Giftige Romcom

16. September 2014 3 Kommentare

Toxic nennen Amerikaner, für die soziale Begegnungen ja gar nicht oberflächlich freundlich genug sein können, solche Mitbürger, deren Stinkstiefeligkeit alle Menschen in ihrer Umgebung “runterzuziehen” droht. Quietschvergnügt muss das Sozialleben ja mindestens sein in den USA, und wer seine Umwelt nicht permanent mit guter Laune ansteckt, sondern ein Miesepeter ist, ein mürrischer Brummkopf oder gar Engländer, der wird geschnitten, kriegt keine Weiber ab und kann sich schon freuen, wenn er zur Hochzeit seiner Exfreundin eingeladen wird.

Wenn er dann doch eine abkriegt, die gerade Bock auf einen sinnlosen One Night Stand hat, weil sie Hochzeiten deprimierend findet, und sich aus diesem One Night Stand dann eine (Nicht-) Beziehung entwickelt, die “kompliziert” zu nennen eine schamlose Untertreibung wäre: dann ist das Rezept für eine Sitcom gefunden, die auf dem amerikanischen Markt gerade ziemlich einzigartig ist.

“You’re the Worst” (FX, gerade sind neun von zehn Folgen gelaufen) erzählt die Geschichte dieser, genau: toxic relationship, also die Geschichte von Jimmy Shive-Overly (Chris Geere), einem englischen Jungautor in Los Angeles, und Gretchen (Aya Cash), der PR-Frau einer schwer angesagten schwarzen HipHopper-Bande. Beide sind recht erfolgreich, zumindest hat Jimmys Vorschuss auf sein erstes Buch für ein schniekes Haus gereicht, und Gretchen hat jederzeit genügend Kohle für Drogen auf der Naht.


Beide funktionieren also, wie es sich für anfang Dreißigjährige in L.A. (und auch überall sonst) gehört; aber beide sind emotional taub und blind, könnten ihre Gefühle kaum benennen, wenn sie denn welche hätten, und würden sie aber auch dann verleugnen, wenn sie welche hätten und sie benennen könnten.

Stattdessen haben sie schon mit Anfang Dreißig das Konzept von festen Beziehungen begraben — und müssen sich, als sie einander als verwandte Geister erkannt haben, umso quälender an den kleinsten Dingen abarbeiten, die Paare so tun: zusammen aufwachen, Schlüssel tauschen, die gemeinsamen Sonntags-Aktivititäten gegen nervtötende Hipster verteidigen.

Zum Glück schafft es Creator Stephen Falk, der schon für das hervorragende “Orange is the New Black” (Netflix seit 2013) und “Weeds” (Showtime, 2005 – ’12) geschrieben hat, Jimmy und Gretchen nicht als die ungehobelten, narzisstischen, lauten dreißigjährigen Pubertierenden erscheinen zu lassen, die sie sind — nun ja, jedenfalls nicht nur. Er stellt ihnen Jimmys Hausmitbewohner Edgar (Desmin Borges) zu Seite, einen an PTSD leidenden Veteran, der trotz seiner Heroin- und Medikamentenabhängigkeit die verständigste, mitfühlendste, sympathischste Figur der Serie ist, immer um Jimmy und Gretchen und ihre Beziehung besorgt, und Lindsay (Kether Donohue) als Gretchens beste Freundin, die längst bereut, dass sie einen spießigen Langweiler geheiratet hat, um finanziell abgesichert zu sein.

Dank dieser Nebenfiguren ergibt sich nämlich ein größeres Bild: eines von einer Generation, die sich zwischen beruflicher und existenzieller Anpassung und innerer Leere aufreibt, an sich selbst leidet und damit ihren Mitmenschen gehörig auf die Nerven geht. Im wirklichen Leben möchte man nämlich weder Gretchen noch Jimmy begegnen (z.B. im Kino).

Allerdings möchte man den meisten Figuren dieser Serie nicht im wirklichen Leben begegnen: weder dem noch egozentrischeren Filmregisseur, mit dem Gretchen hin und wieder schläft, noch den schwarzen Hip Hoppern, von denen einer Shitstain heißt und die insgesamt enorm von Donald Glovers Troy Barnes in “Community” profitieren. Schon gar nicht aber den Hütchen-Hemdchen-Bärtchen-Hipstern, die schamlos Edgars “Funday”-To-Do-Liste abkupfern (obskurer Plattenladen, Nackenmassage im Park, versteckter Taco-Stand).

Bedauerlich, dass “You’re the Worst” noch nicht die Aufmerksamkeit gefunden hat, die die Serie verdient (in den USA im Schnitt nur eine halbe Million Zuschauer), denn die könnte, wenn sie sich so weiterentwickelt, durchaus mit “Parks and Recreation” oder dem US-“The Office” mithalten. Mit Alex Hardcastle ist auch schon ein (britischer) Regisseur genau dieser Serien an Bord, der außerdem schon bei “Lead Balloon” und “Not Going Out” Regie geführt hat, und ebenso Matt Shakman, der schon bei “Mad Men”, “Six Feet Under”, “House M.D.” und “It’s Always Sunny in Philadelphia” auf dem Regiestuhl saß.

Vielleicht lösen dann Jimmy und Gretchen am Ende noch “Communitys” Britta ab, von der es ja nun bislang immer hieß: You’re the worst. Sechs Staffeln und einen Film, bitte!

Gute Witze, schlechte Witze

2. September 2014 6 Kommentare

Seit ich (bewusst) fernsehe, gibt es amerikanische Sitcoms, bei denen ich immer mal wieder beim Durchzappen hängen geblieben bin; einige davon habe ich irgendwann regelmäßig geguckt; zwei davon habe ich irgendwann komplett auf DVD erworben und auch noch einmal von A bis Z geguckt: “Seinfeld” (NBC, 1989 – ’98, deutsche Erstausstrahlung 1995 auf ProSieben) und “Frasier” (NBC, 1993 – 2004, dt. Ea. 1995 auf Kabel eins). Jetzt, nachdem das Box Set in Großbritannien auf erschwingliches Niveau gefallen ist, ist “Cheers” dran (NBC 1982 – ’93, dt. Ea. 1985 im ZDF).

Klar, nach “Cheers” kamen US-Sitcoms, die mich mehr geprägt haben: “Married … with Children” (Fox, 1987 – ’97, dt. Ea. 1992 auf RTL als “Eine schrecklich nette Familie”) und “Frasier”, weniger schon wieder “Friends” (NBC, 1994 – 2004, dt. Ea. 1996 auf Sat.1). Heute bleibe ich hin und wieder bei “The Big Bang Theory” (CBS, seit 2007, dt. Ea. 2009, ProSieben) und “How I Met Your Mother” (CBS, 2004 – ’15, dt. Ea. 2008, ProSieben) hängen, aber erwerben und von Anfang an gucken würde ich sie nicht. Jedenfalls nicht in absehbarer Zeit.

Alle diese Sitcoms hatten drei Gemeinsamkeiten:

– Sie liefen sehr lange und hatten viele Folgen pro Staffel (i.d.R. über 20), so dass sie schon allein qua Menge praktisch täglich liefen und laufen, oft sogar mehrere Folgen am Tag. Man konnte ihnen gar nicht entkommen. Schon gar nicht früher, als es noch nicht so viele Sender gab.

– Sie waren praktisch statisch, d.h. es kamen zwar über die Staffeln hinweg Figuren dazu und andere Figuren verließen die Show, aber abgeschlossene Handlungsbögen (wie sie bei britischen Sitcoms mit ihren sechs Folgen pro Season die Regel sind) gab es praktisch nicht. Dass mal eine Figur eine andere heiratete (Niles etwa Daphne) war schon ein Höhepunkt und auf lange Sicht auch schon einigermaßen knifflig, weil es das Beziehungsgefüge der Figuren ja nicht unwesentlich veränderte. Die Frage will they, won’t they war damit nämlich beantwortet.

– Sie waren alle live vor Publikum aufgezeichnet.

Als ich gestern nun die ersten drei Folgen “Cheers” zum ersten Mal in dieser Reihenfolge gesehen habe (womöglich auch tatsächlich zum ersten Mal, jedenfalls konnte ich mich nicht daran erinnern, wie Diana überhaupt zum Bar-Team gestoßen ist), war ich überrascht: überrascht, wie gut “Cheers” gealtert ist. Denn 1982 war ich zehn, die Fernsehstandards haben sich seitdem stark geändert, und ich wüsste auf Anhieb weder eine deutsche noch eine englische Sitcom aus dieser Zeit, die heute noch den Test der Zeit so gut bestünde.

Aber “Cheers” funktioniert wie ein Uhrwerk: Diana (Shelley Long) kommt in der Pilotfolge als die neue Figur in ein schon bestehendes Setting (das der Bar), und zwar auf eine Weise, die ihre spannungsgeladene Beziehung zu Sam (Ted Danson) klärt: sie, Studentin der Boston University, ist mit ihrem Verlobten, dem Professor Sumner Sloan auf dem Weg zur Hochzeit und in die Flitterwochen. Er will nur noch den Ehering von seiner zukünftigen Exfrau holen, Diana wartet so lange im Cheers. Und wartet. Und wartet. Und lässt sich so lange von Sam aufziehen, der als ehemaliger Jock, als gutaussehender (und dem Vorurteil nach dümmlicher) Sportler das Gegenteil von dem ist, was Diana als männliches Ideal vorschwebt. Während umgekehrt natürlich auch sie als halbintellektuelle Oberschichtsangehörige überhaupt nicht in sein Beuteschema passt.

Während Diana also auf ihre Verlobten wartet (der selbstverständlich nicht zurückkehrt), wird uns das restliche Personal vorgestellt: Coach (Nicholas Colasanto) als seniler Alter, der für irrlichternd-abseitige Witze zuständig ist, Carla (Rhea Perlman) als verbitterte Kellnerin, dere Gebiet die schneidend-treffende Punchline ist, sowie die Stammgäste Norm (George Wendt) und Cliff (John Ratzenberger), die das tun, was Bargäste tun: saufen und Quatsch reden (“Bier? Ja, davon habe ich gehört”).

Die Dialoge aber sind so schnell und mit guten, nacherzählbaren Pointen gestrickt, dass ich kaum mit dem Mitschreiben nachgekommen bin: visuelle Scherze, Dialogscherze, schnell reingestreute Gags (das Telefon klingelt. Carla: “Who’s not here?” alle Gäste: “Me!”) — alle Witze zeitlos (also ohne Anspielungen ewta auf zeitgenössische Promis oder Themen), immer in charakter (also nicht nur komisch, sondern auch die Figur beschreibend, die den Gag liefert) und selten der erwartbarste Witz, sondern meistens ein besserer. Wenn es aber der Witz war, den ich habe kommen sehen, dann war er immerhin viel schöner ausgeführt, als ich es erwartet hätte.

Aber das sind halt die Vorteile, wenn man erfahrene Produzenten (in diesem Falle James Burrows, Glen Charles und Les Charles) und Autoren hat (u.a. Ken Levine und Earl Pomerantz), die in der Lage sind, so gute Witze gut in Szene zu setzen, dass ein Live-Publikum sich wegschmeißt vor Lachen.

Und dann habe ich “Welcome to Sweden” gesehen (NBC, 2014).

Gut, das hätte ich nicht, wenn nicht Amy Poehler (“Parks and Recreations”) als Produzentin hinter dieser Show steckte, in der ihr Bruder Greg Poehler die Haupt- und sie selbst eine Nebenrolle spielt. Wie auch Aubrey Plaza (dito “Parks and Rec”), Will Ferrell, Gene Simmons von Kiss, Patrick Duffy und andere Prominente.

“Welcome to Sweden” ist eine mit nur einer Kamera gefilmte Sitcom (das immerhin im schönen Schweden), also ohne Publikum. Und das ist auch besser so, denn viel zu lachen hätte da auch niemand. Was jetzt nicht bedeuten soll, dass das die Anforderung an jede Comedy ist; Louis CK etwa schafft ja auch (oft) gute Sitcomfolgen, die ohne große Lacher auskommen.

Aber “Welcome to Sweden” behauptet, komisch zu sein. Stattdessen liefert die Show über US-Expat Bruce (Poehler), der mit seiner schwedischen Frau Emma (Josephine Bornebusch) in ihre Heimat zieht, dann allerdings nur konventionelle Peinlichkeitsscherze, die ohne große Pointen auskommen — wenn sich etwa Emma mit einer Freundin auf Schwedisch über eine sterbende gemeinsame Bekannte unterhält und Bruce dazwischenkaspert, indem er sich über die schwedische Sprache lustig macht. Oder komisch gemeinte Figuren wie Emmas Slacker-Bruder Gustaf, der aber über diese eine Eigenschaft großer Faulheit hinaus völlig flach bleibt.

Ich habe so eine Ahnung, dass “Welcome to Sweden” in dreißig Jahren nicht mehr so gut funktioniert wie “Cheers” heute. Aber das ist nur so eine Ahnung. Als Kontrastmittel zu einer klassischen Sitcom hätte es aber kaum ein besseres geben können.

Und “Welcome to Sweden” hat so (unfreiwillig und eher zufällig) meine These untermauert, dass es kein Zufall ist, dass die großen Sitcoms, die, mit denen wir auf- und die uns ans Herz wachsen, alle live vor Publikum gedreht sind. Schon weil ein Livepublikum der beste Test dafür ist, wie komisch eine Sitcom tatsächlich ist.

“Cheers” ist komisch, nach dreißig Jahren immer noch. “Welcome to Sweden” nicht.

Ich werde über die nächsten Wochen nach und nach die 42 DVDs durcharbeiten, die der Ziegel von einer Komplettbox “Cheers” hat, oder es jedenfalls versuchen, und darüber bloggen. Wenn es etwas Bloggenswertes gibt jedenfalls.

Rätselhafte Isländer

29. August 2014 1 Kommentar

Im April d.J. hatte ich einem Fan Jón Gnarrs versprochen, mich mit dessen Sitcom »Næturvaktin« eingehender zu beschäftigen — und, freuen Sie sich: Endlich bin ich dazu gekommen. Festzustellen ist: Der isländische Komiker (und zwischenzeitliche Bürgermeister von Reykjavík) Gnarr muss etwas sehr richtig gemacht haben mit seiner Figur des Georg Bjarnfreðarson. Sonst hätte er wohl kaum drei eigene Sitcoms im isländischen Fernsehen bekommen (»Nachtschicht«, »Tagschicht«, »Gefängnisschicht«, 2007 – 09) und einen Spielfilm noch dazu (»Herr Bjarnfreðarson«, 2009). Von einem vor Jahren geplanten US-Remake der Serie allerdings hat man schon lange nichts mehr gehört. Das ist schade.

Denn einerseits ist es knifflig, »Nachtschicht« auf DVD zu sehen. Zu viel komisches Timing, zu viele Feinheiten im Wortwitz gehen verloren, wenn man Comedy auf Isländisch mit englischen Untertiteln sehen muss. Wenn es sie denn gegeben haben sollte. Das halte ich nicht für ausgeschlossen, aber mein Wissen über isländische Kultur und Sprache bewegt sich auch in engen Grenzen. Andererseits aber fehlt mir, universal gesprochen, bei »Nachtschicht« zu deutlich ein Alleinstellungsmerkmal. Die Grundsituation ist sehr geläufig: ein unfähiger, selbstverliebter Chef, hier der (Nacht-)Schichtleiter einer Tankstelle, der seine Umwelt schikaniert, allen voran seine Angestellten und seinen zehnjährigen Sohn. Das habe ich in Variationen schon sehr, sehr oft gesehen, und die vorliegende Variation ist zwar eine isländische, aber eben nicht mehr. Und ihre konkrete Umsetzung fügt ebenfalls nichts hinzu: das ewig gleiche Setting an der Tankstelle, ohne jeden Schauplatzwechsel, noch dazu bei Nacht, viele Dialoge und wenig visuelle Reize – das macht es sehr schwierig, sich als deutscher Fernsehgucker für die Serie zu erwärmen.

Ich vermute aber stark, dass für Isländer schon die englische Humorfarbe genügt hat, »Nachtschicht« zwischen anderen isländischen Fernsehproduktionen angenehm hervorstechen zu lassen; so, wie das hierzulande »Stromberg« geschafft hat. Gleiches dürfte womöglich für den »Bjarnfreðarson«-Film gelten: Er hatte eventuell einfach wenig Konkurrenz und konnte deshalb auf der kalten, dunklen, unwirtlichen Insel als komisches Erweckungserlebnis wahrgenommen werden.

Um so lieber würde ich tatsächlich ein US-Remake sehen. In den Händen von erfahrenen Produzenten und Autoren würde sich zeigen, ob Gnarrs Geschichten um den despotischen Tankstellenchef tatsächlich tragen. Wenn man zu den Momenten von Charakter-Comedy ordentlich Gags zuschießt, das Profil einiger Nebenfiguren schärft und mit größerem Budget auch ein paar optische Reize bietet: womöglich.

Dass von diesem Remake aber weit und breit nichts zu sehen ist, legt den Verdacht nahe: Gnarrs komisches Werk ist vielleicht für isländische Verhältnisse neu, unerwartet, wer weiß sogar revolutionär – für den Rest der Welt aber nicht ganz so sehr.

zuerst erschienen in der Humorkritik in Titanic 9/2014.

Hier ist die ganze erste Folge der Serie mit englischen Untertiteln; weitere finden sich bei YouTube.

Geschwisterhiebe

19. August 2014 Keine Kommentare

Dass man “Siblings” (BBC3) mit “It’s Always Sunny in Philadelphia” (FX, seit 2005) vergleichen könnte, darauf hat mich erst der Guardian gebracht. Aber es stimmt schon: nicht nur der Easy-Listening-Soundtrack (den ich bei “It’s Always Sunny” äußerst schätze), auch die cringe comedy ist sehr ähnlich — m.a.W.: beide Serien leben genau von dem Kontrast zwischen behaupteter Harmlosigkeit und tatsächlicher Gemeinheit der Geschichten.

Was die Serien außerdem gemein haben: eine eher simple Prämisse. Bei “It’s Always Sunny” ist es die Absicht der fünf underachiever (darunter ebenfalls Bruder und Schwester), eine gemeinsame Bar zu führen; bei “Siblings” gibt es nicht einmal diese Bar, da wohnen Hannah (Charlotte Richie) und ihr Bruder Dan (Tom Stourton) einfach zusammen und machen ihren Mitmenschen das Leben in zwei parallel geführten Erzählsträngen schwer, die natürlich in jeder Folge miteinander verbandelt werden.

In der ersten Episode (von zweien, “Siblings” läuft immer nach “Cuckoo”) ist das einmal der Versuch der äußerst faulen Hannah, ihre neue Chefin im Büro um den Finger zu wickeln, und einmal die Suche von Dan nach neuen mates. Diesen neuen Freund scheint er in dem Sohn von Hannahs neuer Chefin zu finden. Problem: der ist querschnittsgelähmt, also muss auch Dan einen Rollstuhlfahrer spielen. Wer jetzt so eine Ahnung hat, worauf das hinausläuft (wird es wohl herauskommen, dass Dan nicht körperbehindert ist?): jepp, genau so.

Ab hier aber hat Writer/Creator Keith Akushie (Coautor einer Folge “Fresh Meat”, aus der man auch Richie alias Oregon kennt) ein Problem: denn zumindets der Rollstuhl-Plot ist wahnsinnig unoriginell. (Hannahs Plot allerdings, der sie auf eine Tagung mit ihrer Chefin führt, die mit einem flotten Dreier mit einem Barkeeper endet, ist schon origineller.) Flache Prämisse plus unoriginelle Story aber werden zu einer schwachen Sitcom, da können auch die durchaus komischen Oneliner (“I’m sorry about the food. But in my defence, I didn’t think I’d get caught”) und die trockenen Dialoge nur noch wenig rausreißen. Da hatte “It’s Always Sunny in Philadelphia” die wesentlich besseren Geschichten.

Die können aber durchaus noch kommen. Akushie wäre gut beraten, lieber etwas realistischer zu bleiben (ich meine mich erinnern zu können, dass es genau der knochentrockene, fast dokumentarische Realismus war, der “It’s Always Sunny” so schmerzhaft lustig gemacht hat) und seine beiden Protagonisten eher ernst spielen zu lassen als ihnen allzu viele Zwinker-zwinker-Momente zu geben. (Gleiches gilt auch für die Nebenrollen: James Lance als Tierarzt Rich überspielt seine Rolle auch schmerzhaft, aber nicht schmerzhaft lustig.)

Und nicht zuletzt beim Soundtrack könnte “Siblings” noch zulegen: “It’s Always Sunny” hat sich da vorwiegend bei zwei Deutschen bedient, Heinz Kiessling und Werner Tautz, die in den Sechzigern und Siebzigern fantastische Bilbliotheksmusik gemacht haben, u.a. für Kiesslings Label Quadriga. Großbritannien aber ist dahingehend sehr viel besser aufgestellt, wenn ich allein an die riesige Musikbibliothek von KPM denke. Da gibt es ungehobene Schätze, die so teuer auch für die BBC nicht sein können. Sicher hat sogar die BBC selbst noch Unmengen Easy Listening-Schätze in ihren Bibliotheksbeständen, die es wert wären, gehoben zu werden.

Kuckuck wird zum Phoenix

18. August 2014 Keine Kommentare

Damit hätte ich nicht gerechnet: die zweite Staffel “Cuckoo” (BBC3) lässt sich besser an als gedacht — trotz des Weggangs von Andy Samberg und Tamla Kari.

“Cuckoo” war eine der besten neuen Britcoms 2012: die Geschichte der amour fou zwischen einem braven britischen Mädchen, das noch zuhause bei seinen Eltern lebt, und einem hippiesk bekloppten, aber einnehmenden Amerikaner auf Selbsterfahrungstrip lebte von dem Wirbelwind, der in Gestalt von Andy Samberg durch das beschaulich bürgerliche Leben einer englischen Durchschnittsfamilie fegte. Wie Cuckoo sich am Familienoberhaupt Ken (Greg Davies) rieb und sie sich während eines gemeinsamen Drogenabenteuers schließlich doch nahe kamen, wie er Mutter Lorna (Helen Baxendale) um den Finger wickelte und Rachels Bruder Dylan (Tyger Drew-Honey, “Outnumbered”) freundlich ignorierte, das machte die Serie äußerst sehenswert. Ohne Samberg aber, so prophezeite ich damals, würde die Serie wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen.

Dementsprechend groß war die Enttäuschung der “Cuckoo”-Fans, als Andy Sambergs Abschied von der Serie bekannt wurde, nachdem er seine eigene US-Sitcom “Brooklyn Nine-Nine” (Fox, seit 2013) bekommen hatte. Im Grunde hätten Robin French und Kieron Quirke ihre Serie ohne die titelgebende Hauptfigur gleich einstampfen können — “Cuckoo” ohne Cuckoo, das wäre wie “Frasier” ohne Frasier gewesen.


Dann kam die Meldung, dass es nicht nur eine zweite Staffel geben würde, sondern dass Samberg ersetzt würde durch Taylor Lautner, den erwachsene Menschen eigentlich nur vom Wegschauen kennen können: nämlich als Vampir Werwolf aus den “Twilight”-Filmen, und aus der Enttäuschung wurde Irritiation. Wie sollte das denn gehen — ein Schönling statt eines Vollblutcomedians?

Nun, es geht. Zumindest halbwegs. Die erste Folge der zweiten Staffel war noch car crash tv: Ich musste zumindest sehen, wie schlimm der Unfall sein würde, auf den diese Serie hinsteuerte. Und ein Unfall war es dann, wenn auch kein so schlimmer, wie ich befürchtet hatte. Zwar will ich bis jetzt nicht so recht glauben, dass Dale (Lautner) Cuckoos Sohn sein soll — selbst wenn Samberg 13 Jahre älter als Lautner ist und die Fiktion irgendwie aufgehen sollte, dass Cuckoo Dale in diesem zarten Alter gezeugt haben sollte: och nö, das scheint mir immer noch zu weit hergeholt.

Aber der zweiten Folge (mehr sind noch nicht gelaufen) ist dann doch das Unerwartete gelungen: sie hat funktioniert — und war sogar verblüffend komisch.

Zum einen hatte diese Folge die gute Idee, nicht Dale in den Mittelpunkt zu stellen, sondern Dylan. Dylan und eine Party, bei der er sein Jungfrauendasein beenden will, die aber stattdessen in einem der widerlichsten und lustigsten Desaster endet, die ich im Zusammenhang mit Hauszerstörungen durch Partys seit Blake Edwards’ “Partyschreck” gesehen habe. Dale spielt da nur eine Nebenrolle und darf lediglich der Auslöser dieser Katastrophe sein — was ich wiederum Lautner zugute halte, der als unbestreitbarer Star der Serie sicher in der Lage gewesen wäre, darauf zu bestehen, dass er in jeder Folge im Mittelpunkt zu stehen hat.

Zum anderen spricht Dale bislang auch in der zweiten Folge Rachel konsequent als Mom an und hat offenbar keinerlei Antennen dafür, dass Rachel sofort bereit wäre, ihren äußerst biederen Verlobten dranzugeben (und dass auch Lorna ein Auge auf ihn geworfen hat). Diese will they/won’t they-Situation könnte der zweiten Staffel “Cuckoo” einen hübschen neuen Drive geben.

Zuletzt aber: dass Tamla Kari als Rachel durch Esther Smith (“Uncle”) ersetzt wurde, ist zwar bedauerlich, aber längst nicht so ein großes Problem, wie ich es erwartet hätte. Allerdings hatte auch Rachel in der zweiten Folge wenig Screentime.

Insgesamt haben diese beiden ersten Folgen “Cuckoo” meine (allerdings sehr niedrigen) Erwartungen weit übertroffen. Ich bin überrascht und freue mich — und empfehle aber trotzdem noch einmal die erste Staffel, denn die ist natürlich immer noch unübertroffen. (Die DVD erscheint am 1. September.)

Urlaubslektüre für Fernsehjunkies

8. August 2014 1 Kommentar

Ich war ein paar Tage weg, und weil es Urlaub war, habe ich in dieser Zeit nicht ferngesehen, sondern gelesen, wie es sich gehört — nämlich (unter anderen) ein Buch über Fernsehen: Alan Sepinwalls “Die Revolution war im Fernsehen” (Luxbooks 2014).

Sepinwalls Fernsehkritiken auf hitfix.com verfolge ich schon lange, genauer gesagt, seit “Breaking Bad” (das er zu Beginn noch hier besprochen hat), weil er nicht nur gut darin ist, einzelne Folgen zu analysieren und interpretieren, sondern auch noch Zugang zu Autoren, Schauspielern, Produzenten und Showrunnern hat, die er gerne und oft interviewt. Ich lese nicht alles, logischerweise, sondern nur Beiträge zu Serien, die ich auch sehe; außerdem aber gucke ich hin und wieder mit einem Auge auf Texte zu Serien, die ich (noch) nicht kenne. Vorsichtig allerdings, denn wie schnell ist man angefixt, und dann muss man sieben Staffeln à 34 Folgen einer SciFi-Serie über Hirnchirurgen auf dem Mars angucken oder sowas.

 Tja. Genau das (angefixt) ist mir dann allerdings mit “Die Revolution war im Fernsehen” passiert. Denn hier schreibt Sepinwall in langen, fundierten Essays über die zwölf US-Serien, die das serielle, erzählende Fernsehen seit der HBO-geführten Revolution geprägt haben: Von “Oz” und den “Sopranos”, “The Wire”, “Deadwood” und “The Shield”, über “Lost”, “Buffy, the Vampire Slayer” und “24” bis zu “Battlestar Galactica”, “Friday Night Lights”, “Mad Men” und “Breaking Bad”.

Und weil ich davon wohl gute zwei Drittel kannte, ein Drittel aber nicht, steht jetzt ein schönes großes Paket mit staffelweise DVDs hier noch ungeöffnet herum und wartet auf das Sommerloch.

Auch von den Geschichten, die Sepinwall zu erzählen hat, kannte ich zwar schon einige, aber nicht in dieser Tiefe, die meisten waren mir komplett neu, und im Zusammenhang haben sie ein aufschlussreiches Bild davon ergeben, wie Fernsehen funktioniert.

Zum einen nämlich immer wieder anders: Jeder Autor, jeder Showrunner tickt auf seine Weise, und die Umstände, unter denen Serien entstehen, sind genauso unterschiedlich wie die Serien selbst.

Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten bei allen großen, neuen, wagemutigen, “anderen” Serien. Die größte Gemeinsamkeit: Sender wollen sie, die große, neue, wagemutige, “andere” Serie. Kleine, unbekannte Sender wollen auf sich aufmerksam machen. Sender wollen eine Alternative zu den frei empfangbaren, großen Anbietern sein, wollen umgekehrt die Freiheiten von Bezahlkanälen für sich nutzbar machen, Sender wollen ein neues Profil oder überhaupt erst mal irgend ein Profil.

HBO macht die schreckliche “Rome”-Erfahrung: eine Serie, die nach zwei Staffeln eingestellt wird, weil die erste Season in der Erstausstrahlung überhaupt nicht gesehen wurde. Ohne vernünftiges Finale, sondern mittendrin (wie ja auch “Deadwood”). Dummerweise ist nicht nur die zweite Staffel viel erfolgreicher als die erste, sondern die Leute beginnen auch noch, die erste auf DVD zu kaufen wie verrückt. Leider sind zu diesem Zeitpunkt schon alle Mitarbeiter entlassen, die Sets abgebaut. Keine Chance, die nun doch erfolgreiche Serie fortzusetzen. Ein potentieller Riesen-Hit — verschenkt, weil die Quoten der ersten Staffel zu mau waren, und ohne dass die Serie vernünftig zuende erzählt wäre. HBO beschließt also, auch vermeintlich erfolglose Serien lieber zuende zu erzählen, als noch einmal einen möglichen Erfolg zu verschenken.

Diese Entscheidungen sind es, die statt nur gutem wirklich brillantes Fernsehen hervorbringen: Manager, die Künstler machen lassen. Aus welchem Grund immer. Oft genug, weil sie als David gegen Goliath antreten und mutige Entscheidungen brauchen. Nach dem ersten Sieg Davids gegen den Riesen sieht es dann oft schon wieder anders aus: wenn der Außenseiter erst einmal in der Favoritenrolle ist, kommen dann auch die Anzugträger wieder und wollen mitreden.

So lange die Bosse lange Leine lassen, gibt es Hoffnung. Nie ist eine gute Serie gegen den Sender entstanden, der sie ausstrahlt. Höchstens trotzdem (wie etwa “Lost”, eine Serie, die es eigentlich nicht geben dürfte, so chaotisch war ihre Entstehungsgeschichte).

In den nächsten Wochen werde ich also etliche Grundlagenwerke der jüngeren US-Fernsehgeschichte nachholen (in der ich ja lange nicht so bewandert bin wie in der britischen). Ich bin sehr gespannt, ob die frühen Serien der Nach-Revolutionszeit das halten, was Sepinwall mir von ihnen versprochen hat. Ich werde auch den “Sopranos” noch eine Chance geben — ich hatte mal ca. eineinhalb Staffeln gesehen, war und bin aber kein Freund des Mafia-Genres und hatte insgesamt zu hohe Erwartungen, glaube ich.

Möglicherweise werde ich dann berichten. Erst einmal aber empfehle ich allen Freunden der guten Fernsehunterhaltung noch einmal ausdrücklich Alan Sepinwalls “Die Revolution war im Fernsehen”, freue mich darüber, dass es ein deutscher Verlag überhaupt ins Programm genommen hat, weise dann aber doch noch darauf hin, dass Sepinwalls Original bereits von 2012 ist. Weshalb dann letzte Worte zu “Breaking Bad” etwa fehlen, weil die Serie noch nicht zuende war, als Sepinwalls Buch in Druck gegangen ist.

Nun, aber so lange Fernsehserien an sich nicht auserzählt sind, wird man nie ein Resümee ziehen können — irgend eine tolle Serie läuft (im angelsächsischen Fernsehen) ja immer. Hoffentlich.