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Artikel Tagged ‘The Mighty Boosh’

Flügellahme Stare

10. Juni 2012 5 Kommentare

Vor mittlerweile über zehn Jahren begann in England die Phase der dunkelsten Comedyshows aller Zeiten. „The Office“ (BBC2, 2001 – 03) war so eine Serie, und womöglich die prominenteste, aber sicher nicht die böseste, die damals entstand. Allen gemein war, dass sie ihre Zuschauer zwangen, halbstundenweise in menschliche Abgründe zu schauen und in die Abgründe zwischen Menschen, sei es zwischen dem Boss und seinen Angestellten, zwischen einem Moderator und seinen Gästen („I’m  Alan Partridge“, BBC2, 1997 – 2002) oder zwischen Ehepaaren („Human Remains“, BBC, 2000). Das war ungemütlich und trostlos, und wenn man als Zuschauer berührt war, dann allenfalls von einer eiskalten Hand.

Cringe Comedy war der heiße Scheiß der Stunde, je böser, desto besser. Selbst eine narzisstische Soziopathin wie Jill Tyrell (Julia Davis in „Nighty Night“, BBC3, 2004 – 05) konnte als Sitcomheldin taugen; eine „Heldin“, die den langsamen Krebstod ihres Ehemannes ausnutzt, um der Nachbarin, die selbst unter Multipler Sklerose leidet, den Mann auszuspannen.

In nicht wenigen dieser Shows spielte Steve Coogan mit, und wo er nicht mitspielte, produzierte er. Schon 1999 gründete er zusammen mit Henry Normal seine eigene Firma Baby Cow, die fortan vorwiegend eben diese düstere Comedy hervorbrachte: Neben „Human Remains“ und „Nighty Night“ waren das etwa „Ideal“ (BBC3, 2005 – 11), die Kiffersitcom mit Johnny Vegas, die allerdings nicht nur düster war, sondern auch eine heiter-surreale Note hatte, das psychedelisch-dämmrige „The Mighty Boosh“ (BBC3, 2004 – 07) sowie nicht zuletzt „Sensitive Skin“ (BBC2, 2005 – 07), ein schwarzes Comedydrama mit Joanna Lumley („Absolutely Fabulous“), in dem sie sich als arbeitende, älter werdende Frau ihren Zukunftsängsten stellen musste. Harter Tobak; geistreiches, aber sehr unterkühltes Fernsehen.

Heute aber ist alles anders. Die Zeiten, nicht nur in Großbritannien, sind selbst kühl geworden. Nichts mehr ist zu spüren von damaligen politischen Aufbruchsstimmung und der darauf folgenden Enttäuschung von New Labour. Und niemand will auch noch über so explizites menschliches Leid in Comedyshows lachen, wenn er es schon täglich in den Nachrichten sehen muss.

Darum schwingt seit einigen Jahren das Pendel in die andere Richtung. Nun sind es die heiteren Familienshows, in denen fiktionale Nestwärme und Zuversicht Zuflucht bieten angesichts realer Rezession, Arbeitslosigkeit und Randale auf der Straße. „Gavin & Stacey“ (BBC, 2007 – 10) war die Antwort von Baby Cow; eine Serie, in der sich Boy und Girl (Mathew Horne und Joanna Page) finden, trotz großer räumlicher wie gesellschaftlicher Distanz.

Doch seit diesem Riesenerfolg schwächelt die einstige Vorzeigeschmiede für junges Talent. Vor allem „Starlings“ (seit Mai auf Sky1), der neueste Versuch von Baby Cow, auf den Paradigmenwechsel zu reagieren, wirkt wie eine Auftragsarbeit.

Dabei hätte dieses Familien-Comedydrama in den englischen Midlands theoretisch das Zeug zum Erfolg: zwei gute und erfolgreiche Autoren/Darsteller, nämlich Matt King und Steve Edge, einen veritablen Star als Hauptfigur: Brendan Coyle, den Bates aus „Downton Abbey“ (ITV, seit 2010), sowie die übliche dysfunktionale Familie im Mittelpunkt, inklusive schwächelndem Familienbetrieb, exzentrischen Verwandten und einem Neugeborenen.

Warum geht das Rezept nicht auf? Vielleicht, weil man es allzu leicht durchschaut: Matt King (der auch die sehenswerte Koch-Sitcom „Whites“, BBC2, 2010, mitgeschrieben hat) spielt nach Super Hans in „Peep Show“ (Channel 4, seit 2003) einen weiteren von sich selbst eingenommenen Künstler, unter den gar nicht so dräuenden Familienproblemen liegt stets ein etwas zu geschmackvoller Folk-Soundtrack, oft sitzen die Familienmitglieder einfach beisammen und sind nett zueinander. Das ist, nun ja, nett — aber sehr komisch ist es leider nicht. Fernsehen als Lagerfeuerersatz.

Vor allem Brendan Coyle hat mich enttäuscht in seiner seifenoperflachen Rolle als stets supernetter Familienvater, der seine Herz- und Geldprobleme immer schön für sich behält, um seine Familie nicht zu belasten. Coyle hat leider nicht den kleinsten funny bone, und die Autoren scheinen ihm auch keinen zuzutrauen. Pointen haben sie ihm jedenfalls vorsorglich erst gar nicht ins Buch geschrieben.

„Starlings“ ist eine einzige Versicherung für den Zuschauer, dass das Happy End nur wenige Meter bzw. Minuten entfernt ist: der spinnerte Onkel darf auch noch bei uns wohnen, soll er halt in den Wohnwagen im Hof einziehen! Die kleinwüchsige Tochter darf davon träumen, Fußballtorwart zu werden — Träume sind ja nicht verboten! Sogar der quasi autistische Sohn, der sich nur für die Spinnen und Reptilien in seinem Nerd-Zimmer interessiert, kriegt eine Freundin ab: Alles wird gut. Ach wo, wird: alles ist gut.

Für Baby Cow aber ist nicht alles gut. Fragt sich, ob eine Produktionsfirma breiter aufgestellt und folglich in der Lage sein müsste, auch den Mainstream zu bedienen. Das hat mit „Gavin & Stacey“ ja schon einmal geklappt — allerdings womöglich nur, weil James Corden und Ruth Jones (die mit „Stella“ selbst gerade auf dem Gebiet der nordenglischen Wohlfühlfamiliencomedy unterwegs ist, und zwar gleichfalls auf Sky1), weil Corden und Jones also damals noch ihrer Zeit in puncto Comedygeschmack voraus waren und schon den Trend zum kleinen Glück vorwegnahmen, als noch das große Unglück en vogue war.

Oder täte Baby Cow besser daran, sich weiterhin zu spezialisieren und auch gegen den Zeitgeist das zu machen und zu fördern, womit sie groß geworden ist: düstere, eher avantgardistische Comedy. Womöglich sind die Nischen dafür nicht mehr groß genug, weil die englischen TV-Budgets schon immer legendär niedrig waren und immer weiter abnehmen. Vielleicht liegen die besten Zeiten für Baby Cow also schon hinter uns. Das wäre äußerst schade.

Kleine Glotz-Bilanz

9. Februar 2012 8 Kommentare

Wenig passiert hier in den letzten Tagen, aber die Glotze war natürlich trotzdem oft an. Meine Fernsehauswahl der letzten Wochen:

„Homeland“ (Showtime, 2011) ist weder lustig noch britisch, dafür aber dekoriert mit einem Golden Globe (Best Television Series – Drama) und nach einer israelischen Vorlage, was mich aus persönlichen Gründen immer interessiert. Inhalt: Ein US-Marine, Sergeant Nick Brody (Damian Lewis), wird nach acht Jahren Gefangenschaft in den Händen von Al Qaida von einem US-Kommando befreit und als Kriegsheld nach Washington zurückgebracht. Allerdings hat die psychisch einigermaßen labile CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes, die Julia in Baz Luhrmanns „Romeo + Juliet“) zuvor in Bagdad aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass ein langjähriger P.O.W. von Terroristen während seiner Haftzeit „umgedreht“ worden ist und nun als islamischer Terrorist in den USA eingesetzt werden soll. Das kann nur Brody sein. In der Agentur glaubt ihr nur kaum jemand, so dass Claire mehr oder weniger auf eigene Faust beginnt, Brody zu verfolgen.

„Homeland“ ist eine Mischung aus den Thriller-Elementen von „24“ (von dessen Executive Producern die Serie auch stammt) und der Hauptfigur aus „Dr. House“, die medikemantenabhängig und gebrochen ist, vielleicht weniger genialisch als House, dafür verbissener. Außerdem spielen die zentralen seelischen Beschädigungen der Israelis eine tragende Rolle, wie ja auch schon (und logischerweise) bei „In Treatment“ (HBO, 2008 – 10): Schuldgefühle (u.a. geht es um nicht legitimierte US-Kriegshandlungen), Paranoia, bipolare Störungen, Schizophrenie. Vor allem, aber nur hintergründig, um Schizophrenie, denn dass Carrie mit ihrem Verdacht nicht falsch liegt, wird sehr schnell klar: Brody ist tatsächlich beides, US-Marine, Kriegsheld und treusorgender Vater — und muslimischer… aber ich will nicht zu viel verraten.

Natürlich ist „Homeland“ ultra-konservativ; hin und wieder habe ich vor mir Homer Simpson gesehen, der mit bloßem Oberkörper „U-S-A! U-S-A!“ ruft und sein Shirt um den Kopf wirbelt. War „24“ ja auch. Geht aber vermutlich auch nicht anders, wenn man eine solche Spionagegeschichte erzählen möchte, und die scheinen im Moment ja Konjunktur zu haben (mit der neuen le Carré-Verfilmung „Tinker Tailor Soldier Spy“, „Mission Impossible“ usw.). „Homeland“ ist jedenfalls prima Fernsehen, auf der Höhe der Zeit, und die erste Staffel (eine zweite ist in Planung) endet freundlicherweise nicht mit einem riesigen Cliffhanger, der alles offenlässt, sondern schließt in einer extra langen Episode viele Handlungsstränge ziemlich endgültig ab. Jedenfalls scheint es so.

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Zurück nach Großbritannien:

„Skins“ (E4, seit 2007) läuft derzeit in der sechsten Staffel und mit dem dritten Ensemble, und ist dafür immer noch ziemlich gut. Eigentlich besser als „Fresh Meat“ (Channel 4, seit 2011), das im Prinzip das gleiche versucht: Ein junges Comedy-Drama with an attitude. „Skins“ erzählt, pro Folge um eine der jugendlichen Hauptfiguren kreisend, die Geschichte einer Handvoll Teenager rund um Bristol und begleitet sie während der letzten zwei Jahre in der Schule (Sixth Form) (daher der komplette Cast-Austausch nach je zwei Staffeln). Die Jugendlichen sind, wie die in „Misfits“ (ebenfalls E4, seit 2009), weiß Gott keine Unschuldslämmer und haben darüberhinaus mit handfesten Coming-of-Age-Problemen zu kämpfen. In der aktuellen Staffel ist gerade eine der Hauptfiguren gestorben (was die Serie davor bewahrt hat, zur Soap zu werden — ans viele Kiffen und die Häuser verheerenden Partys hat man sich ja nun gewöhnt), und eine neue ist auf den Plan getreten, die per Würfel entscheidet, was als nächstes zu tun ist, und heimlich wilde homosexuelle Erfahrungen sammelt.

Keine andere Serie schafft es so sehr, in mir den Wunsch nach unverbindlichen Drogen, lautem Sex und harter Musik zu wecken, wie „Skins“ — mit „Misfits“ und „Skins“ hat E4 derzeit das deutlich bessere Gespür für „neue“, junge Bild- und Musik-Ästhetik als die BBC, wo allenfalls „Being Human“ mithalten kann (das gerade auch in eine neue, die vierte Staffel gegangen ist). E4 ist der digitale Ableger von Channel 4, der sich vorwiegend an ein junges Publikum richtet, Experimente wagt und sogar richtig Geld dafür ausgibt. Lobenswert.

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Apropos junge Menschen:

„The Inbetweeners Movie“, zu deutsch: „Sex on the Beach“ (also eher: „deutsch“), gerade in den Kinos (bzw. womöglich schon wieder raus?) KANN in Deutschland nur total floppen, alles andere würde mich jedenfalls sehr wundern. Nicht weil dem durchschnittlichen deutschen Kinogänger die Vorgeschichte aus drei Staffeln „Inbetweeners“ fehlt (abermals E4, 2008 – 10) — ein Kinofilm muss es schon schaffen, eigenständig zu funktionieren. Sondern weil das spezielle englische Element dieser (abermals sehr jugendlichen) Komödie hier überhaupt nicht verstanden werden dürfte.

Für das unbewaffnete Auge sieht der „Inbetweeners“-Film wie eine britische Variante von „American Pie“ oder „Eis am Stiel“ aus, die hierzulande ja ebenfalls schon eher als geschmacklos und vulgär empfunden werden denn als komisch — und der „Inbetweeners“-Film legt da noch zwei Schippen oben drauf: Da werden (während eines gemeinsamen Urlaubs der vier Teenager auf Kreta, in einer absoluten Touri-Hölle der unfeinen englischen Art) Omas gebumst, Selbst-Fellatio betrieben und Leute vollgekotzt; es gibt Schwänze ins Gesicht, eine Kackwurst im Bidet, ja, es wird sogar menschliches Exkrement geschnupft— nichts, was Deutsche per se als komisch empfänden.

Für Engländer aber, deren Schamschranken (man mag es angesichts solcher Filme nicht glauben) in der Realität aber viel höher liegen, ist es lustig, wenn genau diese Schranken in einem Film, mithin erkennbar künstlich und kunstvoll, gebrochen werden. Und auch ich musste mehrfach herzlich lachen, etwa wenn der sexbesessene Jay (James Buckley) (zu Beginn des Films und noch zuhause) sich herzhaft einen von der Palme wedelt — auf dem Bett sitzend vor einem Laptop samt Live-Sex-Chat, Taucherbrille auf, Sporthandschuh an, Schinkenscheiben im… nun, und wenn dann seine Mutter reinplatzt, hinter ihr die kleine Schwester, und sagt: Jay, kommst du bitte nach unten, dein Großvater ist gerade gestorben. — dann muss ich, nach einer atemlosen Schrecksekunde, wahnsinnig lachen. Weil die Geschmacklosigkeit nicht nur geschmacklos ist, sondern eine groteske Übersteigerung von Geschmacklosigkeit, eine Geschmacklosigkeit, die praktisch in alle Ewigkeit fortgesetzt ist, mithin endlos, schließlich wird Jay sich nicht nur während der Beerdigung, sondern jedesmal, wenn vom toten Opa die Rede sein wird, an diesen Moment erinnern… Was für eine Strafe, für das bisschen Sex!

Oder wenn der widerwärtige Hotelheini auf Kreta zu seinen neuen Gästen sagt: „Have fun, but not too much. You shit on floor, you pay 50 Euro fine. Each time.“ Oder wenn Will (Simon Bird) feststellt: „Dads are like arseholes: everyone’s got one. Plus they’re arseholes.“

Will sagen: Wie da fette englische Bratzen in zu kurzen Röcken gezeigt werden, die äußere Anmut allenfalls durch ein strahlendes Selbstbewusstsein ersetzen, vier hoch peinliche Teenager zwischen Extrem-Nerd und Vollpfosten, das ist von einer Selbstironie getragen, freilich auch von darunterliegender englischer Selbstsicherheit, die es in amerikanischen Teenagerfilmen dieser Art so (glaube ich) nicht gibt, und in Deutschland schon gar nicht. Da schämt man sich allenfalls, wenn andere Leute sich dermaßen daneben benehmen, und zwar für sie, aber man lacht nicht darüber. Und schon gar nicht mit ihnen. Engländer aber schon. Das belegt nicht zuletzt der Umstand, dass „The Inbetweeners Movie“ in England den Einspielrekord aller Komödien am Premierenwochenende gebrochen hat und nun vor „Bridget Jones — The Edge of Reason“ und „The Hangover II“ liegt.

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„Noel Fielding’s Luxury Comedy“ (schon wieder E4, 2012) zuguterletzt ist „gloriously weird“ oder aber völlig witzfrei, ich bin mir noch nicht ganz sicher. Sicher ist: Es ist eine Art Sketchshow, in der Noel Fielding (die jüngere Hälfte des „Mighty Boosh“-Duos) seinen surrealen Albernheiten freien Lauf lassen darf, ohne Julian Barratt, dafür aber mit Sergio Pizzorno von der britischen Rockgruppe Kasabian, der hier die Musik beisteuert, und einigen der üblichen Verdächtigen (Bruder Michael Fielding, Rich Fulcher, Richard Ayoade). Es ist viel Animiertes dabei, an dem man auch deutlich die Fieldingsche Handschrift erkennen kann, und es ist bestimmt auch ganz lustig, für Hardcore-„Mighty Boosh“-Gucker. Ich persönlich bin nach zwei Folgen gespalten: Richtig oft lachen musste ich nicht, aber für ein endgültiges Urteil ist es wohl noch zu früh. Wer die erste Episode gucken möchte: Hier ist sie.

Schneekugel, unter Wasser

18. September 2011 2 Kommentare

Irgendwo mitten im Film steht, nicht wirklich im Zentrum der Aufmerksamkeit, ein Aquarium hinter dem Küchentisch, an dem Oliver sitzt, und strahlt blau. Gleichmäßig steigen Luftbläschen im Wasser auf, weiß und geräuschlos, und so statisch, wie dieser Moment ist, könnte man denken, es sei Schnee, der auf eine Winterlandschaft fällt. Nur daß er eben von unten nach oben fällt, und es ist kein Schnee, und es ist auch keine Winterlandschaft.

Oliver Tate (Craig Roberts) ist fünfzehn und lebt in einer Kleinstadt in Wales. Dem Harold aus „Harold and Maude“ nicht ganz unähnlich, träumt er im Prolog, während er im Unterricht sitzt, von seinem Tod, von einer Schuldurchsage mit brüchiger Stimme, untröstlichen Klassenkameraden, einem Tor, das mit Blumen, Porträts und Kerzen geschmückt ist, einem Kamerateam, das berichtet, und beispiellosen Szenen, in denen ein Trauerzug für ihn durch die nächtliche Stadt abgehalten wird. Ein Verlust, wie größer noch keiner war. Herzergreifende Szenen.

In anderen Momenten träumt er von Jordana Bevan (Yasmin Paige), dem bösartig-rätselhaften Mädchen in seiner Klasse, und geht sogar so weit, beim Trietzen einer dicken, tumben Mitschülerin mitzutun, um Jordana zu beeindrucken. Jordana ist tatsächlich beeindruckt, und schnell nimmt Oliver an, sie seien nun zusammen.

Unterdessen braut sich aber zuhause etwas zusammen: Olivers Eltern, der bis zur Depression in sich zurückgezogene Vater Lloyd (Noah Taylor) und seine über die Jahre spießig gewordene Mutter Jill (Sally Hawkins) haben kaum noch Sex. Jedenfalls findet Oliver bei seinen Überwachungstouren den Schlafzimmer-Dimmer immer seltener auf halb gedreht vor. Und dann zieht nebenan auch noch der Motivations-Guru und Vollidiot Graham T. Purvis ein, der in billig dekorierten städtischen Sälen seinem Publikum erzählt, jeder Mensch sei ein Prisma und Licht das wichtigste überhaupt. Ach ja, und Olivers Mutter war, ganz früher, mal mit Graham zusammen, bevor sie auf den Marinebiologen Lloyd getroffen ist.

Vieles hätte ich von Richard Ayoade erwartet, dem Maurcie Moss aus „The IT Crowd“ (Channel 4, seit 2006), der auch „Garth Marenghi’s Darkplace“ (Channel 4, 2004) mitgeschrieben hat und zur erweiterten Belegschaft von „The Mighty Boosh“ (BBC3, 2004 – 07) gehörte — nicht aber eine so brillante Regie, einen so schönen Film wie „Submarine“ (2010). „Submarine“ ist ein Coming-of-Age-Film, wie es lang keinen gab: mit glaubwürdigen Figuren (prima gespielt vor allem von den Nachwuchstalenten Roberts und Paige), einer realistischen Handlung in einer halb-realistischen Erzählform, und Meta-Elementen, die an der Grenze zum Allzu-Cleveren sind, aber gerade so noch dem Film einen eigenen Tonfall geben: Die Schrift-Einblendungen etwa, die Prolog, ersten und zweiten Akt sowie Showdown ankündigen, oder Olivers Wunsch, ein Kamerateam möge seinen Alltag begleiten.

Es stimmt alles in diesem Comedy-Drama, und der Soundtrack, die erste  Solo-Arbeit des Arctic Monkeys-Gitarristen und -Songwriter Alex Turner, trägt nicht zuletzt zu der Atmosphäre bei, die diesen Film genauso wie der meist trübe Himmel aufs Feinste unterstützt. Letzteres nicht ganz freiwillig; die Dreharbeiten in Wales waren mißgünstigem Wetter ausgesetzt, das der Filmarbeit nicht förderlich war — dem fertigen Film aber doch.

Richard Ayoade als Regisseur, das könnte Zukunft haben. Geübt hat er jedenfalls schon ein bißchen: Von ihm stammen diverse Arctic-Monkeys-Videos, dito Videos zu Songs von den Super Furry Animals, Vampire Weekend, Kasabian und den Yeah Yeah Yeahs.

Die Reise der Kindsköpfe

3. Dezember 2010 3 Kommentare

99 Gigs vor ingesamt 270 000 Zuschauern haben The Mighty Boosh während ihrer zweiten großen Tournee unter dem Titel „Future Sailors Tour“ absolviert; von September 2008 bis Januar 2009 waren sie durch England und Irland unterwegs. Darüber informiert uns Regisseur Oliver Ralfe zu Beginn seiner Tour-Doku „The Mighty Boosh Live: Journey of the Childmen“, die dieser Tage auf DVD erschienen ist (leider ohne UT).

Das sind aber auch schon die letzten Fakten, die uns der Regisseur zugesteht; wer von den Mighty Boosh-Leuten (Ralfe war selbst als Nebendarsteller zu sehen) eine irgendwie normale Dokumentation erwartet hätte, sieht sich getäuscht. Statt dessen sehen wir Backstage-Clips, gucken dabei zu, wie Rich Fulcher lustige Geräusche macht, Julian Barratt Noel Fielding mit dem Finger Kringel auf beschlagene Taxischeiben malt und Teenagermädchen hysterisch kreischen. Vor allem aber scheint Ralfe eine ausgeprägte Leidenschaft für Barratts Fieldings silberne Stiefel zu haben, er zeigt sie gerne und oft und baut am Ende sogar eine kleine Geschichte um sie herum, in der Barratt Fielding sie für irgendwelche Elfen oder Kobolde im Garten hinterlegt, die ihm im Tausch dafür einen Koffer mit Ideen überlassen. Oder so ähnlich. Kleine eingestreute Animationen im Boosh-Stil geben „Journey of the Childmen“ von Anfang an einen surrealen Touch, und Musik- wie Regie-Kniffe, Montagen und Fast-Forward-Szenen erzeugen durchaus poetische Effekte.

Auf die mittlere und lange Distanz aber fehlte dann zumindest mir doch etwas. Denn so gerne ich die drei Staffeln „Mighty Boosh“ mag (und auch die erste Live-DVD): so in der Wolle gefärbt bin ich nicht, daß mir solche Tour-Impressionen als abendfüllende Unterhaltung schon reichten. Irgendwann stellte sich bei mir das Gefühl ein, daß ich zwar The Mighty Boosh sehe, aber jemand den Dialog durch Musik ersetzt hat: Da fehlte die Geschichte, oder eben wenigstens ein paar Fakten, Hintergrund, irgendwas, das tiefer geht als die Oberfläche, die zwar schön glitzert, aber nach einer Weile nichts wirklich Neues mehr hergibt. Einer Lavalampe zuzusehen, erzielt das gleiche Ergebnis: erstmal hypnotisiert das psychedelische Wabern, aber nach einer Dreiviertelstunde kriegt man Hunger oder schläft ein oder guckt, ob es nicht doch noch was im Fernsehen gibt.

Und so hinterließ diese Große Fahrt der Kindsköpfe bei mir den Eindruck, ich hätte einem Feature aus dem Bonus-Material einer DVD zugesehen (wovon die diversen Ausgaben der letzten Live-DVD ohnehin schon reichlich mitbrachten): Ein Making of, ein Hinter-den-Kulissen oder gar irgendetwas Fangemachtes — nett, aber belanglos. Parerga und Paralipomena. Daß die DVD dann ihrerseits wiederum Extras mitbringt (u.a. Martin Freeman und Noel Fielding Julian Barratt in dem Kurzfilm „HIV — The Musical“) hat es dann auch nicht mehr herausgerissen.

Sorry, ich verwechsle permanent die Namen der beiden Hauptdarsteller. Mein Fehler!

Pausenmusik: The Mighty Boosh – „Future Sailors“

5. Juli 2010 3 Kommentare

The Mighty Boosh (nicht nur die Sitcom heißt so, auch das Ensemble Julian Barratt & Noel Fielding) sind bekannt für ihre musikalischen Miniaturen, die sich durch alle Staffeln ihrer Show ziehen (BBC3, 2004 – ’07). Hier ein Song-Schnipsel aus der letzten Staffel, der schon recht selbstreferenziell ist: Mittendrin tauchen zwei Boosh-Epigonen auf und behaupten einfach, nicht future, sondern retro sei das heiße Ding der Stunde.

Journey of the Childmen

„Childmen“ ist exakt das richtige Wort für die phantastischen Kindsköpfe von The Mighty Boosh: Es scheint ein kindliches Vergnügen für Julian Barratt und Noel Fielding zu sein, in die unterschiedlichsten Rollen ihres selbstgeschaffenen Pandämoniums zu schlüpfen. Und für ihre Fans ebenfalls. Die gestrigen Test-Screenings des neuen „Mighty Boosh“-Tourfilms „Journey of the Childmen“ in New York waren jedenfalls ausverkauft, noch bevor klar war, daß die beiden Hauptdarsteller persönlich anwesend sein würden. „Comedy is the new Rock’n’Roll“, hieß es in den Achtzigern. Daran scheint sich nicht viel geändert zu haben, wenn diesem Trailer zur Tour-Doku der „Future Sailors“-Tour vertrauen möchte.