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Artikel Tagged ‘Tamsin Greig’

Brits getting L.A.’d

11. Januar 2011 7 Kommentare

Wer hat sich nicht schon mal gefragt, warum und wie aus guten Fernsehserien schlechte Adaptionen für einen anderen Markt gemacht werden? Wie zum Beispiel aus „The IT Crowd“ „Das iTeam — Die Jungs mit der Maus“ wurde und wer um Himmels willen den Firmenboß Reynholm, im Original Chris Morris/Matt Berry, mit Sky du Mont besetzt hat? „Episodes“ (Showtime/BBC2) hat die Antwort.

Die geht ungefähr so: Sean und Beverly Lincoln (Stephen Mangan, Tamsin Greig) haben gerade (abermals) zwei Baftas für ihre Serie „Lyman’s Boys“ abgeräumt, als sie auf der Aftershow-Party von Merc Lapidus, dem Präsidenten eines amerikanischen Fernseh-Networks, angesprochen werden. Er, so erklärt der Senderboß, liebe ihre Show so sehr, daß er Sex mit ihr haben wolle — sie sei perfekt für den amerikanischen Markt. Außer natürlich, Sean und Beverly hätten etwas gegen Sturzbäche schnell verdienten Gelds (die Serie sei ja schon geschrieben), eine Villa und ein Leben im ewigen Frühsommer L.A.s. Er würde gerne mit ihnen anstoßen, so Lapidus, sei jedoch trockener Alkoholiker; er wisse aber sehr genau, was er wolle, seit er Krebs gehabt habe und ihm klar geworden sei, daß Gott auf niemanden warte.

Es ist ein sehr einnehmender Auftritt des Amis, gänzlich unbritisch distanzlos, und Sean und Beverly sind etwas überrumpelt, aber sehr geschmeichelt. Gegen viel Geld haben sie nichts einzuwenden, und die Überblendung von der verregneten Londoner Nacht zum sonnendurchfluteten blauen Himmel Kaliforniens, unter dem Sean und Beverly in einer offenen Cabrio-Limousine in Richtung ihrer riesigen Villa fahren, macht ihre Entscheidung augenfällig. Schon alleine der riesige, im Badezimmerboden eingelassene Pool ist so verheißungsvoll, daß Sean und Bev sich umstandslos die Kleider vom Leib reißen — und feststellen müssen, daß es ungefähr drei bis vier Tage dauert, bis genügend Badewasser eingelaufen ist.

Nicht die letzte Enttäuschung. Lapidus hat in Wahrheit keine Minute ihrer Serie gesehen, denn „he is not a big TV watcher“, wie die doppelzüngigen Executives erklären, mit denen es Sean und Beverly nun zu tun bekommen. Tatsächlich soll ihr britischer Hauptdarsteller Julian, ein Schauspiel-Veteran und Shakespear-Darsteller, für die Rolle abermals vorsprechen, obwohl er bereits gesetzt war. Prompt fällt er durch — Mercs Vorname leitet sich nicht zufällig von „mercurial“ (launisch, sprunghaft) ab — und wird ersetzt durch jemanden, der in der Rolle eines soignierten Internatsleiters so zuhause ist wie Daniela Katzenberger in einer Universitätsbibliothek: Matt LeBlanc.

Die Rollenverteilung ist schnell klar: Hie die verständigen, halbwegs normalen Engländer — da die unberechenbaren Amerikaner, große Kinder, die gar nicht daran denken, irgendwelche Zusagen einzuhalten, aber immer glauben, zum Wohle aller zu handeln. Vor allem der doublespeak der Sender-Angestellten ist dabei ein Quell stetiger Freude:

BEVERLY

And if we say no?

SENDER-NUSS

You don’t want to say no to Merc. You really want him on your team.

SEAN

I thought he was on our team?

SENDER-NUSS

Totally! But if he likes Julian – and he will! – you’re pretty much guranteed you’re on the air!

BEVERLY

He already guaranteed we’re on the air.

SENDER-NUSS

Absolutely! But you see, nothing is set in stone.

SEAN

Actually, Merc said it was set in stone.

SENDER-NUSS

And it is! But, you know...

BEVERLY

Clearly, we don’t know.

SENDER-HEINI

It’s in stone! But... stone! There is things that’s stronger than stone.

SEAN

Like what?

SENDER-NUSS

Like Merc!

Weil aber die Rollenverteilung so schnell klar ist, fällt leider auch die Kritik an dieser ersten Folge „Episodes“ ein wenig zwiespältig aus: denn die kam ohne allzu viele große Lacher aus und war alles in allem ein bißchen erwartbar. Das muß aber kein Makel sein, es bedeutet allenfalls, daß vielleicht eine Doppelfolge zum Serienstart besser gewesen wäre — für gewöhnlich ist die zweite Folge ja schon um einiges komischer. Und Matt LeBlanc, der in der ersten Episode kaum eine Szene hatte, wird ab der zweiten Folge für zusätzlichen Pfeffer sorgen — David Crane, eine Hälfte des „Episodes“-Autorenduos neben Jeffrey Klarik, war schließlich selbst einer der Creators von „Friends“.

UPDATE Dan Owen vergibt bei Obsessed With Film gerade mal einen von fünf Sternen. Seiner Ansicht nach erzählt „Episodes“ im Wesentlichen die Story der zweiten Staffel „Extras“, in der Ricky Gervais miterleben muß, wie seine usprünglich ambitionierten Pläne für eine Sitcom nach und nach zerstört werden und aus seiner Serie eine schreckliche Mißgeburt wird. Allerdings fehle „Episodes“ der Hook, mit dem man ein Publikum in Bann schlägt, das nicht so sehr an Fernseh-Interna interessiert sei — wie es bei „Extras“ der Umstand war, daß Geravis‘ Figur ein Durchschnittstyp gewesen sei, der einfach berühmt und erfolgreich sein wollte. Wohingegen Sean und Beverly zwei bafta-ausgezeichnete Autoren spielten, in die sich der Zuschauer nicht so leicht hineinversetzen könne. Ein nicht ganz unberechtigter Einwand, diese Parallele zu „Extras“. Ob sie eine so geharnischte Kritik rechtfertigt, möge jeder für sich entscheiden.

„Episodes“ (1)

10. Januar 2011 1 Kommentar

Gestern, just an dem Tag, der das US-Remake von „Shameless“ auf die US-Bildschirme brachte, startete „Episodes“: Die Sitcom über ein britisches Ehepaar (Tamsin „Black Books“ Greig und Stephen „Dirk Gentley“ Mangan, beide „Green Wing“), dessen englische Fernsehserie für den amerikanischen Markt ein Remake erfährt — und durch die Fehlbesetzung der Hauptrolle mit „Friends“-Star Matt LeBlanc (Matt LeBlanc) komplett ruiniert wird.

Ich habe sie selbst noch nicht gesehen, aber gerade bemerkt, daß es die erste Folge ganz legal online gibt: Hier ist sie. Sobald ich sie gesehen habe (und „Shameless“ mit William H. Macey als Matt LeBlanc), werde ich berichten, wer die bessere Fehlbesetzung ist.

leider offline

Beide Serien laufen übrigens auf Showtime — ganz schön mutig, das hintereinander zu programmieren und damit der Kritik eine Vorlage zu liefern, wie sie steiler kaum sein könnte.

Die Top-10-Britcoms der 00er-Jahre: Platz 2

29. November 2009 10 Kommentare

Unterhaltungsliteratur (wie etwa die momentan äußerst erfolgreiche Romantrilogie von Stieg Larsson) bedient sich einiger Tricks, um ihre Leser in Bann zu schlagen: Sie ist kritisch genug gegenüber Systemen, um sich von rein affirmativer Trivialliteratur zu unterscheiden, befeuert die Phantasie des Lesers/der Leserin aber wie diese durch gezielt gestreute Liebesplots und sexuelle Abenteuer, und hält durch zopf-artig verwobene Storylines genügend Abwechslung bereit, um auch ungeübte Leser bei der Stange zu halten. Vor allem aber schlägt sie ein langsames Tempo an und wiederholt alle für das Verständnis der Handlung wichtigen Informationen so oft, daß auch vorübergehend unkonzentriertes Lesen niemanden aus dem Buch wirft — unter anderem deshalb sind etwa Larssons Bücher auch dermaßen dick.

Im Fernsehen arbeiten Soap Operas und Daily Soaps mit ähnlichen Mitteln. Sind sie schlecht, merkt man die minütliche Wiederholung relevanter Wissensfragmente z.B. über den Charakter einer Figur an grottigen Dialogen („Daß Tanja ein Scheusal ist, weiß ich schon, seit sie meine Katze in den Betonmischer geworfen hat!“); bessere Soaps bauen solche Informationen subtiler ein. So wie die Krankenhaus-Soap-Sitcom, die so innovativ, unkonventionell und komisch war, daß sie in England zunächst nur ein kleines, aber dafür umso fanatischeres Gefolge hatte, alsbald zum Kult wurde und nun in meinen Top-10-Britcoms der Nullerjahre auf Platz zwei angelangt ist:

„Green Wing“ (2004 — 07, Channel 4)topten02b

„Green Wing“ erzählt in der Form einer Ensemble-Sitcom die Geschichte einer Krankenhaus-Belegschaft: Caroline Todd, zu Beginn der Serie Neuzugang in der Chirurgie, ist schon bald zwischen dem charmant-lässigen Dr. Mac und dem arroganten Anästhesisten Guy hin- und hergerissen; die Personalchefin Joanna Clore fügt ihrer obsessiven erotischen Beziehung zum Chefradiologen und Hochgeschwindigkeitsneurotiker Alan Statham ständig neue, bizarre Facetten hinzu; Statham führt einen lächerlichen Kleinkrieg mit dem Arzt im Praktikum Boyce, und Sue White, Staff Liaison Officer und damit Vertrauensfrau des Krankenhauspersonals, scheint komplett wahnsinnig zu sein. Jede Folge beschreibt einen Arbeitstag, und das Drehbuch spielt dabei alle mathematisch möglichen Begegnungen zwischen den Charakteren konsequent durch, den oben aufgeführten wie etlichen anderen, — mit immer wieder neuen, unfaßbar komischen Ergebnissen.

IstCaroline die Identifikationsfigur für den Zuschauer, so stellt das Nervenbündel Statham eines der komischen Epizentren der Serie dar: Der permanent haspelnde, verklemmte Statham mit seiner autoritätsheischenden, aber erbärmlichen Art ist die Zielscheibe des allgemeinen Spotts, und selbst wenn er sich mal an Boyce und seinen kindischen Pranks rächen will und seinerseits einen practical joke inszeniert, geht das nach hinten los:

Eine Auseinandersetzung über einen Parkplatz in nächster Nähe zum Krankenhaus, wie ihn Mac hat, Statham aber nicht, kann schon mal zu Besessenheit führen, die mit einem Streit mit dem Parkplatzpersonal beginnt…

…und mit dem Verspeisen einer Gallenblase endet:

Die Handlung der Serie ist typisch für Soaps: Mac und Guy tragen ihre Rivalitäten aus, Joanna Clore fürchtet sich vor dem Altwerden und würde deshalb gerne eine Affäre mit dem farbigen IT-Experten beginnen, Caroline schmeißt eine House-Warming-Party, Martin muß sich Prüfungen unterziehen und Mac überlegt, das Krankenhaus zu verlassen und woanders eine bessere Stelle anzunehmen.

Sensationell an „Green Wing“ ist aber, wie innerhalb dieser Soap die Figurencharakterisierung durch beständige Wiederholung funktioniert: Indem nämlich die Körpersprache der Figuren ebenso durch Zeitraffer und Zeitlupen verdeutlicht wird wie durch visuelle Gags, lange Einstellungen und einen brillianten Soundtrack und durch sketchartige Vignetten, nämlich die beschriebenen Zusammentreffen der Figuren in allen denkbaren Konstellationen. In diesen Miniaturen werden Charaktere so präzise porträtiert, wie es Dialoge kaum könnten — etwa in dieser Szene, wo Boyce und Martin um die Wette aus Schokoriegeln Türme bauen und Sue White dazukommt:

Überhaupt ist Sue White neben Statham eine weitere schillernde Figur, weil sie vollkommen unberechenbar ist:

Diese Mischung aus handlungstragenden und nur charakter-basierten Sketchen schlug sich in der Drehbucharbeit in unendlich vielen Zetteln nieder, die zusammen eine Folge ergaben und die, von den Autoren geschrieben, vor der Produktion immer aufs neue arrangiert wurden: für die Story relevante Szenen auf Zetteln in einer Farbe, freie Gags in anderen Farben, so lange umgruppiert und verschoben, bis stimmige, runde Episoden dabei herauskamen.

„Green Wing“ lebt zum einen von dieser außergewöhnlichen Herangehensweise, zum anderen aber von dem phantastischen Cast. Der ging, allen voran Stephen Mangan (Guy) und Michelle Gomez (Sue), so in seinen Rollen auf, daß etliche Szenen durch Improvisationen noch komischer wurden, als die Autoren sie vorher geschrieben hatten — sehr zum Leidwesen letzterer. Tamsin Greig (als Caroline) hatte sich zuvor in „Black Books“ Meriten erworben, Mark Heap (Statham) desgleichen als der Künstler Brian in „Spaced“, Oliver Chris (Boyce) war bereits aus „The Office“ bekannt. Sarah Alexander („Coupling“, „The Worst Week of My Life“), Michelle Gomez als Sue White („The Book Group“) und Pippa Haywood („The Brittas Empire“) unterstützten sie nach Kräften, in der zweiten Staffel ergänzt durch Sally Phillips („I’m Alan Partridge“). Hinter der Serie steckte das Team, das zuvor mit der Frauen-Sketchshow „Smack the Pony“ populär geworden war, allen voran Produzentin Victoria Pile, und hinter dem Soundtrack Trellis aka Jonathan Whitehead, der auch für „Nathan Barley“, „Black Books“, „Brass Eye“ und „The Day Today“ den Soundtrack besorgt hat.

Einziges Manko von „Green Wing“ ist, daß die zweite Staffel gegen Ende das hohe Niveau des Anfangs nicht mehr ganz halten konnte und mit einem Special endet, das ein wenig enttäuschte, weil es nicht mehr in der vertrauten Krankenhausumgebung spielte und die großen Erwartungen, die die Fans darauf gerichtet hatten, nicht erfüllen konnte. Dennoch ist „Green Wing“ eine der hierzulande weitgehend unbekannten Britcoms, die größere Bekanntheit, ja: unbedingtes Fantum auf jeden Fall verdient haben. Schon für diese Szene, in der Sue White einen schönen Teller Nabelschnüre ißt, was Guy allerdings erst nach einer beherzten Kostprobe erfährt:

PS: Ein Tip, der sich schon mehrfach bewährt hat: „Green Wing“ funktioniert bei vielen Zuschauern erst mit und nach der zweiten Episode, möglicherweise, weil man sich an den Stil erst gewöhnen muß, weil die erste Folge zum Teil aus der Pilotfolge besteht (mal drauf achten: Macs Frisur ändert sich in der ersten Episode mehrfach) oder weil erst die zweite Folge eine Serie überhaupt erst zur Serie und serielle Momente augefällig macht.

Die Top-10-Britcoms der 00er-Jahre: Platz 10

10. Oktober 2009 8 Kommentare

Gut, wir haben natürlich erst Oktober ’09. Trotzdem halte ich es für unwahrscheinlich, daß in den letzten Minuten des Jahrzehnts noch eine so brillante Britcom des Weges kommt, daß sie meine eben aufgestellten Top 10 durcheinanderwirbeln wird. Wenn doch: Hurra und herzlich willkommen, brillante neue Britcom!

Vorab und weil natürlich jeder Leser eingeladen ist, seine eigenen Top 10 in den Kommentaren zu posten, noch ein schnelles Wort zu den Regularien: Meine Wertung ist strikt subjektiv, Hauptkriterium war, wenn ich es mir recht überlege, einfach, wie oft ich die betreffende Sitcom gesehen habe, mit wechselnden Mitguckern und allein. Das heißt natürlich, daß die leichter konsumierbaren Serien besser abschneiden als die verqueren, unzugänglicheren; sei’s drum, Komik ist nun mal etwas, das zwischen Menschen stattfindet, und zwischen je mehr, desto besser und lustiger. Strikt war ich nur in zwei Punkten: Dem der Sitcom und dem der 00er-Jahre. Nicht in der Wertung sind Comedy-Dramas, One-Offs, Sketchshows, Filme, Stand Ups, Panel Shows, Clip Shows usw.; und die erste Folge der ersten Staffel muß in den 00ern gewesen sein. Damit scheidet z.B. „Spaced“ aus.

Beginnen wir doch mit

Platz 10: „Black Books“ (2000 – 2004, Channel 4)topten10

Eines der vielen vorderhand abstoßenden Ekel der britischen Sitcoms regiert seinen Secondhand-Buchladen mit vom Alkohol leicht zittriger Hand: Bernard Black (Dylan Moran), misanthroper Ire in London, schmeißt schon mal einzelne Kunden raus, die Bücher passend zur Couchgarnitur kaufen wollen, oder auch einfach alle Kunden, wenn sie ihm auf die Nerven gehen, und trinkt lieber sieben schöne Flaschen Rotwein. Etwas Licht kommt erst in sein Leben, als er Manny Bianco (Bill Bailey) trifft, der seinen Buchhalterjob hingeworfen hat, um etwas Sinnvolles mit seinem Leben anzufangen — und dann für Black die Buchhaltung macht. Manny ist das genaue Gegenteil von Bernard: Offen, liebenswürdig, hilfsbereit, ein bißchen naiv, und kommt so schon mal in merkwürdige Situationen, wenn er etwa aus dem Buchladen ausreißt, weil er Bernards Launen nicht mehr erträgt, und sich mit einem Fotografen einläßt, der eine etwas merkwürdige Faszination für Mannys Bart entwickelt. Fran Katzenjammer (Tamsin Greig), Besitzerin der benachbarten Schnickschnack-Boutique, gibt der Serie den weiblichen Touch und ist Bernards einziger Freund.

„Black Books“ lebte von den surrealistischen Drehbuchideen, die dank Graham Linehans Federführung den Geist von „Father Ted“ atmeten und dank Dylan Morans Kontribution düster waren und sich von der Welt angeekelt gaben, und von Slapstick und Sight Gags (hier ein Best-Of), die einen unmittelbar in den Kosmos dieser für britische Sitcom vergleichsweise warmen und herzlichen Sitcom zogen. Diese Wärme und Herzlichkeit strahlten nicht zuletzt Bill Bailey und Tamsin Greig aus, aber auch die zahlreichen Gaststars von Simon Pegg und Nick Frost bis Peter Serafinowicz, die „Black Books“ zu einer „Spaced“ eng verwandten Serie machten, und wie „Spaced“ wurde auch „Black Books“ von Nira Park produziert.

Daß „Black Books“ nicht weiter oben in meinen Top 10 plaziert ist, ist seiner Nähe zum Mainstream geschuldet: Es ist beinahe ein wenig zu perfekt, zu liebenswert, zu klassisch auch, indem es einer beinah altmodischen Idee von Sitcom entspricht, wie sie Graham Linehan auch später in „The IT Crowd“ wieder verfolgt hat. Sitcom in den 00ern dürfte meinen Ansprüchen nach ruhig etwas edgier sein, ein bißchen mehr die Herausforderung suchen und Neues wagen. Dennoch ist „Black Books“ aber eine der großen Britcoms seiner Zeit gewesen und immer noch ein perfekter Einstieg für alle, die sich dem Britcom-Kosmos noch nicht zu nähern gewagt haben, weil er so groß und unüberschaubar ist. „Black Books“ heißt seine Besucher jedenfalls herzlicher willkommen, als Bernard Black das gerne hätte.

Dude, where is the content?

12. Mai 2009 4 Kommentare

Nur um mal zu sehen, wie sich — neben Simon Pegg in „Star Trek“ — die anderen Stars meiner Lieblings-Britcoms auf der großen Leinwand so schlagen, habe ich mirFaintheart (2008, mit Jessica Hynes), The All Together (2007, mit Martin Freeman) und „Captain Eager and the Mark of Voth“ (2008, mit Tamsin Greig und Mark Heap) besorgt — und fürchte, nachdem ich die ersten beiden gesehen habe, daß auch der dritte nicht so richtig gut sein wird.

Hoffentlich aber nicht ganz so schlimm wie „Fainheart“, der mir weismachen wollte, Jessica Hynes („Spaced“) und ein mausgesichtiger Supernerd mit Vorliebe für Wikinger-Rollenspiele seien mal ein Paar gewesen. Das will der Spinner mit etlichen Nerd-Tricks wieder zusammenbringen, die für mich nach einer einzigen Aneinanderreihung von Klischees aussahen: Ein Comic Book Guy, der Tiberius heißt (und Fan welcher Fernsehserie ist? Richtig!). Ein Trekkie, der sich im Chat verabredet und beim Date feststellt, daß sein Gegenüber acht ist, woraufhin er prompt verhaftet wird. Usw. Ein schlimmer Schmarrn, der nicht besser wird, wenn man erfährt, daß es sich dabei angeblich um den ersten Kinofilm handelt, bei dem MySpace-User interaktiv mitwirken konnten. Von dieser Seite droht Drehbuchautoren also schon mal keine Gefahr; immerhin. Der Gag im Trailer deutet die Richtung an, in die der Film geht (und ist noch einer der besseren!):

Nicht viel besser allerdings: „The All Together“ (Trailer), der zwar mit einer gewissen Selbstironie aufwartet, diese aber nicht einlösen kann. Martin Freeman („The Office“, „The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“) ist ein kleines Licht beim Fernsehen, wäre aber gerne Drehbuchautor. Was er aber auf keinen Fall will: Einen Film drehen, bei dem am Anfang eine Stimme aus dem Off eine stimmige erste Szene ersetzen soll, und der anschließend etwas erzählen will, das der Autor nicht aus eigener Erfahrung kennt — beispielsweise irgendwelche Gangstergeschichten. Das erzählt uns in der ersten Szene Martin Freeman aus dem Off, und es folgt eine ausgedachte Gangstergeschichte, in die Freeman hineingezogen wird. Allerdings erst ganz zum Schluß. Ein Film, wie ihn Guy Ritchie drehen würde, wenn er noch weniger Talent hätte. Immerhin eine Wahrheit weiß „The All Together“: Es gibt immer mehr „comedy for people with no sense of humour“, denn „just because they don’t have a sense of humour doesn’t mean they don’t want to laugh“.

Tja. Schlechte Filme mit Leuten, die man eigentlich mag — soll man darüber bloggen? Wenn man zwei kurze Kritiken in einen Eintrag packt, geht’s gerade noch so, oder?

Beflügelte Krankenhaus-Sitcom

1. Juli 2006 3 Kommentare

Neue komische Formen zu finden ist schwierig. Der Vorrat an Formaten und Stilmitteln ist begrenzt, komisches Können beweist sich deshalb eher darin, altbekannte Formate geschickt zu bedienen, als neue Formate zu erfinden. Nichtsdestoweniger hat die britische Sitcom „Green Wing“ dieses Kunststück versucht, und siehe da: Die erste Comedy-Soap ist nicht nur gut, sondern ausgezeichnet, nämlich mit einem Bafta Award, also einem britischen TV-Oscar.

Völlig zu recht, denn das Prinzip der Seifenoper funktioniert auch als Comedy überraschend gut: Man nehme eine Handvoll Krankenhaus-Mitarbeiter mit kleineren und größeren unterhaltsamen Charakterstörungen, bringe sie in unterschiedlichen Konstellationen zusammen und warte darauf, daß sich komische Situationen ergeben. Das tun sie, wenn sich die junge Ärztin Caroline Todd (Tamsin Greig) zwischen dem großspurigen, aber im Grunde unsicheren Anästhesisten Guy Secretan (Stephen Mangan) und dem charmanten, aber distanzierten Chirurgen Macartney (Julian Rhind-Tutt) entscheiden muß, wenn der stets haspelnden und stotternden Hochgeschwindigkeitsneurotiker Dr. Statham als einziger im Krankenhaus glaubt, seine groteske sexuelle Beziehung zur Personalleiterin Joanna Clore sei unentdeckt, und wenn der mausgesichtige Arzt im Praktikum Martin Dear bei den ewigen Rivalitäten zwischen Macartney und Secretan jedes Mal den Kürzesten zieht.

Daß die Produzenten das Soap-Format genau kennen und damit spielen, fällt aber zunächst weniger auf als die ungewöhnliche Inszenierung: „Green Wing“ ist überwiegend mit einer Kamera und in extrem langen Einstellungen gedreht, zwischen den Dialogen werden Filmsequenzen beschleunigt oder verlangsamt, und das Ergebnis wird mit einem korrespondierenden Musik-Score zu etwas verdichtet, das an ein sehr eigenwilliges Ballett erinnert: ein Reigen von Gesten und Gebärden, eitel wehenden Kitteln, nervös fuchtelnden Zeigestäben, stolzierende Jungärzten und frustriert trottenden Verwaltungsangestellten. Diese unkonventionelle Bildsprache muß der Zuschauer sich erst aneignen. Doch das lohnt sich allemal, denn sie erlaubt eine ungemeine Bereicherung des Ausdrucks: Sie charakterisiert die Figuren und ihre Körpersprache sehr präzise und erlaubt es, komprimiert zu zeigen, was vor und nach einzelnen Situationen passiert. Und sie hilft, so Victoria Pile, die sich das alles ausgedacht hat, wenn mal ein Schauspieler seinen Text vergißt. Kaum zu glauben, daß das je passiert ist, denn das Ensemble (u.a. Tamsin Greig aus „Black Books“, Mark Heap aus „Spaced“ und Oliver Chris aus „The Office“) geht so in seinen Rollen auf, daß ein Gutteil der Show als Improvisationen gedreht wurde.

„Die innovativste Serie seit, nun ja: ‚The Office’“, schwärmte der Guardian, und in der Tat: Seit dem pseudodokumentarischen Ansatz zu einer Sitcom, wie ihn neben „The Office“ auch Larry David mit „Curb Your Enthusiasm“ pflegt, ist nichts ähnlich Maßstabsprengendes unternommen worden. Die zweite und vermutlich letzte Staffel „Green Wing“ ist in England vor Monatsfrist ausgelaufen, ein schön gestaltetes DVD-Set der ersten ist parallel dazu erschienen und kann und sollte auch von Ihnen umgehend geordert werden.

(zuerst erschienen in der Humorkritik in TITANIC 7/2006)