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Artikel Tagged ‘David Baddiel’

Der Mann, der Benny Hill war (extd. Rmx, Pt. 6)

30. August 2011 Keine Kommentare

Was bisher so alles geschah: Benny Hill wird geboren, wächst auf, wird zwar nicht auf Comedy-Bühnen, aber dafür im britischen Fernsehen groß. Und immer größer (i.e.: dick).

Mittlerweile wurde die „Benny Hill Show“ auch im Ausland erfolgreich. Zunächst in Australien, wo sein produzierender Partner Thames Television (anders als die BBC) mit anderen kommerziellen Fernsehsendern kooperierte, ab 1979 auch in den USA. Don Taffner, für Thames in Amerika tätig, bot halbstündige Versionen der mittlerweile einstündigen englischen Shows an, von denen in unregelmäßigen Abständen etwa drei pro Jahr produziert wurden, und sorgte dafür, daß aus ihnen alle für Amerikaner unverständlichen Anspielungen und Referenzen sorgfältig herausgeschnitten wurden. Immer mehr unabhängige Fernsehstationen griffen zu, und in kürzester Zeit war Benny Hill auch in den USA ein Superstar; womöglich gar noch erfolgreicher als in seiner Heimat, mit Sicherheit aber der bekannteste britische Comedian und vermutlich sogar der berühmteste Engländer im Ausland überhaupt. Auf die vergleichsweise prüden Amerikaner müssen Hills Albernheiten noch viel schmutziger gewirkt haben als auf seine Landsleute — eine wahre guilty pleasure.

Benny und Michael Jackson

Zu seinen frühen Fans zählte Charlie Chaplin, der eine ganze Sammlung von Benny-Hill-Videos bei sich zuhause hatte. Das jedenfalls stellten die erstaunten Hill und Kirkland fest, als sie anläßlich der Vergabe des Chaplin-Preises an Hill 1991 in die Schweiz eingeladen waren und ihnen die seltene Ehre zuteil wurde, einen Blick ins Arbeitszimmer von Hills Vorbild zu werfen. Chaplin, so wurde ihnen gesagt, habe Hill für einen der größten Comedians aller Zeiten gehalten. Bereits in den Siebzigern erklärte der junge Michael Jackson auf einer England-Tournee, ein Fan Hills zu sein: „He’s so funny!“ Später besuchte er den bereits schwer kranken Hill sogar zuhause und erklärte ihn zu seinem „all time hero“: „The funniest comedian in the world.“ Frank Sinatra behauptete, nur zwei Dinge wirklich zu wollen: mit dem London Symphony Orchestra zu singen und eine Theaterprobe von Benny Hill zu besuchen. Burt Reynolds, Michael Caine und viele andere sangen in „Benny Hill: The World’s Favourite Clown“ kurz vor dessen Tod ihr Lobpreis auf den lustigen Dicken, und sogar der Schriftsteller Anthony Burgess bezeichnete Hill im Guardian als „comic genius“. Auch wenn sie das nicht getan hätten: Die Millionen und Abermillionen, die Thames Television und Hill verdienten, sprachen für sich.

Doch in den Achtzigerjahren ändern sich die Zeiten abermals. Auf der einen Seite geht es immer weiter aufwärts: Als 1978 Hills Thames-Kollege und Konkurrent Kenny Everett in seine extrem erfolgreiche und innovative Sketch-Serie „The Kenny Everett Video Show“ die Burlesque/Risque-Dancegruppe Hot Gossip einbaut, will Benny Hill nachziehen, um nicht abgehängt zu werden. Also hebt er die „Hill’s Angels“ aus der Taufe, eine Tanzgruppe hübscher junger Frauen (unter denen auch Jane Leeves ist, die später als Daphne bei „Frasier“ berühmt werden soll). Diese sind meist spärlich bekleidet (in den Siebzigern spärlicher als in den Achtzigern), sorgen für glamouröse Tanzeinlagen und Augenfutter in den Sketchen – und für den ersten Gegenwind von Seiten eines kritischer werdenden Publikums. Als Hill das merkt, nimmt er sich sofort zurück.

Doch es ist zu spät, der Zeitgeist hat sich gedreht. Die Bewegung der Post-Punk-Comedy hat längst kritische Geister geweckt, die gegen das Establishment revoltieren, und Benny Hills pubertäre Scherze repräsentieren den Mainstream mehr als alles andere. Zum ersten Mal treten mit Dawn French und Jennifer Saunders nun starke Frauen für ein anderes Frauenbild an, und sie haben neben sich Comedians wie Alexei Sayle, den Sohn einer kommunistisch-jüdischen Immigrantin aus Lithauen, und Lenny Henry, einen farbigen Comedian in der Tradition Richard Pryors. Alternative Comedy wurde dank eines jungen, explizit linken Publikums so groß, daß Robert Newman und David Baddiel in Benny Hills Todesjahr als erster Comedy-Act überhaupt die 12 000 Plätze der Wembley-Arena ausverkauften. Hills langjährige Paraderolle als Chinese Mr. Chow Mein gilt nun als rassistisch, und von jungen Comedians wie Ben Elton mußte sich der Großmeister der Komik plötzlich anhören, er sei ein schmutziger alter Mann, ja: Hills Schmuddelpostkartenhumor sei schuld daran, daß Frauen sich nicht mehr unbelästigt auf die Straße trauen könnten. „Es gibt vieles im Fernsehen, das mich ärgert“, sagt Elton 1987 in der populären Talkshow „Wogan“. „Ich meine, wenn ein Comedian jede einzelne Sendung damit beendet, daß er einer Frau die Klamotten vom Leib reißt und sie dann durch einen Park jagt — das finde ich in einer Welt, wo Frauen nicht gefahrlos durch einen Stadtpark gehen können, ziemlich beunruhigend.“ Diesen Angriff wiederum teilen immerhin nicht alle (und auch Ben Elton hat sich später wiederholt als großer Fan und Verehrer Benny Hills dargestellt). Der Independent etwa schreibt, Eltons Ausfall sei „like watching an elderly uncle being kicked to death by young thugs“.

„Did you hear about the actress who was so dumb, she couldn’t count to two without taking off her blouse?“

Dabei hatte er, Hill, doch stets darauf geachtet, allzeit selbst der Gegenstand des Spotts zu sein, daß sein Humor harmlos war und auf uralten Klischees beruhte, die nichts anderes sein wollten als eben Klischees. Sein Humor war der eines Zehnjährigen, der seine Kameraden mit Frivolitäten unterhielt, obwohl oder gerade weil deren tiefere Zusammenhänge ihm gar nicht klar waren. Mad schrieb, Hill habe sich das Gesicht eines unschuldigen Buben bewahrt, während sein Rest zu einem schmutzigen alten Mann geworden sei. Seine Scherze, in denen immer lächerliche Männer am Ende die Dummen waren, waren doch zutiefst harmlos, ja geradezu unschuldig. Im Gegensatz zur jungen Garde der Alternative Comedy, so sah er es, war ihm niemals auch nur ein „fuck“ über die Lippen gekommen, während neuerdings geflucht wurde, daß es selbst Hafenarbeitern die Schamesröte ins Gesicht trieb. Benny Hill ist schwer gekränkt.

Demnächst: Bennys Ende und Vermächtnis: Ist Benny Hill zu recht vergessen oder wegweisender Vordenker?

Muselmann mit Judenwitz

27. August 2010 1 Kommentar

Eine Szene zu Beginn des Films etabliert die Tonlage von »The Infidel« (gerade auf DVD erschienen). Lange bevor der muslimische Londoner Minicab-Fahrer Mahmud Nasir herausfindet, wer er in Wirklichkeit ist, tritt er aus seinem Haus auf die Straße. Starren Blicks sehen wir ihn plötzlich innehalten, die Kamera fährt auf ihn zu, Wind kommt auf und wirbelt Schmutz hoch, das Rauschen eines Sturmes schwillt an, erstickt alle Alltagsgeräusche – und ein Straßenreiniger mit Laubbläser marschiert durch das dramatische Bild und ruiniert es im Handumdrehen. Nein, tiefgründig, bedeutungsschwer, bedrohlich will »The Infidel« nicht sein, nicht Satire, sondern Komödie.

Dabei hätte der Plot das Zeug dazu: Ein Moslem erfährt, daß er in Wirklichkeit Jude ist, und stürzt in eine Identitätskrise. Sein leiblicher Vater lebt noch, mit ihm will Mahmud Kontakt aufnehmen. Zuvor muß er jedoch ein waschechter Jude werden, denn der fromme Alte ist schwer krank und äußerst labil. Obwohl Mahmud nicht besonders religiös ist, hat er damit seine liebe Not; und daß sein Sohn eine Freundin hat, deren Stiefvater ein radikaler Imam ist, macht die Sache nicht einfacher. Um dessen Zustimmung zur Hochzeit zu erhalten, muß Mahmud seine Durchschnittsfamilie nämlich als strenggläubigen Bilderbuch-Clan präsentieren.

Auf das Drehbuch hätte man auch gleich mit dicken Buchstaben das Wort »Fatwa« schreiben können. Die BBC zog sich aus der Produktion vorsichtshalber zurück. Doch dem Autor David Baddiel und seinem Hauptdarsteller Omid Djalili gelingt es, den Fokus nicht auf die Religionskritik, sondern völlig auf den Clash der Kulturen zu richten, mit Stereotypen und Vorurteilen zu spielen, und so eine bodyswap-Komödie zu inszenieren, die eher leicht ist und vor allem eines: komisch.

Als er im Nachlaß seiner Mutter die Adoptionsurkunde entdeckt, will Mahmud auf dem zuständigen Amt seine wahre Identität herausfinden. Die darf ihm die Sachbearbeiterin freilich nicht offenlegen, also entwindet Mahmud ihr die Akte mit Gewalt und erfährt, während sie die Wachleute ruft, seinen Geburtsnamen: Solomon Shimshillewitz. Die Wache führt ihn ab, und Mahmud alias Solomon ruft: »Gimme a break – you find out you’re jewish, and suddenly some bloke in a uniform is leading you away?«

Ja, er ist jüdisch, und die Unterrichtsstunden im Jüdischsein, die er von seinem amerikanischen Taxler-Konkurrenten Lenny Goldberg (Richard Schiff) erhält, gehören zu den besten Momenten des Films. Dabei können sich die beiden eigentlich nicht ausstehen: Goldberg parkt gerne vor Mahmuds Haus. Der beschimpft ihn dafür hingebungsvoll, und dabei rutscht es ihm raus: Ich bin ja selbst Jude! Prompt fährt Goldberg sein Taxi weg. Was, weil er Jude sei? fragt Mahmud verblüfft, und erhält die Antwort: »Welcome to the world wide conspiracy!«

Nein, die islamische Welt kann sich über zu böse Kritik in »The Infidel« wahrlich nicht beschweren: Mahmud und seine Familie sind weltliche Muselmanen von nebenan, Extremisten werden auf beiden Seiten zur Räson gebracht, und die meisten Scherze sind ziemlich gutmütig: Nicht nur das Fernsehen, so sinnieren einmal Mahmuds muslimische Kollegen, sei von Juden beherrscht, ganze Länder würden ja von Juden geführt! Die USA zum Beispiel! Und Israel!

Baddiel ist in seinem Bemühen, eine Fatwa zu vermeiden, sogar ein wenig über das Ziel hinausgeschossen: Allzu versöhnlich und reichlich konstruiert ist nämlich der Schluß des Films, den man sogar als Plädoyer für eine gewisse Religiosität lesen könnte (was ja doch Wunder nimmt, wenn es von einem erklärten Atheisten wie Baddiel kommt). Das riecht dann allzusehr nach abrahamitischer Ökumene. Doch genau so habe er das gewollt, erklärt Baddiel. Und wer es lieber böse mag, kann ja statt zu »The Infidel« lieber zu Chris Morris’ ebenfalls bald auf DVD erscheinenden Islamisten-Satire »Four Lions« greifen, in der eine Handvoll unterbelichteter Möchtegern-Selbstmordattentäter… Doch dazu ein anderes Mal mehr.

Zuerst erschienen in der Humorkritik in TITANIC 9/2010

Seit heute in den Regalen: “The Infidel”

9. August 2010 12 Kommentare

David Baddiel war sich bis zum Schluß nicht sicher, ob er mit seiner Bodyswap-Komödie “The Infidel” nicht den Zorn aller Muslime auf sich ziehen würde. Er habe, so Baddiel in einem Fernseh-Morgenmagazin, seinen Produzenten für dessen Mut bewundert und ihn gefragt, ob er nicht eine Fatwa befürchte. Der habe gesagt: Nein, befürchte er nicht. Und was das sei, eine Fatwa.

Die BBC hatte diesen Mut nicht und ist nach einer Weile (und nach Sachsgate) aus der Filmentwicklung ausgestiegen. Dabei ist “The Infidel” tatsächlich harmlos und wird gerade von Muslimen hoch geschätzt: Er wird bereits nach Pakistan und Iran verliehen (nicht aber nach Israel, interessanterweise). Vermutlich, weil die Normalität der nicht besonders religiösen Familie Nasir, wie sie im Film gezeigt wird, für die allermeisten Muslime sehr zur Identifikation einlädt. Und Omid Djalili ist ja ohnehin unglaublich sympathisch.

Eine ausführliche Kritik zum Film findet sich höchstwahrscheinlich in der nächsten TITANIC, bis dahin nur soviel: Baddiels Film ist über weite Strecken sehr komisch, das Ende ist allerdings vermutlich mit einer Brechstange geschrieben worden. Insgesamt hat “The Infidel” die Tendenz, ein wenig zu harmlos zu sein. Es sind aber viele gute Scherze dabei, und die entschädigen durchaus für die Harmoniesucht. 8,93 Pfund bei Amazon kann man sich den Spaß schon kosten lassen; und wer es gerne schwärzer mag, muß ja nur noch ein paar Tage warten: dann kommt Chris Morris’ “Four Lions” in die Läden.

Geschichte? Schrecklich!

11. Juli 2010 2 Kommentare

Das wird jetzt vielleicht überraschend kommen: Ich halte es für einen Mythos, daß Briten per se mehr Humor hätten als bspw. wir Deutschen. Allerdings denke ich, daß in Großbritannien eine humorvoll-distanzierte Haltung gegenüber den meisten Aspekten des Alltags gesellschaftlich akzeptiert, ja sogar gewünscht ist, während in Deutschland viele Bereiche von Komik und Humor ausgenommen bleiben (“Darüber macht man keine Witze.”). Der Deutsche nimmt einfach gerne ernst und braucht oft eine amtliche Ansage, wann es lustig wird (“Es darf gelacht werden!”). Deshalb braucht er den Karneval, deshalb arbeiten die typisch deutschen Plakate für Theater-Komödien, Comedy-DVD-Cover usw. mit breit lachenden Gesichtern, die Heiterkeit signalisieren sollen (während in England oft auch Comedy mit ernsten, mit dead pan-Gesichtern beworben wird). Jedenfalls war das mal so — zum Glück hat sich in den letzten Jahrzehnten da viel geändert.

Zu meiner Schulzeit allerdings, um langsam mal zum Gegenstand dieses Textes zu kommen, war z.B. Geschichte ein Fach äußerster Ödnis und Langeweile. Bauernkriege, Reformation, an ein drittes Thema kann ich mich schon nicht mal mehr erinnern, so fad fand ich den ganzen Krempel damals. Schnarch! Wieviel mehr hätte ich gelernt, wenn es jemand verstanden hätte, etwas mehr Witz in den Unterricht zu bringen! Aber im Gegenteil, ich glaube, viele Lehrer haben geradezu einen Wettbewerb daraus gemacht, möglichst trocken, sachlich, nüchtern, grau in grau zu unterrichten, getreu dem Motto: Wir sind nicht eure Clowns, wir sind nicht zur Unterhaltung hier, motivieren müßt ihr euch schon selber. Gräßlich. Als ob es hieße, daß man den Unterrichtsstoff nicht ernst nimmt, weil man ihn nicht nur ernst nimmt! Um nicht unfair zu sein: Ausnahmsweise gab es schon auch Lehrer, an denen Stand Up-Comedians verloren gegangen sind — wer weiß, was aus mir geworden wäre, wenn nicht ein, zwei Deutschlehrer es geschafft hätten, dank Wortwitz und Sprachgewalt bei mir Interesse an Literatur und Sprache zu wecken. Aber Geschichte: Langeweile war eine Achterbahn im Vergleich dazu.

Beneidenswert dagegen: Englische Kinder, denen der Kinderkanal der BBC, CBBC, “Horrible Histories” näherbringt. So lustig ist diese mittlerweile in der zweiten Staffel befindliche HistoryCom, daß immer mehr Erwachsene verfolgen, was da in kleinen Häppchen über “terrible Tudors”, “groovy Greeks”, “rotten Romans”, “vile Victorians” und “slimy Stuarts” berichtet wird. Mit Hauptaugenmerk auf triviale, ungewöhnliche und grausige Aspekte und gerne in Form von Parodien erwecken britische Comedians (u.a. Simon Farnaby ["Mighty Boosh"], Sarah Hadland ["Moving Wallpaper"] und den Stargästen David Baddiel und Alexei Sayle) die Geschichte zum Leben. Und immer, wenn die Gags allzu ausgedacht wirken, hält der Moderator der Show, eine Handpuppen-Maus, ein Schild in die Kamera: “This really happened!”

“This really happened” — leider nicht in meinem Unterricht damals. Aber immerhin erfahre ich ja nun aus dem Kinderfernsehen, was ich alles verpaßt habe. Danke, CBBC!

Einer geht noch, mehr finden sich bei YouTube:

Behind The Office

26. August 2009 Keine Kommentare

Der BBC-Comedy-Blog hat, bevor die BBC am Sonntag die ganze erste Staffel “The Office” plus diverse Specials zeigt, schon mal einige Clips online gestellt, die freundlicherweise sogar außerhalb Großbritanniens geguckt werden dürfen — und sogar eingebettet! Darum hier in voller Länge:

The Beginning

The Style

Comedy V Humour

Staff Training

Impact

Wer alles zu Wort kommt in diesen Clips, entnehme man bitte den Tags; daß Christopher Guest dabei ist, sieht man schon daran, daß die Lautstärke-Regler der BBC-Player bis 11 gehen.