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Artikel Tagged ‘Black Books’

It’s a priest thing you wouldn’t understand

9. Januar 2009 1 Kommentar

Drei katholische Priester auf einer abgelegenen Insel westlich von Irland sollten das Sitcom-Dreamteam der Neunziger Jahre werden und Channel 4 einen seiner wenigen Comedy-Hits dieser Tage liefern: „Father Ted“ — der in den Top Ten meiner Lieblingsbritcoms aller Voraussicht nach für immer unter den ersten fünf bleiben wird — mutet auf den ersten Blick ein wenig altmodisch an und ist tatsächlich zum größeren Teil als Fourth-Wall-Sitcom gedreht, was seinerzeit völlig wider den Zeitgeist lief. Möglicherweise aber wurde erst die Mischung aus surrealer, oft sehr physischer Komik und einer harmlosen, leicht anachronistischen Form zu dem Treibstoff, der „Father Ted“ in ungeahnte komische Höhen aufsteigen ließ: Die Unschuld der Form gestattete es überhaupt erst, einen durchgehend delirierenden, schmutzverkrusteten Father Jack (Frank Kelly) zu zeigen, der zwischen seinen alkoholinduzierten Schläfchen flucht („Feck! Girls! Arse!“) und trinkt, was er kriegen kann — Kloreiniger, Bremsflüssigkeit, egal. Die Harmlosigkeit, mit der Ardal O’Hanlon Father Dougal spielt, macht dessen Dummheit erst zu der naiven Art eines Zehnjährigen: Man muß ihm einfach nachsehen, daß er nicht an Gott oder irgendeine Form organisierter Religiosität glaubt. Und auch Father Ted (Dermot Morgan), der dazu berufen ist, Jack und Dougal unter Kontrolle zu halten, verzeiht man seinen Hang zu Ruhm und Geld, der hin und wieder mit seinem Beruf als Pfarrer und seinem Glauben kollidiert („The money was only resting in my account!“).

Das klerikale Trio mit zwei Hirnzellen und seine teeverrückte Haushälterin Mrs. Doyle stürmen auch viel zu schnell die Herz der Zuschauer, als daß diese die Abenteuer von „Father Ted“ ernsthaft als religions- oder kirchenkritisch einstufen könnte: Tatsächlich beschwerte sich nach der ersten Folge ein Zuschauer, „Father Ted“ sei antikatholisch, während sich ein anderer beschwerte, die Serie sei prokatholisch. In Wahrheit dient das Setting in der irischen Landgemeinde einfach der Fallhöhe: Es ist viel komischer, wenn Priester gemeinsame Urlaube im Wohnwagen verbringen, Seniorenfußballspiele organisieren, Ähnlichkeitswettbewerbe veranstalten, sich bei versehentlichen rassistischen Beleidigungen gegen Chinesen erwischen lassen, beim Eurovision Song Contest mitmachen, das Erbe eines Nazidevotionalien sammelnden Kollegen antreten oder in einer Parodie auf „Speed“ mit einem explosiven Milchwagen fahren, als wenn Nicht-Priester das tun.

Außerdem waren Mathews und Morgan in diesem Setting entscheidend im Vorteil: Sie hatten bereits als komische Priester Comedy-Erfahrung gesammelt. Mathews war in einer U2-Parodieband („The Joshua Trio“) als Priester aufgetreten, Morgan hatte zu seiner Zeit als Lehrer Stand-Up-Gigs in der Rolle von Father Trendy, der zu vielen Themen des Alltags weise Worte auf Lager hatte, wie etwa über den Rolls Royce, den er vor einem Hotel in Dublin gesehen hatte: „It made me think wouldn’t it be nice of we all had Rolls. And then I thougt but we all do have Rolls oder should I say roles — which we must fulfill.“

Für Linehan und Mathews, die sich zuvor schon hauptsächlich als Sketch-Autoren für die „Fast Show“ und „The Day Today“ Meriten erworben hatten, begannen nach „Father Ted“ große Karrieren: Sie schrieben für Steve Coogan und Chris Morris’ sowie für die Sketchshow „Big Train“, die Sitcoms „Black Books“ und „Hippies“; Linehan führte bei „Little Britain“ und „Black Books“  Regie. O’Hanlon war Mitbegründer von Irlands erstem alternativen Comedy-Club, „The Comedy Cellar“ (1988 in Dublin) , geht mit Stand Up-Programmen regelmäßig auf Tour und hatte mit drei Staffeln „My Hero“ (BBC1 2000 – 2002) einen weiteren großen Publikumserfolg. Nur Dermot Morgan blieben größere Erfolge verwehrt: Er starb mit nur 45 Jahren am Tag bevor die dritte Staffel „Father Ted“ ausgestrahlt werden sollte. Die pseudoirische Wortschöpfung „feck“ übrigens hat es in das seriöse Oxford English Dictionary geschafft — „das Vermächtnis von ‚Father Ted’“ (Pauline McLynn alias Mrs. Doyle).

Alle drei Staffeln und das Weihnachts-Special sind in diversen DVD-Ausgaben erhältlich.

Beflügelte Krankenhaus-Sitcom

1. Juli 2006 3 Kommentare

Neue komische Formen zu finden ist schwierig. Der Vorrat an Formaten und Stilmitteln ist begrenzt, komisches Können beweist sich deshalb eher darin, altbekannte Formate geschickt zu bedienen, als neue Formate zu erfinden. Nichtsdestoweniger hat die britische Sitcom „Green Wing“ dieses Kunststück versucht, und siehe da: Die erste Comedy-Soap ist nicht nur gut, sondern ausgezeichnet, nämlich mit einem Bafta Award, also einem britischen TV-Oscar.

Völlig zu recht, denn das Prinzip der Seifenoper funktioniert auch als Comedy überraschend gut: Man nehme eine Handvoll Krankenhaus-Mitarbeiter mit kleineren und größeren unterhaltsamen Charakterstörungen, bringe sie in unterschiedlichen Konstellationen zusammen und warte darauf, daß sich komische Situationen ergeben. Das tun sie, wenn sich die junge Ärztin Caroline Todd (Tamsin Greig) zwischen dem großspurigen, aber im Grunde unsicheren Anästhesisten Guy Secretan (Stephen Mangan) und dem charmanten, aber distanzierten Chirurgen Macartney (Julian Rhind-Tutt) entscheiden muß, wenn der stets haspelnden und stotternden Hochgeschwindigkeitsneurotiker Dr. Statham als einziger im Krankenhaus glaubt, seine groteske sexuelle Beziehung zur Personalleiterin Joanna Clore sei unentdeckt, und wenn der mausgesichtige Arzt im Praktikum Martin Dear bei den ewigen Rivalitäten zwischen Macartney und Secretan jedes Mal den Kürzesten zieht.

Daß die Produzenten das Soap-Format genau kennen und damit spielen, fällt aber zunächst weniger auf als die ungewöhnliche Inszenierung: „Green Wing“ ist überwiegend mit einer Kamera und in extrem langen Einstellungen gedreht, zwischen den Dialogen werden Filmsequenzen beschleunigt oder verlangsamt, und das Ergebnis wird mit einem korrespondierenden Musik-Score zu etwas verdichtet, das an ein sehr eigenwilliges Ballett erinnert: ein Reigen von Gesten und Gebärden, eitel wehenden Kitteln, nervös fuchtelnden Zeigestäben, stolzierende Jungärzten und frustriert trottenden Verwaltungsangestellten. Diese unkonventionelle Bildsprache muß der Zuschauer sich erst aneignen. Doch das lohnt sich allemal, denn sie erlaubt eine ungemeine Bereicherung des Ausdrucks: Sie charakterisiert die Figuren und ihre Körpersprache sehr präzise und erlaubt es, komprimiert zu zeigen, was vor und nach einzelnen Situationen passiert. Und sie hilft, so Victoria Pile, die sich das alles ausgedacht hat, wenn mal ein Schauspieler seinen Text vergißt. Kaum zu glauben, daß das je passiert ist, denn das Ensemble (u.a. Tamsin Greig aus „Black Books“, Mark Heap aus „Spaced“ und Oliver Chris aus „The Office“) geht so in seinen Rollen auf, daß ein Gutteil der Show als Improvisationen gedreht wurde.

„Die innovativste Serie seit, nun ja: ‚The Office’“, schwärmte der Guardian, und in der Tat: Seit dem pseudodokumentarischen Ansatz zu einer Sitcom, wie ihn neben „The Office“ auch Larry David mit „Curb Your Enthusiasm“ pflegt, ist nichts ähnlich Maßstabsprengendes unternommen worden. Die zweite und vermutlich letzte Staffel „Green Wing“ ist in England vor Monatsfrist ausgelaufen, ein schön gestaltetes DVD-Set der ersten ist parallel dazu erschienen und kann und sollte auch von Ihnen umgehend geordert werden.

(zuerst erschienen in der Humorkritik in TITANIC 7/2006)