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Artikel Tagged ‘Rich Fulcher’

Kleine Glotz-Bilanz

9. Februar 2012 8 Kommentare

Wenig passiert hier in den letzten Tagen, aber die Glotze war natürlich trotzdem oft an. Meine Fernsehauswahl der letzten Wochen:

„Homeland“ (Showtime, 2011) ist weder lustig noch britisch, dafür aber dekoriert mit einem Golden Globe (Best Television Series – Drama) und nach einer israelischen Vorlage, was mich aus persönlichen Gründen immer interessiert. Inhalt: Ein US-Marine, Sergeant Nick Brody (Damian Lewis), wird nach acht Jahren Gefangenschaft in den Händen von Al Qaida von einem US-Kommando befreit und als Kriegsheld nach Washington zurückgebracht. Allerdings hat die psychisch einigermaßen labile CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes, die Julia in Baz Luhrmanns „Romeo + Juliet“) zuvor in Bagdad aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass ein langjähriger P.O.W. von Terroristen während seiner Haftzeit „umgedreht“ worden ist und nun als islamischer Terrorist in den USA eingesetzt werden soll. Das kann nur Brody sein. In der Agentur glaubt ihr nur kaum jemand, so dass Claire mehr oder weniger auf eigene Faust beginnt, Brody zu verfolgen.

„Homeland“ ist eine Mischung aus den Thriller-Elementen von „24“ (von dessen Executive Producern die Serie auch stammt) und der Hauptfigur aus „Dr. House“, die medikemantenabhängig und gebrochen ist, vielleicht weniger genialisch als House, dafür verbissener. Außerdem spielen die zentralen seelischen Beschädigungen der Israelis eine tragende Rolle, wie ja auch schon (und logischerweise) bei „In Treatment“ (HBO, 2008 – 10): Schuldgefühle (u.a. geht es um nicht legitimierte US-Kriegshandlungen), Paranoia, bipolare Störungen, Schizophrenie. Vor allem, aber nur hintergründig, um Schizophrenie, denn dass Carrie mit ihrem Verdacht nicht falsch liegt, wird sehr schnell klar: Brody ist tatsächlich beides, US-Marine, Kriegsheld und treusorgender Vater — und muslimischer… aber ich will nicht zu viel verraten.

Natürlich ist „Homeland“ ultra-konservativ; hin und wieder habe ich vor mir Homer Simpson gesehen, der mit bloßem Oberkörper „U-S-A! U-S-A!“ ruft und sein Shirt um den Kopf wirbelt. War „24“ ja auch. Geht aber vermutlich auch nicht anders, wenn man eine solche Spionagegeschichte erzählen möchte, und die scheinen im Moment ja Konjunktur zu haben (mit der neuen le Carré-Verfilmung „Tinker Tailor Soldier Spy“, „Mission Impossible“ usw.). „Homeland“ ist jedenfalls prima Fernsehen, auf der Höhe der Zeit, und die erste Staffel (eine zweite ist in Planung) endet freundlicherweise nicht mit einem riesigen Cliffhanger, der alles offenlässt, sondern schließt in einer extra langen Episode viele Handlungsstränge ziemlich endgültig ab. Jedenfalls scheint es so.

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Zurück nach Großbritannien:

„Skins“ (E4, seit 2007) läuft derzeit in der sechsten Staffel und mit dem dritten Ensemble, und ist dafür immer noch ziemlich gut. Eigentlich besser als „Fresh Meat“ (Channel 4, seit 2011), das im Prinzip das gleiche versucht: Ein junges Comedy-Drama with an attitude. „Skins“ erzählt, pro Folge um eine der jugendlichen Hauptfiguren kreisend, die Geschichte einer Handvoll Teenager rund um Bristol und begleitet sie während der letzten zwei Jahre in der Schule (Sixth Form) (daher der komplette Cast-Austausch nach je zwei Staffeln). Die Jugendlichen sind, wie die in „Misfits“ (ebenfalls E4, seit 2009), weiß Gott keine Unschuldslämmer und haben darüberhinaus mit handfesten Coming-of-Age-Problemen zu kämpfen. In der aktuellen Staffel ist gerade eine der Hauptfiguren gestorben (was die Serie davor bewahrt hat, zur Soap zu werden — ans viele Kiffen und die Häuser verheerenden Partys hat man sich ja nun gewöhnt), und eine neue ist auf den Plan getreten, die per Würfel entscheidet, was als nächstes zu tun ist, und heimlich wilde homosexuelle Erfahrungen sammelt.

Keine andere Serie schafft es so sehr, in mir den Wunsch nach unverbindlichen Drogen, lautem Sex und harter Musik zu wecken, wie „Skins“ — mit „Misfits“ und „Skins“ hat E4 derzeit das deutlich bessere Gespür für „neue“, junge Bild- und Musik-Ästhetik als die BBC, wo allenfalls „Being Human“ mithalten kann (das gerade auch in eine neue, die vierte Staffel gegangen ist). E4 ist der digitale Ableger von Channel 4, der sich vorwiegend an ein junges Publikum richtet, Experimente wagt und sogar richtig Geld dafür ausgibt. Lobenswert.

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Apropos junge Menschen:

„The Inbetweeners Movie“, zu deutsch: „Sex on the Beach“ (also eher: „deutsch“), gerade in den Kinos (bzw. womöglich schon wieder raus?) KANN in Deutschland nur total floppen, alles andere würde mich jedenfalls sehr wundern. Nicht weil dem durchschnittlichen deutschen Kinogänger die Vorgeschichte aus drei Staffeln „Inbetweeners“ fehlt (abermals E4, 2008 – 10) — ein Kinofilm muss es schon schaffen, eigenständig zu funktionieren. Sondern weil das spezielle englische Element dieser (abermals sehr jugendlichen) Komödie hier überhaupt nicht verstanden werden dürfte.

Für das unbewaffnete Auge sieht der „Inbetweeners“-Film wie eine britische Variante von „American Pie“ oder „Eis am Stiel“ aus, die hierzulande ja ebenfalls schon eher als geschmacklos und vulgär empfunden werden denn als komisch — und der „Inbetweeners“-Film legt da noch zwei Schippen oben drauf: Da werden (während eines gemeinsamen Urlaubs der vier Teenager auf Kreta, in einer absoluten Touri-Hölle der unfeinen englischen Art) Omas gebumst, Selbst-Fellatio betrieben und Leute vollgekotzt; es gibt Schwänze ins Gesicht, eine Kackwurst im Bidet, ja, es wird sogar menschliches Exkrement geschnupft— nichts, was Deutsche per se als komisch empfänden.

Für Engländer aber, deren Schamschranken (man mag es angesichts solcher Filme nicht glauben) in der Realität aber viel höher liegen, ist es lustig, wenn genau diese Schranken in einem Film, mithin erkennbar künstlich und kunstvoll, gebrochen werden. Und auch ich musste mehrfach herzlich lachen, etwa wenn der sexbesessene Jay (James Buckley) (zu Beginn des Films und noch zuhause) sich herzhaft einen von der Palme wedelt — auf dem Bett sitzend vor einem Laptop samt Live-Sex-Chat, Taucherbrille auf, Sporthandschuh an, Schinkenscheiben im… nun, und wenn dann seine Mutter reinplatzt, hinter ihr die kleine Schwester, und sagt: Jay, kommst du bitte nach unten, dein Großvater ist gerade gestorben. — dann muss ich, nach einer atemlosen Schrecksekunde, wahnsinnig lachen. Weil die Geschmacklosigkeit nicht nur geschmacklos ist, sondern eine groteske Übersteigerung von Geschmacklosigkeit, eine Geschmacklosigkeit, die praktisch in alle Ewigkeit fortgesetzt ist, mithin endlos, schließlich wird Jay sich nicht nur während der Beerdigung, sondern jedesmal, wenn vom toten Opa die Rede sein wird, an diesen Moment erinnern… Was für eine Strafe, für das bisschen Sex!

Oder wenn der widerwärtige Hotelheini auf Kreta zu seinen neuen Gästen sagt: „Have fun, but not too much. You shit on floor, you pay 50 Euro fine. Each time.“ Oder wenn Will (Simon Bird) feststellt: „Dads are like arseholes: everyone’s got one. Plus they’re arseholes.“

Will sagen: Wie da fette englische Bratzen in zu kurzen Röcken gezeigt werden, die äußere Anmut allenfalls durch ein strahlendes Selbstbewusstsein ersetzen, vier hoch peinliche Teenager zwischen Extrem-Nerd und Vollpfosten, das ist von einer Selbstironie getragen, freilich auch von darunterliegender englischer Selbstsicherheit, die es in amerikanischen Teenagerfilmen dieser Art so (glaube ich) nicht gibt, und in Deutschland schon gar nicht. Da schämt man sich allenfalls, wenn andere Leute sich dermaßen daneben benehmen, und zwar für sie, aber man lacht nicht darüber. Und schon gar nicht mit ihnen. Engländer aber schon. Das belegt nicht zuletzt der Umstand, dass „The Inbetweeners Movie“ in England den Einspielrekord aller Komödien am Premierenwochenende gebrochen hat und nun vor „Bridget Jones — The Edge of Reason“ und „The Hangover II“ liegt.

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„Noel Fielding’s Luxury Comedy“ (schon wieder E4, 2012) zuguterletzt ist „gloriously weird“ oder aber völlig witzfrei, ich bin mir noch nicht ganz sicher. Sicher ist: Es ist eine Art Sketchshow, in der Noel Fielding (die jüngere Hälfte des „Mighty Boosh“-Duos) seinen surrealen Albernheiten freien Lauf lassen darf, ohne Julian Barratt, dafür aber mit Sergio Pizzorno von der britischen Rockgruppe Kasabian, der hier die Musik beisteuert, und einigen der üblichen Verdächtigen (Bruder Michael Fielding, Rich Fulcher, Richard Ayoade). Es ist viel Animiertes dabei, an dem man auch deutlich die Fieldingsche Handschrift erkennen kann, und es ist bestimmt auch ganz lustig, für Hardcore-„Mighty Boosh“-Gucker. Ich persönlich bin nach zwei Folgen gespalten: Richtig oft lachen musste ich nicht, aber für ein endgültiges Urteil ist es wohl noch zu früh. Wer die erste Episode gucken möchte: Hier ist sie.

Die Reise der Kindsköpfe

3. Dezember 2010 3 Kommentare

99 Gigs vor ingesamt 270 000 Zuschauern haben The Mighty Boosh während ihrer zweiten großen Tournee unter dem Titel „Future Sailors Tour“ absolviert; von September 2008 bis Januar 2009 waren sie durch England und Irland unterwegs. Darüber informiert uns Regisseur Oliver Ralfe zu Beginn seiner Tour-Doku „The Mighty Boosh Live: Journey of the Childmen“, die dieser Tage auf DVD erschienen ist (leider ohne UT).

Das sind aber auch schon die letzten Fakten, die uns der Regisseur zugesteht; wer von den Mighty Boosh-Leuten (Ralfe war selbst als Nebendarsteller zu sehen) eine irgendwie normale Dokumentation erwartet hätte, sieht sich getäuscht. Statt dessen sehen wir Backstage-Clips, gucken dabei zu, wie Rich Fulcher lustige Geräusche macht, Julian Barratt Noel Fielding mit dem Finger Kringel auf beschlagene Taxischeiben malt und Teenagermädchen hysterisch kreischen. Vor allem aber scheint Ralfe eine ausgeprägte Leidenschaft für Barratts Fieldings silberne Stiefel zu haben, er zeigt sie gerne und oft und baut am Ende sogar eine kleine Geschichte um sie herum, in der Barratt Fielding sie für irgendwelche Elfen oder Kobolde im Garten hinterlegt, die ihm im Tausch dafür einen Koffer mit Ideen überlassen. Oder so ähnlich. Kleine eingestreute Animationen im Boosh-Stil geben „Journey of the Childmen“ von Anfang an einen surrealen Touch, und Musik- wie Regie-Kniffe, Montagen und Fast-Forward-Szenen erzeugen durchaus poetische Effekte.

Auf die mittlere und lange Distanz aber fehlte dann zumindest mir doch etwas. Denn so gerne ich die drei Staffeln „Mighty Boosh“ mag (und auch die erste Live-DVD): so in der Wolle gefärbt bin ich nicht, daß mir solche Tour-Impressionen als abendfüllende Unterhaltung schon reichten. Irgendwann stellte sich bei mir das Gefühl ein, daß ich zwar The Mighty Boosh sehe, aber jemand den Dialog durch Musik ersetzt hat: Da fehlte die Geschichte, oder eben wenigstens ein paar Fakten, Hintergrund, irgendwas, das tiefer geht als die Oberfläche, die zwar schön glitzert, aber nach einer Weile nichts wirklich Neues mehr hergibt. Einer Lavalampe zuzusehen, erzielt das gleiche Ergebnis: erstmal hypnotisiert das psychedelische Wabern, aber nach einer Dreiviertelstunde kriegt man Hunger oder schläft ein oder guckt, ob es nicht doch noch was im Fernsehen gibt.

Und so hinterließ diese Große Fahrt der Kindsköpfe bei mir den Eindruck, ich hätte einem Feature aus dem Bonus-Material einer DVD zugesehen (wovon die diversen Ausgaben der letzten Live-DVD ohnehin schon reichlich mitbrachten): Ein Making of, ein Hinter-den-Kulissen oder gar irgendetwas Fangemachtes — nett, aber belanglos. Parerga und Paralipomena. Daß die DVD dann ihrerseits wiederum Extras mitbringt (u.a. Martin Freeman und Noel Fielding Julian Barratt in dem Kurzfilm „HIV — The Musical“) hat es dann auch nicht mehr herausgerissen.

Sorry, ich verwechsle permanent die Namen der beiden Hauptdarsteller. Mein Fehler!

Bunny and the Bullshit

27. April 2010 13 Kommentare

Das Betreiben dieses Blogs stellt mich regelmäßig vor die Frage: Warum soll ich über kleine, unbekannte, hierzulande vollkommen irrelevante britische Fernsehserien oder Filme schlechte Kritiken schreiben? Wären sie gut, die Serien, Filme und Kritiken: right, das hätte Nachrichtenwert — da gibt es einen uns unbekannten Kosmos aus Witz und guter Laune, wir sind alle eingeladen und brauchen nur die Information, wo die Party stattfindet! Ist ja auch oft genug so, zum Glück. Aber darüber zu schreiben, daß kleine, unbekannte und hierzulande irrelevante Filme oder Serien nicht so richtig gut sind: Da geht der Nutzen für den Leser doch eher gegen null.

Daß ich „Bunny and the Bull“ (2009) nicht so richtig super fand, erschließt sich dem einen oder anderen gewiß schon aus der Überschrift, und wer keine Wegbeschreibung zu einer öden Party braucht, muß ab hier nicht weiterlesen. Nehmen wir aber mal an, es gibt einen, nur einen einzigen großen „Mighty Boosh“-Fan, der gerne wissen möchte, ob das Filmdebüt des „Boosh“-Regisseurs Paul King („Garth Marenghi’s Darkplace“) etwas taugt und warum nicht, obwohl doch die Boosh-Stars Julian Barratt und Noel Fielding mitspielen und Richard Ayoade sowie Rich Fulcher klitzekleine Gastauftritte haben. Nennen wir diesen Fan der Einfachheit Anna. Dann, liebe Anna: Ist diese Kritik für dich.

Zunächst einmal: „Bunny and the Bull“ ist gewiß kein „Mighty Boosh“-Film, nicht offiziell, und inoffiziell auch nicht. Da ist zwar die äußere Erscheinung, die tatsächlich etwas von der psychedelischen Kultserie hat — aber in den entfernt Boosh-artigen Kulissen findet überraschenderweise keine Komödie statt, sondern ein Drama. Es ist das Drama eines jungen Mannes namens Stephen (Edward Hogg), der seine Wohnung seit einem Jahr nicht verlassen hat, seinen Tagesablauf einer minutiösen Routine unterzieht und seine gebrauchte Zahnseide in datierten Umschlägen archiviert. Und nicht nur die. Die Grenzen der Realität werden allerdings schnell durchlässig, und ohne daß sie als solche sofort kenntlich wären, erfahren wir in Rückblenden die Ereignisse aus der Zeit vor Stephens selbstgewählten Weltferne: Wie er mit seinem Freund Bunny (Simon Farnaby) durch Europa reiste, nachdem sie bei einer Pferdewette gewonnen hatten. Mehr…

Now Shipping

19. April 2010 3 Kommentare

Das heutige Erscheinen der dritten Staffel „The Thick of It“ (für Einsteiger: die Box mit allen Folgen) habe ich gerade für einen kleinen Einkauf genutzt, der schon lange fällig war: „Bunny and the Bull“ ist schon Mitte März in die Läden gekommen. Der Film von Paul King gilt als inoffizieller „Mighty Boosh“-Film: King hat bei allen drei Staffeln der surreal-psychedelischen Sitcom Regie geführt, und auch bei „Bunny and the Bull“ sind Julian Barratt, Noel Fielding, Rich Fulcher und Richard Ayoade dabei, allerdings eher in Cameos. Was man so hört, ist „Bunny and the Bull“ allerdings keine reine Comedy, hat aber wohl komische Momente. Wurde schon mit Gondrys „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“ verglichen — aber halt in britisch.

Außerdem im Einkaufskorb: „Ladies of Letters“ und die zweite Staffel „Being Human“, die ich nicht mehr ganz so stark fand wie die erste, aber allemal sehenswert. Das ComedyDrama um eine WG aus Werwolf, Geist und Vampir ist eine hübsche Symbiose aus Fantasy in der Tradition von „Doctor Who“, aber mit den Schauwerten heutiger Serien à la „Skins“. Sehr empfohlen!

Für Kinder ab 18

15. März 2010 10 Kommentare

Ich hasse Jugendliche. Jugendliche stinken. Sie sind vorlaut, präpotent und halten sich für den Nabel der Welt, haben aber in Wirklichkeit von nichts Ahnung. Jugendliche denken nur an sich, wollen immerzu „Party machen“ und bauen Scheiße. Warum sollte ich ihnen dabei auch noch stundenlang zusehen wollen?

Nun: Weil es verdammt unterhaltsam ist — jedenfalls wenn wir von „Skins“ (E4, 2007 -) sprechen. „Skins“ bestätigt alle gängigen Vorurteile über Jugendliche (vorlaut, präpotent, keine Ahnung, Party) — und transzendiert sie. Natürlich bauen Tony, Michelle, Sid, Cassie, Chris, Jal, Maxxie und  Anwar unfaßbar viel Scheiß. Aber jeder baut ihn auf seine Weise. Und wenn man eine Weile zusieht, wird die Binnenlogik aus Scheiße bauen und Party machen so stark, daß man sich fragt: Warum habe ich eigentlich nicht so viel Scheiße gebaut und Party gemacht, als ich Teenager war? Sieht doch aus, als wäre mir mächtig etwas entgangen.

Gut, fränkische Mittelstädte in den Achtzigern und Bristol der späten Nullerjahre, das sind schon zwei unterschiedliche Planeten. Ich hätte mit 16 eher nicht auf Pump einem Grasdealer Marihuana für 1000 Mark abgekauft, um den Beutel sofort zu verlieren und keine Ahnung zu haben, wie ich das zurückzahlen soll. Ich hätte mich auch nicht mit ein paar schweren Metallteilen in der Tasche durch die Untersuchung einer Anorexie-Behandlung geschummelt oder von meinen Brüdern, die für HipHop-Battles proben, beim Klarinettespielen stören lassen, und meine alleinerziehenden Mutter hätte sich auch nicht mirnichts, dirnichts aus dem Staub gemacht, um mich mir selbst zu überlassen. Insofern hatte es vermutlich auch seine Vorteile, in der bayerischen Provinz aufzuwachsen, und nicht im Südwestengland eines britischen ComedyDramas.

Kurzweiliger ist aber auf jeden Fall die Jugend in der Fernsehversion von E4, dem Bezahlfernseh-Ableger von Channel4. Sie hat definitiv den besseren Soundtrack als meine Jugend, ist schneller geschnitten und sowohl lustiger als auch trauriger. Das ist überhaupt die ganz große Leistung von „Skins“: Wie hier Tragik und Komik Tür an Tür wohnen, wie man mit jeder Folge, die sich jeweils um einen aus der Clique dreht und auch nach ihm benannt ist, also Episode „Tony“, Folge „Cassie“ usw., wie man also mit jeder Folge mehr von der Backstory und den inneren Welten einer Figur erfährt und dabei ganz großes Drama, schlimmste seelische Verletzungen und schwerste Schicksale direkt neben schnellen und hellen Gags liegen, neben Witzen über doofe Eltern, Drogen und Sex, Sex, Sex — das ist nichts weniger als brillant. Und sehr englisch, mal wieder: dreckig, böse, sehr, sehr lustig. Die DVDs sind tatsächlich „ab 18“.

Die Schöpfer der Serie, Bryan Elsley und Jamie Brittain, sind Vater und Sohn (ersterer Jhg. ’61, letzterer ’84) und mit Preisen für „Skins“ überhäuft worden; vor allem ab der dritten Staffel häufen sich vermutlich wegen des phänomenalen Erfolgs denn auch die Gast-Auftritte, in denen über zwei bis vier Episoden Stars die Eltern respektive Lehrer verschiedener Teenager spielen dürfen: etwa Sally Phillips, Ardal O’Hanlon, Mark Heap, Rich Fulcher, Simon Day, Kevin Eldon, Bill Bailey, Peter Capaldi und Olivia Colman; Harry Enfield spielt nicht nur regelmäßig mit, sondern führt zwischendurch sogar Regie. Tony Stonem wird gespielt von Nicholas Hoult, den man als Kind noch aus „About a Boy“ kennen könnte.

„Skins“, der Name, bezieht sich übrigens nicht etwa auf Skinheads, sondern auf Zigarettenpapierchen, mit denen hier selbstredend ausschließlich Joints gebaut werden. Der Begriff „skins party“ ist infolge der Serie in den englischen Sprachgebrauch eingegangen als Synonym für extrem destruktive Großfeiern mit unfaßbar viel Akohol- und Drogenkonsum — es wird von einer Party berichtet, die auf MySpace als „Skins Unofficial Party“ angekündigt war und zu der prompt 200 Gäste erschienen, die einen Schaden von 20 000 Pfund anrichteten. Wer bei YouTube nach „Skins“-Trailern sucht (leider alle nicht einzubetten), wird praktisch nur das finden, wofür die Serie berühmt geworden ist: Exzessive Partyszenen.

In England ist gerade die vierte Staffel zuende gegangen (sie erscheint nächste Woche auf DVD); die fünfte und sechste sind schon beschlossen, vermutlich deshalb im Doppelpack, weil (fast) der komplette Cast zwischen der zweiten und dritten Staffel ausgetauscht worden ist und ein weiterer kompletter Austausch der Hauptfiguren geplant ist, deren Geschichte immer nur bis zum Abschluß der Secondary School erzählt werden. Auch von einem Film ist die Rede. Ich werde, soviel steht schon fest, alles gucken, was da noch kommt — „Skins“ ist phänomenal.

Rückrufaktion

20. November 2009 Keine Kommentare

Meinen vor einigen Tagen geäußerten Wunschzetteltip, die neue „Mighty Boosh“ „Future Sailors“-Live-DVD, nehme ich hiermit zurück: Die braucht wirklich niemand. Die erste Live-DVD habe ich in guter Erinnerung, weil sie so reduziert war wie die frühen „Boosh“-Shows, und austariert in der Gewichtung von Barratt/Fieldings Double Act vor dem Vorhang, der sich direkt in die Zuschauer richtet, und inszenierten Geschichten.

Dieses Gleichgewicht fehlt der „Future Sailors“-Show: Die erste Hälfte lang, und das ist schon eine gute Stunde, dürfen sich die diversen Charaktere der Fernsehshow ausführlich vorstellen, inklusive Rich Fulchers Bob Fossil, den ich schon immer für die schwächste Figur hielt (und Fulcher für den am wenigsten komischen Darsteller der Truppe); die zweite Hälfte, ein von Howard Moon inszeniertes Theaterstück, das Vince kapert und zur Selbstinzenierung nutzt, ist zwar komischer, rettet aber leider die Show nicht.

The Mighty Boosh verlassen sich zu sehr auf ihren Superstar-Status, wenn sie alle Störungen aus dem Publikum zulassen, Zuspätkommer ausführlich kommentieren (kann man sowas bei einer DVD-Aufzeichnung nicht einfach unterbinden?!) und auf Heckler eingehen, und wenn ihnen im Laufe der Show ihre Figuren egal werden und beispielsweise Noel Fielding als Tony Harrison (eine Figur, die nur aus einem Kopf mit Tentakeln besteht) aus der Rolle fällt, weil er in dem ausgehöhlten Sessel, in dem er steckt, den Halt kurz verloren hat und minutenlang darauf eingeht, wie unbequem es in diesem hohlen Sessel ist — woraufhin sich auch noch ein kurzer Dialog mit Dave Brown als Bollo ergibt, der seinerseits über sein unbequemes Gorillakostüm spricht.

Nun steckt zwar von vornherein ein Meta-Ansatz in der „Boosh“-Show, weil schon seit der ersten Folge Howard und Vince zu Beginn darauf eingehen, daß eben alles eine Show ist, und die Brechung dieser Show ist regelmäßig Thema, wenn etwa Howard sie stoppt, um zu kritisieren, daß Vince die Bühne für Werbung nutzt oder ähnliches. Das aber ist jederzeit als Bestandteil des Spiels zu erkennen (einer der wichtigsten und komischsten sogar) — unbequeme Kostüme sind einfach nur unbequeme Kostüme. Und spätestens wenn auch noch Julian Barratt als Crack Fox seine Schnauze aus dem Gesicht fällt und er auch darauf noch eingeht, ist der Spaß an der Vermischung der Ebenen vorbei, und übrig bleibt ein etwas zu selbstverliebtes Team von Comedians, dem seine Popularität zu Kopf gestiegen zu sein scheint.