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Sheiks and the City

8. August 2009 4 Kommentare

Iranische Stand Up-Comedians — das klingt ein bißchen nach nordkoreanischen Demokratie-Experten. Und doch gibt es zumindest einen sehr guten: Omid Djalili, der bereits zwei Staffeln der „Omid Djalili Show“ auf BBC1 vorgelegt hat, nachdem er lange mit Stand Ups und kleinen Rollen (z.B. in „Lead Balloon“) in der zweiten Reihe agiert hat. Nun gut, Djalili ist in Großbritannien geboren und aufgewachsen, seine Themen aber sind vornehmlich mittelöstlicher Provinienz — wie etwa in dieser „Sheiks and the City“-Nummer, die direkt gefolgt wird von einer „Dad’s Army“-Parodie. Kauf-Empfehlung!

https://www.youtube.com/watch?v=dBk5R2WK1nk&hl=de&fs=1&

Und weil’s so schön war: noch ein Ausschnitt „Look Eastwards TV“ — mit „Saudi Arabia Got Talent“ und „Wife Swap“!
https://www.youtube.com/watch?v=66sSuQfeKck&hl=de&fs=1&

Total verkuppelt

7. August 2009 3 Kommentare

Ich hatte „Coupling“ (2000 – 04, BBC2) eigentlich mehr der Vollständigkeit halber geordert,  nicht, weil ich besonders viel davon erwartet hätte. Schon als sie auf Pro7 lief, hatte ich die Serie für zu mainstreamig befunden, und (wie so ziemlich jeder Kritiker) für zu nahe an „Friends“. Und wenn mich irgend etwas langweilt, dann das damals  besonders virulente „Frauen benutzen gerne Venus-Kaffeemaschinen, Männer essen lieber ein Mars“-Thema.

Dementsprechend überrascht war ich, als sich (nach einer etwas schleppenden ersten) vor allem die zweite und dritte Staffel als hervorragendes Popcorn-Fernsehen herausstellten: Vor allem die immer neuen und für Sitcoms eher ungewöhnlichen Formen, die den ewigen Ringelpiez mit Anfassen variierten, haben mich dann doch von den Qualitäten der Serie überzeugt. So etwa der Dreh, die selben zehn Minuten dreimal zu zeigen, allerdings mit je anderen Figuren im Mittelpunkt, so daß zunächst unverständliche Ereignisse beim zweiten und dritten Mal plötzlich Sinn ergeben; oder der Dreh, die selben 15 Minuten aus zwei unterschiedlichen Perspektiven zu rekapitulieren, so daß die gleichen Sätze, je nachdem, wer sich wie daran erinnert, auf einmal etwas ganz anderes bedeuten. Und fast eine ganze Folge extrem statisch als langes Telefonat bzw. als Telefonkonferenz aufzubauen, ist zumindest für eine Mainstream-Sitcom schon recht unkonventionell. Dabei fliegen einem die Gags in einer Frequenz um die Ohren, daß es nur so rauscht — bemerkenswert, daß dabei alles von einem einzigen Autor stammt, nämlich Steven Moffat, während etwa „Friends“ bei IMDB gute 40 Autoren verzeichnet, was bei 238 Folgen „Friends“ gegenüber 28 Episoden „Coupling“ relativ gesehen immer noch, äh, viel mehr „Friends“- als „Coupling“-Autoren bedeutet.

Apropos: Der Vergleich mit „Friends“ (1994 – 2004, NBC) liegt zwar in der Tat nahe, ist aber nicht ganz berechtigt. Sicher, die Aufstellung des Ensembles von je drei Frauen und Männer Anfang dreißig sowie das Setting Zuhause/Kneipe sind durchaus ähnlich, und auch die Figuren scheinen ihre direkten Pendants zu haben, vor allem Phoebe (Lisa Kudrow) und Jane (Gina Bellman) sowie Joey (Matt LeBlanc) und Jeff (Richard Coyle) sind einander in ihrer Überspanntheit gewiß nicht unähnlich. Allerdings ist nicht nur der Tonfall typisch britisch („You can’t just walk in through the front door, this isn’t an American sitcom!“), mithin viel schwärzer und unbekümmert, was sexuelle Tabus angeht. Die ganze Anlage von Plot und merkwürdigen Figureninteraktionen sind, nach Moffats eigener Aussage, eher an „Seinfeld“ orientiert als an „Friends“.

Moffat, der die Serie eigenen Angaben zufolge übrigens auf wahre Begebenheiten zwischen ihm und seiner damaligen Ehefrau Sue Vertue, der Produzentin der Serie aufbaute (die beiden „Coupling“-Hauptfiguren heißen Steve und Susan), schrieb anschließend einige Folgen „Doctor Who“, Sarah Alexander (Susan) wuchs in „Green Wing“ und „The Worst Week of My Life“ über sich hinaus, und Jack Davenport (Steve) heiratete immerhin Michelle Gomez („Green Wing“, „The Book Group“). Ist doch auch was.

Nachtrag: Würde ich Britcom-Blog-Preise vergeben, dann erhielte „Coupling“ auf jeden Fall einen: Nämlich den für die schlimmste Vorspann-Graphik ever. Uah, diese gräßlichen Pastell-Töne! Die runden Ecken…! Furchtbar.

Guys! We’re doing a suicide video here!

Nicht nur Film- und Fernsehprofis haben ihre Probleme mit unterschiedlichen Genres. Auch Selbstmordattentäter, die ein Bekennervideo drehen wollen, müssen sich über die Stilmittel und Wirkungsweisen des Mediums Film im Klaren sein.
https://www.youtube.com/watch?v=MJh-aoIIz5I&hl=de&fs=1&

Eine Comedyserie über trottelige Selbstmordattentäter, die peu á peu herausfinden, daß der westliche Lebensstil doch so seine Vorteile hat — das könnte lustig werden. Zu lustig offenbar für’s Fernsehen, so daß „Living With The Infidels“ erstmal nur bei YouTube zu sehen sein wird. Sollte YouTube nicht einknicken, was angesichts erster Proteste durchaus nicht außerhalb des Möglichen liegt.

Update: Die Webseite dazu ist hier, die Filme sind aber, soweit ich das sehe, noch nicht freigeschaltet.

Show me the way to Psychoville

4. August 2009 3 Kommentare

Ab heute, es geht immer schneller, daß DVDs nach der Fernseherstausstrahlung erscheinen, gibt es „Psychoville“ (BBC2) auf DVD (und Blue-ray). Allerdings fällt mir kein Grund ein, warum sich jemand die Serie auf DVD kaufen sollte — ich hatte ja von Anfang an kein Faible für das Horror-Comedy-Thriller-Genre, das die „League of Gentlemen“-Macher Shearsmith und Pemberton sich hier vorgenommen haben. An meinem Urteil von damals hat sich auch nach fünf weiteren Folgen wenig geändert; außer daß mich die erheblichen formalen und qualitativen Unterschiede zwischen den Episoden verblüfft haben: Da gibt es eine Folge, die in einem einzigen Take aufgenommen ist (bzw. so scheint — ein Schnitt ist doch drin, angeblich weil die HD-Kameras nach 20 Minuten heruntergefahren werden müssen) und so etwas äußerst Theaterhaftes hat, was der Rest der Serie nicht hat, ohne daß es einen erkennbaren Grund für diesen Bruch gäbe. Daß mal eine nicht so gute Folge in einer Serie vorkommt, ist ja nicht ungewöhnlich, aber das Finale von „Psychoville“ ist schon sehr hanebüchen: Da werden alle Erpressungsopfer zum Showdown in einer verlassenen psychiatrische Klinik versammelt — oder eben nicht alle, sondern nur einige, weil ein paar andere es drehbuchbedingt nicht schaffen, was ein beträchtlich schwächeres Finish ergibt. Über diese Skriptschwäche wird dann sogar noch verhandelt, statt sie dezent zu überspielen. Und der letzte große Höhepunkt (inklusive einer furchtbar schlecht inszenierten Explosion) läßt der Möglichkeit einer zweiten Staffel so viel Raum, daß das Finale der ersten endgültig vage bleibt.

Die einzigen echten Lacher hat der Clown Jelly, der sich ob seines Versagens immer wieder schön in Rage redet wie hier im Altenheim:

Doch sonst regiert, was belachbare Gags angeht, leider der horror vacui. Schlecht für eine Sitcom.

Eürovision Söng Contëst?

Sacha Baron Cohen will auch für seinen neuen Film undercover arbeiten — als skandalträchtiger Act beim Eurovision Song Contest. Das berichtet heute The Sun. Ursprünglich sei die Idee für „Brüno“ gedacht gewesen, heißt es, nun will er aber eine ganz neue Figur für diesen Zweck erfinden. Und das, wo man gerade dachte: Spaßbeiträge für den Eurovision Song Contest — das ist aber mal sowas von vorbei, wenn mittlerweile Stefan Raab, der Vater aller Song-Contest-Witzbolde, den Vorentscheid für die ARD ausrichten darf…

Gavin & Smithy kill some Lesbian Vampires

Zwei Jungs Ende zwanzig/Anfang dreißig sitzen im Pub. Der Dicke versucht den Traurigen aufzuheitern, weil dieser gerade von seiner Freundin verlassen worden ist. Dann bricht die Untoten-Hölle los. — Kommt einem irgendwie bekannt vor, als Auftakt einer Horrorkomödie? Jepp, das ist der Anfang von „Shaun of the Dead“ (2004), und es ist der Anfang von „Lesbian Vampire Killers“ (2009), der jüngsten Filmkomödie mit Mathew Horne und James Corden (beide „Gavin & Stacey“, „Horne and Corden“).

https://www.youtube.com/watch?v=33988JSCCnA&hl=de&fs=1&

Damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon wieder auf. Denn „Shaun of the Dead“ ist lustig. „Lesbian Vampire Killers“ nicht. Schlimmer noch: „Shaun of the Dead“ verhält sich zu „Lesbian Vampire Killers“ wie eine Komödie von Blake Edwards zu einem beliebigen Film von Uwe Boll. Man könnte sogar sagen: Hätte sich Uwe Boll je an einer Horrorkomödie versucht — viel schlechter als „Lesbian Vampire Killers“ könnte sie auch nicht sein.

Fletch (Corden) und Jimmy (Horne), völlig mittellos (beide) und frisch verlassen (Jimmy), beschließen wandern zu gehen. Der Dart-Pfeil, den Jimmy zur Zielbestimmung auf eine alte Landkarte wirft, trifft Norfolk. Dort landen sie in einer Art „mittelalterlicher Schwulenbar“, wo sie von der Legende von Carmilla erfahren, laut der alle jungen Frauen des Dorfes an ihrem 18. Geburtstag lesbisch werden. Dafür verantwortlich sind Carmilla und ihre Gang von Lesben-Vampiren, die nur von einem Mann gestoppt werden können: Dem Nachfahren eines Ritters, der — Überraschung! — die gleichen Male auf der Brust hatte wie Jimmy. Dazu benötigt er ein Schwert, dessen Griff einem metallenen Penis ähnelt: Das Schwert von Daeldo. Ja, Daeldo spricht sich fast wie Dildo aus. Exakt auf diesem Niveau befinden wir uns.

Dazu kommen Dialoge, die (schon wieder fällt mir Boll ein!) kurz davor sind, unfreiwillig komisch zu sein („The legends… they’re true!“), oder mit möglichst großer Derbheit Komik zu evozieren versuchen („Why are they taking so long?“ — „She’s probably having a massive shit“), ein Plot, der amateurhaft gestrickt ist und deshalb ab und zu völlig rätselhaft bleibt, und etliche geklaute Motive. Was dafür völlig fehlt: Jeder Funke von Wissen um das Genre und seine Filme, und deshalb auch all die clevere Anspielungen, die „Shaun“ für Horrorfreunde erst so vielschichtig gemacht haben. Jeder Wille zur Exploitation. Und jeder Mut: zum Ekel — statt Blut fließt hier leuchtend weißer Schleim — oder auch nur zu ein paar Titten.

Ja, ich weiß, „LVK“ will eine Hammer-Parodie sein. Es ist aber keine. Parodien müssen ihre Vorlagen kennen — und bis zu einem gewissen Grad auch mögen und respektieren. Das tun die beiden Autoren Paul Hupfield und Stewart Williams (angeblich seinerzeit in der MTV-Comedyentwicklung bestallt) aber nicht. Was eine Erklärung dafür sein mag, daß das Projekt jahrelang liegengeblieben war. Vermutlich ist es nur realisiert worden, weil der Titel so gut war.

Uff. Schön langsam reicht es mit Horne und Corden: Eine vergeigte Sketchshow und eine unterirdische Komödie (warum versuchen Fernsehkomiker sich immer und immer wieder an Filmkomödien für’s Kino?!) werfen schön langsam sogar in der Retrospektive ein schlechtes Licht auf „Gavin & Stacey“, diese romantische Sitcom, die einige von Anfang an für überschätzt gehalten haben. Ich ja nicht, mir hat’s gefallen, aber von nun an werde ich vermutlich bei jedem gemeinsamen Auftritt der beiden an diesen Ramsch denken müssen. Hmpf.

„Lesbian Vampire Killers“ ist heute auf DVD erschienen.