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In the News (10)

28. November 2009 Keine Kommentare

Charlie Brooker hat sich für die zweite Staffel „Newswipe“ (ab Januar) Verstärkung aus den USA geholt: Doug Stanhope, der als Korrespondent fungieren soll und sich in Irland bereits unbeliebt gemacht hat mit einem Scherz über irische Frauen, die sogar zu häßlich seien, um sie zu vergewaltigen. Dieser Ausschnitt, in dem er über Juden spricht, erklärt vielleicht, warum ihm auch noch Antisemitismus vorgeworfen wird — allerdings nicht ganz zu recht, schließlich greift er sie an, weil er zuvor alle anderen Religionen beschimpft und nur das Judentum ausgelassen hat. Was ja auch nicht fair ist. Und zumindest in der ersten Hälfte geht es eher um die katholische Kirche und den „neuen“ Papst, der früher Nazi gewesen sei, was er nicht so schockierend fände, jedenfalls weniger schockierend als die Umkehrung: „You know the new nazi? He used to be a pope!

Sieht aus, als wäre Stanhope gerne Bill Hicks. Vielleicht wird er’s ja noch.

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Im Haus der „Young Ones“ ist ein Zimmer frei! Wer seine Pubertät gerne nachholen möchte, kann sich ja erkundigen, ob für 525 Pfund im Monat das Einreißen von Wänden, Durchbrechen von Böden, Auftritte von Motörhead und Madness inbegriffen sind.

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The Mighty Boosh erzählen im Interview mit der Times von Kindern, die vor der Boosh-Autogrammstunde die ganze Nacht vor dem Laden anstehen, von ihrer eigenen Kindheit ohne feste Essens- und Schlafenszeiten (Noel Fieldings Eltern waren 18, als sie ihn bekommen haben), daß Fielding während seines Kunststudiums Hepatitis hatte und infolgedessen erst eine Weile, dann jahrelang keinen Alkohol getrunken hat (diese Bekenntnisse zur Abstinenz scheinen Mode zu werden), und berichten davon, wen sie während ihrer äußerst erfolgreichen US-Tour getroffen haben: unter anderen Robin Williams, Ben Stiller und Jeff Garlin, der sie gebeten habe, seinen Sohn zu überraschen und zu diesem Zweck hinter einem Busch hervorzuspringen — was leider überhaupt keine Reaktion gezeitigt habe: „The kid was really deadpan.“

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Die erste Folge der dritten Staffel „Kevin and Spacey“, Quatsch: „Gavin & Stacey“ wird in der britischen Presse bejubelt; ich für meinen Teil fand sie zwar nett, aber nicht überwältigend. Bevor ich zu einem endgültigen Urteil komme, warte ich noch mal eine Folge ab (und womöglich sogar die DVD, die schon am 7. Dezember erscheint und dank Untertiteln den einen oder anderen walisischen Scherz etwas verständlicher machen wird). Es scheint mir aber schon jetzt die richtige Entscheidung zu sein, diese dritte als die finale Staffel anzukündigen. Vor allem, wenn Stacey am Ende der Season schwanger sein sollte, was sich schon jetzt abzeichnet. Gavin and Stacey and Baby, das wäre mir dann sicher mehr als nur eine Spur zu niedlich.

Shaun gut

24. November 2009 1 Kommentar

Die gute Nachricht des Tages: „Shaun the Sheep“ geht nach über zwei Jahren Pause weiter! Aardman nennen es „zweite Staffel“, was ich mal als gute Nachricht interpretiere, weil so die „erste“ Staffel 40 Episoden lang war und ich nichts gegen nochmal 40 einzuwenden hätte. Alle bisherigen Folgen sind zum ersten Mal in einer DVD-Box erschienen und können per Import auch hierzulande bestellt werden, was für alle Kinder (meint: große wie kleine, nicht englischsprachige) eine Freude sein dürfte, weil Shaun ja ohne Dialoge auskommt.

Es gibt offenbar etliche „Shaun“-Mashups bei YouTube, ich habe mal einen rausgesucht, der „Shaun the Sheep of the Dead“ heißt und als Trailer für einen imaginierten Film daherkommt, den ich sofort gucken würde…

Die Top-10-Britcoms der 00er-Jahre: Platz 3

23. November 2009 19 Kommentare

cringe 1 ~ (at), move (the body) back or down in fear: The dog ~d at the sight of the whip. 2 behave (towards a superior) in a way that shows lack of self-respect; be too humble: a cringing beggar; to ~ to/before a policeman.

Oxford Dictionary of Current English, 1974

Komik durch Fremdschämen, größte Verlegenheiten und peinliche soziale Situationen herbeizuführen, ist keine Idee der Nullerjahre: Schon die Pythons haben im „Flying Circus“ mit dieser Spielart der black comedy gearbeitet. Sie ist nicht einmal etwas spezifisch englisches: Auch „Frasier“ (1993 – 2004) lebte zu einem guten Teil davon, daß sich Frasier (und Niles) regelmäßig selbst in mißliche Lagen manövrierten. Doch die Peinlichkeitslust (wenn man diesen Terminus parallel zur Angstlust einführen möchte) begann im britischen Fernsehen Mitte der Neunziger mit Steve Coogans „Knowing Me, Knowing You… With Alan Partridge“ (1994), blühte Ende der Neunziger mit „I’m Alan Partridge“ auf (1. Staffel 1997, 2. Staffel 2002) und hat seitdem ein Hoch: die „Ali G Show“ (2000) und Sacha Baron Cohens anschließende Filme „Borat“ und „Brüno“, „Peep Show“ (2003 – ), viele Serien aus Coogans Baby Cow-Produktionsgesellschaft: „Human Remains“ (2000), „Marion and Geoff“ (2000 – 03), „Nighty Night“ (2004 – 05); außerdem etwa Charlie Brookers und Chris Morris‘ „Nathan Barley“ (2005).

Wenn man genauer hinsieht, erkennt man, was viele dieser Produktionen eint: Sie haben auf die eine oder andere Weise postmoderne Elemente, beschäftigen sich selbstreflexiv mit den Medien, konkreter: mit dem Fernsehen, oder mit der Wirklichkeit und ihrer Konstruktion in den und durch die Medien. Cohen tut dies (zumindest semi-) dokumentarisch, wenn er mehr oder weniger unbedarfte members of the public vor die Kamera stellt und sie sich dort blamieren läßt (aber sein Material stark bearbeitet), Coogan fiktional, indem er einen Fernseh-/Radiomoderator erfindet, der sich vor uns, seinem Publikum, durch inakzeptables Sozialverhalten selbst erniedrigt, und die Serie, die es auf Platz drei der Top-10-Comedys der aktuellen Dekade gebracht hat, treibt die postmoderne Reflexion auf die Spitze, indem sie sich mit („Reality“-) TV zum einen und mit Comedy selbst zum anderen beschäftigt und so in ungeahnte Höhen (oder Tiefen?) der Peinlichkeit vorstößt:

Platz 3: „The Office“ (2001 — 2003, BBC2)topten03b

David Brent (Ricky Gervais) ist der Boß aus der Hölle: Einer ohne jegliches Einfühlungsvermögen, ohne Autorität, der nicht nur von allen gemocht und als Freund betrachtet werden möchte, sondern Anerkennung für ein Talent einfordert, dessen völliges Fehlen jedem im Großraumbüro schmerzhaft bewußt ist außer ihm selbst: das Talent, komisch zu sein. Er hält sich für einen „chilled-out entertainer“, ist Fan von Fernsehcomedy (nennt sein Pub-Quiz-Team dementsprechend „The Dead Parrots“) und möchte vor der Dokumentar-Filmcrew, die ihn und seine Angestellten begleitet, stets den besten Eindruck hinterlassen. Seine unsicheren Blicke in die Kamera, seine Angebereien betreffen uns, sie sind an uns, die Zuschauer (und Comedyfans) vor dem Fernseher gerichtet und machen „The Office“ so schmerzhaft wie kaum eine andere Sitcom davor oder danach. Die Hölle, das sind auch hier die anderen, nämlich die, von denen David Brent geliebt werden möchte, und die ihrerseits kaum herauskommen aus der Dilemma-Hölle zwischen der Verzweiflung Brents und seiner Verblendung, ein begabter Unterhalter zu sein.

Der fake documentary-Stil von „The Office“ war zunächst aus rein praktischen Erwägungen entstanden: Stephen Merchant durchlief 1998 das „Trainee Assistant Producer Scheme“ (TAPS) der BBC, in dessen Rahmen ein kurzer Feature-Film produziert werden sollte. Merchant entschied sich, mit Gervais etwas Fiktionales zu drehen anstelle der üblichen Mini-Reportagen, und da sie das Kamerateam für nur einen Tag hatten, war es das schnellste, dokumentarisch vorzugehen: Das bedeutete, daß man auf Beleuchtung, Geräusche und narrative Setups keine Rücksicht nehmen mußte. Damit hatten sie sich im wesentlichen aus den gleichen Gründen für einen Docusoap-Ansatz entschieden wie zur gleichen Zeit (und bis heute) viele Fernsehstationen: Es war billiger und ging schneller.

Bald war jedoch klar, daß genau dieser Docusoap-Stil auch das beste Transportmittel war für die desaströsen Comedyversuche Brents. Der hofft, daß seine Zitate und Verweise auf Comedy oder komisch gemeintes (wie den sprechenden Plastikfisch an der Wand) auf ihn abfärben und ihn als komischen Typen dastehen lassen; nicht selten schiebt er, um ganz sicher zu gehen, daß er richtig verstanden wird, auch noch einen Appendix an Erklärungen und Quellenangaben hinterher. Er selbst ist allerdings nie lustig, allenfalls hysterisch, wenn er etwa mit einem aufblasbaren Riesenpenis herumimprovisiert, den Tim zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, und wird sofort bitter ernst, als es um eine seiner catchphrases geht:

Brent: Remember, you’re only as old as the woman you feel.

Gareth: I say that sometimes.

Brent: Yeah, I heard you say it the other day, and I thought, „He’s using one of my catchphrases“. I dont’t mind influencing a younger comedian — you’re not a comedian — but, you know, I usually credit someone if I use their comedy.

Die Verwechslung von Comedy-Referenzen mit Comedy erreicht ihren Höhepunkt, als Brent bei seiner Motivationsrede über einen Mann aus der Papierindustrie zu reden beginnt, Eric Hitchmough, und sich diesen sowohl als Basil Fawlty wie auch als Columbo vorstellt:

Brent: Imagine if Eric was a Los Angeles detective. Be a bit weird, wouldn’t it? „Um, yeah… One final thing, my wife loves you… and I don’t agree with that in a workplace!“ What’s that, Eric? You’ve given up being a Los Angeles detective and started running a hotel in Torquay? „Yes! Don’t mention the war! I mentioned it once, but I think I got away with it and I don’t agree with that in a workplace!“

Ricky Gervais spielt David Brent, der Eric Hitchmough imitiert, wie er John Cleese als Basil Fawlty nachäfft, der Adolf Hitler darstellt — postmoderner wird’s nicht.

„The Office“ trat auf den Plan, als die Unkenrufe zum Zustand der britischen Comedy kaum noch zu überhören waren: „Is this the end for TV Sitcoms?“ fragte die Daily Mail, „Something is rotten in the state of TV comedy“, witterte der Daily Telegraph), während der Guardian Fernsehcomedy mit  „Both feet in the grave“ sah (alle zitiert nach dem empfehlenswerten „The Office“ von Ben Walters) — daß aber wenige Wochen später mit „The Office“ eine Sitcom auf den Plan treten sollte, die die Maßstäbe für Jahre setzen sollte, war auch nach der Ausstrahlung der ersten Staffel nicht sofort klar: „The Office“ hatte marginale Quoten, fuhr für BBC2 die geringste Publikums-Zustimmungsrate des Jahres 2001 ein (abgesehen von der Übertragung vom Frauen-Bowling) und wurde von vielen Zuschauern nicht einmal als Comedy erkannt. Einige Jahre später war es die meistverkaufte Britcom-DVD aller Zeiten, verkauft an Sender in sechzig Länder und in einer US-Version adaptiert, die mittlerweile in der sechsten Staffel ist.

Rückrufaktion

20. November 2009 Keine Kommentare

Meinen vor einigen Tagen geäußerten Wunschzetteltip, die neue „Mighty Boosh“ „Future Sailors“-Live-DVD, nehme ich hiermit zurück: Die braucht wirklich niemand. Die erste Live-DVD habe ich in guter Erinnerung, weil sie so reduziert war wie die frühen „Boosh“-Shows, und austariert in der Gewichtung von Barratt/Fieldings Double Act vor dem Vorhang, der sich direkt in die Zuschauer richtet, und inszenierten Geschichten.

Dieses Gleichgewicht fehlt der „Future Sailors“-Show: Die erste Hälfte lang, und das ist schon eine gute Stunde, dürfen sich die diversen Charaktere der Fernsehshow ausführlich vorstellen, inklusive Rich Fulchers Bob Fossil, den ich schon immer für die schwächste Figur hielt (und Fulcher für den am wenigsten komischen Darsteller der Truppe); die zweite Hälfte, ein von Howard Moon inszeniertes Theaterstück, das Vince kapert und zur Selbstinzenierung nutzt, ist zwar komischer, rettet aber leider die Show nicht.

The Mighty Boosh verlassen sich zu sehr auf ihren Superstar-Status, wenn sie alle Störungen aus dem Publikum zulassen, Zuspätkommer ausführlich kommentieren (kann man sowas bei einer DVD-Aufzeichnung nicht einfach unterbinden?!) und auf Heckler eingehen, und wenn ihnen im Laufe der Show ihre Figuren egal werden und beispielsweise Noel Fielding als Tony Harrison (eine Figur, die nur aus einem Kopf mit Tentakeln besteht) aus der Rolle fällt, weil er in dem ausgehöhlten Sessel, in dem er steckt, den Halt kurz verloren hat und minutenlang darauf eingeht, wie unbequem es in diesem hohlen Sessel ist — woraufhin sich auch noch ein kurzer Dialog mit Dave Brown als Bollo ergibt, der seinerseits über sein unbequemes Gorillakostüm spricht.

Nun steckt zwar von vornherein ein Meta-Ansatz in der „Boosh“-Show, weil schon seit der ersten Folge Howard und Vince zu Beginn darauf eingehen, daß eben alles eine Show ist, und die Brechung dieser Show ist regelmäßig Thema, wenn etwa Howard sie stoppt, um zu kritisieren, daß Vince die Bühne für Werbung nutzt oder ähnliches. Das aber ist jederzeit als Bestandteil des Spiels zu erkennen (einer der wichtigsten und komischsten sogar) — unbequeme Kostüme sind einfach nur unbequeme Kostüme. Und spätestens wenn auch noch Julian Barratt als Crack Fox seine Schnauze aus dem Gesicht fällt und er auch darauf noch eingeht, ist der Spaß an der Vermischung der Ebenen vorbei, und übrig bleibt ein etwas zu selbstverliebtes Team von Comedians, dem seine Popularität zu Kopf gestiegen zu sein scheint.

…and the nominations are:

18. November 2009 1 Kommentar

Die Times (schnell noch lesen, bevor Murdoch alles kostenpflichtig macht!) hält wohl große Stücke auf „Outnumbered“ — völlig zu Recht natürlich — und setzt ein nettes, kleines Feature der Serie vor die Nominierungen für die British Comedy Awards. Die werden am 12.12. vergeben, und ich drücke Claire Skinner (nominiert als beste Schauspielerin für die zweite Staffel „Outnumbered“), Daniel Roche und Ramona Marquez (nominiert als bester/beste Comedy Newcomer für die zweite Staffel „Outnumbered“) und der Serie selbst (nominiert für die beste Sitcom) alle verfügbaren Daumen. Außerdem natürlich Stewart Lee (nominiert als bester Live-Stand-Up-Performer für „Stewart Lee’s Comedy Vehicle“) und „Dead Set“ (für bestes TV-Comedy-Drama).

Die Top-10-Britcoms der 00er-Jahre: Platz 4

16. November 2009 3 Kommentare

Einer der nationalen Charakterzüge der Briten ist ihre Kompromißbereitschaft. In der Politik hielten sich (im ersten Zweikammerparlament der Moderne) Oberhaus (das nicht demokratisch gewählte House of Lords) und Unterhaus (per Wahl bestimmte House of Commons) die Waage, die anglikanische Kirche setzt sich aus evangelischen und katholischen Elementen zusammen, und der englische Philosoph Herbert Spencer definierte trial and compromise geradezu als Fundamentalprinzip der Ethik. (Lesenswerte Einführungen ins englische Wesen und den englischen Humor sowie englischen und deutschen Humor im Vergleich hat übrigens der deutsche Anglist Hans-Dieter Gelfert geschrieben.)

Auf Alltagsebene ist der sense of compromise wiederzufinden im muddling through, dem Durchwursteln, Improvisieren, Durchlavieren. Dem haftet schon nicht mehr so viel Positives an wie der Diplomatie, und das halbherzige, unentschlossene muddling through dürfte einer der Gründe sein, daß es die britische Wirtschaft nicht so leicht hat, sich gegen effizienter organisierte Konkurrenz durchzusetzen. Das Durchwursteln unter einer so kompromißlos-unenglischen Regierung wie der von Margaret Thatcher war Gegenstand einer der beliebtesten Britcoms aller Zeiten, „Only Fools And Horses“, und es ist auch (wenn auch eher in familiärer Hinsicht als in ökonomischer) eines der prägenden Momente der Britcom auf Platz vier meiner völlig subjektiven, willkürlich zusammengeschusterten Top 10:

Platz 4: „Outnumbered“ (2007 — , BBC1)topten04

Drei Kinder gegen zwei Eltern — das ist der ungleiche Kampf, in dem Pete und Sue sich regelmäßig gegen Jake (12), Ben (7) und Karen (5) durchsetzen müssen. Was nicht eben leichter wird dadurch, daß sie einerseits ein gerüttelt Maß an pädagogischer Inkompetenz mitbringen (ungeachtet dessen, daß Pete Lehrer ist), daß sie aber andererseits stets vorbildlich bemüht sind, ihre Kinder mit so wenig emotionalen Kollateralschäden wie möglich zu erziehen. Und sich dementsprechend  in endlosen Diskussionen mit Karen verheddern, Bens ewige Lügengeschichten so behutsam es geht torpedieren und Jakes Ängste ernst nehmen, aber auch nicht zu ernst, schließlich würde das seine Ängste wiederum verstärken.

Es sind oft schwere Proben, auf die Pete und Sue gestellt werden, wenn Ben behauptet, ein Lehrer habe ihm vorgeschlagen, ein paar Tage schulfrei zu nehmen, damit er ein wenig zur Ruhe käme (was sich als eine von wenigen seiner Geschichten auch noch als wahr herausstellt), Jake zu jedem Konversationsthema eine erschreckende Zeitungsmeldung zu zitieren weiß, oder Karen beginnt, ihre Mutter auf dem Flughafen mit Fragen über Terroristen zu löchern, die Flugzeuge in die Luft sprengen wollen:

Sue: Well, it’s quite complicated, because they believe that their religion tells them to do it, so that they can get into heaven.

Karen: Is this muslims?

Sue: No, not just muslims, it’s not just muslims, no.

Karen: What other religions have blown up planes?

Sue: Well… uh… the… Well, it’s mostly muslims, yes. But it’s just a tiny, tiny group of muslims, that do bad things, because they think, god is telling them to do it.

Karen: That’s silly! Why would god tell them to blow up planes?!

Sue: Well, exactly!

Karen: God could do it much easylier than they could! He can do whatever he wants, he is god!

„Outnumbered“ bleibt in den erzählten Geschichten immer glaubwürdig: Die Plots, man mag kaum von Handlung reden, erzählen von Karens Geburtstag, an dem die Familie einen Erlebnisbauernhof besucht, von einem Abend, den Pete und Sue für sich haben wollen, aber permanent gestört werden, oder von einem Sonntag, an dem die Eltern den Kindern das Fernsehen verbieten, um statt dessen einen altmodischen Familientag mit Spielen wie Verstecken oder Stein, Schere, Velociraptor zu verbringen; unter der Hand werden aber ernste Themen behandelt, etwa die zunehmende Demenz des Großvaters oder das schwierige Verhältnis Sues zu ihrer Schwester.

(Hier ein Clip aus der zweiten Staffel, in dem Karen Sues Cousine Julie bei ihrer Hochzeit mit Fragen über ihre ehemaligen Boyfriends beinahe in die Verzweiflung treibt:)

„Outnumbered“ (hier meine TITANIC-Humorkritik vom Januar) kommt an die perfekte Sitcom der Nullerjahre schon ziemlich nahe ran. Es ist vor allem das halb improvisierte Spiel, das die Serie zum Leben erweckt: Zwar haben die Erwachsenen vom Drehbuch vorgegebene Dialoge, die Kinder aber improvisieren an halbkonkreten Vorgaben entlang. Und das tun sie geradezu begnadet, allen voran die fünfjährige Ramona Marquez. Aber auch Daniel Roche als Ben geht so in seiner Rolle auf, daß man vor allem die beiden jüngsten kaum als Schauspieler begreifen kann, die (nur) eine Rolle spielen, wie es bei vielen anderen Kinderdarstellern ist, die eben nur Texte von vierzigjährigen Drehbuchautoren aufsagen. Tatsächlich war, den Worten der Autoren Andy Hamilton und Guy Jenkin zufolge, das Casting der Kinder extrem langwierig, weil die Produktion eben keine jungen Schauspielschulen-Talente haben wollte, sondern Kinder, die sowohl talentiert als auch selbstbewußt waren und vor allem Spaß an den Dreharbeiten haben würden. Dieser spielerische Ansatz funktioniert ganz offensichtlich — so gut sogar, daß Marquez und Roche alle anderen an die Wand gespielt hätten, wären nicht Claire Skinner und Hugh Dennis (als Sue und Pete) kongenial in ihren improvisierten Reaktionen, die von einem verblüffenden Sinn für komisches Timing zeugen.

(Hier abermals ein Ausschnitt aus der zweiten Staffel, in dem Karen sich in ein Gespräch über Sues neuen Boss Tyson einmischt und erklärt, warum sie sich vom Christentum abgewendet zum Satanismus übergewechselt hat:)

Kein Zweifel: „Outnumbered“ ist harmlos. Es gibt keine peinlichen Cringe-Momente, es wird nicht geflucht, es geht nicht um die Untiefen der menschlichen Seele oder kaputte Beziehungen. „Outnumbered“ ist Familienunterhaltung pur, warmherzig und hin und wieder anrührend. Wer glaubt, britischer Humor müsse immer schwarz und böse sein, wird hier eines Besseren belehrt.

„Outnumbered“ ist komplett auf DVD erhältlich; die zweite Staffel, die sogar noch besser ist als die erste, ist heute erschienen. Für Weihnachten ist ein christmas special geplant, Series 3 wird im Moment gedreht und soll im nächsten Jahr ausgestrahlt werden.