rev.“, ein Slow Burner, der nicht auf schnelle Lacher und burleske Comedy setzt. Erst nach zwei, drei Folgen ist mir die Serie ans Herz gewachsen: Als klar wurde, daß die Charaktere lebendig sind und glaubwürdig, mit der gelegentlichen Ausnahme (etwa der naiv-geschwätzigen Kellnerin Kiki), die aber das Ensemble eher abrundet als herauszufallen. Alan Davies ist erstaunlich gut in seiner Rolle, obwohl er bislang noch nicht als Sitcom-Schauspieler in Erscheinung getreten ist (mir war er nur aus der Panel-Show „QI“, „Quite Interesting“, mit Stephen Fry bekannt).

Eine echte Überraschung aber ist Darren Boyd („Hippies“, zweite Staffel „Green Wing“, zweite Staffel „Saxondale“) als stellvertretender Chefkoch Bib, der immer überfordert und so schwach ist, daß er selbst gegen den Lehrling keinen Stich macht. Boyd spielt Davies, obwohl er dazu in der Lage wäre, zum Glück nicht an die Wand, sondern ergänzt ihn: Bib schätzt Roland als genialen Koch und ist ihm loyaler Freund, Roland weiß das und springt für den dauernd gestreßten Bib ein — auch wenn es ihm manchmal schwerfällt, seine Lethargie zu überwinden.

Es hilft der Serie, daß sie prominent besetzt ist: neben Boyd spielen Katherine Parkinson („The IT Crowd“) als Managerin und Isy Suttie (kann man in „Peep Show“ als Dobby schon gesehen haben), und es tauchen prominente Stargäste auf: etwa Kevin Bishop („The Kevin Bishop Show“, „Star Stories“) und Julia Deakin (Marsha in „Spaced“). Auch die Autorenduohälfte Matt King spielt selbst mit, und auch ihn kann man kennen: Als Superhans in „Peep Show“ und aus „Star Stories“.

„Whites“ erscheint am 22. November auf DVD.

Zu Unrecht vergessene Sitcoms (1): „Happiness“

20. September 2010 Keine Kommentare

Er ist keineswegs gescheitert im Leben: Danny Spencer (Paul Whitehouse) ist der Mann hinter einer beliebten Kinderfernsehsendung, in der ein Bär aus Knetgummi, eine Mischung aus Kung-Fu-Kämpfer und Krankenschwester in einer riesigen Herrenunterhose, die Hauptrolle spielt. Danny schreibt die Texte und spricht den Bär mit Namen Dexter, und hat es so zu einer C-Prominenz gebracht, die ihm einen komfortablen Lebensstandard erlaubt. Doch Danny ist nicht glücklich: Er feiert gerade seinen vierzigsten Geburtstag (sieht aber aus wie fünfzig), niemand erkennt ihn als Promi (es sei denn, er spricht mit der albernen Stimme Dexters), seine Freunde sind langweilig oder Alkoholiker (oder beides), und noch bevor die erste Episode beginnt, wird seine Frau auf dem Zebrastreifen von einem Eisverkaufswagen überfahren und stirbt. Ein erschütterndes Ereignis, aber was Danny mehr zu schaffen macht als der Tod seiner Frau selbst, ist die Tatsache, daß er gar nicht angemessen traurig deswegen ist.

„Happiness“ (BBC2, 2001 – 03) ist, in diametraler Entgegensetzung zum Titel, eine veritable Sadcom, denn Danny ist eine traurige Figur. Seine große Liebe Rachel (Fiona Allen) hat längst mit seinem besten Freund Terry (Mark Heap) zusammen Kinder, obwohl sie vom bürgerlichen Leben an der Seite eines Angestellten der London Library nicht immer begeistert ist. Die beiden Flatmates Charlie (Johnny Vegas) und Sid (Pearce Quigley), weitere Stammgäste in Dannys Pub, sind immer schmuddelig und meistens breit, obwohl sie für diese Art von studentischem Hänger-Leben längst zu alt sind. Angus (Clive Russell) ist über fünfzig und geschieden, benimmt sich aber konsequent, als wäre er zwanzig, fährt Motorrad und hüpft mit Betthasen in die Falle, die seine Töchter sein könnten. Und die beiden Tobys, die im Tonstudio arbeiten, wo Danny seine Texte einspricht, sind genau so hip und jung, wie Danny nicht ist: Während er (in der zweiten Staffel) etwa eine Szene aus „Fawlty Towers“ (schlecht) nachspielt, stehen die beiden Tobys ratlos daneben („Wer spielt denn da mit bei ‚Fawlty Towers‘?“), kommen dann aber auf ihre Lieblingsserie „Spaced“ zu sprechen und machen prompt die Shootout-Pantomime nach, die wiederum Danny konsterniert zurückläßt. (Doppelt komisch, dieser Moment, weil mit Heap und Russell gleich zwei Schauspieler aus „Spaced“ auch in „Happiness“ mitspielen.)

Überhaupt: Fernsehreferenzen! In beinahe jeder Folge tauchen in Dannys Studio Stargäste auf, und meistens führt das zu peinlichen Momenten. Sei es, weil sie Danny sagen, wie gerne sie auch mal auf der Straße nicht erkannt würden, oder weil sie einem Date mit ihm zustimmen — schließlich haben sie es sich ja nur zur Regel gemacht, niemals andere Promis zu daten. Oft erkennen sie ihn nicht einmal. Oder wollen sofort wieder weg, wie etwa Ricky Gervais, über den Danny sich kaputtlacht, weil er glaubt, der spreche mit ihm in der rechthaberischen David-Brent-Rolle. Tut er aber gar nicht.

Möglicherweise war „Happiness“ ein wenig zu düster, um ein größerer Erfolg zu werden. Möglich, daß es auch deswegen heute so in Vergessenheit geraten ist: An die erste Staffel ist auf DVD praktisch nicht mehr heranzukommen (die zweite ist aber ohnehin die stärkere und deshalb eine doppelte Empfehlung meinerseits). Der Aufwand lohnt aber, denn „Happiness“ hat Stil: die Figuren sind komplexer, als man es erwartet, es gibt die eine oder andere lustige Slapstick-Einlagen, die meistens auf das Konto des brillanten Johnny Vegas gehen, und die Storys sind zwar minimalistisch, aber bis ins Detail durchgeschrieben. Die zweite Staffel baute zusätzlich auf einen Handlungsbogen, was ein wenig zu Lasten der ersten Folge geht, die dadurch mehr Exposition als eigenständige Episode ist, aber der ganzen Serie sehr zuträglich ist. Insgesamt ist „Happiness“ ein weiterer Höhepunkt im an Höhepunkten nicht armen Leben Paul Whitehouses („The Fast Show“, „Help“, „Harry And Paul“) — wenn auch eben ein etwas vergessener.

Bewanderte Sitcom

31. Juli 2010 7 Kommentare

Natürlich ist „The Great Outdoors“ (BBC4) jedem wirklichen Englandkenner von vorneherein verdorben, ja: auf das Fundament einer faustdicken Lüge gebaut. Denn in einer (der ersten, am Mittwoch ausgestrahlten) Folge dieser Sitcom um einen Wander-Club, dessen Leiter mit einem gewaltigen Lattenschuß allen Mitwanderern auf die Nerven geht, fällt einen ganzen Tag lang erkennbar kein einziger Regentropfen! Ja, die Wanderer kommen nach einer langen Wanderung trockenen Fußes nach Hause! Vollkommen ausgeschlossen, denn in England regnet es jeden Tag, und ganz besonders, wenn jemand wandern gehen möchte. Ich weiß, wovon ich rede! Sieht man über diese unwahrscheinliche Prämisse allerdings großzügig hinweg, ist „The Great Outdoors“ gut — und hat das Zeug dazu, noch besser zu werden.

Die Miniserie (leider auf nur drei Folgen angelegt) folgt dem Wanderleiter Bob (Mark Heap), dessen aufgeblasene, eitle und anmaßende Art schwer erträglich ist. Sein bester Freund Tom (Steve Edge) ist ein ausgemachter Simpleton, dem Bobs neurotische Anfälle daher auch nichts ausmachen; Bobs achtzehnjährige Tochter Hazel leidet da schon mehr unter ihrem Vater. Neue Mitglieder, die mal einen Tag lang mitwandern wollen, werfen schnell das Handtuch und setzen sich ab — bis auf Christine (Ruth Jones), die nicht nur eine Regenjacke (ha!) dabei hat, einen riesigen Rucksack, GPS und eine Leuchtpistole, sondern sogar Verpflegung. Um die gibt es prompt Verteilungskämpfe, als sich herausstellt, daß der von Bob angesteuerte Pub auf sündteure Gastronomie umgestellt hat. Logisch, daß Christine schnell und sehr zum Mißfallen Bobs zu einer ernsthaften Konkurrenz in der Club-Führung wird…

Prima, daß Mark Heap sich nie zu schade wird, seine Paraderolle zu spielen: die des tragikkomischen, von Obsessionen geplagten Soziopathen. Damit hatte er seinen Durchbruch in „Spaced“ als der krisengeschüttelte Künstler Brian, damit brillierte er als der Hochgeschwindigkeitsneurotiker Alan Statham in „Green Wing“, und gerade sehe ich ihn in „Happiness“, wo er eine ein wenig gedimmte Version dieses Charakters gibt, in der er ebenfalls glänzt. Prima aber auch, daß um Heap etliche weitere hervorragende Comedians aufgestellt sind: Ruth Jones darf mal eine andere Rolle spielen als Staceys dicke Freundin Nessa in „Gavin & Stacey“, Steve Edge („Star Stories“, „Phoenix Nights“) ist sowieso hervorragend, und Katherine Parkinson („The IT Crowd“, „Doc Martin“, „The Old Guys“, deren zweite Staffel gerade läuft) ist sich für eine kleinere Rolle in der zweiten Reihe ebenfalls nicht zu schade.

Das liegt vielleicht daran, daß die Autoren der Show, Kevin Cecil und Andy Riley, zwar noch keine Namen haben, bei denen es jedem Comedyfan in den Ohren klingelt, das das aber nur noch eine Frage der Zeit sein dürfte: die beiden haben schon nach Graham Linehans Abschied von „Black Books“ seinen Platz als Autoren eingenommen, für die „Armando Iannucci Show“ geschrieben, für „Little Britain“, „Armstrong & Miller“, „Smack the Pony“ und „Trigger Happy TV“. Ihre erste eigene Serie „Hyperdrive“ sei ihnen verziehen — zum Ausgleich für diese eher mittelgute Moppel-im-Weltall-Comedy (mit Miranda Hart und Nick Frost) hat ja Andy Riley etliche Comicbücher gezeichnet, die ich auf diesem Weg auch jedem ans Herz legen kann: „Bunny Suicides“ und „Great Lies to Tell Small Kids“. Kaufen! Jetzt sofort!

Comedy Landmarks (1): 23 Meteor Street

29. Juli 2010 2 Kommentare

In Islington, einem ruhigen Wohnviertel nördlich der Londoner City, liegt „23 Meteor Street“. Von der U-Bahn-Station Tufnell Park ist man in knappen zehn Gehminuten dort, wo 1999 Tim Bisley und Daisy Steiner zur Untermiete bei Marsha Klein eingezogen sind und damit eine Sitcom in Gang gebracht haben, wie sie so clever gefilmt, so berstend voll von popkulturellen Anspielungen, so liebenswert seitdem nicht mehr oft gesehen ward: „Spaced“.

Die Gartentüre steht seit zehn Jahren offen.

Besucht man die Location der Außenaufnahmen heute, stellt man fest: diese Gegend hätten sich ein schlecht bezahlter Comicbuchladen-Verkäufer und eine gar nicht bezahlte Möchtegern-Journalistin schon vor zehn Jahren im Leben nicht leisten können. Sehr bürgerlich geht es da zu, obere Mittelschichts-Wagen parken vor gepflegten Häuschen, und die Nachbarn grinsen wissend, wenn ein End-Dreißigjähriger mit Stadtplan, Frau und Kamera durchs Viertel schleicht, um Fotos von einem bestimmten Haus zu machen.

Hübsche Wohngegend: Die Nachbarschaft

Das „Spaced“-Haus war die erste Britcom-Kulisse, die Kathrin und ich auf unserem England-Trip besucht haben, und sie war eine der markantesten: Genau so hat das Haus in der Serie ausgesehen, weder Edgar Wright (Regie) noch die letzten zehn Jahre haben da Wesentliches verändert. Sogar die Hausnummer haben sie einfach beibehalten — 23 ist ja auch eine im Sinne von „Spaced“ gute, weil popkulturell potentiell bedeutungsvolle Zahl (R.A. Wilson! Illuminaten!).

Der Beweis: Jepp, ich war selbst da.

Natürlich ist es verblüffend, wie sehr der Ausschnitt eine Rolle spielt, der in der Serie zu sehen ist (wo nur das Haus und die Brache rechts davon, nicht aber das direkt daran anschließende Nachbarhaus zur Linken vorkommen): daß gegenüber des Hauses ein modernes Zweckgebäude steht und das hübsche Ensemble der Straße architektonisch ein bißchen stört, hat mich zuerst überrascht. Dann habe ich mich aber schnell erinnert: Ist ja Fernsehen!

Anschlußfehler: Mikes Van war grün, nicht weiß.

Viel mehr kann man über Fan-Besuche an Originalschauplätzen gar nicht schreiben, stelle ich gerade fest. Darum hier noch zwei, drei Urlaubsfotos, um die Atmosphäre des Stadtteils einzufangen, und dann laß ich es auch schon wieder gut sein. So sieht es nahe der U-Bahn-Station aus:

Islington am Abend

Das ist die U-Bahn-Station Tufnell Park selbst (eröffnet 1907!)…

Typisch: die edwardianischen roten Fliesen

…und die habe ich nur fotografiert, weil sie ein wenig ungewöhnlich ist: Den Bahnsteig erreicht man ausschließlich per Aufzug oder über eine lange Wendeltreppe durch eine bunkerartige Metallröhrenkonstruktion. Nichts für Klaustrophobiker!

Rolltreppe? Fehlanzeige!