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Bunny and the Bullshit

Das Betreiben dieses Blogs stellt mich regelmäßig vor die Frage: Warum soll ich über kleine, unbekannte, hierzulande vollkommen irrelevante britische Fernsehserien oder Filme schlechte Kritiken schreiben? Wären sie gut, die Serien, Filme und Kritiken: right, das hätte Nachrichtenwert — da gibt es einen uns unbekannten Kosmos aus Witz und guter Laune, wir sind alle eingeladen und brauchen nur die Information, wo die Party stattfindet! Ist ja auch oft genug so, zum Glück. Aber darüber zu schreiben, daß kleine, unbekannte und hierzulande irrelevante Filme oder Serien nicht so richtig gut sind: Da geht der Nutzen für den Leser doch eher gegen null.

Daß ich „Bunny and the Bull“ (2009) nicht so richtig super fand, erschließt sich dem einen oder anderen gewiß schon aus der Überschrift, und wer keine Wegbeschreibung zu einer öden Party braucht, muß ab hier nicht weiterlesen. Nehmen wir aber mal an, es gibt einen, nur einen einzigen großen „Mighty Boosh“-Fan, der gerne wissen möchte, ob das Filmdebüt des „Boosh“-Regisseurs Paul King („Garth Marenghi’s Darkplace“) etwas taugt und warum nicht, obwohl doch die Boosh-Stars Julian Barratt und Noel Fielding mitspielen und Richard Ayoade sowie Rich Fulcher klitzekleine Gastauftritte haben. Nennen wir diesen Fan der Einfachheit Anna. Dann, liebe Anna: Ist diese Kritik für dich.

Zunächst einmal: „Bunny and the Bull“ ist gewiß kein „Mighty Boosh“-Film, nicht offiziell, und inoffiziell auch nicht. Da ist zwar die äußere Erscheinung, die tatsächlich etwas von der psychedelischen Kultserie hat — aber in den entfernt Boosh-artigen Kulissen findet überraschenderweise keine Komödie statt, sondern ein Drama. Es ist das Drama eines jungen Mannes namens Stephen (Edward Hogg), der seine Wohnung seit einem Jahr nicht verlassen hat, seinen Tagesablauf einer minutiösen Routine unterzieht und seine gebrauchte Zahnseide in datierten Umschlägen archiviert. Und nicht nur die. Die Grenzen der Realität werden allerdings schnell durchlässig, und ohne daß sie als solche sofort kenntlich wären, erfahren wir in Rückblenden die Ereignisse aus der Zeit vor Stephens selbstgewählten Weltferne: Wie er mit seinem Freund Bunny (Simon Farnaby) durch Europa reiste, nachdem sie bei einer Pferdewette gewonnen hatten.Bunny ist das genaue Gegenteil Stephens: weltzugewandt und offen, sucht er permanent die Herausforderung. Ihm werden die anfänglichen Museumsbesuche (polnisches Schuhmuseum, deutsches Besteckmuseum) schnell langweilig, also sorgt er für Abenteuer. Sie treffen eine lebenslustige Spanierin, stehlen gemeinsam den ausgestopften Bären einer schweizer Pensionswirtin, treffen einen Hobo (Barratt), der mit seinen Hunden in einer einigermaßen merkwürdigen Form zusammenlebt, und erreichen schließlich Spanien, wo Bunny von einem alkoholkranken Ex-Torrero (Fielding) den Stierkampf lernen möchte.

Der Clou dieser Reiseerinnerungen ist allerdings, daß sie komplett in Stephens Wohnung stattfinden: Requisiten und Kulissen sind aus Papier oder  collagierten Fotos oder nachgebaut aus Alltagsgegenständen einer Wohnung (etwa ein Jahrmarkt, der aus der Mechanik eines Weckers zu bestehen scheint), Szenen finden in Schneekugeln statt, Bunny kommt als Vögerl aus der Kuckucksuhr usw. Schließlich und endlich aber beschließt Stephen dann doch, seine Wohnung zu verlassen, und tritt zum Ende des Films erstmals in die tatsächliche Wirklichkeit vor seiner Haustüre hinaus.

Ich weiß gar nicht, was das größte Manko dieses Films ist: die unoriginelle Story, die flachen Charaktere oder die Unmotiviertheit des Artworks, das den Film wie eine Mischung aus dem „Take on Me“-Video von A-ha, der „fabelhaften Welt der Amelie“ und „Fight Club“ aussehen läßt. Oder ist es doch der Soundtrack, der die schlimmsten Klischees von „poetischer“ Klaviermusik bedient? Sicher aber ist, daß der „Boosh“-Ansatz und das erzählte Drama nicht zueinander passen. Denn wo immer Komik ins Spiel kommen soll (und der Film gibt sich offiziell als Komödie aus), wird es richtig schlimm, weil die Humorfarbe nicht zu der des Dramas paßt: Stephen muß entdecken, daß Bunny schon mit der Spanierin im Bett ist, als er an ihre Zimmertür klopft, und gibt ihm dann einen Meter Kondome aus dem Kondomspender, den er am Gürtel hat. Das Auto, ein Trabant, gewinnen sie nach einer Wette mit dem Besitzer eines „Captain Crab“-Fisch-Schnellrestaurants, weshalb es zunächst eine große Plastikkrabbe und später den ausgestopften Bär auf dem Dach hat. Und etliche Scherze gehen auf das Konto von Stephens Vegetarismus. Witze über Vegetarier?! Wir haben das Jahr 2010!

Nein, da wird nichts rund, ist jede Wendung erwartbar, werden schließlich sogar die Hauptdarsteller von Barratt und Fielding sowas von an die Wand gespielt, ach was: sie werden sogar von der Kulisse an die Wand gespielt, daß man fast Mitleid mit ihnen hat. — Nun ja, ich korrigiere: nicht wirklich. Denn daß Farnaby als Lead Charakter überfordert ist, hatte ich geahnt — das war er schon als Nebendarsteller, in „The Mighty Boosh“, „Jam & Jerusalem“ und „Angelo’s“ sowie in der kurzlebigen Sketch-Show „Spoons“.

Tut mir leid, liebe Anna! Aber tröste Dich: es sind so viele „Boosh“-Projekte in der Pipeline, da wird schon mal wieder was gutes mit dabei sein.

  1. „Anna“
    27. April 2010, 13:56 | #1

    Offenbar hast Du einen Mighty Boosh Film erwartet und wurdest enttäuscht. Mein Beileid. Aber er ist auch nie als einer verkauft worden. Zunächst einmal: Der FILM findet in Stephens Wohnung statt, aber die Geschichte zum größten Teil nicht. Sie findet in Stephens Kopf statt und ist seine Erinnerung an die Reise mit Bunny, die Ihn dazu gebracht hat sich einzuschließen. Und wie das mit menschlichen Erinnerungen nun einmal so ist, sind sie im Nachhinein maßlos überspitz. à la: Die Spinne war mindestens so groß wie ein Hund. Alle Personen und Ereignisse sind durch Stephens ohnehin schon leicht Paranoide Ader vorgezeichnet. Alles wird hervorgerufenen von Erinnerungsstücken, die er von dieser Reise mitgebracht hat, daher Schneekugel und Essensverpackung. Es geht um das Überwinden von Ängsten und um das Bewältigen von Schuldgefühlen. Den Vergleich mit Amelie Poulanc und Fight Club (beides hervorragende Filme) kann ich nicht nachvollziehen. Zum einen, weil es vollkommen unterschiedliche Filme sind und sich beide grundverschieden zu Bunny and the Bull verhalten. Und im Übrigen fand ich Farnaby gar nicht so schlecht. Natürlich ist er kein Al Pacino, aber ich fand seine Darstellung durchaus solide. Der Film wird von Paul King als tragische Komödie bezeichnet und den Titel hat er echt verdient. Traurig bzw. dramatisch wird er nur in der Szene mit dem Bullen, ansonsten fand ich die Situationskomik durchaus passend. Ich fand ihn jedenfalls zauberhaft, unkonventionell und echt gelungen, auch wenn man bedenkt wie klein das Budget war. Ich weiß, dass Du Meiner Meinung nicht zustimmen wirst, aber das ist schon OK. Sachlich und fundiert kann man Deine Kritik auch nicht gerade nennen, da Du im Grunde weder auf den Inhalt, noch auf die Intention des Regisseurs eingehst. Du klingst wie jemand der mit vorgefasster Meinung an Filme herangeht und der sich denkt: „OK ich schau mir den Fetzen an, aber wehe er gefällt mir“, und wer eine so eindimensionale Wahrnehmung hat, ist zutiefst zu bedauern.

  2. „Anna“
    27. April 2010, 14:06 | #2

    Ach, by the way, wenn Dich das Schreiben schlechter Kritiken über kleine und unbekannte Sitcoms (wie Du sie nennst) so sehr anödet, warum lässt Du es dann nicht einfach?

  3. Die echte Anna
    27. April 2010, 17:06 | #3

    Wie traurig! Seit Stunden sitze ich hier und weine. Aber nun schnell zum großen Sammelband der Vegetarierwitze gegriffen (Wissenschaftliche Buchgesellschaft, gefördert von der deutschen Metzgerinnung, Darmstadt 2010) und mit einer Wärmflasche ins Bettchen gekuschelt – denn es kommen auch wieder gute Boosh-Stories, davon bin ich überzeugt.
    Danke für die Kritik.

  4. Dashcroft
    27. April 2010, 17:38 | #4

    Das alberne Nachtreten in Kommentar #2 mal beiseite: Die Story von „Bunny and the Bull“, da beißt die Maus keinen Faden ab, ist einfach uninspiriert, banal und vorhersehbar, darüber können auch die zugegeben ganz netten visuellen Spielereien nicht hinwegtäuschen, Low Budget hin oder her.

    Selbst für eine Tragikomödie ist der Film außerdem bemerkenswert humorarm, und wenn es doch mal lustig zugeht, wirkt es, wie in der Szene mit dem Kondomspender, oft eher unpassend. Die einzige Szene, bei der ich kurz gelacht habe, war die, in der Stephen und Bunny Attila (Julian Barratt) treffen, und das liegt wahrscheinlich auch daran, daß Barratt bei dieser Veranstaltung leider auch der beste Schauspieler war.

    Was den Film für mich eher schwer erträglich gemacht hat, ist, daß kein einziger der Protagonisten in irgendeiner Weise sympathisch ist. Ich habe mir am Ende gedacht: Was schert’s mich, ob Stephen nun endlich wieder am Leben teilnimmt; von mir aus könnte er genausogut weiter seinen Morgenurin archivieren und im übrigen gern in seinem Haus verschimmeln.

  5. 27. April 2010, 17:45 | #5

    danke, dashcroft. ich wäre ja für ein gesetz, das die personalunion von regisseur und drehbuchautor verbietet. zumindest bei spielfilmen.

  6. Dashcroft
    27. April 2010, 17:59 | #6

    Mit dem Zusatz, daß ein internationales Komitee von gern auch sehr voreingenommenen Seriensnobs prüft, ob Cameo-Auftritte von Schauspielern, die bereits in früheren Produktionen des Regisseurs oder Drehbuchautors mitgearbeitet haben, dabei aber wie aus dem Studentenkabarett entsprungen* wirken, wirklich humorfördernd sind, und gegebenenfalls Verbote ausspricht.

    * Richard Ayoade, Noel Fielding

  7. Ralf
    28. April 2010, 08:23 | #7

    Oliver :
    danke, dashcroft. ich wäre ja für ein gesetz, das die personalunion von regisseur und drehbuchautor verbietet. zumindest bei spielfilmen.

    Au ja, super. Dann müsste man auch den Scheiß von Ingmar Bergman, Michelangelo Antonioni, Woody Allen, Albert Brooks, Christopher Guest, den Coen Brüdern, George A. Romero, David Lynch oder Francois Truffaut nicht ertragen, um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

    Bei den Cameoauftritten würde ich allerdings tendenziell zustimmen.

  8. 28. April 2010, 09:28 | #8

    das ganze autorenkino, genau, das könnte meinetwegen gut zugesperrt und abgerissen werden. „avatar“ nicht zu vergessen.

  9. Dashcroft
    28. April 2010, 09:44 | #9

    Pandora: plattmachen, mit Beton ausgießen, Casino druff. „Meine Meinung.“

  10. 28. April 2010, 15:55 | #10

    Haha!

  11. 29. April 2010, 18:45 | #11

    „Armes Pandora!!!“

  12. Marc
    30. April 2010, 17:18 | #12

    Leider ziemlich treffende Kritik.
    Ich war wirklich verdammt gespannt auf den Film, seit ich den abgedrehten Trailer gesehen hatte. Den Erscheinungstermin der Blu-Ray-Disc hatte ich mir schon Monate vorher im Kalender markiert.

    Vom eigentlichen Film hingegen war auch ich dann allerdings äusserst enttäuscht!

  13. 4. Mai 2010, 09:50 | #13

    Die ausführliche Kritik hier im Blog hat mich überhaupt erst auf den Film aufmerksam gemacht, und ich hab ihn mir gestern angeschaut. Mein Fazit fällt kürzer aus: Kein Jahrhundertwerk, kein Boosh-Film … aber kann man trotzdem mal anschauen 🙂

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