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Archiv für die Kategorie ‘Sitcom’

Ist „Fleabag“ die erste Millennial-feministische Britcom?

16. September 2016 3 Kommentare

Mitte vierzig bin ich nun bald und also nicht prädestiniert, Millennials und ihre Eigenheiten sofort verstehen und goutieren zu können. Aber seit „Fleabag“ (BBC3, seit heute auch als Amazon Original (?!), allerdings womöglich nur in den USA) meine ich, sie ein bisschen besser verstehen zu können.

Phoebe Waller-Bridge, bislang (oder sagen wir, bis zu ihrer anderen gerade erschienen Serie „Crashing“ (Channel 4), später mehr dazu) allenfalls als Anwältin in der zweiten Reihe bei „Broadchurch“ (ITV, seit 2013) aufgefallen, ist Jahrgang 1985, spielt die titelgebende weibliche Hauptrolle (angeblich ist auch im wahren Leben Waller-Bridges Spitzname Fleabag) und hat sowohl das der Serie zugrundeliegende Theaterstück geschrieben als auch die Serie selbst, die dementsprechend durch und durch ihre Handschrift trägt: die einer jungen Frau, die sich selbst sieht als „greedy, perverted, selfish, apathetic, cynical, depraved, morally bankrupt woman who can’t even call herself a feminist.“

Ob man das nun als modernisierte Version von „Bridget Jones“ sehen möchte, als „‚Miranda‘ mit Analsex“, wie David Baddiel lästert, oder als UK-Version von „Girls“: Fleabag erzählt jedenfalls tatsächlich auf eine neu-feministische, selbstsichere, selbstermächtigte Weise, u.a. von Analsex, und zwar währenddessen als aside, beiseite gesprochen, direkt in die Kamera — ein Stilmittel, das man nun tatsächlich eher aus dem Theater (und, wenn man David Baddiel ist, von „Miranda“) kennt –, von komplizierten Beziehungen — und sie hat nur komplizierte Beziehungen, nicht nur zu boyfriends (u.a. Hugh Skinner, „W1A“), sondern auch zu ihrer Schwester, ihrem Vater, ihrer Stiefmutter (Olivia Colman, als narzisstische Künstlerin fantastisch), ihrem Bankmanager (Hugh Dennis, „Outnumbered“) … und ihrer früheren Freundin und Café-Mitbesitzerin Boo (Jenny Rainsford).

Deren der Serie vorangegangener Tod, ebenso wie der von Fleabags Mutter, Trauer und Verlust sind die dramatischen Elemente, die „Flebag“ erst die Tiefe und Dreidimensionalität geben, die die Serie so herausragend machen — und die ansonsten überaus spröde, promiske, dauerironische Fleabag überhaupt nahbar, menschlich, einer Identifikation zugänglich.

Sie ist nämlich ansonsten gar nicht mal so sympathisch, sondern, wie es sich für die konfliktbeladene Hauptfigur einer britischen Sitcom gehört, durchaus opportunistisch, beziehungsunfähig und nicht zuletzt grenzkriminell; jedenfalls bekommt der Diebstahl einer kleinen Büste, die ihre Stiefmutter gemacht hat, schnell ein anderes Gewicht als die reine Rachsucht und Böswilligkeit einer egomanen Vaterräuberin gegenüber, die er zunächst zu sein scheint. Denn Fleabag klaut die Büste nicht nur, sondern versucht sie auch zu Geld zu machen — und zu nicht wenig, denn wie sich herausstellt, ist das Ding keinswegs wertlos.

Wie soll sie auch ahnen, dass ihr Schwager, dem sie die Hehlerware überlässt, diese Büste, statt sie zu verkaufen, seiner Frau, Flebags Schwester Claire (Sian Clifford) schenkt, die die Herkunft des Schmuckstücks natürlich sofort durchschaut und daraufhin Flebag zwingen möchte, sie ihrer Stiefmutter zurückzuerstatten? Hilarity ensues.

Erst allmählich lässt einen die Serie, lässt einen die Hauptfigur einen Blick hinter die zugegeben oft lustige und pointiert komische gesellschaftliche Fassade werfen, hinter der sie den dunklen Fleck auf ihrer Seele so gut versteckt wie das Muttermal auf ihrer Stirn, das zumeist von einer Haartolle verdeckt wird und doch da ist, als Makel, der unübersehbar wäre, würde Fleabag nicht so viel Kraft und Aufwand darauf verwenden, ihn zu verstecken.

Zu der schwarzen Komik kommen in „Fleabag“ also, vergleichsweise spät, aber dafür umso wirkmächtiger, eine anrührende Aufrichtigkeit und Menschlichkeit, die den Erfolg von Phoebe Waller-Bridges Theaterstück perfekt erklären (Fringe First Award 2013, The Stage Best Solo Performer 2013, Off West End Award For Most Promising New Playwright 2013, Off West End Award For Best Female Performance 2013, Critics’ Circle Award For Most Promising Playwright) und zuversichtlich stimmen, dass von Waller-Bridge auch in Zukunft Großes zu erwarten ist.

Wer, wie ich, zuerst „Fleabag“ und dann „Crashing“ gesehen hat, kommt nicht umhin, von Letzterem, nun, nicht enttäuscht, aber nicht ganz so begeistert zu sein wie von Ersterem: denn „Crashing“ erzählt um einiges konventioneller die Ensemble-Geschicht einer Handvoll Twenty-bis-Thirty-Somethings, die in einem leerstehenden Krankenhaus als property guardians, also als Zwischenmieter wohnen dürfen, solange sie die Bausubstanz erhalten. Auch hier haben wir es mit emotional defizitären und schwierigen Millennials zu tun, auch hier spielt Waller-Bridge eine vergrößerte Version ihrer selbst (wenn man das einmal unterstellen darf), auf eine ebenfalls komische, allerdings nicht ganz so düstere Art; „Crashing“ ist modern und schnell und voll mit guten Charakteren und Ideen — aber nicht ganz neu, wenn man z.B. „Fresh Meat“ (Channel 4, 2011 – 16) schon gesehen hat.

Phoebe Waller-Bridge aber darf schon mal als britische Comedy-Entdeckung des Jahres gelten (was dieses Jahr zugegeben nicht besonders schwierig ist). Ich freue mich darauf, mehr von ihr zu sehen.

Cunk on Shakespeare

William Shakespeare findet derzeit anlässlich seines 400. Todestages auch in der britischen TV-Comedy statt: Ben Elton darf einmal mehr ran und beweisen, dass er doch noch mehr drauf hat als es zuletzt mit „The Wright Way“ (BBC1, 2013) den Anschein hatte: „Upstart Crow“ (BBC2, seit letzter Woche), veredelt mit einer guten Handvoll prominenter Comedians (David Mitchell, Harry Enfield, Mark Heap und „Raised by Wolves“-Hauptdarstellerin Helen Monks) hat nach der ersten Folge allerdings noch nicht hundertprozentig überzeugt; am merkwürdigsten aufgestoßen ist mir dabei, dass einer der Nebendarsteller offenbar versucht, Ricky Gervais‘ shtick zu imitieren, was ein guter Regisseur/Produzent mit Sicherheit hätte verhindern müssen.

Uneingeschränkt super allerdings war das One-Of von Philomena Cunk alias Diane Morgan in ihrer Paraderolle aus „Charlie Brooker’s Weekly Wipe“ (BBC2, seit 2013): „Cunk on Shakespeare“ (BBC2): clever, informativ und sehr, sehr komisch.

Kurz nur währten meine Zweifel, dass das parodistische „Fernseh-Experten“-Format aus „Weekly Wipe“ mit einer halben Stunde womöglich nicht tragen würde: das tat es, und zwar ohne Mühe. Denn Brooker hat es hinbekommen, auf dem schmalen Grat zwischen Nonsens und gut versteckten echten Informationen ein komödiantisches Tänzchen aufzuführen, wie man es selten zu Gesicht bekommt: mit Scherzen für Leute, die nichts über Shakespeare wissen, mit Scherzen für Halb- und womöglich sogar mit Scherzen für Supergebildete in puncto Shakespeare, zu denen ich mich jetzt nicht zählen würde.

Denn es ist natürlich nur zum Teil ein schöner Gag, am Ende als „Shakespeares bekanntestes Werk“ „Game of Thrones“ anzuführen. Tatsächlich ist es gar nicht so hoch gegriffen, die „GoT“-Mischung aus Drama, Komödie, Horror und Historienfilm als „typisch Shakespeare“ zu analysieren: denn dass der es war, der all diese Register in seinen Stücken gezogen hat, wie er es brauchte, kriegt sogar Philomena Cunk mit Hilfe echter Experten vorher schon heraus.

(Wie sie das machen, für „Weekly Wipe“ wie hier, echte Experten vor die Kamera zu bekommen, die auf die Ahnungslosigkeit von „Philomena Cunk“ authentisch reagieren, also größtenteils mit britischer Höflichkeit, das würde ich mal gerne von einem Insider erklärt bekommen: Kann man die wirklich im Glauben lassen, Cunk sei keine Kunstfigur? Und wenn ja: wie kriegt man dann hinterher deren Zustimmung, das zu senden? Oder werden diese Experten von der Produktion gebeten, das Spiel einfach mitzuspielen? Ich kann mir kaum vorstellen, dass durchschnittliche Wissenschaftler und Kulturschaffende so gute Schauspieler sind.)

Am meisten freut es mich, dass Brooker sich eine Nische geschaffen hat, in der so etwas möglich ist: diese Mischung von high brow und low brow-Comedy, intellektueller und alberner Comedy, die an ein Publikum gerichtet ist, das zu erreichen sich das deutsche Fernsehen längst nicht mehr traut: nämlich doch ein vorwiegend gebildetes, das sich im Zusammenhang mit leichter Unterhaltung und Comedy überhaupt auf ein Thema aus der Hochkultur einlässt. Und das zu belachen geistig auch imstande ist.

Allerdings: Bernd Eilert, jahrzehntelanger Autor und Regisseur für und von Otto Waalkes, schreibt auch seit Jahrzehnten mit an den Bühnenprogrammen von Otto und konstatierte schon vor Jahren, dass eine Sorte Witze heutzutage praktisch gar nicht mehr funktionieren würde: nämlich eben die, die auf Kunst und Literatur rekurrieren. Anspielungen auf den Erlkönig, die Parodie gar, die Anfang der Siebziger zu Ottos Programm gehörte, gingen heute beispielsweise kaum noch: weil kaum noch jemand den „Erlkönig“ so parat hat, dass er Witze darüber goutieren könnte.

Und auch in meiner eigenen bescheidenen Erfahrung als Fernsehautor ist mir das regelmäßig begegnet: die Befürchtungen von Chefautoren, Producern, Fernsehmachern, dass „das Publikum das nicht versteht“; eine Befürchtung, die zu einer Selbstbeschneidung führt, die sich anschließend überall im deutschen Fernsehen bemerkbar macht.

So kommen am Ende zwei Tendenzen zusammen: der Kulturpessimismus der Fernsehschaffenden, die immer dazu bereit sind, um möglichst alle mitzunehmen, die intellektuellen Ansprüche herunterzuschrauben (damit die Senioren mitkommen, verzichten wir mal besser auf das Wort „App“ und nehmen „Programm“, ach was, wir verzichten besser ganz auf Computer und Internet!), und der tatsächliche Bildungsverlust (wer unter 80 weiß denn noch was von der deutschen Romantik?!). Das Ergebnis lässt sich im Mainstreamfernsehen besichtigen: der kleinste gemeinsame Nenner. So erzieht man sich natürlich auch das Publikum, das man verdient.

Nun denn, umso dankbarer sind die kleinen Grüppchen von Versprengten, die lieber so großartige Shows wie „Cunk on Shakespeare“ gucken oder obskure Comedyshows auf Spätnacht-Slots in Nischensendern wie ZDF.neo, als RTL-Ramsch wegzukonsumieren, über dessen Qualität ja jeder bescheid weiß außer denen, die es gucken.

Nun denn. Hoffnung ist oft ein Jagdhund ohne Spur, und wer Worte macht, tut wenig. Schön wäre es aber, wenn Philomena Cunk und Charlie Brooker sich auch in Zukunft immer mal wieder großer Themen annähmen, sie uns in diesem Halbstundenformat näherzubringen. Ich würd’s gucken!

 

Britcoms?

Eines der Probleme dieses Blogs ist: es heißt britcoms.de und soll sich eigentlich um britische Sitcoms drehen. Das tut es allerdings nicht mehr so oft, und zwar nicht zuletzt, weil ich in letzter Zeit immer weniger britische Sitcoms finde, über die es sich zu berichten lohnen würde.

Warum ist das so? Finde ich sie nur nicht oder sind einfach nicht genügend gute dabei?

Nun, da gibt es noch die große BBC1-Sitcom wie etwa „I Want My Wife Back“ (seit April): Ben Miller und Caroline Catz („Doc Martin“) als Paar in einer zerrüttetend Ehe, sie trennt sich von ihm im gleichen Moment, wo sie von seinen Schwiegereltern, ihren Eltern, eine Reise in die Türkei geschenkt bekommen; er will all die Büroarbeit zurückfahren, die der Zweisamkeit bislang im Weg gestanden hat und steht; allein: die äußeren Einflussnahmen auf Murray und Bex sind übermächtig und ziehen und zerren die Protagonisten gegen ihren Willen in mal die eine, mal die andere Richtung.

Ein klassisches Setup, wie man es jetzt nur mal zum Beispiel auch in „Worst Week of My Life“ (BBC1, 2004 – 06) gesehen hat, ebenfalls mit Ben Miller und, Überraschung, ebenfalls von Mark Bussell und Justin Sbresni. Nur dass „Worst Week“ etwas Dämonisch-Komisches hatte, weil die Verschwörung der Welt gegen v.a. Howard (Miller) aber auch seine Verlobte Mel (Sarah Alexander) bis hin zu Gegenständen zu reichen schien, die regelrechte Komplotte zu schmieden schienen. Hier in „I Want My Wife Back“ sind es nur („nur“) (Schwieger-)Eltern, horrible bosses und verliebte Assistentinnen an der Grenze zum Stalkertum. Fragt man sich fast, warum es so lange gedauert hat, bis Bussell und Sbresni auf diese Idee gekommen sind: die höheren Mächte, die zwei Verliebte davon abhalten wollen zu heiraten, nun dazu einzusetzen, die Trennung von zwei Eheleuten zu verhindern.

Mit einem Wort: „I Want My Wife Back“ sieht aus wie eine gute Mainstream-Sitcom-Idee — fällt aber hinter die zwölf Jahre ältere Vorgängerserie zurück. „IWMWB“ hat keinen USP, nichts, was man so nicht schon zu sehen geglaubt hat, und tut so zwar nicht weh, weil man sich von gutem Handwerk und ansehbaren Darstellern ja immer noch unterhalten lassen kann. Aber für Begeisterung sorgt diese Serie zumindest bei mir nicht.

In „Flowers“ (Channel 4) hatte der Sender gleich so wenig Vertrauen, dass er die ganze Serie im Laufe einer einzigen Woche ausgestrahlt hat, mit einer Doppelfolge zum Auftakt, über die ich auch nicht hinausgekommen bin, trotz guten Willens. Denn ich mag Olivia Colman, ich mag Julian Barratt („Mighty Boosh“), und die düster-exzentrische Familie, die Will Sharpe in „Flowers“ porträtiert, erschien mir zunächst wie eine britische Version von „Arrested Development“ oder den „Royal Tenenbaums“, was ich allerdings nur so lange für eine gute Idee hielt, bis mir auffiel, dass ich weder „Arrested Development“ noch die „Royal Tenenbaums“ wirklich mochte.

Hier fehlte zum Mindesten eine Folie der Normalität, sei es nun eine Figur, die den Irrsinn aller anderen Figuren reflektiert und anschaulich macht; „Flowers“ war eine Wundertüte von grotesken, überlebensgroßen, zum Teil traurigen, zum Teil abscheulichen Figuren, die aber allesamt so wenig zur Identifikation einluden, dass ich von keinem wissen wollte, wie es nun weiterging.

Dann gibt es noch zwei, drei andere Britcoms, die mich entweder von vorneherein gar nicht ansprechen („Witless“, BBC3) oder die schon in der dritten Staffel laufen, so dass es kaum noch etwas hinzuzufügen gibt („Plebs“, ITV2, nach wie vor recht unterhaltsam, „Cuckoo“, BBC3, schwach, „Raised By Wolves“, Channel 4, an dem mein Interesse ebenso schnell wieder erlahmt ist, wie es entfacht war).

Es gibt kaum noch ComedyDrama, das der Rede wert wäre: namentlich „The Aliens“ (E4), das aus der gleichen Schmiede stammt wie das weitenteils brillante „Misfits“ (E4, 2009 – 13), aber durch dramaturgische Klopse recht schnell angeschossen war — womöglich die gleichen Fehler, die Fintan Ryan schon bei „In The Flesh“ (BBC3, 2013 – 14) gemacht hat, dessen Prämisse (geheilte Zombies, die in die Gesellschaft wieder eingegliedert werden müssen) ich ebenso gut fand wie die von „The Aliens“ (eine Parallelgesellschaft von Aliens, anhand derer Rassismus diskutiert wird), die allerdings in der Umsetzung deutlich zu wünschen übrig ließen.


Also: Wo sind die Britcoms, über die zu schreiben wäre? Was habe ich verpasst? Oder gibt es in diesem Jahr, das nun auch schon beinah zur Hälfte vorbei ist, einfach gar nichts, was mit den US-Serien des Jahres mithalten könnte? Ich bin wirklich ein bisschen ratlos — und, zugegeben, womöglich auch schlecht informiert, weil von all den guten amerikanischen Serien abgelenkt.

Weiß jemand Rat?

Louis C.K., again

Für gewöhnlich halte ich mich von Sitcoms und Comedys fern, die mir, in Ermangelung eines besseren Begriffes, zu albern erscheinen. Von Comedys also, die ihre Charaktere so wenig ernst nehmen, dass sie um schneller Lachen willen zweidimensional bleiben. Ich kann mit den wenigsten Sachen von Judd Apatow etwas anfangen, mir sind Will Ferrell und „Ron Burgundy“ fremd geblieben, auch „Eastbond & Down“ war nichts für mich: alles zu laut, zu sehr auf die zwölf, zu viel Klamauk für meinen Geschmack. „The Last Man on Earth“ (Fox, seit 2015) war da schon eine Ausnahme, weil Will Fortes Phil immerhin noch ein Quentchen Tragik mitbrachte. Dass ich auch diese Serie im Laufe der zweiten Staffel irgendwann nicht mehr weiter geguckt habe, lag wohl eher an der konzeptbedingten Invarianz: es wiederholte sich alles halt doch recht regelmäßig.

Auch Zach Galifianakis („Hangover“) fiel bislang in diese Kategorie — und hat nun mit „Baskets“ (FX, seit Januar) aber eine Sitcom vorgelegt, die ich trotz ihrer Albernheit bislang gerne sehe: denn auch sie hat diese Prise Melancholie und Verlorenheit, die den reinen Quatsch (etwa Männer in Frauenkleidern) aufwiegen. Vermutlich nicht zuletzt, weil „Baskets“ nicht nur von Galifianakis, sondern auch Louis C.K. stammt, der allerdings nicht selbst mitspielt.
So ist es womöglich C.K.s Schwermut, die die Schießbudenfiguren erdet, von denen „Baskets“ bevölkert ist: von Chip Baskets (Galifianakis), einem nicht mehr wirklich jungen Mann, dessen Berufswunsch Clown in der ersten Folge schön zerschmettert wird: auf der Clown-Akademie in Paris scheitert er nicht zuletzt daran, dass er kein Wort Französisch spricht, und die Berufsaussichten zurück in den USA halten sich in engen Grenzen. So endet er als Rodeoclown; ein Beruf, von dessen Existenz ich bislang nichts gewusst hatte. Hier bedeutet es hauptsächlich, dass er sich von Stieren auf die Hörner nehmen lassen muss, um Menschen zum Lachen zu bringen. Talent ist dafür nicht erforderlich.


Weil er mit seinem französischen Motorroller einen Unfall baut, ist Chips hauptsächliche Bezugsperson bald die Versicherungsagentin Martha (Martha Kelly), die Karikatur eines farblosen, emotional vollkommen ausdruckslosen Mauerblümchens, die aber immerhin stoisch Chips (schlechte) Launen eträgt, ihn in ihrem Auto überall hinfährt und bald für seine Freundin gehalten wird. Und dann ist da noch Chips übergewichtige Mutter (gespielt von Stand-Up-Comedian Louie Anderson), ein Paradebeispiel übergriffiger Mütter, zu dem Chip den trotzigen Sohn als Counterpart gibt.

Für eine Serie, die an hanebüchenen Prämissen nicht eben spart (da gibt es z.B. noch Chips französische „Freundin“ und später Ehefrau, die nicht das geringste Interesse an ihm hat, der er aber vollkommen ergeben ist), fällt dann zwar als erstes auf, dass richtige, laute Lacher gar nicht mal so gehäuft vorkommen, wie man erwarten könnte. Im Gegenteil, die vordergründige Albernheit wird schön konterkariert durch Galifianakis‘ Deadpan-Spiel und insgesamt beinah depressive Töne.

Genau das aber macht dann eine Mischung, die ich so noch nicht gesehen habe — außer eben bei Louis C.K., wo ich diese spezielle Comedy-Farbe aber bislang immer mit der Person und der Persona von Louis C.K. selbst verbunden habe. Turns out: das lässt sich auch auf andere Serien übertragen!

Noch bin ich mir nicht sicher, ob nicht auch bei „Baskets“ die Halbwertzeit ähnlich kurz sein wird wie bei „Last Man on Earth“, ob nicht auch hier die flachen Figuren und ihre enge Bindung an die Prämisse schnell zu öden Wiederholungen führen. Aber für die erste Serie von Louis C.K. ohne Louis C.K. darin finde ich „Baskets“ bislang eigentlich ganz gut.

Klassische Comedy

12. Januar 2016 1 Kommentar

Wer hätte gedacht, dass Gael Garcia Bernal komisches Talent hat? Ich nicht. Ich hätte weder „Amores Peros“ gesehen noch „Fidel“, weder „Dot the I“ noch „Science of Sleep“, wenn es nicht auf Betreiben meiner Frau gewesen wäre, und zumindest die Hälfte davon habe ich auch sofort wieder vergessen.

Doch in „Mozart in the Jungle“ (seit 2014, Amazon Video hat die zweite Staffel am 30.12. vergangenen Jahres veröffentlicht) beweist Bernal genau das: ein ziemliches komisches Talent, das bei den Golden Globes eine von zwei Auszeichnungen für die Show eingefahren hat: für seine Darstellung des mexikanischen Dirigenten Rodrigo De Souza, der, ein enfant terrible der klassischen Musik, von der New Yorker Philharmonie bestallt wird. Er soll als neuer maestro frischen Wind in das Orchester bringen, was seinen Vorgänger Thomas Pembridge (Malcolm McDowell) sehr verdrießt.

Eine Comedy, angesiedelt in der klassischen Musikszene, das ist neu, aber erst einmal nicht so verheißungsvoll, als dass nicht schon die Buchvorlage von Blair Tindalls „Sex, Drugs, and Classical Music“ als Untertitel gewählt hätte. Nun geht es zwar nur ganz am Rande um Drogen (der Schlagwerker Dee Dee verkauft/verschenkt gerne Betablocker und andere verschreibungspflichtige „Drogen“), und auch Sex spielt erst einmal keine übergeordnete Rolle.

Dafür kollidieren die Egos der beiden maestros sehr schön, Rodrigos kindlich-überbordendes südamerikanisches Temperament und Pembridges snobistisch-künstlerisches. Und wir, das Publikum, dürfen dabei zusehen durch die Augen von „Hai Lai Ruteledge“ (Rodrigo) bzw. Hailey Rutledge (Lola Kirke), einer jungen Oboistin, deren Talent nicht ganz für das New Yorker Symphonieorchester reicht, aber doch zur Assistentin des maestros. Ihr Werdegang, der eines Außenseiters, der mit frischen Augen den Betrieb der klassischen Musik zum ersten Mal wahrnimmt, ist auch unser Blick auf das Innenleben der  Philharmonic-Symphony Society of New York, Inc..

Die ist knapp bei Kasse, und nicht alle reichen (und schnöseligen) Sponsoren sind sofort in Rodrigo und seine ungewöhnlichen Methoden verliebt; die reichen (und alten) Frauen allerdings weitgehend schon. Da bedarf es schon des Geschicks der Managerin Gloria (Bernadette Peters, die die reale Morning Randolph aus „Episodes“ sein dürfte — jedenfalls hätte ich sie nicht sofort auf 67 geschätzt), größere Revolten der Geldgeber zu verhindern. Auch die Gewerkschaften und ihre Streiks und Vorschriften sorgen für Konflikte. Und nicht zuletzt die äußerst kapriziöse (in Trennung lebende) Ehefrau von Rodrigo, die er als Stargeigerin engagiert, sorgt für einen mittleren Eklat.

Sehr hübsch ist das alles, von einer eigenen Handschrift geprägt, für die Roman Coppola, Jason Schwartzman und Paul Weitz als Produzenten sorgen. Ja, auch der Bruder von Sofia Coppola verwendet, wie schon seine Schwester in dem hübschen Netflix-Weihnachts-Special „A Very Murray Christmas“ (Tipp!), die französische Band Phoenix, hier darf sie die Openings mit einem klassisch eingespielten Schnipsel aus „Lisztomania“ unterlegen. Und ebenfalls wie in „Murray Christmas“ darf auch Jason Schwartzman wieder mitspielen — und tut dies zum (für mich gefühlt) ersten Mal ohne das Ennui, das mir an ihm sonst immer so auf die Nerven geht.

Mögen die Golden Globes auch überschätzt sein und ihre besten Zeiten hinter sich haben: „Mozart in the Jungle“ hat das Bisschen Aufmerksamkeit verdient, das der Serie so zuteil geworden ist.

(Und die Comedy „The Martian“ natürlich auch, ich hab ja tatsächlich selten so gelacht wie in dem Moment, als Mark Watney sein marsianischer Kartoffelacker um die Ohren geflogen ist.)

Freundinnen müsste man sein

Dafür mag ich meinen Blog: Ohne hätte ich mal wieder ein kleines Juwel verpasst. Unter dem Jahresendpoll wies mich Blogleser Jan G. auf „Doll & Em“ (Sky Atlantic/HBO, seit 2014) hin, und dafür bin ich ihm dankbar, denn „Doll & Em“ ist eine feine kleine Sitcom.

Em, Emily Mortimer, war mir schon in Sorkins „The Newsroom“ (HBO, 2012 – 14) angenehm aufgefallen, und Doll, Dolly Wells, hat bereits die Promi-Spoof-Show „Star Stories“ (Channel 4, 2006 – 08) bereichert. Hier spielen sie eine fiktionale Version ihrer selbst, langjähriger bester Freundinnen also, die schon als Kleinkinder zusammen in der Badewanne saßen (wie man im Vorspann jeder Folge sehen kann). Freundinnen allerdings, deren Zusammenhalt durch ihre Karrieren auf einen Prüfstand gestellt worden ist, denn während Mortimer den Sprung nach Hollywood geschafft hat, ist Wells in Großbritannien und ihr Erfolg immer im Schatten von dem Mortimers geblieben.

Genau diese Spannung bildet die Grundlage für „Doll & Em“: Doll, frisch getrennt von ihrem Typ, flieht in die USA zu ihrer Freundin Em, der erfolgreichen Schauspielerin in L.A., zieht erstmal bei ihr ein — und wird Mortimers persönliche Assistentin. Langjährige Freundinnen, mit einem Mal in einer Chef-Angestellten-Beziehung? Das sind Clashs programmiert.

Vor allem, wenn man eine so passiv-aggressive Haltung an den Tag legt wie Doll.

Und eine so britisch-indirekte wie Em.

Was sofort durchschlägt, als Doll und Em, abends auf der Couch liegend, geklärt haben: Doll soll als PA praktisch nichts machen, neinnein, keinen Kaffee morgens, und ins Studio fahren braucht sie Em auch nicht, sie kann einfach chillaxen, ist ja nicht viel zu tun, das geht dann schon klar … Gut, dass wir das geklärt haben … Eis? Ja, bitte. — Soll ich’s holen? Nein, nein! Ich kann’s aber holen. Ok. — Ist das Teil des Jobs? Nein!! — Ist es …?

Fünf Folgen lang werden die Karten immer wieder hübsch neu gemischt: Mal muss Doll bei einer Party für Susan Sarandons Balg das Kindermädchen spielen (und tappt prima ins Fettnäpfchen, als sie laut denkt, das Kind sei Sarandons Enkel), so dass Em ihrer Freundin erstmal die Anstandsregeln Hollywoods erklären muss, mal punktet Doll wider Erwarten bei Ems Kollegen am Set und wird plötzlich sogar gecastet, droht also ihrer besten Freundin die Show zu stehlen.

Schließlich aber kommt es zum Bruch der beiden Freundinnen, und die Nachwirkungen dieses Bruchs in der letzten Folge, Doll ist zurück in England, Em kommt mit Familie auf Heimatbesuch nach London, runden „Doll & Em“ sehr schön ab als eine Charakterstudie, die einmal mehr das voll ausspielt, was britische von amerikanischen Sitcoms unterscheidet: die Tiefe der Charaktere, die Schatten über den Figuren, die einem dadurch erst ans Herz wachsen. Was durchaus ein bisschen zu Lasten lauter, schneller Lacher geht, aber wer Oneliner erwartet, ist bei „Doll & Em“ ohnehin von Anfang an verkehrt.

„There’s usually three processes in movies here“, lässt sich Doll in einer Szene erklären: „You’re sort of overvalued or you’re overhyped. You overhype yourself, everybody’s brillant. And then you get used, and then you get discarded. It’s always in that sequence.“ Aber natürlich muss Doll zu dieser Einsicht selbst gelangen, auf die harte Tour.

Dass sie dabei Unterstützung nicht nur von Sarandon, sondern auch von Chloë Sevigny erhält, von John Cusack, Andy Garcia und einigen anderen Gaststars, die sich selbst spielen, schadet der Serie natürlich auch nicht; in der zweiten Staffel kommen Olivia „House M.D.“ Wilde und Mikhail Baryshnikov dazu.

Einzig etwas mehr dramaturgische Stringenz hätte ich „Doll & Em“ gewünscht, die ihre Serie auch (mit Hilfe von Regisseur Azazel Jacobs) selbst geschrieben bzw. teilimprovisiert haben. Hin und wieder mäandert „Doll & Em“ ein wenig, könnte noch deutlicher auf den Punkt kommen, etwas präziser sein.

Aber bevor diese leichte Unschärfe wirklich stört, sind die ersten sechs Folgen auch schon wieder vorbei.