ARD setzt “Cuckoo” nach einer Folge ab

16. Oktober 2014 5 Kommentare

DWDL meldet gerade, die ARD hätte “Cuckoo” (BBC3, seit 2012) nach einer einzigen Folge im Vorabendprogramm abgesetzt, weil es die Quoten nicht erfüllt hätte. (Jürgen Marschal bei Facebook dazu: “Ein Wunder, dass sie so lange durchgehalten haben und es nicht gleich während der Ausstrahlung abgebrochen haben.”)

Nach einer Folge im Vorabendprogramm. Das ist ungefähr so, wie wenn an einer Schule (und der Rundfunk hat, soweit ich weiß, einen Bildungsauftrag in diesem Land) ein Lehrer nach der allerersten Stunde Latein feststellt, dass seine Schüler gar kein Latein können, und sagt: “Oh, dann lassen wir es halt mit dem Lateinunterricht und unterrichten weiterhin Indiehändeklatschen und Nasebohren. Das können sie schon ganz gut!”

Wie kann man diesen hyperbeschleunigten Irrsinn, der btw mit Gebühren bezahlt wird, eigentlich noch ertragen?

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The Eichmann Show

15. Oktober 2014 Keine Kommentare

Was ist falsch an diesen Sätzen?

Martin Freeman to star in The Eichmann Show for BBC2 … The Eichmann Show … is a Feelgood Fiction production.

So ziemlich alles, würde ich beim ersten Lesen denken: “The Eichmann Show”, das klingt nach “Heil Honey, I’m Home” (Galaxy, 1990), der legendären britischen Sitcom, die nach einer einzigen Folge abgesetzt wurde und deren USP es war, Adolf Hitler und Eva Braun als brave Bürger zu zeigen, die mit ihren Flurnachbaren, einem jüdischen Ehepaar, aufs Verrecken nicht auskommen. Gut, “Heil Honey, I’m Home” war gleichzeitig auch als Parodie auf brave 50er- und 60er-Jahre-Sitcoms angelegt und kam daher als verlorengegangene und wiederentdeckte Fernsehserie (die im übrigen viel braver, wo nicht schlechter war, als man denken würde, man kann sich hier bei YouTube selbst überzeugen), aber allein der kontroverse Grundgedanke genügte natürlich, um einen kleinen Skandal zu verursachen.

Aber tatsächlich ist “The Eichmann Show” wohl alles andere als das: nämlich der Versuch, das erste globale Fernseh-Event (so wird es jedenfalls dargestellt) und seine Geschichte zu erzählen: die weltweite Übertragung des Prozesses gegen Adolf Eichmann 1961 in Israel. Televisual berichtet:

Described as the “trial of the century”, the Eichmann trial was shown on TV in 37 countries over four months and was the first time the horror of the death camps had been heard live, directly from its victims. 80% of the German population watched at least one hour a week and people fainted when they saw it. The trial became the world’s first ever global TV event.

Martin Freeman spielt darin die Rolle des Produzenten Milton Fruchtman, ausgestrahlt werden soll der Neuzigminüter im Januar 2015 anlässlich des 70. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz-Birkenau.

Eine fantastische Idee, sich dem Stoff der Shoah und den Architekten des Holocausts zu nähern, indem man den Umweg über dessen mediale Aufbereitung und ihre Umstände und Folgen nimmt. So hat man ein Figurenarsenal, mit dem man sich als Zuschauer sofort identifizieren kann, weil es selbst mehr mit der Erzählung, der Narration des Unerzählbaren zu tun hat als mit den direkten Folgen, obwohl natürlich viele der Prozessbeobachter selbst betroffen gewesen sein dürften.

Aber der Gegenstand der “Eichmann Show” ist die Vermittlung, die mediale Aufbereitung von etwas, das so verstandsprengend ist, dass es im Grunde unerzählbar bleibt — ein Konflikt, vor dem jeder steht (bzw. sitzt), der (zwangsläufig und zum Glück) nur Zuschauer war und ist und mit diesem Widerspruch alleine bleibt vor dem Bildschirm, vor der Leinwand: dass man zwar das unfassbarste Grauen abgebildet sieht, aber die Abbildung dem Grauen nie gerecht werden kann und es immer hereinholt in eine (Fernseh-/Kino-) Normalität, die zwangsläufig verharmlosend sein muss. Weil halt auch über dem KZ die Sonne geschienen hat und drum herum das Gras grün war und weil in jeder Abbildung der Shoah immer die Täter erfolgreich und stark sind und die Opfer, nun ja, die Opfer.

Ich bin sehr gespannt auf “The Eichmann Show”, stelle ich gerade fest, und würde mir wünschen, dass sie auch in Deutschland bald zu sehen sein würde. Statt nochmal “Schindlers Liste” oder der widerwärtige “Das Leben ist schön”.

Zweite Staffel für “You’re the Worst”

1. Oktober 2014 Keine Kommentare

Zum Glück sind FX die Quoten offenbar nicht so wichtig: “You’re the Worst”, die britischste US-Sitcom seit langem, erhält eine zweite Staffel — trotz mediokrer Zuschauerzahlen. Und nicht nur das, sondern auch mehr Episoden: 13 statt der 10 Folgen der ersten Season. Dass FX die Serie seinem Nebenkanal FXX zuschiebt, spielt da gar keine so große Rolle, der war schließlich von Anfang an als Kanal für die jüngere Zielgruppe gedacht und ist seit der Aktion, alle “Simpsons”-Folgen am Stück zu zeigen, auch ins Bewusstsein des TV-Publikums gerückt.

Die zweite Staffel “You’re the Worst” freut mich sehr, denn diese Sitcom um zwei emotional derangierte Thirtysomethings in L.A. gehört zu den besten US-Comedies seit Jahren: dunkel, extrem unamerikanisch in Hinsicht auf sexuelle Freizügigkeit, likeability der Hauptfiguren und Regie-Ambitionen.

Ein amerikanisches “Spaced” (Channel 4, 1999 – 2001) für die 2010er-Jahre, würde ich fast sagen, jedenfalls legen nicht nur der britische Touch, die filmische Regie und die hohe Witzdichte das nahe, sondern auch die Medienaffinität der männlichen und weiblichen Hauptfigur und dass Tim wie Jimmy einen besten Freund mit Militärvergangenheit hat (obwohl Mike ja eher eben keine Militärvergangenheit hatte, aber eine starke Vorliebe für alles Militärische) und Daisy wie Gretchen eine beste Freundin, die ziemlich bitchy drauf war.

Na ja, und dass eben hier wie da die Figuren, bei “You’re the Worst” trotz ihrer emotionalen Blindheit, einem schnell ans Herz wachsen, weil beide Serien trotz aller Comedy die Probleme ihrer Figuren ernst nehmen.

Mit anderen Worten: Bitte sofort “You’re the Worst” gucken. Wenn es mit halbwegs rechten Dingen im Humoruniversum zugeht, wird diese Serie in das Comedyerbe der 10er-Jahre aufgenommen werden.

Der respektiert Mr. Sloane

26. September 2014 Keine Kommentare

Wenn der Protagonist einer neuen Sitcom in deren erster Minute den Versuch unternimmt, sich zu erhängen, dies aber nicht schafft, weil die Schlinge aus der Verankerung reißt und der halb Strangulierte auf dem Wohnzimmerboden landet — dann ist das keine Überraschung (und deshalb auch kein Lacher). Wenn allerdings im nächsten Moment das Telefon klingelt, der eben noch Suizidale rangeht und mit melodischer Stimme »Watford 10579« in den Hörer flötet, als sei gar nichts gewesen und als säße er nicht mit einem Seil um den Hals im Bauschutt: dann ist das ein Gag. Und mehr als das: Es umreißt den Grundkonflikt von »Mr. Sloane« (Sky Atlantic), nämlich den eines nicht mehr ganz jungen Biedermannes, vor dem Abgrund zu stehen, sich aber nichts anmerken lassen zu dürfen.

Mr. Sloane jedenfalls gibt sein Bestes, die »old chap«-Fassade aufrechtzuerhalten. Von seiner Frau verlassen, als Buchhalter gefeuert, lässt er sich stoisch weiterhin von seinen drei Kumpel im Pub freundlich demütigen. Alles, was er dem trostlosen Leben entgegenzuhalten weiß, sind Saufen und Fressen. Denn obwohl es Ende 1969 ist und London längst swingt, ist davon in der Spießerwelt Watfords rein gar nichts zu spüren: Dort gehört es zum guten Ton, die Kinder während des abendlichen Pub-Besuchs im Auto warten zu lassen und anschließend volltrunken nach Hause zu fahren. Sloane selbst, stets korrekt gekleidet und immer verbindlich, ist im Grunde sogar noch in den Fünfzigern zu Hause. Da braucht es schon den Weckruf eines amerikanischen Blumenmädchens, das sich in die Provinz verirrt hat, um Sloane aus seinem selbstgeschaufelten Grab zu helfen. Oder ihn jedenfalls erkennen zu lassen, dass es sein Grab ist, das er sich da geschaufelt hat, und nicht seine Zukunft als wohlangesehener Mann.

»A Well Respected Man« von den Kinks hat Robert B. Weide, seines Zeichens Co-Creator und Regisseur von »Curb Your Enthusiasm«, als Titelsong für seinen Ausflug ins britische Fernsehen gewählt, und Weide schafft es, den Spott über das Altmodisch-Reaktionäre, der in diesem Song wie in der ganzen Serie steckt, stets auszubalancieren: indem er nämlich Nick Frost als Sloane besetzt. Frost, statt diesen armen Mann zur Witzfigur zu machen, legt Sloane so melancholisch-gutmütig an, dass man gar nicht anders kann, als mit ihm zu sympathisieren. Und nicht nur mit ihm, sondern mit der ganzen Serie.

Denn »Mr. Sloane« ist durchgehend sympathisch: sehr britisch (was erstaunt; ist doch Weide selbstredend Amerikaner), sehr filmisch gedreht mit viel Dunkelheit und starken Kontrasten, sowohl mit trockenem Humor als auch mit Slapstick ausgestattet und mit einer durchgehend starken Besetzung, von Olivia Colman (»Peep Show«) als (Ex-)Frau Sloanes bis hin zu Peter Serafinowicz als Sloanes Freund, Arbeitskollege und Bully.

Leider ist Weides Vorliebe fürs Altmodische zugleich die Schwäche der Serie. Denn einige Scherze (dicke Frauen fragen, »wann es denn soweit ist«; verstopfte Toiletten mit einem Regenschirm bearbeiten; Verwechslung von anzüglichem Hochzeitsgruß mit einer Beileidskarte) meint man nun doch schon gesehen zu haben, und auch ein unfreiwilliger Haschischrausch Sloanes hat Auswirkungen, die man eher LSD zuschreiben würde als harmlosem Marihuana. Andererseits sind viele von Weides Onelinern so gut, dass man sie bereits für Klassiker halten könnte. Etwa den, wenn sich die Freunde im Pub über das Eheleben unterhalten: »I’ll never get married. I just find a woman who hates me and then buy her a house.«

zuerst erschienen in der Humorkritik in Titanic 10/2014.

Larger than Wildlife

21. September 2014 Keine Kommentare

Wann haben Sie das letzte Mal mit leuchtenden Augen vor einer deutschen Fernsehserie gesessen?

Rhetorische Frage. Aber eine, die sich mir aufgedrängt habe, als ich feststellen durfte, dass Weihnachten dieses Jahr ein bisschen früher gekommen ist: nämlich mit der Ankunft von “Our Zoo” (BBC1, drei von sechs Folgen sind bereits gelaufen). Man stelle sich eine Mischung aus “Downton Abbey” und “Dschungelbuch” vor, also ein großes BBC-Kostümdrama. Mit Tieren.

Nordengland, 1930. George Mottershead (Lee Ingleby) entdeckt in der Quarantänestation des örtlichen Hafens einen Papagei und ein Totenkopfäffchen, an denen niemand Besitzansprüche geltend macht und die deshalb eingeschläfert werden sollen. Bevor es dazu kommt, erwirbt lieber er die beiden Tiere. Allerdings lebt George noch, zusammen mit Frau und zwei Töchtern, bei seinen Eltern über deren Gemischtwarenladen; entsprechend knapp ist der Platz für die Tiere. Doch bei seinem Versuch, die Viecher wieder loszuwerden, bringt er es nicht nur nicht übers Herz, sie an den im Ort gastierenden Zirkus zu verkaufen — er kommt sogar mit einem weiteren Tier nach Hause zurück: einem Kamel. Leicht vorzustellen, dass das die Neugierde der Nachbarn weckt. So sehr, dass sie sogar dazu bereit sind, Geld für einen Blick auf die exotischen Tiere zu bezahlen.

Das ist die — wahre — Gründungsgeschichte des Chester Zoo: der Weltkriegsveteran Mottershead, nach Erfahrungen an der Front eher Tier- als Menschenfreund, beginnt eine skurrile private Tiersammlung und setzt irgendwann alles auf eine Karte: er ersteigert Oakfield Manor, ein verfallendes Anwesen, und baut es auf eigene Faust zu einem Privatzoo um. Ohne Konzession, erst mal. Was weder seine Familie freut (seine Eltern müssen ihr Geschäft verkaufen, seine ältere Tochter Muriel (Amelia Clarkson) hat es überhaupt nicht mit Tieren) — noch die Dorfgemeinschaft von Upton by Chester, die sich wegen möglicher ansteckender Krankheiten der Tiere Sorgen macht.

Und um die beiden Schwarzbären, die Mottershead als nächstes erwirbt. Denn Mottershead will nicht irgend einen Zoo: er will einen ohne Käfige, ohne Gehege, einen Zoo mit freilaufenden Tieren. Hagenbeck lässt grüßen.

Klar, “Our Zoo” ist Wohlfühlfernsehen — aber brillantes. Die Konflikte sind überschaubar und nicht allzu bedrohlich. Es gibt etliche Identifikationsfiguren, etwa “The Royle Family”s Ralf Little als Georges Schwager Billy, die vierjährige Tochter June (Honor Kneafsey), die auch als Erzählerin fungiert, und Georges Vater Albert (Peter Wight). Vor allem aber kann man in die plüschigsten Bilder versinken, seit “Downton Abbey” ihre Tore geöffnet hat: Kostüme, Herrenhäuser, Stadtlandschaften der 30er-Jahre und Tiere, Tiere, Tiere: Äffchen, Pelikan, Schwarzbären, Fuchs, Ziegen, Pinguine; es ist wie Weihnachten und Welttierschutztag an einem Tag.

Was “Call The Midwife” (BBC1 seit 2012) für die Diskussion von (junger) Familie ist und “Downton Abbey” für die über gesellschaftliche Unterschiede während einer tiefgreifenden Zeitenwende, ist “Our Zoo” für den Diskurs darüber, wie wir mit den Tieren umgehen wollen: die Historisierung nimmt die Schärfe aus der Auseinandersetzung und rückt alles in ein weiches, warmes Licht, aber in der Sache wird es dafür umso direkter. Nicht zufällig rettet George einen gehetzten Fuchs vor der Jagdmeute, zu der auch der zwielichtige Reverend Webb (Stephen Campbell Moore, “The Wrong Mans”) gehört: die Fuchsjagd ist ja immer noch geradezu symbolisch für den Widerstreit zwischen Tradition und einem sich wandelnden Weltbild, wie man mit Tieren umgehen darf und sollte.

Aber “gesellschaftlicher Diskurs” ist wirklicht nicht das Erste, was einem in den Sinn kommt, wenn man “Our Zoo” sieht. Nicht mal das Zweite. Das wären nämlich “awww”, und dann noch mal “awwwwwww!”.

Zum Glück kommt dieses Jahr aber Weihnachten auch noch an Weihnachten, und wer Frau und (des Englischen mächtigen) Kindern eine schöne Bescherung machen will, der kann jetzt schon die DVD von “Our Zoo” vorbestellen. Sie erscheint am 27. Oktober.

Giftige Romcom

16. September 2014 3 Kommentare

Toxic nennen Amerikaner, für die soziale Begegnungen ja gar nicht oberflächlich freundlich genug sein können, solche Mitbürger, deren Stinkstiefeligkeit alle Menschen in ihrer Umgebung “runterzuziehen” droht. Quietschvergnügt muss das Sozialleben ja mindestens sein in den USA, und wer seine Umwelt nicht permanent mit guter Laune ansteckt, sondern ein Miesepeter ist, ein mürrischer Brummkopf oder gar Engländer, der wird geschnitten, kriegt keine Weiber ab und kann sich schon freuen, wenn er zur Hochzeit seiner Exfreundin eingeladen wird.

Wenn er dann doch eine abkriegt, die gerade Bock auf einen sinnlosen One Night Stand hat, weil sie Hochzeiten deprimierend findet, und sich aus diesem One Night Stand dann eine (Nicht-) Beziehung entwickelt, die “kompliziert” zu nennen eine schamlose Untertreibung wäre: dann ist das Rezept für eine Sitcom gefunden, die auf dem amerikanischen Markt gerade ziemlich einzigartig ist.

“You’re the Worst” (FX, gerade sind neun von zehn Folgen gelaufen) erzählt die Geschichte dieser, genau: toxic relationship, also die Geschichte von Jimmy Shive-Overly (Chris Geere), einem englischen Jungautor in Los Angeles, und Gretchen (Aya Cash), der PR-Frau einer schwer angesagten schwarzen HipHopper-Bande. Beide sind recht erfolgreich, zumindest hat Jimmys Vorschuss auf sein erstes Buch für ein schniekes Haus gereicht, und Gretchen hat jederzeit genügend Kohle für Drogen auf der Naht.


Beide funktionieren also, wie es sich für anfang Dreißigjährige in L.A. (und auch überall sonst) gehört; aber beide sind emotional taub und blind, könnten ihre Gefühle kaum benennen, wenn sie denn welche hätten, und würden sie aber auch dann verleugnen, wenn sie welche hätten und sie benennen könnten.

Stattdessen haben sie schon mit Anfang Dreißig das Konzept von festen Beziehungen begraben — und müssen sich, als sie einander als verwandte Geister erkannt haben, umso quälender an den kleinsten Dingen abarbeiten, die Paare so tun: zusammen aufwachen, Schlüssel tauschen, die gemeinsamen Sonntags-Aktivititäten gegen nervtötende Hipster verteidigen.

Zum Glück schafft es Creator Stephen Falk, der schon für das hervorragende “Orange is the New Black” (Netflix seit 2013) und “Weeds” (Showtime, 2005 – ’12) geschrieben hat, Jimmy und Gretchen nicht als die ungehobelten, narzisstischen, lauten dreißigjährigen Pubertierenden erscheinen zu lassen, die sie sind — nun ja, jedenfalls nicht nur. Er stellt ihnen Jimmys Hausmitbewohner Edgar (Desmin Borges) zu Seite, einen an PTSD leidenden Veteran, der trotz seiner Heroin- und Medikamentenabhängigkeit die verständigste, mitfühlendste, sympathischste Figur der Serie ist, immer um Jimmy und Gretchen und ihre Beziehung besorgt, und Lindsay (Kether Donohue) als Gretchens beste Freundin, die längst bereut, dass sie einen spießigen Langweiler geheiratet hat, um finanziell abgesichert zu sein.

Dank dieser Nebenfiguren ergibt sich nämlich ein größeres Bild: eines von einer Generation, die sich zwischen beruflicher und existenzieller Anpassung und innerer Leere aufreibt, an sich selbst leidet und damit ihren Mitmenschen gehörig auf die Nerven geht. Im wirklichen Leben möchte man nämlich weder Gretchen noch Jimmy begegnen (z.B. im Kino).

Allerdings möchte man den meisten Figuren dieser Serie nicht im wirklichen Leben begegnen: weder dem noch egozentrischeren Filmregisseur, mit dem Gretchen hin und wieder schläft, noch den schwarzen Hip Hoppern, von denen einer Shitstain heißt und die insgesamt enorm von Donald Glovers Troy Barnes in “Community” profitieren. Schon gar nicht aber den Hütchen-Hemdchen-Bärtchen-Hipstern, die schamlos Edgars “Funday”-To-Do-Liste abkupfern (obskurer Plattenladen, Nackenmassage im Park, versteckter Taco-Stand).

Bedauerlich, dass “You’re the Worst” noch nicht die Aufmerksamkeit gefunden hat, die die Serie verdient (in den USA im Schnitt nur eine halbe Million Zuschauer), denn die könnte, wenn sie sich so weiterentwickelt, durchaus mit “Parks and Recreation” oder dem US-“The Office” mithalten. Mit Alex Hardcastle ist auch schon ein (britischer) Regisseur genau dieser Serien an Bord, der außerdem schon bei “Lead Balloon” und “Not Going Out” Regie geführt hat, und ebenso Matt Shakman, der schon bei “Mad Men”, “Six Feet Under”, “House M.D.” und “It’s Always Sunny in Philadelphia” auf dem Regiestuhl saß.

Vielleicht lösen dann Jimmy und Gretchen am Ende noch “Communitys” Britta ab, von der es ja nun bislang immer hieß: You’re the worst. Sechs Staffeln und einen Film, bitte!