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Artikel Tagged ‘Edward Hogg’

Sitcom auf Bewährung

16. Juni 2012 1 Kommentar

Seit es Double Acts in der Comedy gibt, existiert die komische Rollenverteilung von straight guy und funny guy. Einer möchte die Stimme der Vernunft sein, ist verbindlich, womöglich etwas autoritär, wo nicht humorlos, jedenfalls erkennbar normal — und der andere lässt ihn auflaufen, versteht ihn nicht oder nimmt ihn allzu sehr beim Wort, macht sich über den Ersten lustig und ruiniert mit seinem Wahnsinn die guten Absichten des straight guy.

Auch für Sitcoms funktioniert dieses Rezept, in einer etwas erweiterten Version: Entweder ist die Hauptfigur der einzige Irre in einem Haufen Normaler, oder die Hauptfigur ist der einzige Normale unter Verrückten. Beispiel für die erste Variante wäre, logo, „The Office“ und alle von Steve Coogans „Alan Partridge“-Serien sowie sein „Saxondale“ (BBC2, 2006), aber auch der Uralt-Klassiker „Fawlty Towers“ (BBC2, 1975 – ’79) und „How Not to Live Your Life“ (BBC3, 2007 – ’11) sowie „Curb Your Enthusiasm“ (HBO, seit 2000), wo Larry David den Irren geben darf, an dem sich alle Konflikte entzünden. Überhaupt funktioniert diese Variante natürlich am Besten, wenn der Hauptdarsteller schon per se ein glaubwürdiger Wahnsinniger ist — sei es ein cholerischer Diktator (John Cleese), ein peinlicher Profilneurotiker (Ricky Gervais) oder ein Soziopath (Coogan).

Sitcoms, in denen die Haupfigur normal, die Welt aber verrückt geworden zu sein scheint, gibt es in noch größerer Zahl; vielleicht, weil sie ein bunteres Universum zeigen können. „The Fall And Rise of Reginal Perrin“ (BBC, 1976 – ’79), obwohl schon bald vierzig Jahre alt, spielt bereits mit dem Klischee des Normalen im alltäglichen Irrsinn: Hier flippt der extrem durchschnittliche kleine Angestellte Reginald Perrin (Leonard Rossiter) aus, der seinen sinnlosen Job bei Sunshine Desserts nicht mehr erträgt, und eröffnet (mit der Absicht zu scheitern) einen Laden, in dem es nur Trash gibt, mit dem er aber wider Erwarten erfolgreich wird — weil er sich der verrückten Welt um sich herum angepasst hat.

Auch „The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“ (BBC2, 1981) beruht auf diesem Schema des Normalen (Arthur Dent) in einer durchgeknallten Galaxie (und nirgends war die Galaxie größer und durchgeknallter als bei Douglas Adams); gerade im Moment läuft die zweite Staffel „Episodes“ (Showtime/BBC2, seit 2011), in der zwei „normale“ Engländer sich im „durchgeknallten“ Hollywood bewähren müssen (die zweite Staffel scheint mir besser zu sein als die erste, btw), und bei „Peep Show“ (Channel 4, seit 2003) ist es Mark (David Mitchell), der den Normalen gibt und der sogar seine anfangs erwähnte Komplementärfigur in Jeremy (Robert Webb) hat, der sich in der eher schrägen Welt der Show ultimativ besser zurechtfindet als der Spießer Mark. Nicht zuletzt „The League of Gentlemen“ (BBC2, 1999 – 2002) zehrte von der inzestuösen, provinziell-höllischen kleinen Welt, in der Außenseiter oft nicht lange lebten („You’ll never leave“ stand auf dem Schild am Ortseingang).

Es ist also kein neuer Trick, den Sharon Horgan in ihrer gerade angelaufenen Sitcom „Dead Boss“ (BBC3) einsetzt. Horgan („Pulling“) alias Helen Stephens findet sich hier plötzlich zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt im Frauengefängnis Broadmarsh wieder, obwohl sie den Mord an ihrem Boss (vermutlich) nicht begangen hat. Doch irritierenderweise scheint es eine Verschwörung gegen sie zu geben, denn weder ihr inkompetenter, feiger Anwalt Tony (Geoffrey McGivern) scheint ein großes Interesse daran zu haben, sie aus dem Knast zu bekommen („No win, no some fee“), noch ihre schlampige Schwester Laura (Aisling Bea), die Helens Wohnung und Arbeitsplatz einfach übernimmt, noch ihr undurchschaubarer ehemaliger Arbeitskollege Henry (Edward Hogg). Von der äußerst launenhaften Gefängnisdirektorin Margaret (Jennifer Saunders) ganz zu schweigen.

Das Frauengefängnis (und die Firma, in der Helen gearbeitet hat) übernimmt dabei die verrückte Welt, in der sich „Normalo“ Helen nicht zurechtfindet: ihre Zellenkollegin, die Brandstifterin Christine (Bryony Hannah), ist ebenso lieb und einfältig wie unheimlich, die Bullies um die Frauen-Gangchefin sind unberechenbar in ihren Aggressionen, und die Wärter (u.a. Tom Goodman-Hill, der schon in „Ideal“ den Polizisten spielen durfte) extrem grob — und allenfalls teilalphabetisiert. Ebenso scheint Helens vormaliger Arbeitsplatz ein Hort von Wahnsinnigen zu sein, angefangen bei ihrer ältlichen, hysterischen Exkollegin, die mit ihrem Status als graue Maus nicht zurechtkommt, über die junge, intrigante, etwas zu gut aussehenden Witwe von Helens Ex-Boss bis hin zu Henry, den Helen erst einmal gar nicht aus dem Büro zu kennen scheint und der seinerseits sowohl ein sexuelles Interesse an Helen hat als auch daran, sie möglichst lange inhaftiert zu lassen.

Klischees also, wo man hinschaut, und gar nicht mal neu interpretierte. „Dead Boss“, von Horgan und der Newcomerin Holly Walsh geschrieben, könnte leicht seicht werden und versickern, verließe es sich allzu sehr auf die geschilderten Mechanismen. Doch nach der ersten Doppelfolge ist noch alles offen: Die Mystery-Elemente des ungeklärten Mordes und der Verschwörung könnten für hübsche Wendungen sorgen (hier ahnt man die Regie von Steve Bendelack, der auch bei „League of Gentlemen“ Regisseur war), Horgan, Bryony Hannah und Jennifer Saunders spielen fabelhaft, und es mögen nicht die originellsten Scherze sein, die da gemacht werden, aber es sind genügend und so gut erzählte dabei, dass jedenfalls ich auf meine Kosten gekommen bin.

Richtig angenehm an „Dead Boss“ fand ich aber, dass da zur Abwechslung mal keine Schmonzette rund um eine dysfunktionale Familie in Nordengland versucht wurde, sondern eine reguläre, halbdunkle Sitcom mit richtigen Lachern drin. Dafür jetzt schon mal vielen Dank!

Bunny and the Bullshit

27. April 2010 13 Kommentare

Das Betreiben dieses Blogs stellt mich regelmäßig vor die Frage: Warum soll ich über kleine, unbekannte, hierzulande vollkommen irrelevante britische Fernsehserien oder Filme schlechte Kritiken schreiben? Wären sie gut, die Serien, Filme und Kritiken: right, das hätte Nachrichtenwert — da gibt es einen uns unbekannten Kosmos aus Witz und guter Laune, wir sind alle eingeladen und brauchen nur die Information, wo die Party stattfindet! Ist ja auch oft genug so, zum Glück. Aber darüber zu schreiben, daß kleine, unbekannte und hierzulande irrelevante Filme oder Serien nicht so richtig gut sind: Da geht der Nutzen für den Leser doch eher gegen null.

Daß ich „Bunny and the Bull“ (2009) nicht so richtig super fand, erschließt sich dem einen oder anderen gewiß schon aus der Überschrift, und wer keine Wegbeschreibung zu einer öden Party braucht, muß ab hier nicht weiterlesen. Nehmen wir aber mal an, es gibt einen, nur einen einzigen großen „Mighty Boosh“-Fan, der gerne wissen möchte, ob das Filmdebüt des „Boosh“-Regisseurs Paul King („Garth Marenghi’s Darkplace“) etwas taugt und warum nicht, obwohl doch die Boosh-Stars Julian Barratt und Noel Fielding mitspielen und Richard Ayoade sowie Rich Fulcher klitzekleine Gastauftritte haben. Nennen wir diesen Fan der Einfachheit Anna. Dann, liebe Anna: Ist diese Kritik für dich.

Zunächst einmal: „Bunny and the Bull“ ist gewiß kein „Mighty Boosh“-Film, nicht offiziell, und inoffiziell auch nicht. Da ist zwar die äußere Erscheinung, die tatsächlich etwas von der psychedelischen Kultserie hat — aber in den entfernt Boosh-artigen Kulissen findet überraschenderweise keine Komödie statt, sondern ein Drama. Es ist das Drama eines jungen Mannes namens Stephen (Edward Hogg), der seine Wohnung seit einem Jahr nicht verlassen hat, seinen Tagesablauf einer minutiösen Routine unterzieht und seine gebrauchte Zahnseide in datierten Umschlägen archiviert. Und nicht nur die. Die Grenzen der Realität werden allerdings schnell durchlässig, und ohne daß sie als solche sofort kenntlich wären, erfahren wir in Rückblenden die Ereignisse aus der Zeit vor Stephens selbstgewählten Weltferne: Wie er mit seinem Freund Bunny (Simon Farnaby) durch Europa reiste, nachdem sie bei einer Pferdewette gewonnen hatten. Mehr…