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Artikel Tagged ‘Stewart Lee’s Comedy Vehicle’

Pfrrrrrrps, pffffrrpppps, pfrrrrrrrt the Queen!

2. April 2016 8 Kommentare

Wo doch gerade online (zumindest in einigen Nischen des Internets) so ergiebig über Fernsehsatire diskutiert wird, was eigentlich Satire ist (zum Beispiel der „Erdowie, Erdowo, Erdogan“-Song von Extra3, der im Grunde ja nur journalistisch völlig korrekt wiedergibt, was Erdogan tatsächlich vorzuwerfen ist — ist das dann Satire? Ich würde meinen: nicht im engeren Sinne), was Satire darf (journalistisch korrekte Fakten als lustiges Liedchen wiedergeben) und was nicht (Böhmermanns Erdogan-Gedicht, das genau das tut, was Satire ausmacht, nämlich auch mit evtl. drastisch unangemessenen Mitteln arbeiten [und wo wir schon dabei sind: es war eben keine Schmähkritik, weil die z.B. von fehlenden künstlerischen Mitteln definiert ist, und ein Gedicht wie das von Böhmermann im „Neo Magazin Royale“ war gewiss nicht kunstlos, sondern hat sich schön gereimt]), …

… wo wir nun also schon dabei sind, einmal mehr über Satire und ihre Grenzen im Fernsehen zu sprechen, möchte ich hier auf Stewart Lee verweisen, der Meister ist in der Vermischung von erster Ebene des Stand-Up, der Comedy, und Metaebene, der Diskussion über das Wesen von Comedy, von Stand-Up, von der Beziehung zum Publikum. Diese Meisterschaft hat er gerade wieder bewiesen in der vierten Staffel von „Stewart Lee’s Comedy Vehicle“ (BBC2, seit 2009), von der ich hier mal die (noch) online verfügbare dritte Folge einbette, in der es um Patriotismus geht (auch die über Migranten ist sehr gut), und die exemplarisch zeigt, wie’s geht:

(Das Video wurde mittlerweile wegen Urheberrechtsansprüche der BBC gelöscht.)

Erst täuscht Lee eine observational comedy-Routine vor, schon ein bisschen gebrochen von Insider-Beobachtungen: die Rolle der Rechtsaußen-Trottel von UKIP vor der letzten britischen Wahl, wie er schon pro UKIP auf die Straße gegangen sei, um sein Comedy-Material nicht zu verlieren, und wie er immer ein gebrochenes Verhältnis zur englischen Flagge gehabt habe, die die längste Zeit ein Symbol der extremen Rechten gewesen sei.

In the 1970s, if you were flying an England flag off your house, it meant you were either an admirer of Adolf Hitler or a member of the royal family. — There’s two jokes there. Did you spot that? There’s two.

Dann erklärt er, wie sich sein Verhältnis zur englischen Flagge über die Jahre entspannte und er, als vor zwei Jahren die englische Fußballnationalmannschaft bei der WM ausschied und die Preise für die englische Fahne, die überall erhältlich war, über Nacht so purzelten, dass er sich drei Dutzend davon kaufte und sie im Keller einlagerte. Setup, Teil eins.

Setup, Teil zwei: Seine Familie ist aus dem Haus, er allein muss die Hauskatze namens Jeremy Corbyn versorgen. Ja, alle seine Haustiere hätten seit seiner Kindheit die Namen von Prominenten getragen: mit fünf sein Jack Russell Terrier namens Enid Blyton usw. Von der heutigen Popularität des vergleichsweise linksgerichteten Labour-Führers Jeremy Corbyn habe er natürlich von neun Jahren noch nichts ahnen können, als die Katze getauft worden sei.

An dieser Stelle wird schon klar: Ob das wohl stimmt? Eher nicht, aber macht nix, mal sehen, wohin uns dieser Quatsch führt. Die Metaebene wird schon sichtbar, und wir erfahren noch ein paar sehr lustige „Anekdoten“ über Haustiere mit Prominenten-Vor-und-Zunamen, geerdet mit echten Beobachtungen etwa über den Golden Retriever von Lord Grantham in „Downton Abbey“ und warum er vergangene Weihnachten einen mysteriösen, vorzeitigen Tod sterben musste (der Hund hieß Isis).

Nach fast 18 Minuten (!) folgt dann schließlich der Payoff dieser ganzen langen Einleitung: nämlich wie Jeremy Corbyn, während Lee allein zu Hause gewesen sei, schrecklichen Durchfall bekommen habe. Wie Jeremy Corbyn sich in den Keller zurückgezogen hätte, auf sein, Jeremy Corbyns, altes Katzenklo, längst außer Benutzung und ohne Streu. Und wie er, Lee, dann die alten englischen Flaggen genommen hätte, um damit … zu improvisieren.

Woraufhin vier so fantastisch lustige Minuten mit fast nichts als blowing raspberries folgen, unterbrochen von der englischen Hymne, „God Save The Queen“, die er, Lee, gleichzeitig gesungen habe, um der Flagge wenigstens einen Rest Würde zu bewahren.

Vollkommen ausgedachte Situation, das ist natürlich mittlerweile dem ganzen Publikum bewusst, aber so enorm komisch, dass zumindest ich vor Lachen beinah vom Sofa gefallen wäre. Einfach durch Pupsgeräusche und der Vorstellung, wie eine Katze namens Jeremy Corbyn auf die englische Fahne defäkiert, während jemand dazu das National Anthem singt und salutiert.

Und das ist erst der Anfang, denn natürlich ist das nicht das Ende der Geschichte. Das kann sich jeder, der mag, selbst ansehen. Wert wär’s das.

Aber der Punkt ist natürlich: diese zunächst so harmlos und matter of fact-mäßig daherkommende Geschichte ist ja eine saftige Beleidigung staatlicher Symbole, die zumindet hierzulande theoretisch ernsthafte juristische Folgen haben könnte, denn diese Staatssymbole unterstehen einem besonderen Schutz, wie auch der Bundespräsident. (Der „Deutschland-Schmäh-Shop“, den es Anfang der 90er mal in Titanic gab, war damit etwa hart an der Grenze, und wollte es auch sein, als er schwarzrotgoldenes Klopapier anbot, entsprechende Klobürsten und andere Utensilien, die in eindeutigem Zusammenhang gezeigt wurden.)

DAS ist nämlich die Kunst und das Tolle an satirischer Comedy: ein Publikum, das im Falle von „Stewart Lee’s Comedy Vehicle“ ja nun nicht aus Staatsfeinden und Linksautonomen besteht, geschweige denn nur aus Stewart-Lee-Fans, sondern aus dem durchschnittlichen BBC-Publikum, das zu solchen Aufzeichnungen kommt, ein solches Publikum genau durch das klug vorbereitete, allmählich aufgebaute, sich ankündigende Überschreiten der Geschmacksgrenzen bei gleichzeitiger Höchstkomik auf eine ganz andere Bewusstseinsebene zu bringen — vielleicht unfreiwillig, wie man eben Lachen MUSS, nicht weil man sich bewusst dafür entscheidet, sondern weil es eine körperliche Funktion ist wie Erbrechen bei Ekel, sexuelle Erregung beim Ansehen von Pornografie usw., —

aber dieses Lachen ist ein befreiendes Lachen, ein Lachen des Individuums, des Einzelnen über etwas, das viel mächtiger, ehrfurchtgebietender ist als man selbst: den Staat und seine Symbole, denen man ja sonst nur ausgeliefert ist, die man aber in diesem einen, winzig kurzen Moment der Freiheit durch Comedy überwinden kann, zeitlich kurz und räumlich gebunden, nicht für immer, nur diese paar Minuten, durch etwas, das man Kunst nennen könnte, in der andere Regeln gelten als juristische, die andere Grenzen hat als die des Geschmacks.

Ein Publikum also, das eigentlich anderer Meinung ist, gegen seinen Willen so zum Lachen zu bringen, es dazu zu bringen, sich einerseits so hinzugeben, dem Bild zu erliegen, das jemand entstehen lässt und das gleichzeitig abstoßend UND komisch ist: das kann Satire, das kann Comedy.

(Und Stewart Lee schafft es sogar, gleichzeitig die Fäden zu zeigen, an denen seine Puppen tanzen, also die Mechanik der Comedy bloßzulegen.)

Wohingegen Satire, die mehrheitsfähig sein will, die immer nur das kunstvoll gedrechselt wiederholt, was ohnehin schon jeder denkt und weiß, zumindest eines meistens nicht ist: so komisch, dass man darüber lachen müsste.

Genau hier liegt nun das Dilemma des Fernsehens, des Fernsehsenders, der qua Auftrag mehrheitsfähig sein will (in Deutschland insbesondere die Öffentlich-Rechtlichen), und die Freiheit des Einzelnen, die Freiheit der Satire und Comedy, ja, auch der Meinung, die ja nur dann verteidigenswert ist, wenn sie eben eine abweichende ist und nicht die, die von ganz unten bis ganz oben im Sender sowieso schon jeder hat.

Die BBC hat mit Stewart Lee, jedenfalls so weit ich weiß, kein Problem.

Und so endet diese fantastische Folge des „Comedy Vehicle“ dann auch mit Medienkritik vom Allerfeinsten. Und auch danach: kein Aufschrei, kein Löschen aus Mediatheken, nichts.

Nur ein Publikum mit Bauchschmerzen vom Lachen. Wenn ich jetzt von mir auf andere schließen müsste.

Bafta 2012: Die Gewinner

29. Mai 2012 3 Kommentare

Am Sonntag wurden die Television Award Winners 2012 der British Academy of Film and Television Arts bekanntgegeben; und im Zusammenhang mit Comedy wurden ausgezeichnet:

  • Jennifer Saunders in der Sparte Female Performance in a Comedy Programme für ihren Auftritt in den neuen Specials des ewigen Superknallers „Absolutely Fabulous“ (BBC1): geht klar; aber auch gegen die Mitbewerberinnen Olivia Colman („Twenty Twelve“, BBC4) und Tamsin Greig („Friday Night Dinner“, Channel 4) hätte ich wenig einzuwenden gehabt. Einzig Ruth Jones, Mit-Erfinderin und Darstellerin von „Gavin & Stacey“ (BBC3, 2 und 1) scheint mir nach dem arg süßlichen „Stella“ (Sky1) ein wenig überschätzt zu sein.
  • Darren Boyd in der Sparte Male Performance in a Comedy Programme für seinen Auftritt in „Spy“ (Sky1) — habe ich leider noch immer nicht gesehen. Nach allem, was man so hört, war diese Auszeichnung für Boyd aber verdient, und ich gönne sie ihm jedenfalls mehr als ich sie Brendan O’Carroll für seine Mrs Brown in der Männer-in-Frauenklamotten-Burleske „Mrs Brown’s Boys“ (BBC1) gegönnt hätte.
  • Stewart Lee in der Sparte Comedy Programme für „Stewart Lee’s Comedy Vehicle“ (BBC2). Auch Charlie Brooker hätte ich den Bafta für „Charlie Brooker’s 2011 Wipe“ gegönnt, aber zum einen war das nur ein One-off, zum anderen ist dieses Blog ja irgendwie sowieso Stewart Lee und seinem Werk gewidmet, also geht auch das in Ordnung. Weiter abgeschlagen in meinem persönlichen Ranking: der Mitbewerber „Comic Strip: The Hunt for Tony Blair“ (Channel 4) mit Stephen Mangan. Das war denn doch einen Ticken zu krude und unlustig; das mag ja im Sinne der Original-„Comic Strip“-Serie sein, aber nicht in meinem.
  • „Mrs Brown’s Boys“ in der Kategorie Situation Comedy. Ja. Hm. Gut. Nicht ganz klar, warum so eine rückwärtsgewendete Klamotte gegen „Friday Night Dinner“ und „Fresh Meat“ gewonnen hat (gut, letzteres war vielleicht näher am ComedyDrama als an der Sitcom), und sogar das sehr stille „Rev.“ hätte ich den Mrs Brownschen Jungs vorgezogen. Meh.

Außerdem: der Special Award für Steven Moffat („Dr. Who“, „Sherlock“) geht in Ordnung (ich behalte jetzt mal diesen gönnerhaften Tonfall), und auch Andrew Scott als James Moriarty (Supporting Actor) fand ich erst gestern wieder sehr gut in der ARD-Ausstrahlung von „The Reichenbach Falls“ (auch wenn ich dann am Schluss doch wieder den Faden verloren habe. Was soll’s, tolle Bilder immerhin).

Dass „Holy Flying Circus“ (BBC4) nicht in der Kategorie Single Drama gewonnen hat, ist absolut verständlich, und dass „Shameless“ (Channel 4) jetzt in einer Liga mit „Holby City“, „EastEnders“ und „Coronation Street“ spielt (gegen die es in der Kategorie Soap & Continuing Drama“ verloren hat, leuchtet mir auch ein. Schade um ein ehemals schönes ComedyDrama. Guckt eigentlich noch jemand die US-Version davon?

Ebenso nicht gewonnen hat Gervais’/Merchants/Pilkingtons „An Idiot Abroad“ (Sky1, nominiert in der Sparte Reality & Constructed Factual, was ich einen sehr guten Begriff finde, Constructed Factual).

Stand Up in den Zeiten von Twitter

1. Februar 2012 2 Kommentare

Was kann Bill Hicks froh sein, dass er zu Zeiten lebte, als Twitter noch nicht erfunden war! Der Mann kam sein ganzes (zugegeben kurzes) Leben praktisch mit den gleichen 120 Minuten Material aus, das er immer und immer wieder verwendete. Gutes Material, sicher. Aber halt doch recht überschaubare Mengen davon.

Stewart Lee dagegen, dessen neues Programm „Carpet Remnant World“ ich in London zu sehen die Gelegenheit hatte, berichtet von eher neuen Problemen: Nach zwei Staffeln „Comedy Vehicle“, die je (fast) drei Stunden (fast) neues Material erforderlich machten, braucht er dringend frischen Witze-Stoff — schließlich kommt ein Teil seines größer werdenden Publikums, nachdem es die Show gesehen hat, und will keine alten Scherze nochmal vorgesetzt bekommen. Neue Scherze probiert er regelmäßig in 20-Minuten-Slots zusammen mit anderen Comedians in Pub-Hinterzimmern aus, um ein Gefühl für Form und Inhalt zu bekommen; Scherze also, die er eventuell erst ein paar Stunde zuvor geschrieben hat und die noch längst keine endgültige Form haben. Scherze aber, die er am gleichen Abend noch bei Twitter nachlesen kann, wo Hardcore-Fans sie bereits der Weltöffentlichkeit zu lesen geben. Womöglich mit der Anmerkung: Schwach! Früher war er besser!

Schlechte Zeiten für Stand Up-Comedians also. Immerhin das Filmen und Fotografieren kann man dem Publikum verbieten, und das wird auch recht strikt durchgesetzt. Zumal es in Lees aktuellem Programm selbstverständlich wieder um Meta-Ebenen geht und deshalb einzelne Witze, aus dem Zusammenhang gerissen, leicht verfälscht wiedergegeben werden können, selbst als Film-Clips. In „If You Prefer a Milder Comedian, Please Ask for One“ war es ein Rant über „Top Gear“ und darüber, dass er sich wünsche, Richard „The Hamster“ Hammond sei bei seinem Raketenautounfall brutalst zu Tode gekommen; ein Rant, der nur verständlich war, wenn man seinen Rahmen kannte: Nämlich dass Lee den skrupellosen Humor von „Top Gear“ und das Bullying v.a. Jeremy Clarksons zum Gegenstand gemacht hatte („It’s only a joke, like on ‚Top Gear‘!“). Schon da versuchte die Yellow Press (vergeblich), Lee ans Bein zu pinkeln; im Falle eines anderen Rants gegen Michael McIntyre, der, laut Lee, seinem Publikum seine „warme Diarrhoe mit dem Löffel verabreicht“, klappte das schon besser: Da ließ sich für das ungeübte Auge nicht so leicht erkennen, dass das lediglich der extrem neidische Blick einer Bühnenfigur war, die Lee spielt, nämlich sein Alter Ego als erfolgloser Stand Up-Comedian, der dem familienkompatiblen, sprich: sehr harmlosen McIntyre dessen irren Erfolg neidet. Und vor allem dessen Möglichkeit, äußerst schlichte observational comedy zu machen.

In Lees neuem Programm geht es unter anderem um Islam und scheinbar naive Kinderfragen (Lees Sohn ist, glaube ich, fünf); abermals ein (vorgeblicher) Versuch, beobachtende Comedy zu machen, und der Bericht darüber, wie schwierig das ist und wie ermüdend. Abermals versucht Lee, sein Publikum in die Irre zu führen, es glauben zu lassen, seine Witze verhungerten auf offener Bühne, er, Lee, könne also gar keine Stand Up-Comedy. Aber das klappt schon nur noch bedingt. Mittlerweile wissen zum Glück doch die meisten, wie gut Stewart Lee wirklich ist, obwohl er immer noch damit spielt, dass ein Teil seines neuen Publikums falsche Erwartungen hat und doch besser gleich heimgehen sollte.

Noch ein Problem der modernen Welt: Lees Publikum ist intelligent genug, das Internet bedienen zu können, und lädt sich deshalb seine DVDs zunehmend illegal herunter. Ein Problem, harrharr, das Michael McIntyre nicht hat — sagt Lee. Shame! Besser: online bestellen! Meine Tips wären: „Stewart Lee’s Comedy Vehicle“ (die zweite Staffel) und die letzte Live-Show „If You Prefer a Milder Comedian, Please Ask for One“. Und für weitergehend Interessierte: seine Quasiautobiographie „How I Escaped My Certain Fate“ mit vielen Stand-Up-Transkripten (das „Album“, sozusagen) sowie die letzte „EP“, also den Text von „If You Prefer…“ (hierzulande leider nur für Kindle erhältlich), wie schon in der Autobiographie mit zahlreichen Fußnoten versehen, die Absatz für Absatz erklären, was da wie funktioniert. Für Humortheoretiker eine prima Sache!

Marmite Comedy

14. Mai 2011 6 Kommentare

Marmite ist ein britischer dunkelbrauner, sirupartiger, bitterer vegetarischer Brotaufstrich aus, keine Ahnung, Malzmaische oder etwas ähnlich Abseitigem. Außerhalb Englands ist er, vermute ich mal, weitgehend unbekannt (neulich bei den „Simpsons“ ging es in einer Folge um England, und einer der besten Scherze war Homers Jauchzen: „Mmh, homemade Marmite!“). In England aber gibt es viele Menschen, die Marmite mögen. Und genauso viele, die Marmite überhaupt nicht mögen. Dazwischen aber, zwischen mögen und überhaupt nicht mögen, gibt es wenig.

Stewart Lees Comedy ist Marmite Comedy. Oder genauer: war, denn mittlerweile sind seine Kritiker verstummt (außer die üblichen YouTube-Trottel), mittlerweile scheint ihn ein großes, sehr treues Publikum fest ins Herz geschlossen zu haben. Wie man an der gerade laufenden zweiten Staffel seiner Stand-Up-Show „Stewart Lee’s Comedy Vehicle“ (BBC2) sehen kann: absolut zu Recht.

There was a rapper in London, and his name was Ironik, I-R-O-N-I-K was how he spelt it. And last November, Ironik, he went on the tweets. He was a tweeter. And one Saturday last November he twatted, which is the past tense of tweet, he twatted that he bought a new diamond necklace. And then he twatted that he was on his way to Southend to do a gig. And then he twatted that he was on his way back to London. And then he got mugged outside his house. And now Ironik understands the meaning if not the spelling of his name.

So anstrengend ist das Leben in der Stadt, aber noch anstrengender ist das Leben auf dem Land, so die Botschaft der zweiten Folge von letztem Mittwoch. Alsbald zückt Lee sein Messer und rammt es all den Ü-40-Eltern mit kleinen Kindern in den Rücken, die vom Landleben schwärmen, all den Landlust-Deppen, die aus der Großstadt weg aufs Land ziehen und dann feststellen, daß da ja gar nichts ist, außer einem Pferd auf der Weide und einem Live-Gig von dem einen von „Max and Paddy“, aber nicht Peter Kay, sondern von dem anderen, erfolglosen, und eines Tages liegt das Pferd tot auf der Weide, weil es sich selbst den Hals am Stacheldrahtzaun aufgeschnitten hat vor Frust und Langeweile und Angst, auf den Gig von Paddy McGuinness gehen zu müssen.

Aber auch die unter vierzigjährigen Zuschauer kriegen einen mit, denn für die macht Stewart Lee seine Show natürlich erst recht nicht. Für wen er sie macht, wie er sie macht, welche Witze er erzählt und ob er überhaupt Witze erzählt (abgezählte drei konventionelle Gags gab es in der ersten Folge), das ist immer ein zentraler Punkt seines Stand-Ups. Zusätzlich zu den regulären Folgen der ersten Staffel gab es in sogenannten „Red Button“-Bits immer kurze Interviews mit Armando Iannucci (der die Show auch produziert) über Form und Inhalt der Show. Diese Bits sind in der zweiten Staffel in die Show selbst integriert, aber selbstverständlich keine ernsthaften Diskussionen. Oder jedenfalls nicht nur.

Das ist die ganz große Leistung Stewart Lees: die Metaebene, die furchtbar schnell furchtbar öde wird, nie offen zu betreten. Immer hält er bei der Diskussion seines eigenen Stand-Ups subtil im Vagen, was wie und wie ernst gemeint ist. Genau dadurch werden seine Provokationen gegen das Publikum so spannend, deshalb kann er sich so weit aus dem Fenster lehnen in seinen Beschimpfungen: Weil sie immer nett und immer netter verpackt sind. Sein Messer, mit dem er in der ersten Staffel noch offen rumgerannt ist und präzise zugestoßen hat, ist in dieser Staffel in einem hübschen Strauß Blumen versteckt.

Zu diesen Blumen gehören, und das macht das „Comedy Vehicle“ zu einer runden Sache, diesmal kleine Einspieler, die die bösen Bilder, die Lee in seinem Stand-Up entwirft, plötzlich und überraschend „in echt“ zeigen, ähnlich den surrealistischen Szenen, die Iannucci in seinen Serien „Time Trumpet“ und „The Armando Iannucci Shows“ verwendet hat. Mal albern, wie in der ersten Folge, mal satirisch wie in der zweiten. Auch die aus „Jam“ bekannte Handschrift von Chris Morris („Four Lions“) ist da zu erkennen, der abermals als Script Editor mit von der Partie ist.

Zuguterletzt scheint Stewart Lee in der neuen Staffel entspannter zu sein, nicht mehr so schlecht gelaunt wie früher. Vielleicht, weil er sein Material bis ins letzte Detail geformt hat und sicher sein kann, daß es funktioniert. Vielleicht, weil er mittlerweile so erfolgreich ist, daß er sich bestätigt weiß in seiner Form der Comedy.

Marmite Comedy. Lecker.

And the Bafta goes to…

Heute abend werden die Baftas vergeben, denen ich mangels sensationeller neuer Comedy in den letzten zwölf Monaten allerdings eher halb interessiert entgegensehe. In der Sparte Comedy Programme sind nominiert:

  • „The Armstrong and Miller Show“
  • „The Kevin Bishop Show“
  • „Stewart Lee’s Comedy Vehicle“
  • „That Mitchell and Webb Look“

Mein Favorit in dieser Kategorie wäre selbstverständlich Stewart Lee, dessen Stand-Up-Show (an der auch Armando „The Balding God“ Iannucci beteiligt ist) nicht  nur die einzige neue unter den Nominierten, sondern auch die originellste ist: solipsistisch, beißend, finster — ganz nach Lees Motto If you prefer a milder comedian, please ask for one.

„Armstrong and Miller“ liefern klassische Sketch-Comedy, die wesentlich von der Chemie zwischen Alexander Armstrong und Ben Miller lebt („Worst Week of My Life“) und zwar eine ganze Menge gute Ideen hat, aber schwerlich die Neuerfindung des Comedy-Rades ist. Gleiches gilt für Mitchell & Webb sowie Kevin Bishop: letzterer hat die schnellsten Gags, erstere haben den Vorteil, Mitchell und Webb zu sein. Alle drei (außer Lee) müssen sich das vergiftete Lob gefallen lassen, „solide“ zu sein: gut gemacht, handwerklich top, in weiten Teilen auch verläßlich komisch, aber eben traditionell.

Nominiert in der Sparte Situation Comedy sind

  • „The Inbetweeners“
  • „Miranda“
  • „Peep Show“
  • „The Thick of It“

Von diesen vier fallen für mich persönlich zwei sofort raus: Miranda Harts „Ich bin so ein liebenswerter Tollpatsch“-Sitcom und die Coming-of-Age-Comedy „Inbetweeners“, die gewiß viele Wiedererkennungs-Gags für 17jährige am Start hat, nicht aber für meine Generation. „Peep Show“ (sechs [!] Staffeln) und „The Thick of It“ (je nach Zählweise zwei bzw. drei Staffeln) sind beide verdienstvoll, aber über beide wurden auch schon sehr viele Loblieder gesungen.

Auch dieses Jahr finde ich es unerklärlich, daß „Outnumbered“ nicht einmal nominiert ist (bis auf Hugh Dennis als besten männlichen Performer). Aber es ist ja auch Miranda Harts unfaßbarer Mist nominiert (und Hart selbst sogar noch als „Best Female Perfomance in a Comedy Role“), während sagen wir „Psychoville“ oder „Gavin & Stacey“ ignoriert wurden.

Einzige Kategorie, die mich am Rande interessiert, ist dieses Jahr Drama Series, in der ich sowohl „Misfits“ als auch „Being Human“ gerne an erster Stelle sähe; beide Serien seien an dieser Stelle abermals schwer empfohlen.

Die komplette Comedy-Shortlist findet sich im British Comedy Guide.

Chris Morris‘ Dschihad-Satire auf dem Sundance Filmfestival?

4. Dezember 2009 2 Kommentare

Lange nichts gehört von Chris Morris: Dieses Jahr ist immerhin als Script Editor in „Stewart Lee’s Comedy Vehicle“ aufgetaucht — ansonsten war in den letzten Jahren kaum etwas von dem Mann zu sehen, dessen Pädophilie-Episode in „Brass Eye“ 2001 für einen der größten britischen Medienskandale aller Zeiten gesorgt hatte. Nun berichtet die BBC, Chris Morris‘ erster Spielfilm „Four Lions“ sei auf der Shortlist für Sundance, wo er möglicherweise für ein bißchen Furore sorgen wird, schließlich ist Morris‘ Satire auf englische Dschihadisten kontrovers genug, daß BBC und Channel 4 sie zu fördern schon mal abgelehnt haben — auch wenn das möglicherweise nicht so sehr viel bedeutet.

Mitgeschrieben an „Four Lions“ haben Sam Bain und Jesse Armstrong, die Autoren hinter „Peep Show“ und Mitarbeiter an „The Thick of It“, und angeblich hat Morris drei Jahre Recherche für diesen Film hinter sich, in denen er mit Terrorismusexperten, der Polizei, Geheimdienstlern, Imamen und hunderten (!) einfachen Moslems gesprochen haben soll. Morris beschreibt den Film als Farce, die den „Dad’s Army“-Aspekt des Dschihads beleuchten soll; „Dad’s Army“ war eine eher gemütliche 60er/70er-Jahre-Sitcom über eine Art Senioren-Armee, die im Zweiten Weltkrieg an der Heimatfront „gekämpft“ hat. Eine Mitarbeiterin von Warp, die Morris‘ Film produziert haben, vergleicht diesen mit „Spinal Tap“ und „Dr. Seltsam“:

As Spinal Tap understood heavy metal and Dr Strangelove the Cold War, Four Lions understands modern British jihadis.

„Spinal Tap“? „Dr Strangelove“? Dschihad-Satire? Das wil ich sehen!