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Archiv für die Kategorie ‘Dokumentation’

Die Superreichen und wir

10. Januar 2015 4 Kommentare

Diese erste Folge einer zweiteiligen Doku hat mich gestern umgehauen: „The Super-Rich and Us“, eine BBC2-Serie von Jacques Peretti, die nicht nur sagenhafte Einblicke in die Welt der Megareichen gewährt, sondern auch unverblümt sagt: die Annahme, dass der immer größer werdende Reichtum Weniger nach unten durchsickert und so auch den Habenichtsen zugute kommt, der sog. „Trickle Down“-Effekt, ist Mumpitz — das Geld, das die Superreichen dank Steuervorteilen (die in Großbritannien so groß sind wie nirgends sonst auf der Welt) zusammengaunern können, fehlt denen am anderen Ende der Gesellschaft. Mein Lieblingswort, das in der Doku von ein paar Frauen verwendet wird, die ihre Einrichtung für Alleinerziehende verlieren, damit dort ein paar Geldbunker für Reiche gebaut werden können, die anschließend leerstehen (wie mittlerweile ein Gutteil der Londoner Innenstadt): Social Cleansing. Soziale Säuberungen.

Bei uns laufen derweil kriecherische Dokus wie „Dubai — das Übermorgenland“ („schillernd, gigantisch, mega-cool“), in denen die protzigen Geschmacklosigkeiten kulturfreier Superreicher verherrlicht werden. (Es wird übrigens an keiner Stelle erwähnt, warum Dubai das Übermorgenland sein soll. Offenbar reicht es schon, viel Öl im Hinterhof zu haben, gut Freund mit Öl- wie Waffenschiebern zu sein und sich abzusichern, indem man dauernd von „schwerer Arbeit“ schwadroniert. Was genau aus Dubai kommt außer Öl, ob da technische, kulturelle, sonstige Fortschritte stattfinden, darüber schweigt sich „Das Übermorgenland“ selbstverständlich aus.)

Hier in voller Länge „The Super-Rich and Us“. Holt schon mal die Mistgabeln raus, ihr werdet nach dem Gucken sehr wütend sein.

UPDATE: Hier kommt der zweite Teil.

It’s just offence, isn’t it, it’s all right

30. März 2013 1 Kommentar

Ann Widdecombe, ehemalige britische Staatsministerin für Gefängnisse im Innenministerium und politisches Kind Margaret Thatchers, hat pünktlich zu Ostern eine Dokumentation (oder besser „Dokumentation„) für die BBC gemacht: „Are You Having a Laugh? Comedy And Christianity“ (noch ein paar Tage im iPlayer), und weil ich dachte, da könnte man prima was daraus ableiten für ähnlich gelagerte Diskussionen hierzulande, habe ich sie mir angesehen —

aber man kann natürlich nichts ableiten, was mir schon nach dem gefühlt zweiten Satz klar war, als Widdecombe sagt:

Jokes about christianity are everywhere you look.

Und das ist in Deutschland schon mal überhaupt nicht der Fall.

Schade eigentlich! Frohe Ostern!

Die traurigste Show der Woche

11. April 2012 1 Kommentar

Es gibt nur wenige Fernsehshows, die bei mir dieses Zen-Gefühl auslösen wie „Wheeler Dealers“ (Discovery Channel, seit 2003): Ein Autohändler (Mike Brewer) und ein Autoschrauber (Edd China) kaufen Autos, überwiegend Oldtimer, setzen sie wieder instand und verkaufen sie — und ihnen dabei zuzusehen, ist so entspannend wie nur was. (Gerade fällt mir auf, dass es ja auch ZEN gibt, „Zuschauen — Entspannen — Nachdenken“, und das kommt eigentlich hin, bis auf’s Nachdenken jedenfalls.) Genau die Sorte Popcorn-Fernsehen, wie ich sie neulich im Zusammenhang mit Alex Polizzi schon mal besprochen habe, genau das, wofür ich auch „Top Gear“ schätze.

Ursprünglich als Anleitung zum Do-It-Yourself gedacht, folgt „Wheeler Dealers“ einem strengen Format: Mike stellt das Modell der Folge vor, kauft einen Oldtimer plus, falls nötig, Ersatzteile (in der ersten Folge für ein Budget von 1000.- Pfund, in der zweiten von 2000.- Pfund usw.), Edd repariert und renoviert ihn, anschließend wird er profitabel verkauft. Vor allem wie Edd China im Verlauf der Show Motoren überholt, Verschleißteile ersetzt, Unfallschäden unsichtbar macht, Interieurs wiederherstellt und überhaupt alles tut, um den Wagen möglichst fabrikneu erstrahlen zu lassen, wie er dabei jeden Arbeitsschritt erklärt und kommentiert und wie am Schluss ein (meist) bildschöner Klassiker der Automobilgeschichte in neuem Glanz erstrahlt: Das hat etwas zutiefst Befriedigendes. Na ja, zumindest für mich als Freund von Autos der siebziger Jahre, der selbst eines besitzt und auch schon, äh, daneben gestanden und Hiwi-Arbeiten erledigt hat, während der Fachmann Bremsleitungen erneuert, das Getriebe gewechselt und den Vergaser eingestellt hat.

Genau deshalb aber, weil ich ein Freund gepflegter alter Autos bin (im Gegensatz zu verbastelten, „gepimpten“ Oldtimern), ist „Wheeler Dealers“ gleichzeitig eine zutiefst traurige Show. Denn in praktisch jeder Folge wird klar: Das grundlegende Prinzip, auf dem „Wheeler Dealers“ zu beruhen vorgibt, funktioniert nicht, die beiden machen niemals Profit mit ihrer höchst ehrenhaften Arbeit. Zumindest nicht, wenn man die Arbeitsstunden zählt, die Edd (und auch Mike) investieren. Manchmal aber machen sie nicht einmal Profit, wenn man gar keine Arbeitszeit berechnet.

So im Falle der aktuellen Folge, wo Mike und Edd einen Renault Alpine 330 in Frankreich kaufen, die leckende Wasserpumpe austauschen, unter Zuhilfenahme abenteurlicher selbstgebauter Werkzeuge Radlager tauschen, den Motor (ausnahmsweise) ein wenig aufmotzen und einige optische Korrekturen vornehmen — und dann auf den Cent das dafür bekommen, was sie für Fahrzeug und Teile ausgegeben haben, so dass vermutlich -zig Arbeitstage sich einfach in Luft auflösten. Das tut ein bisschen weh, und ich glaube, um das zu spüren, muss man gar kein Liebhaber sein.

Hier ist die aktuelle Folge mit dem Alpine, und YouTube hat einige mehr: die mit dem Fiat Dino Coupe (aus der aktuellen, der 10. Staffel), mit dem Ford Capri (1. Staffel), mit dem Porsche 928 (3. Staffel), dem Fiat 500 (5. Staffel) oder dem VW „Bulli“ T2 (7. Staffel, den allerdings fast kaputtgepimpt).

Alex Polizzi

26. Februar 2012 3 Kommentare

Es gibt Fernsehshows, die sind wie Popcorn: Man wird nicht richtig satt davon, aber sie machen Spaß. Sie setzen auf schlichte Effekte, aber die können sie dafür perfekt. Makeover-Shows gehören in diese Kategorie. Damit man sich nicht allzu schnell daran den Magen verdirbt, müssen sie gut gemacht sein. Meine Lieblings-Show dieser Art im englischen TV ist „The Hotel Inspector“ (Channel 5).

Der „Hotel Inspector“ ist Alex Polizzi, Anfang 40, eigentlich Alessandra Maria-Luigia O Polizzi Di Sorrentino, selbst aus einer Dynastie erfolgreicher Hoteliers stammend und eine Mischung aus Domina und Ehetherapeutin — man weiß nie, ob sie einen gleich übers Knie legt oder einem den Kopf streichelt. Was schon einen nicht unbeträchtlichen Teil des Appeals ihrer Show ausmacht: Sie ist streng, aber charmant, resolut, aber mit Einfühlungsvermögen. Sie ist in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil von Tine Wittler.

Und auch ihre Show ist das Gegenteil von „Einmarsch in vier Wänden“. Das geht schon mal damit los, dass „The Hotel Inspector“ weniger Privatmenschen beim Makeover unterstützen als Geschäftsleute, nämlich Hoteliers, und in ihrer neuen BBC2-Show „The Fixer“ Familienunternehmen, Christian Rach und seiner Restauranttesterei also nicht ganz unähnlich. Wie Rach ist sie vom Fach, wie er erkennt sie die Zusammenhänge von persönlichen und geschäftlichen Problemen, und wie Rach geht sie auf die Menschen individuell ein, statt einfach alles mit dem gleichen Kreativ-Schmu von der Ikea-Stange zuzukleistern.

Die Fälle allerdings sind ein bisschen bunter. Womöglich, weil die Protagonisten etwas ungewöhnlicher sind: Klarerweise zunächst einmal Hoteliers, die sich selbst überfordern, nicht genügend geschäftliche Ahnung haben oder so sympathisch rüberkommen wie Basil Fawlty. Aber auch Hoteliers, die Spinnweben aus drei Jahrzehnten für Flair halten, knall-rosa Badezimmer „für Schwule“ anbieten und ihren persönlichen Porzellankitsch großzügig über alle Zimmer verstreut haben; Hoteliers also mit mittleren und großen Persönlichkeitsschaden, Menschen, bei denen Selbst- und Außenwahrnehmung überhaupt nicht mehr übereinstimmen und die die Grenze zwischen liebenswert exzentrisch und komplett spinnert vor langer Zeit schon hinter sich gelassen haben.

Das angenehme aber: Genau diese durchgeknallten Charaktere werden von Alex Polizzi nicht gestutzt, auf Normalmaß zurückgeschnitten und gleichgemacht, sondern in ihren Eigenheiten aufgefangen. Mit größtmöglicher Verbindlichkeit, unzähligen „Darlings“ und viel Kompromissbereitschaft entstehen in jeder Folge neue, praktische Lösungen, und immer hat man als Zuschauer das Gefühl, dass da fair gespielt wird, dass die englische Trias aus (Selbst-) Disziplin, Individualismus und Freiheitsliebe zu einem Ende führt, das für alle Seiten zufriedenstellend ist: Für den Hotelier, den Hotel Inspector — und den Zuschauer, der ja immer auch potentieller Gast ist, sei es in den Hotels, die Alex Polizzi auf Vordermann gebracht hat, oder in den von Christian Rach aufs Gleis gesetzten Restaurants. Dass die Hotels in den schönsten (oder auch mal nicht so schönen) englischen Flecken liegen und ein Quentchen Komik wie das Salz im Essen immer dazugehört, macht „The Hotel Inspector“ zum perfekten Vorabendfernsehen, zum Appetithappen, bevor man sich wieder Nahrhafterem zuwendet.

Hier ist eine ganze Folge „Hotel Inspector“:

…in the world!

17. Februar 2012 1 Kommentar

Langsam werde ich alt. Ich merke es daran, dass ich eine immer ausgeprägtere Vorliebe für Tier-Dokus entwickle und, nachdem die Frau und ich schon die „Frozen Planet“-Dokumentationen (BBC1, 2011) verschlungen hatten, wir jetzt auf der Vorgänger-Serie „Planet Earth“ (BBC1, 2006) hängen geblieben sind. Die habe ich, eher zufällig, bei uns ums Eck in einem Laden stehen sehen und musste sie einpacken, und weil es natürlich die hiesige Ausgabe war, kann jetzt auch sagen, warum die englische Version so viel besser ist als die deutsche, die ich (ohne es zu wissen) tatsächlich schon im ZDF, zufällig und in Ausschnitten, gesehen hatte, ohne mir viel dabei zu denken:

Es ist der Ton. Zum einen natürlich die Stimme und Duktion von Sir David Attenborough, dem zuzuhören wesentlich mehr Spaß macht als der deutschen Synchronstimme von Norbert Langer (bei der ich mich immer frage, warum Magnum jetzt als Sprecher für Tierdokus arbeitet). Aber das Entscheidende ist: Die Aussteuerung ist in der Originalversion ganz anders. Während Langers deutsche Kommentare nämlich extrem dominant in den Vordergrund gemischt sind, wo sie Musik und Originalgeräusche ertränken, ja regelrecht auslöschen, ist Attenboroughs Stimme viel leiser, praktisch gleichberechtigt mit Musik und Geräusch-Spur abgemischt.

Das aber hat einen verblüffenden Effekt: Die ästhetischen Qualitäten der Serie sind mit einem Mal viel wichtiger als die informativen, ja, belehrenden. Plötzlich geht man als Zuschauer in den Bildern auf, in der Musik, hat das Gefühl, wirklich dabei zu sein (in HD zumal) — und jemanden an seiner Seite zu haben, der einem unaufdringlich erklärt, was man gerade sieht. In der deutschen Fassung zeigt einem ein Biologie-Lehrer einen Film und quatscht die ganze Zeit drüber, in einem onkelhaften, vormittagsprogramm-bräsigen Tonfall, der nichts, aber auch gar nichts von dem Enthusiasmus und der Distinktion Attenboroughs hat.

Die Begeisterung Attenboroughs, und das ist die andere Erkenntnis, die ich beim Zuschauen hatte, drückt sich in der schieren Vielzahl von Superlativen aus, die ich bislang so nur in „Top Gear“ gehört hatte: Praktisch alles ist das meiste, größte, tiefste, seltenste in the world. Bei der nächsten Folge zähle ich mal mit, wie viele in the worlds vorkommen, aber so komisch diese Superlativen sind: sie reißen einen als Zuschauer auch mit. Während ich bei der deutschen Fassung immer denke: Gleich zählt er die weiteren Tiere in alphabetischer Reihenfolge auf.

10 Jahre „The Office“

14. Juli 2011 8 Kommentare

Am besten gefällt mir der Ausschnitt aus der chilenischen Version (ab 5:30).

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