“Submarine”, der erste Kinofilm von Richard Ayoade (“The IT Crowd”), den ich neulich mal recht enthusiastisch besprochen habe, kommt diese Woche in die deutschen Kinos. Die deutsche Synchronisation erscheint mir, vom Trailer zu schließen, sogar ganz solide; ist halt immer etwas weniger charmant als das Original. Aber mei… Auch auf deutsch bleibt “Submarine” ein schöner britischer Coming-of-Age-Romcom-Vorweihnachtsfilm, der von den jungen Nachwuchsschauspielern lebt, den schönen Bildern und der prima Musik (vom Arctic-Monkeys-Gitarristen Alex Turner).
Irgendwo mitten im Film steht, nicht wirklich im Zentrum der Aufmerksamkeit, ein Aquarium hinter dem Küchentisch, an dem Oliver sitzt, und strahlt blau. Gleichmäßig steigen Luftbläschen im Wasser auf, weiß und geräuschlos, und so statisch, wie dieser Moment ist, könnte man denken, es sei Schnee, der auf eine Winterlandschaft fällt. Nur daß er eben von unten nach oben fällt, und es ist kein Schnee, und es ist auch keine Winterlandschaft.
Oliver Tate (Craig Roberts) ist fünfzehn und lebt in einer Kleinstadt in Wales. Dem Harold aus “Harold and Maude” nicht ganz unähnlich, träumt er im Prolog, während er im Unterricht sitzt, von seinem Tod, von einer Schuldurchsage mit brüchiger Stimme, untröstlichen Klassenkameraden, einem Tor, das mit Blumen, Porträts und Kerzen geschmückt ist, einem Kamerateam, das berichtet, und beispiellosen Szenen, in denen ein Trauerzug für ihn durch die nächtliche Stadt abgehalten wird. Ein Verlust, wie größer noch keiner war. Herzergreifende Szenen.
In anderen Momenten träumt er von Jordana Bevan (Yasmin Paige), dem bösartig-rätselhaften Mädchen in seiner Klasse, und geht sogar so weit, beim Trietzen einer dicken, tumben Mitschülerin mitzutun, um Jordana zu beeindrucken. Jordana ist tatsächlich beeindruckt, und schnell nimmt Oliver an, sie seien nun zusammen.
Unterdessen braut sich aber zuhause etwas zusammen: Olivers Eltern, der bis zur Depression in sich zurückgezogene Vater Lloyd (Noah Taylor) und seine über die Jahre spießig gewordene Mutter Jill (Sally Hawkins) haben kaum noch Sex. Jedenfalls findet Oliver bei seinen Überwachungstouren den Schlafzimmer-Dimmer immer seltener auf halb gedreht vor. Und dann zieht nebenan auch noch der Motivations-Guru und Vollidiot Graham T. Purvis ein, der in billig dekorierten städtischen Sälen seinem Publikum erzählt, jeder Mensch sei ein Prisma und Licht das wichtigste überhaupt. Ach ja, und Olivers Mutter war, ganz früher, mal mit Graham zusammen, bevor sie auf den Marinebiologen Lloyd getroffen ist.
Vieles hätte ich von Richard Ayoade erwartet, dem Maurcie Moss aus “The IT Crowd” (Channel 4, seit 2006), der auch “Garth Marenghi’s Darkplace” (Channel 4, 2004) mitgeschrieben hat und zur erweiterten Belegschaft von “The Mighty Boosh” (BBC3, 2004 – 07) gehörte — nicht aber eine so brillante Regie, einen so schönen Film wie “Submarine” (2010). “Submarine” ist ein Coming-of-Age-Film, wie es lang keinen gab: mit glaubwürdigen Figuren (prima gespielt vor allem von den Nachwuchstalenten Roberts und Paige), einer realistischen Handlung in einer halb-realistischen Erzählform, und Meta-Elementen, die an der Grenze zum Allzu-Cleveren sind, aber gerade so noch dem Film einen eigenen Tonfall geben: Die Schrift-Einblendungen etwa, die Prolog, ersten und zweiten Akt sowie Showdown ankündigen, oder Olivers Wunsch, ein Kamerateam möge seinen Alltag begleiten.
Es stimmt alles in diesem Comedy-Drama, und der Soundtrack, die erste Solo-Arbeit des Arctic Monkeys-Gitarristen und -Songwriter Alex Turner, trägt nicht zuletzt zu der Atmosphäre bei, die diesen Film genauso wie der meist trübe Himmel aufs Feinste unterstützt. Letzteres nicht ganz freiwillig; die Dreharbeiten in Wales waren mißgünstigem Wetter ausgesetzt, das der Filmarbeit nicht förderlich war — dem fertigen Film aber doch.
Richard Ayoade als Regisseur, das könnte Zukunft haben. Geübt hat er jedenfalls schon ein bißchen: Von ihm stammen diverse Arctic-Monkeys-Videos, dito Videos zu Songs von den Super Furry Animals, Vampire Weekend, Kasabian und den Yeah Yeah Yeahs.
Ricky Gervais wird abermals Gaststar bei den “Simpsons”: In einer Folge, die Anfang nächsten Jahres ausgestrahlt wird, soll er als er selbst bei der Oscar-Verleihung zu sehen sein. Das berichtet ew.com. Gervais hat bereits 2006 eine Folge der “Simpsons” geschrieben und ist in ihr aufgetreten; die Oscar-Folge wird aber nicht er schreiben. Weitere Gaststars der nächsten “Simpsons”-Staffel werden Halle Berry, Hugh Laurie und Daniel Radcliffe sein.
“The IT Crowd” soll abermals für den US-Markt neu aufgelegt werden. Graham Linehan in einem Chat des Guardian:
They’re working on one at the moment. I’m waiting to see the first script. I have encouraged them to do their own thing and not try to slavishly copy the original. As long as there’s no hugging, no learning, and big setpiece moments, I’ll be happy. I don’t even care if they don’t do it in front of an audience. Whatever works for them.
But if the show moves too far away from what I consider to be the IT Crowd ‘brand’, I’ll be asking them to change the title.
Der erste Versuch einer US-Adaption hat vor drei Jahren NBC unternommen. Darin hat Richard Ayoade seinen Charakter Moss in einer annähernd wörtlichen Übernahme der britischen Version auch noch selbst spielen dürfen, was die ganze Sache einigermaßen absurd machte. Die nie ausgestrahlte Pilotfolge zeigt Chortle — ich finde sie einigermaßen unheimlich, wie aus einem nicht ganz so lustigen Paralleluniversum… Vielleicht wird die neue Adaption ja eigenständiger, etwa so wie die US-Version von “The Office”. Das dürfte jedenfalls die Hoffnung von Linehan sein.
Drei große Momente bräuchte es, hat “IT Crowd”-Schöpfer Graham Linehan kürzlich zu Protokoll gegeben, um eine Sitcom-Folge zu stemmen. Auf die Story selbst käme es dann gar nicht mehr so sehr an, so lange auf diese drei Schlüsselszenen plausibel hingearbeitet werde, in denen sich alles verdichtet und in einem großen Feuerwerk der Komik explodiert. Das halte ich für plausibel, und aus Linehans (zusammen mit Arthur Mathews erschaffenes) Groß-Oeuvre “Father Ted” wüßte ich auch Dutzende Beispiele aufzuzählen.
Aus “The IT Crowd” leider nicht.
Vielleicht liegt das daran, daß es neben den drei großen, komischen Momenten pro Folge noch etwas anderes braucht: Nämlich lebendige Charaktere. Und so leicht es mir fiele, für den großartigen Kindskopf Father Dougal oder den delirierenden Father Jack Gags zu schreiben, so schwer fände ich es, Figuren wie Jen, Roy oder Moss zu bedienen — sie leben einfach nicht. Von Reynholm ganz zu schweigen. Ein ähnliches Problem hätte ich mit “Futurama” im Gegensatz zu den “Simpsons”: bei den “Simpsons” haben alle Charaktere ein Eigenleben, man schließt sie ins Herz wie Familienmitglieder. Fry, Bender und Leela sehe ich gerne zu, aber die große Liebe ist es nicht (und nicht nur bei mir nicht, auf Dan’s Media Digest kommt zu ähnlichen Schlüssen bzgl. “Futurama” wie “IT Crowd”).
Ich könnte jetzt gar nicht sagen, daß mich die erste Folge der neuen Staffel “IT Crowd”, “Jen The Fredo”, besonders enttäuscht hätte — sie ist auf dem gleichen Niveau wie die anderen auch. ((Achtung, Spoiler!)) Jen (Katherine Parkinson) möchte unbedingt “Entertainment Officer” von Reynholm Industries werden, nicht ahnend, daß das hauptsächlich bedeutet, machistische Manager nach Feierabend in Clubs im Rotlichviertel zu schleppen. Gleichzeitig plagt sich Roy (Chris O’Dowd) mit Liebeskummer herum, und Moss (Richard Ayoade) geht ganz in Rollenspielen auf. Eine Klimax erreicht die Folge, als Jen die Manager (nachdem der gemeinsame Besuch der “Vagina-Monologe” ein veritabler Reinfall war) mit ins IT-Büro schleppt, wo sie zusammen ein Fantasy-Rollenspiel beginnen. Dieses Rollenspiel wiederum nutzt Moss, um in der Rolle einer Elfe (oder was) Roys Liebeskummer zu lindern, indem er ihm in einer anrührend-komischen Szene einen Abschied von seiner Freundin ermöglicht. ((Spoiler Ende))
Das ist, wie “Futurama”, gut wegzugucken, keine Frage. Es gibt momentan auch kaum andere Britcoms, die “The IT Crowd” Konkurrenz machten, zumindest nicht auf dem Feld der altmodischen Fourth Wall-Sitcom vor Live-Publikum. Ich bin auch immer noch Graham Linehan sehr zugetan und werde alles, was er tut, mit Sympathie verfolgen. Auch “The IT Crowd” werde ich weiter gucken, auch wenn ich mich nicht gerade zu den Nerds und Geeks zählen würde, die da reich mit Anspielungen auf Rollenspiele bedient werden, die ich nicht gespielt habe, mit Computerzeugs in der Kulisse, die ich nicht erkenne, und mit Sprüchen auf Aufklebern, T-Shirts und Postern, die ich nie verstehen werde. Aber richtig laut lachen muß ich dann doch nur, wenn ich mir zum hundertsten Mal ansehe, wie Mrs. Doyle vom Dach fällt. Ach was, da muß ich schon lachen, wenn ich es mir nur beim Hinschreiben hier gerade vorstelle…
Das Betreiben dieses Blogs stellt mich regelmäßig vor die Frage: Warum soll ich über kleine, unbekannte, hierzulande vollkommen irrelevante britische Fernsehserien oder Filme schlechte Kritiken schreiben? Wären sie gut, die Serien, Filme und Kritiken: right, das hätte Nachrichtenwert — da gibt es einen uns unbekannten Kosmos aus Witz und guter Laune, wir sind alle eingeladen und brauchen nur die Information, wo die Party stattfindet! Ist ja auch oft genug so, zum Glück. Aber darüber zu schreiben, daß kleine, unbekannte und hierzulande irrelevante Filme oder Serien nicht so richtig gut sind: Da geht der Nutzen für den Leser doch eher gegen null.
Daß ich “Bunny and the Bull” (2009) nicht so richtig super fand, erschließt sich dem einen oder anderen gewiß schon aus der Überschrift, und wer keine Wegbeschreibung zu einer öden Party braucht, muß ab hier nicht weiterlesen. Nehmen wir aber mal an, es gibt einen, nur einen einzigen großen “Mighty Boosh”-Fan, der gerne wissen möchte, ob das Filmdebüt des “Boosh”-Regisseurs Paul King (“Garth Marenghi’s Darkplace”) etwas taugt und warum nicht, obwohl doch die Boosh-Stars Julian Barratt und Noel Fielding mitspielen und Richard Ayoade sowie Rich Fulcher klitzekleine Gastauftritte haben. Nennen wir diesen Fan der Einfachheit Anna. Dann, liebe Anna: Ist diese Kritik für dich.
Zunächst einmal: “Bunny and the Bull” ist gewiß kein “Mighty Boosh”-Film, nicht offiziell, und inoffiziell auch nicht. Da ist zwar die äußere Erscheinung, die tatsächlich etwas von der psychedelischen Kultserie hat — aber in den entfernt Boosh-artigen Kulissen findet überraschenderweise keine Komödie statt, sondern ein Drama. Es ist das Drama eines jungen Mannes namens Stephen (Edward Hogg), der seine Wohnung seit einem Jahr nicht verlassen hat, seinen Tagesablauf einer minutiösen Routine unterzieht und seine gebrauchte Zahnseide in datierten Umschlägen archiviert. Und nicht nur die. Die Grenzen der Realität werden allerdings schnell durchlässig, und ohne daß sie als solche sofort kenntlich wären, erfahren wir in Rückblenden die Ereignisse aus der Zeit vor Stephens selbstgewählten Weltferne: Wie er mit seinem Freund Bunny (Simon Farnaby) durch Europa reiste, nachdem sie bei einer Pferdewette gewonnen hatten. Mehr…
Das heutige Erscheinen der dritten Staffel “The Thick of It” (für Einsteiger: die Box mit allen Folgen) habe ich gerade für einen kleinen Einkauf genutzt, der schon lange fällig war: “Bunny and the Bull” ist schon Mitte März in die Läden gekommen. Der Film von Paul King gilt als inoffizieller “Mighty Boosh”-Film: King hat bei allen drei Staffeln der surreal-psychedelischen Sitcom Regie geführt, und auch bei “Bunny and the Bull” sind Julian Barratt, Noel Fielding, Rich Fulcher und Richard Ayoade dabei, allerdings eher in Cameos. Was man so hört, ist “Bunny and the Bull” allerdings keine reine Comedy, hat aber wohl komische Momente. Wurde schon mit Gondrys “Eternal Sunshine of the Spotless Mind” verglichen — aber halt in britisch.
Außerdem im Einkaufskorb: “Ladies of Letters” und die zweite Staffel “Being Human”, die ich nicht mehr ganz so stark fand wie die erste, aber allemal sehenswert. Das ComedyDrama um eine WG aus Werwolf, Geist und Vampir ist eine hübsche Symbiose aus Fantasy in der Tradition von “Doctor Who”, aber mit den Schauwerten heutiger Serien à la “Skins”. Sehr empfohlen!
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