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Archiv für November, 2012

Familienpest

28. November 2012 Keine Kommentare

Hier das Humorkritik-Spezial aus der aktuellen Titanic mit allen Kaufempfehlungen für’s Weihnachtsfest. Von einer mal abgesehen: Ich würde außer den Sitcoms natürlich jederzeit und dringlichst zu Stewart Lees neuer Stand Up-DVD „Carpet Remnant World“ raten. Ich habe das Programm im Januar in London gesehen, und es ist wieder mal sehr gut — sollte mich wundern, wenn die DVD schlechter wäre.

Es ist trüb und kalt geworden draußen vor der Tür, und das ist nicht nur der wirtschaftlichen Gesamtlage geschuldet, aber auch. Und so wie in Großbritannien das Wetter traditionell noch ein bißchen schlechter ist als hierzulande, so verhält es sich auch mit der Konjunktur: Sie ist auch auf der lustigen Insel nur noch mit viel Alkohol und einer stiff upper lip zu ertragen. Was sich durchaus in der Comedyproduktion niederschlägt.

Tatsächlich haben etliche britische Sitcoms des vergangenen Jahres die Wirtschaftskrise direkt oder indirekt thematisiert: in „The Café“ (Sky1) etwa arbeiten Großmutter, Mutter und Tochter in ihrem kleinen Promenaden-Kaffeehaus am Strand von Weston-super-Mare — bzw. arbeiten eben die meiste Zeit eher nicht, weil kaum noch Gäste kommen. Die jüngste Tochter des Café-Klans ist gerade aus London in ihre kleinstädtische Heimat zurückgekehrt, weil es als Kinderbuchautorin doch nicht geklappt hat, und genau dieses Motiv (hier bearbeitet von Craig Cash und Ralf Little, die schon mit „Royle Family“ Maßstäbe gesetzt haben) findet sich dieses Jahr in verblüffend vielen Sitcoms: die Rückkehr der Boomerang-Generation in ihr Elternhaus.

In „Parents“ (Sky1) ist es eine ganze Familie, nämlich Jenny (Sally Phillips), Nick und ihre Teenager-Kinder, die bei den Großeltern einziehen (müssen), nachdem sie ihren Job verloren hat und seine Geschäftsidee (ein Energydrink für Topmanager) nicht so richtig funktioniert, und in „Cuckoo“ (BBC3) ist es die gerade volljährige Tochter, die nach einem Gap Year aus Thailand zurückkommt — und ihren frisch angetrauten us-amerikanischen Hippiegatten Cuckoo (Andy Samberg, in den USA ein „Saturday Night Live“-Star) gleich mit einziehen lässt.

Der „IT Crowd“-Veteran Chris O’Dowd schließlich verlegt die Krise in seiner ersten eigenen Sitcom gleich dahin, wo sie historisch vertraut ist: ins Irland der späten Achtzigerjahre, wo der „Moone Boy“ (Sky1) Martin, 11, seine Kindheit mit zahllosen Geschwistern verbringt – und mit seinem unsichtbaren Freund (O’Dowd). Der gibt nicht immer kluge Ratschläge, steht Martin aber jederzeit für lange Gespräche zur Verfügung, ganz wie Martins gleichalten Nachbarskindern deren unsichtbare Freunde (u.a. Johnny Vegas als Wrestler). Eine brillante Idee, schön umgesetzt von O’Dowd als Autor, der eigenen Angaben zufolge etliche autobiographische Details verarbeitet hat, und Regisseur Declan Lowney, der mit „Father Ted“ (Channel 4, 1995 – ’98) schon eine unsterbliche irisch-britische Sitcom in seinem Lebenslauf stehen hat. „Moone Boy“, mitproduziert von Steve Coogans Firma Baby Cow (Coogan hat auch einen Gastauftritt) ist herzlich warm und trotzdem höchst komisch — und hat in diesem Text die dringlichste Kaufempfehlung.

Fällt Ihnen eigentlich etwas auf? In der Tat: drei von vier Top-Sitcoms des Jahres 2012 stammen nicht von der BBC, sondern von Sky1. Tatsächlich mausert sich Rupert Murdochs Bezahlkanal in Großbritannien gerade zum Comedylieferant Nummer eins. Das dürfte vor allem auf Lucy Lumsden zurückzuführen sein, die den bis dahin praktisch gesichtslosen Sender als Head of Comedy direkt an die Spitze katapultiert hat. Lumsden war über zehn Jahre Programmchefin der BBC-Comedy, und sie hat es geschafft, überraschend viele überraschend prominente Comedians mitzunehmen, obwohl sie bei diesem bislang doch eher unsympathischen Sender nur noch von einer eingeschränkten Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

Zu diesen Stars gehört auch Ruth Jones, Nebendarstellerin und Coautorin der BBC3-Erfolgssitcom „Gavin & Stacey“ (2007 – ’10). Jones hat mit „Stella“ (Sky1) das wohl beste ComedyDrama des Jahres lanciert: eine abermals von Wirschaftsdepressionen und Familienglück geprägte walisische Serie rund um eine alleinerziehende Mutter (Jones), deren Sohn (zu Beginn der Serie) im Gefängnis sitzt, deren Ex sich eine superprollige neue Flamme angelacht hat und deren beste Freundin und Schwägerin, Bestattungsunternehmerin Paula, stets ihre Blutalkoholwerte messen muß, bevor sie sich hinter das Steuer ihres Leichenwagens setzen kann. Wie „The Café“ und „Moone Boy“ zeichnet auch „Stella“ der realistische Stil und die genaue Charakterzeichnung aus; wie alle genannten Serien ist auch diese (für ComedyDramas ist das ohnehin die Regel) mit nur einer Kamera und ohne Livepublikum (also ohne Lacher) gedreht.

Daß kaum noch altmodische Multikamera-Sitcoms gedreht werden, ist fast ein bißchen schade: bei „Me And Mrs Jones“ (BBC1) hätten die Produzenten sonst vielleicht gleich gemerkt, daß die Gags längst nicht so gut sind, wie die Autoren vielleicht dachten. Diese britische Cougar-Variation spielt abermals mit einem Generationenkonflikt: die eigentlich fantastische Sarah Alexander („Coupling“, „Green Wing“) als alleinerziehende Mutter (ja, noch eine alleinerziehende Mutter) und der beste Freund ihres zwanzigjährigen Sohnes, Billy (der ebenso brillante Robert Sheehan, „Misfits“), machen das Leben vieler Menschen unnötig kompliziert, weil sie sich zueinander hingezogen fühlen. Tatsächlich aber glaubt man als Zuschauer keine Sekunde an diese Konstellation, schon weil Alexander tatsächlich alt genug sein könnte, um einen Sohn von 20 Jahren zu haben, aber viel jünger aussieht. Und so gibt es zwar einige hübsche Pointen (daß an der Schule etwa von einem alleinerziehenden Mann als „DILF“ die Rede ist), aber die Figurenzeichnung ist doch eher schwach. Und das, obwohl Autorinnen wie Produzentinnen (ja, eine rein weibliche Serie) es von „Smack The Pony“ und „Green Wing“ her noch besser wissen und können müßten.

Besser wissen und können müßte es auch Ricky Gervais: dessen Zwergen-Sitcom „Life’s Too Short“ (BBC2) mit Warwick Davis bemüht nicht nur abermals den mittlerweile wirklich antiquierten Mockumentary-Stil, sondern auch all die alten Peinlichkeits-Witze, die zwar hin und wieder noch funktionieren, meistens aber genauso flach fallen wie der kleinwüchsige Davis, wenn er aus seinem SUV steigt.

Wenn schon vorlaute Zwerge, dann doch bitte wie in „Spy“ (abermals Sky1), einer eher schnellen und schön bunten Agenten-Sitcom, in der Tim (Darren Boyd) wie die Jungfrau zum Kind plötzlich zu einem Job als Spion kommt, was er seinem äußerst dominanten zehnjährigen Sohn aber genausowenig anvertrauen kann wie seiner Ex. In der Folge darf Boyd seine bewährte John-Cleese-Komik mit viel unterdrückter Wut und Verblüffung spielen, die schon „Whites“ und „Green Wing“ sehr unterhaltsam gemacht hat, wenn er sich, seinem schwachen Charakter folgend, immer wieder der Autorität seines Bankerts unterwerfen muß. Darren Boyd ist es auch, der zusammen mit Stephen Mangan „Dirk Gently“ (BBC4) vor dem Totalreinfall bewahrt hat, obwohl aus der Douglas-Adams-Adaption von Howard Overman („Misfits“) doch etwas mehr zu machen gewesen wäre. Genau wie aus „A Touch of Cloth“ (ja doch, schon wieder Sky1), dem Versuch von Charlie Brooker, eine Art „Nackte Kanone“ auf britisch zu machen: diese zweiteilige Parodie auf praktisch alle englischen Krimiserien darf als zwar ambitioniert und streckenweise sogar recht lustig gelten, hat aber keinen so bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen, daß ich sie zur Einkaufspriorität erklären würde. Ebensowenig wie Brookers zweite Serie des Jahres, „Black Mirror“ (Channel 4), die in drei Folgen (von je anderen Autoren) mediale Dystopien entwirft, finstere Science-Fiction-Medienkritik, die für Fans von Brookers bösem Humor womöglich taugen, aber eher nicht mehrheitsfähig sind.

Da würde ich doch all die Serien vorziehen, die in diesem Jahr eine schöne zweite, dritte oder vierte Staffel auf den Schirm gebracht haben: die zweite Season der Olympia-Sitcom „Twenty Twelve“ (BBC2/BBC4), der Puppen-Comedy „Mongrels“ (BBC3), der Sitcomautorensitcom „Episodes“ (BBC2/Showtime) oder die Specials des Uralt-Klassikers „Absolutely Fabulous“ (BBC1), „Ab Fab At 20“, die dieses Jahr gezeigt haben, dass das Comedykonzept von Jennifer Saunders auch zwanzig Jahre nach der ersten Folge noch tadellos funktioniert. Fast so alt ist die Figur des Alan Partridge (Steve Coogan), und auch seine neue Miniserie „Alan Partridge: Midmorning Matters“ (Sky Atlantic) macht Spaß und läßt darauf hoffen, daß der lange angekündigte Partridge-Kinofilm im nächsten Jahr endlich Formen annimmt. In diesem Sinne: Happy New Year!

In eigener Sache: „101 Dinge, die Sie sich sparen können“

26. November 2012 3 Kommentare

Hermann Bräuer und ich haben ein Buch geschrieben! Es heißt „101 Dinge, die Sie sich sparen können“, ist bei dtv erschienen, hat 300 Seiten, kostet trotzdem nur schlappe 9,90 Euro und beinhaltet dafür 101 Einträge über Ratschläge, Tipps und Modetrends, die Sie sich getrost sparen können im Leben.

Ein Antiratgeber also, der ein- für allemal klärt, warum man weder Bungeejumping machen muss noch ein Tattoo braucht, welche Orte man nicht bereist haben muss (Venedig), warum man die Steuererklärung nicht selbst machen sollte und nicht am Strand (mit jemandem) geschlafen haben braucht, warum man es sich sparen kann, Wählen zu gehen, Politiker zu werden, Pantomime, Zauberer oder Weinexperte (von Zigarrenexperte zu schweigen), warum man kein Haus gebaut, kein Kind gezeugt und keinen Baum gepflanzt zu haben braucht im Leben, und warum man tunlichst die Finger lassen soll von Kreuzfahrten, Whale Watching, Oktoberfest und Silvester. Und von Zorbing. Es steht auch drin, was das überhaupt ist, Zorbing.

Es hat großen Spaß gemacht, das zusammen mit Hermann aufzuschreiben (und dass Hermann ein Guter ist, wird Lesern dieses Blogs bestimmt sofort klar, wenn sie erfahren, dass Stewart Lee, DER Stewart Lee, über Hermann gesagt hat, er sei „a talented comedy writer“, und wenn Stewart Lee, DER Stewart Lee! das sagt, dann stimmt das auch! Ich wünschte, Stewart Lee hätte über mich gesagt, „he is a talented comedy writer“!), und jedesmal, wenn ich das Buch wieder aufschlage und reinlese, muss ich wieder lachen, was ein gutes Zeichen ist, weil man bis zur Veröffentlichung eines Buches die Texte, die drinstehen, ja sehr, sehr oft gelesen hat.

Wenn Sie mir immer noch nicht glauben, dann glauben Sie doch bitte Dieter Nuhr, der über unser Buch schreibt:

Endlich der Ratgeber, auf den alle gewartet haben. Hier wird vor allem gewarnt, was einem das Leben zur Hölle macht: Vegetarier, Memoiren und Disneyland. Meiden Sie alles, wovon in diesem Buch abgeraten wird, und Sie werden glücklich, reich und sexuell befriedigt sterben. Tot sind Sie dann trotzdem. Aber glücklich. Wunderbar!

Offiziell erscheint das Buch erst am 1. Dezember, aber weil Amazon es schon seit über einer Woche ausliefert und ich gestern auch den ersten Stapel hier in München am Ostbahnhof in der Buchhandlung habe liegen sehen, empfehle ich: Jetzt kaufen, lesen, lachen, dann noch eines kaufen, verschenken und das eigene nochmal lesen! Hurra!

Ach so, und man findet uns auch bei Facebook. Obwohl man sich Facebook auch sparen kann. Steht zumindest in unserem Buch.

Was Komödie schon wieder alles nicht darf

24. November 2012 2 Kommentare

Mag ja sein, ich bin überempfindlich. Oder aber die Kritiker, die sich mit komischen Film- und Fernseherzeugnissen beschäftigen, verstehen wirklich ihr Handwerk nicht.

Heute schreibt Christian Buß bei Spiegel online eine Kritik zum Münsteraner „Tatort“ morgen abend. Der hat ihm offenbar nicht so gut gefallen. Statt aber nun zu schreiben: Der Münsteraner „Tatort“ morgen abend hat mir nicht so gut gefallen, weil… wird er grundsätzlich:

Sexuelle Gewalt lässt sich … nicht in einer Komödie verarbeiten.

Punktum, Schluss, aus. Das ist einfach so: Sexuelle Gewalt lässt sich nicht in einer Komödie verarbeiten. Da sind die Grenzen der Komödie! So ein Glück, endlich hat sie jemand gefunden.

Kein Gedanke daran, dass etliche Filme von Quentin Tarantino sich mal mehr, mal weniger auch mit sexueller Gewalt beschäftigen. „Death Proof“ ziemlich ausschließlich, aber auch  „Pulp Fiction“, das Buch zu „Natural Born Killers“ usw.; auch Wolf Haas‘ „Silentium“ thematisiert sexuelle Gewalt; gewiss ließen sich noch mehr Beispiele finden, wenn ich die Geduld zu längerer Suche hätte.

Der Punkt ist: die meisten (und in meinen Augen die besseren) Komödien könnten genauso gut Dramen sein. Gute Komödien sind die, deren Stoff sich auch ernsthaft verfilmen ließe. Und genau deshalb sind gerade ernste Themen in Komödien gut aufgehoben.

Der Unterschied zwischen Komödie und Tragödie ist nämlich nicht der, dass Komödien einen anderen Plot hätten. Sie haben den gleichen Plot, sie erzählen ihn nur anders. Das ist der Unterschied zwischen Plot und Story. Mir hat mal jemand einleuchtend erklärt: Der Plot ist: Erst stirbt der König, dann die Königin. Die Story ist: Erst stirbt der König an Krebs, dann die Königin an gebrochenem Herzen. Das ist die Story, wenn man sie als Tragödie schreibt. Als Komödie ginge sie vielleicht so: Erst stirbt der König, dann verschluckt sich die Königin vor lauter Freude, dass der alte Esel endlich tot ist, an einem Stück Schinken und erstickt. Vielleicht nicht der lustigste Dreh, aber für dieses Beispiel muss es reichen.

Allerdings: in beiden Variationen sterben zwei Menschen. Dass das nicht alle komisch finden, vor allem nicht die, die gerade selbst jemanden verloren haben, versteht sich von selbst. Beim Thema sexuelle Gewalt ist das vielleicht ein bisschen heikler, aber das grundliegende Problem ist das gleiche.

Daraus aber eine Regel abzuleiten („…ist nie lustig“), ist, um es vorsichtig zu formulieren, total schwachsinnig. Das heißt nämlich nur, dass man sich noch nie, nie, nie mit Komik beschäftigt hat.

Gerade Kriminalkomödien leben davon, dass bitterernste Momente und Komik zusammengebracht werden. Wie könnte man da ein Regelwerk aufstellen, welche ernsten Themen einfach zu ernst sind für Komik? Vielleicht bin in in diesem Punkt ein bisschen überempfindlich, aber ich meine: Auf diese Idee können wirklich nur deutsche Feuilletonisten kommen.

Englischer Humor vs. amerikanischer Humor

22. November 2012 7 Kommentare

Selten hat jemand so schlüssig und einleuchtend erklärt, worin der Unterschied zwischen amerikanischem und englischem Humor besteht, wie hier Stephen Fry:

Fry erklärt  auch sehr schön, was überhaupt das spezifisch englische am englischen Humor ist: die Perspektive von unten nach oben. Der Blick des Verlierers, der keine der Erwartungen erfüllen kann, die in ihn gesetzt werden.

Vielen Dank an Jonas Cords für den Hinweis auf das Video!

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Der phänomenale Tony Ferrino

21. November 2012 6 Kommentare

Wie alt diese phänomenale One-Man-Show ist, bemerkt man sofort an der lausigen Bildqualität der DVD: ein schlechteres Bild habe ich lange nicht gesehen. Macht aber nichts, das passt irgendwie sogar ganz gut zu Steve Coogans One-Off-Show „The Tony Ferrino Phenomenon“ (BBC2, 1997, dieses Jahr erstmals auf DVD erschienen). Denn diese 60-Minuten-Show ist eine Parodie auf das Dinosaurierfernsehen der guten alten Zeit, als Leute wie Peter Alexander allein mit ihrer „Personality“ ganze Sendungen bestreiten durften. Hier ist es die (gemessen an Alan Partridge) kurzlebige Figur des portugiesischen Crooners Tony Ferrino, die Steve Coogan zum Leben erweckt; ein Entertainer der klassischen Schule — Andy Williams und Tom Jones lassen grüßen; von letzterem ist sogar ein Song im Repertoir Tony Ferrinos: „Help Yourself“. Doch den Rest der Show bestreitet Coogan mit exklusiven Songs bzw. Songparodien vor Livepublikum, und davon ist eine lustiger als die andere. Weil Coogan schon damals ein Star war in England, hat er auch bei dieser Produktion prominente Unterstützung: ein Duett mit Mick Hucknall und eines mit Kim Wilde sind mit dabei. Weil der Großteil ohnehin bei YouTube steht: bittesehr.

(Wer Björk lieber mag als Kim Wilde: es gibt auch eine Version mit ihr, für den Comic Relief 1997.)

Zwischen die Live-Songs erzählt uns die Show den Werdegang Tony Ferrinos: wie er als Sohn eines Geheimpolizisten in Portugal groß wurde und sein Vater oft kleine Geschenke von der Arbeit mit nach Hause brachte: Herrenarmbanduhren oder Herrenschuhe. Wie er mit seinen beiden Brüdern erste Songs fürs portugiesische Fernsehen einspielte. Seine zahlreichen Frauenabenteuer und vier Ehen. Und dann der große Durchbruch beim Eurovision Song Contest mit seiner Band Papa Bendi und ihrem Superhit „Papa Bendi“ — auch der natürlich bei YouTube:

Von den vielen schmierlappigen Figuren, die Coogan im Laufe seiner Karriere gespielt hat, ist Tony Ferrino vielleicht die schmierlappigste: ohnehin nie um eine zotige Anspielung verlegen (natürlich gedeckt durch die südeuropäisch-machistische Natur Ferrinos), ist Ferrino hin und wieder auch absichtslos anstößig, weil des Englischen nicht ganz mächtig, oder einfach unbritisch angeberhaft, was ja immer lustig ist — etwa wenn er in einem Lied über sein Leben singt, mit welchen Prominenten er schon Skifahren war oder Sex hatte: „I can borrow Sting’s Tuscany farmhouse any time that I want.“

Eine halbe Stunde Interview-Porträt über Ferrino rundet die DVD schön ab; das ist nicht etwa Bonusmaterial, sondern Bestandteil des Werks, und dementsprechend nicht zugabenlustig, sondern genauso komisch wie die Show selbst. Hier wie bei den Songs, die allesamt ihre Form wahren, den Rahmen ernstnehmen und deswegen als Songs funktionieren (ganz ähnlich wie bei Peter Kays phantastischem „Britain’s Got The Pop Factor… and Possibly a New Celebrity Jesus Christ Soapstar Superstar Strictly on Ice“, Channel 4, 2008) merkt man, wie genau es Coogan mit Details nimmt, und wie wichtig es ist, solche Figuren und Rollen straight zu spielen und ohne jedes Augenzwinkern, das die Illusion bräche.

Obwohl die meisten Songs online sind (eine gütige BBC lässt offenbar nicht löschen; vielen Dank, BBC!), empfehle ich selbstverständlich die DVD zu kaufen (die mit £ 6.49 auch gewiss nicht zu teuer ist); ich selbst werde mir zu Weihnachten womöglich die CD des „loving latino“ zulegen, mal sehen. Apropos Weihnachten: auch ein Weihnachtssong ist in der Show. Hier ist er. Merry Christmas!

Jesus auf dem Fahrrad

18. November 2012 Keine Kommentare

Es ist wieder die Zeit kurz vor Advent, wenn all die neuen Comedy-DVDs erscheinen! Höchste Zeit also, dass ich hier einmal eine uralte Comedy-DVD bespreche: Richard Herrings „Christ on a Bike“ (2011).

Richard Herring geht also nun (also, äh, vor zwei Jahren, als das Programm herauskam) auch den Weg der religiösen Provokation und nimmt sich nach Adolf Hitler (in seinem Programm „Hitler Moustache“, 2010) nun Jesus Christus vor („Ich folge also gewissermaßen der Karriere von Papst Benedikt. Vielleicht geht ja das nächste Programm über Pädophilie“).

Das ist einerseits komisch, denn der Ansatz, naiv-kindliche Fragen zu stellen, funktioniert da ganz gut: Was zum Beispiel ist eigentlich aus dem Gold, dem Weihrauch und der Myrrhe geworden, die die heiligen drei Könige Jesus‘ Eltern mitgebracht hatten? Bei so vielen Reichtümern hätte Josef doch bestimmt eine ganze Weile nicht mehr arbeiten müssen. Wie oft muss man zur Kommunion gehen, bevor man einen ganzen Jesus gegessen hat? Wieso nimmt sich die Bibel so viel Zeit, die Genealogie über -zig Generationen hinweg vorstellig zu machen, die mit Joseph endet — wo doch Joseph gar nicht mit Jesus verwandt ist? Und wie lange war wohl Jesus‘ kleiner Christus — wenn Gott jedes Detail bedacht und alles selbst gemacht hat, muss er sich auch darüber Gedanken gemacht haben. Hat er ihm also ein paar Zentimeter extra geschenkt, oder hat er ihm lieber einen vollkommen glatten, geschlechtslosen Unterleib gegeben, wie ihn Plastikfiguren haben?

Eine ganze Weile ist das unterhaltsam. Dann aber schlich sich zumindest bei mir als nichtreligiösem Zuschauer, der selbst dem Atheismus ziemlich wurschtig gegenübersteht, eine gewisse Langeweile ein. Ganz schön totes Pferd, auf dem Herring da herumreitet, dachte ich — und habe bis jetzt nicht die zweite, die Bonus-DVD gesehen, die angeblich mindestens genauso gut ist wie der eigentliche Gig: da nämlich diskutiert Herring mit dem wütenden Mob vor dem Theater, der zwar die Show nicht gesehen hat, aber gerne über Blasphemie und Religionskritik reden möchte.

Nun mögen solche Diskussionen in England eventuell anders verlaufen als hierzulande, aber so viel anders dann auch nicht, als dass ich mir nicht ziemlich gut vorstellen könnte, wie das ausgeht: wie das Hornberger Schießen nämlich. Nicht nur kenne ich solche fruchtlosen Diskussionen aus dem Titanic-Zusammenhang, auch Herrings langjähriger Bühnenkollege Stewart Lee hat sich mit seiner „Jerry Springer-Oper“ (2005) schon ähnliche Schwierigkeiten eingehandelt. Dort war es allerdings tatsächlich prekär, denn da haben christliche Fundamentalisten es geschafft, die Tournee der Oper zu verhindern, was für Lee existenzbedrohliche finanzielle Schwierigkeiten bedeutete.

Hinzu kommt, dass Herring nicht annähernd so radikal und tatsächlich tabuverletzend ist wie Lee. Der geht in „90s Comedian“ (2005) viel weiter und steigert sich in eine Beschimpfungsphantasie hinein, in der er Jesus‘ Mund als Urinal benutzt. Das ist tatsächlich so über jede Grenze hinaus geschmacklos, dass selbst mir sich die Nackenhaare gesträubt haben, — und genau deshalb aus Comedy-Gesichtspunkten viel interessanter: Das ist nämlich tatsächlich komisch und gleichzeitig ungemütlich, selbst für Menschen, die keine religiösen Überzeugungen haben, aber zur Toleranz neigen. Was sowohl bei Lee wie auch bei Herring der größere Teil des Publikums sein dürfte. Herring fragt sogar zu Beginn seiner Show, wer im Publikum religiöser Christ sei, und das sind zwei oder drei. Was das Unternehmen, vor diesem Publikum die Figur Jesus Christus‘ mal so richtig auseinanderzunehmen, ein bisschen obsolet macht. Zumal er es dann ja gar nicht tut.

Nein, Herring erkundet in „Christ on a Bike“ keine unkartierten Gebiete in der Psyche seiner Zuschauer. In „Hitler Moustache“ war das immerhin an manchen Stellen noch so, weil er dort sein Publikum beschimpft und zumindest ansatzweise aus der Fassung bringt, nämlich mit der Argumentation, Rassisten seien weniger rassistisch als Liberale, weil es für Rassisten im Grunde genommen nur zwei Rassen gäbe (weiße und nichtweiße), für Liberale aber viel, viel mehr — und Rassisten so also an der Gleichheit aller Menschen wesentlich näher dran seien als Liberale. Genaugenommen nur einen Schritt entfernt davon.

Auch harmlose Albernheit hat natürlich ihre Berechtigung, und davon gibt es immer noch genügend, um „Christ on a Bike“ nicht zu einem Reinfall werden zu lassen. Herring ist sympathisch und klug genug, um den intellektuell etwas anspruchsvolleren Zuschauer durchgehend bei der Stange zu halten. Er ist aber kein comedian’s comedian wie Stewart Lee.

Bei der DVD sind (für Stand Up-DVDs nicht immer üblich) Untertitel dabei, die das Verständnis deutlich erleichtern.