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Archiv für die Kategorie ‘ComedyDrama’

Britcoms?

Eines der Probleme dieses Blogs ist: es heißt britcoms.de und soll sich eigentlich um britische Sitcoms drehen. Das tut es allerdings nicht mehr so oft, und zwar nicht zuletzt, weil ich in letzter Zeit immer weniger britische Sitcoms finde, über die es sich zu berichten lohnen würde.

Warum ist das so? Finde ich sie nur nicht oder sind einfach nicht genügend gute dabei?

Nun, da gibt es noch die große BBC1-Sitcom wie etwa „I Want My Wife Back“ (seit April): Ben Miller und Caroline Catz („Doc Martin“) als Paar in einer zerrüttetend Ehe, sie trennt sich von ihm im gleichen Moment, wo sie von seinen Schwiegereltern, ihren Eltern, eine Reise in die Türkei geschenkt bekommen; er will all die Büroarbeit zurückfahren, die der Zweisamkeit bislang im Weg gestanden hat und steht; allein: die äußeren Einflussnahmen auf Murray und Bex sind übermächtig und ziehen und zerren die Protagonisten gegen ihren Willen in mal die eine, mal die andere Richtung.

Ein klassisches Setup, wie man es jetzt nur mal zum Beispiel auch in „Worst Week of My Life“ (BBC1, 2004 – 06) gesehen hat, ebenfalls mit Ben Miller und, Überraschung, ebenfalls von Mark Bussell und Justin Sbresni. Nur dass „Worst Week“ etwas Dämonisch-Komisches hatte, weil die Verschwörung der Welt gegen v.a. Howard (Miller) aber auch seine Verlobte Mel (Sarah Alexander) bis hin zu Gegenständen zu reichen schien, die regelrechte Komplotte zu schmieden schienen. Hier in „I Want My Wife Back“ sind es nur („nur“) (Schwieger-)Eltern, horrible bosses und verliebte Assistentinnen an der Grenze zum Stalkertum. Fragt man sich fast, warum es so lange gedauert hat, bis Bussell und Sbresni auf diese Idee gekommen sind: die höheren Mächte, die zwei Verliebte davon abhalten wollen zu heiraten, nun dazu einzusetzen, die Trennung von zwei Eheleuten zu verhindern.

Mit einem Wort: „I Want My Wife Back“ sieht aus wie eine gute Mainstream-Sitcom-Idee — fällt aber hinter die zwölf Jahre ältere Vorgängerserie zurück. „IWMWB“ hat keinen USP, nichts, was man so nicht schon zu sehen geglaubt hat, und tut so zwar nicht weh, weil man sich von gutem Handwerk und ansehbaren Darstellern ja immer noch unterhalten lassen kann. Aber für Begeisterung sorgt diese Serie zumindest bei mir nicht.

In „Flowers“ (Channel 4) hatte der Sender gleich so wenig Vertrauen, dass er die ganze Serie im Laufe einer einzigen Woche ausgestrahlt hat, mit einer Doppelfolge zum Auftakt, über die ich auch nicht hinausgekommen bin, trotz guten Willens. Denn ich mag Olivia Colman, ich mag Julian Barratt („Mighty Boosh“), und die düster-exzentrische Familie, die Will Sharpe in „Flowers“ porträtiert, erschien mir zunächst wie eine britische Version von „Arrested Development“ oder den „Royal Tenenbaums“, was ich allerdings nur so lange für eine gute Idee hielt, bis mir auffiel, dass ich weder „Arrested Development“ noch die „Royal Tenenbaums“ wirklich mochte.

Hier fehlte zum Mindesten eine Folie der Normalität, sei es nun eine Figur, die den Irrsinn aller anderen Figuren reflektiert und anschaulich macht; „Flowers“ war eine Wundertüte von grotesken, überlebensgroßen, zum Teil traurigen, zum Teil abscheulichen Figuren, die aber allesamt so wenig zur Identifikation einluden, dass ich von keinem wissen wollte, wie es nun weiterging.

Dann gibt es noch zwei, drei andere Britcoms, die mich entweder von vorneherein gar nicht ansprechen („Witless“, BBC3) oder die schon in der dritten Staffel laufen, so dass es kaum noch etwas hinzuzufügen gibt („Plebs“, ITV2, nach wie vor recht unterhaltsam, „Cuckoo“, BBC3, schwach, „Raised By Wolves“, Channel 4, an dem mein Interesse ebenso schnell wieder erlahmt ist, wie es entfacht war).

Es gibt kaum noch ComedyDrama, das der Rede wert wäre: namentlich „The Aliens“ (E4), das aus der gleichen Schmiede stammt wie das weitenteils brillante „Misfits“ (E4, 2009 – 13), aber durch dramaturgische Klopse recht schnell angeschossen war — womöglich die gleichen Fehler, die Fintan Ryan schon bei „In The Flesh“ (BBC3, 2013 – 14) gemacht hat, dessen Prämisse (geheilte Zombies, die in die Gesellschaft wieder eingegliedert werden müssen) ich ebenso gut fand wie die von „The Aliens“ (eine Parallelgesellschaft von Aliens, anhand derer Rassismus diskutiert wird), die allerdings in der Umsetzung deutlich zu wünschen übrig ließen.


Also: Wo sind die Britcoms, über die zu schreiben wäre? Was habe ich verpasst? Oder gibt es in diesem Jahr, das nun auch schon beinah zur Hälfte vorbei ist, einfach gar nichts, was mit den US-Serien des Jahres mithalten könnte? Ich bin wirklich ein bisschen ratlos — und, zugegeben, womöglich auch schlecht informiert, weil von all den guten amerikanischen Serien abgelenkt.

Weiß jemand Rat?

Horace and Pete

7. Februar 2016 17 Kommentare

Louis C.K. hat, völlig überraschend und ohne jede Ankündigung, eine neue Serie am Start, die er ausschließlich über seine eigene Homepage vertreibt. Sie heißt „Horace And Pete“, die erste Folge kostet fünf Dollar (!), und ich verstehe sie kein bisschen. Hier sind ein paar Fragen, vielleicht kann mir ja jemand helfen.

  1. Warum zeichnet man eine Serie, die in einer Bar spielt (wie z.B. „Cheers“) im Stile einer Sitcom auf, also im Multicam-Verfahren, verzichtet dann aber, zumindest weitgehend, auf Witze?
  2. Warum holt man sich, selbst Stand-Up-Comedian, Komödianten wie Alan Alda und Steven Wright dazu und Schauspieler, die ein ausgesprochen komisches Talent haben, wie Edie Falco und Steve Buscemi — und gibt ihnen dann praktisch keine Witze?
  3. Warum zeichnet man eine über 60minütige Folge wie ein Theaterstück auf, verzichtet aber auf Publikum?
  4. Warum gibt man Fans, die einen als Comedian kennen und von denen man fünf Dollar für die erste Folge einer Serie haben möchte, nicht zumindest einen Trailer oder ein paar Informationen vorab, dass man sich auf eine völlig unlustige, anstrengende Stunde einzustellen hat?
  5. Warum?
  6. Nein, ernsthaft jetzt: Warum?
  7. Warum?

Zwischendurch hatte ich kurz die Theorie, Louis C.K. versuchte hier die Parodie einer Sitcom, die naturgemäß ja keine Oneliner, keine erkennbaren Gags haben dürfte. Aber weil er sicher wüsste, dass Parodien nie länger sein dürfen als das Original, im Gegenteil eher kürzer sein müssen, kann das eigentlich nicht sein.

Bleibt nur die Vermutung, er wollte tatsächlich alles genau so haben: so aus der Zeit gefallen, altmodisch, rätselhaft. Und die Frage: Warum?

Also: Warum?

Jahresendabstimmung – die Auswertung

21. Dezember 2015 1 Kommentar

Die Polls sind geschlossen und wir haben zwei Gewinner: „W1A“ (2. Staffel) ist die beste Britcom 2015, und „Fargo“ (ebenfalls die zweite Staffel) das beste US-ComedyDrama des Jahres!

Mich überrascht der Sieg von „W1A“ (BBC2, seit 2014) deutlich mehr als der von „Fargo“, und vor allem der klare Abstand, mit dem die Satire auf den Arbeitsalltag in der BBC vor der zweitplatzierten Serie liegt: acht Stimmen Vorsprung auf „Episodes“, das hat jedenfalls mehr Aussagekraft als der Unterschied zwischen „Fargo“ und „Better Call Saul“ (drei Votes), den ich eher so werten würde, dass beide Serien gleichermaßen die Herzen der Serien- und Comedy-Freunde erobert haben. Sehr zu Recht, versteht sich.

Dass „W1A“ aber gewonnen hat, eine Serie, die doch als recht sophisticated gelten kann, freut mich. Die Chemie zwischen Hugh Bonneville als „Head of Values“ Ian Fletcher und Jessica Hynes‘ Siobhan Sharp als „Brand BBC Consultant“ stimmt einfach: er als eine Art unerschütterlicher Golden Retriever, sie als überspannter PR-Pudel, und dann all die unvermeidlichen Missverständnisse, die die Zusammenarbeit von so unterschiedlichen Charakteren mit sich bringt — das hat John Morton („Twenty Twelve“, „People Like Us“) als Writer/Director sehr schön inszeniert.

„Episodes“, mit der vierten Staffel dieses Jahr auf Platz zwei im Britcoms-Ranking, hat zwar tatsächlich eine sehr solide und komische Staffel abgeliefert, ich persönlich hätte allerdings „Catastrophe“ und „Detectorists“ höher bewertet; beides Serien, die mit erkennbar minimalem Budget und umso deutlicherer persönlicher Handschrift von Mackenzie Crook („The Office“, „Pirates of the Caribbean“) und Rob Delaney/Sharon Horgan versehen waren. Insbesondere von „Detectorists“ würde ich mir eine dritte Staffel wünschen, die die BBC Crook auch angeboten hat — der allerdings ist sich wohl nicht sicher, ob es genügend zu erzählen gäbe. Berechtigterweise, denn genau betrachtet war auch der diesjährige Handlungsbogen um einen jungen Deutschen, der nach dem Flugzeug sucht, mit dem sein Großvater im Zweiten Weltkrieg abgeschossen wurde, ja schon am Rande der Glaubwürdigkeit.

Apropos kleine Serien: Warum eigentlich hat Peter Kays „Car Share“ so schlecht abgeschnitten? Kay gehört in England zu den ganz Großen, und auch hier im Blog sind seine Serien immer wieder gebührend beachtet worden („Phoenix Nights“ gehört nach wie vor zu den Britcoms, die ich hoch schätze). War „Car Share“ also zu still? Kay zu lange weg vom Bildschirm? Das Setting zu unspezifisch? Zwischen „Cucumber“ und „Chewing Gum“ zu landen, das hätte ich von „Car Share“ jedenfalls nicht erwartet. Und „Cradle to Grave“, Kays zweite Sitcom des Jahres, ist sogar noch schlechter bewertet worden.

Keine Überraschung, wie gesagt, dass „Fargo“ und „Better Call Saul“ so gut abgeschnitten haben: beide haben tatsächlich phantastische Staffeln abgeliefert. Dass ich „Fargo“ ebenfalls knapp vor „Better Call Saul“ einordnen würde, kann einfach daran liegen, dass „Fargo“ erst unlängst zuende gegangen ist und mir noch in frischerer Erinnerung als „Better Call Saul“; aber wenn ich argumentieren müsste, würde ich sagen: „Fargo“ war auch die komischere Serie. Zum einen hatte sie die schöner überzeichneten Charaktere, namentlich Kirsten Dunsts Peggy Blumquist, die zu Beginn erstmal enorm genervt hat, bevor sie immer tiefer und in ihrer Fokussiertheit sympathisch wurde, aber natürlich auch Nick Offermans Karl Weathers. Seine volltrunkenes Plädoyer in der sechsten Folge war sicher einer der Höhepunkte des ganzen Fernsehjahres.

„Better Call Saul“ auf der anderen Seite hatte dafür das realistischere Setup, war weniger comicartig grell, dafür an vielen Stellen dramatischer. Möglicherweise genau deswegen hatte „BCS“ auch die für sich genommen größeren Lacher — der comic relief ist einfach stärker, wenn man in die Charaktere mehr investiert ist. Und da konnte „BCS“ immerhin auf Figuren zurückgreifen, die den meisten Zuschauern ja doch über die fünf Staffeln „Breaking Bad“ ans Herz gewachsen sein dürften.

Wo wir gerade dabei sind: Die Tendenz zu immer mehr Franchise übrigens finde ich nicht durch die Bank begrüßenswert. Die beiden höchstplatzierten US-Serien greifen auf lange etablierte Marken zurück („Breaking Bad“, den Film „Fargo“ von 1996), wo im Kino längst kaum noch etwas anderes läuft („Star Wars“, James Bond, die Peanuts, all die Superheldenfilme, die ich kaum auseinanderhalten kann …). Ich persönlich freue mich ja hin und wieder auch auf neue, originale Geschichten.

Überrascht bin ich bei den US-Serien noch vom vergleichsweise guten Abschneiden der letzten Staffel „Community“, die mich nicht mehr hinter dem Ofen hervorgelockt hat. Dass die besser abgeschnitten hat als die finale Season „Parks and Recreation“, als „Master of None“, „Happyish“ und „Modern Family“, finde ich … interessant. Ebenso das schlechte Abschneiden von „Transparent“, das sicher nicht schlechter war als die letzte Staffel „Orange is The New Black“. Allerdings haben beide Serien so wenige Stimmen, dass das Ergebnis wohl kaum repräsentativ ist.

Vielen Dank jedenfalls an alle, die abgestimmt haben — dass manche mehrfach abgestimmt haben, stört mich nicht im geringsten; große Begeisterung für eine Serie darf sich ruhig auch im Abstimmungsergebnis widerspiegeln, finde ich. Hat mich gefreut, dass immer noch so viele dieses kleine Blog lesen und über Serien diskutieren, die (jedenfalls was die überwiegende Anzahl der britischen Sitcoms angeht) hierzulande fast niemand je zu Gesicht bekommt, der sich aufs reguläre Fernsehen verlässt. Ich hoffe, wir sehen uns nächstes Jahr wieder und finden auch 2016 viele schöne Britcoms, über die es zu schreiben und zu lesen lohnt!

Jahresendabstimmung

9. Dezember 2015 16 Kommentare

Zwei Polls zum Jahresausklang: die alljährliche Leserabstimmung über die britischen Sitcoms des Jahres, heuer ergänzt durch eine Abstimmung über US-amerikanische Serien, hier allerdings ComedyDramas und reine Sitcoms in einem Poll zusammengefasst.

Jeder hat drei Stimmen pro Poll, die bis nächsten Mittwoch, 16.12., um Mitternacht mindestens Samstag, den 19.12., abgegeben werden können, und wie immer bitte ich um Hinweise auf fehlende Serien, zumindest auf fehlende britische Serien — denn aus den USA dürften so viele Serien fehlen, dass die Liste relativ beliebig erweiterbar wäre.

UPDATE (21:25 Uhr): Ich hatte tatsächlich Peter Kay’s „Car Share“ vergessen, jetzt ist es nachgetragen.

UPDATE 2 (10.12., 15 Uhr): Ich habe bei den US-Serien „Another Period“, „Black-ish“ und „Veep“ ergänzt, m.a.W.: Serien, die ich zumindest schon mal auf dem Schirm hatte.

UPDATE 3 (17:45 Uhr): „Peep Show“ bei den Britcoms nachgetragen.

UPDATE 4 (13.12.): Gerade stelle ich fest, dass ich nicht vor Samstag nächster Woche dazu kommen werde, die Polls auszuwerten, insofern ergibt es auch keinen Sinn, sie vorher zu schließen. Also bleiben sie offen, schätzungsweise bis Samstag.

UPDATE 5 (20.12.): Jetzt sind sie zu, die Polls, und ich hoffe, ich komme die Tage dazu, was dazu zu sagen.

Beste Britcom 2015

  • W1A (Series 2) (17%, 34 Votes)
  • Episodes (Series 4) (13%, 26 Votes)
  • Catastrophe (Series 2) (12%, 24 Votes)
  • Detectorists (Series 2) (9%, 19 Votes)
  • Moone Boy (Series 3) (7%, 15 Votes)
  • Peep Show (Series 9) (5%, 11 Votes)
  • Ballott Monkeys (5%, 10 Votes)
  • Boy Meets Girl (4%, 9 Votes)
  • Toast of London (Series 3) (4%, 8 Votes)
  • You, Me And The Apocalypse (3%, 7 Votes)
  • Uncle (Series 2) (3%, 6 Votes)
  • Count Arthur Strong (Series 2) (2%, 5 Votes)
  • Inside No. 9 (Series 2) (2%, 5 Votes)
  • Cucumber (2%, 4 Votes)
  • Car Share (1%, 3 Votes)
  • Chewing Gum (1%, 3 Votes)
  • Raised By Wolves (1%, 3 Votes)
  • Asylum (1%, 2 Votes)
  • The Kennedys (1%, 2 Votes)
  • SunTrap (1%, 2 Votes)
  • Cradle to Grave (1%, 2 Votes)
  • Pompidou (0%, 1 Votes)
  • Not Safe For Work (0%, 1 Votes)
  • Mountain Goats (0%, 1 Votes)
  • Benidorm (Series 7) (0%, 1 Votes)
  • People Just Do Nothing (Series 2) (0%, 0 Votes)
  • Nurse (0%, 0 Votes)
  • No Offence (0%, 0 Votes)
  • Murder in Successville (0%, 0 Votes)
  • Together (0%, 0 Votes)
  • Top Coppers (0%, 0 Votes)
  • Vicious (Series 2) (0%, 0 Votes)
  • Bluestone 42 (Series 3) (0%, 0 Votes)
  • Cockroaches (0%, 0 Votes)

Total Voters: 91

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Beste(s) US-Comedy(-Drama) 2015

  • Fargo (Series 2) (15%, 40 Votes)
  • Better Call Saul (14%, 37 Votes)
  • Louie (Series 5) (11%, 30 Votes)
  • Unbreakable Kimmy Schmidt (10%, 27 Votes)
  • You're The Worst (Series 2) (7%, 19 Votes)
  • Community (Series 6) (5%, 14 Votes)
  • Master of None (4%, 11 Votes)
  • Modern Family (Series 7) (4%, 10 Votes)
  • Parks And Recreation (Series 7) (4%, 10 Votes)
  • Veep (Series 4) (4%, 10 Votes)
  • The Last Man on Earth (Series 1+2) (4%, 10 Votes)
  • Happyish (4%, 10 Votes)
  • Togetherness (3%, 8 Votes)
  • Silicon Valley (Series 2) (2%, 6 Votes)
  • Orange is The New Black (Series 3) (2%, 5 Votes)
  • Jane The Virgin (Series 2) (2%, 4 Votes)
  • Transparent (Series 1) (2%, 4 Votes)
  • Welcome to Sweden (1%, 3 Votes)
  • Z Nation (Series 2) (1%, 2 Votes)
  • Another Period (1%, 2 Votes)
  • Wet Hot American Summer (0%, 1 Votes)
  • Black-ish (Series 2) (0%, 1 Votes)
  • Fresh Off The Boat (0%, 1 Votes)
  • The Comedians (0%, 0 Votes)

Total Voters: 115

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Die letzten Scherze der Menschheit

11. November 2015 Keine Kommentare

Es gibt so Serien, die will ich einfach mögen. Weil sie eine originelle Idee haben, weil sie sich weit aus dem Fenster lehnen, weil an ihnen viele guten Leute beteiligt sind. Weil sie „groß“ sind im Sinne von: zurecht mit viel Geld ausgestattet, mit guten Special Effects, einem großartigen Cast usw.

Nur stellt sich dann irgendwann die Frage: Sind sie mir nur sympathisch, oder sind sie wirklich gut?

„You, Me And The Apocalypse“ (Sky1, seit September) ist so eine Serie. Sie hat, als Comedy-Thriller angelegt, eine hübsche Grundidee: Sie erzählt die letzten 34 Tage der Menschheit, bevor ein Komet die Erde trifft, der voraussichtlich alles Leben auslöschen wird, und zwar in mehreren parallelen Erzählsträngen: u.a. dem eines Bankangestellten in Slough, eines Meisterhackers, einer zu Unrecht im Knast sitzenden Frau in den USA und dem einer Nonne und eines Priesters im Vatikan. Und wie letzteres schon andeutet, gibt es dabei neben der (cyber-) technischen auch noch eine religiöse Seite in der Erzählung, denn im Vatikan ist man davon überzeugt, dass das Ende der Welt auch das Jüngste Gericht und damit die Wiederkehr des Gottessohns bedeutet — der erstmal gefunden werden muss zwischen all den falschen Propheten, die in den finalen Stunden der Welt rapide vermehrt auftreten.

„You, Me And The Apocalypse“ (sollte eigentlich „Apocalypse Slough“ heißen, was womöglich auch der bessere Titel gewesen wäre) hat ein beachtliches Star-Aufgebot: neben den Briten Mathew Baynton („The Wrong Mans“), Joel Fry („Game of Thrones“, „Plebs“), Paterson Joseph (aktuell auch in der finalen Staffel „Peep Show“ zu sehen) sind, infolge der Kooperation von Sky mit NBC, auch etliche gute US-Comedians dabei: etwa Jenna Fischer („The Office“), Megan Mullaly („Will & Grace“) und Rob Lowe („Parks and Recreation“). Und dann die Gaststars! Nick „Ron Swanson“ Offerman! Diana „Emma Peel“ Rigg! Ja, da ist schon einiges geboten.

Doch leider kommt die Serie (Creator: Iain Hollands) dann nicht so recht aus dem Quark. Zum einen ist Bayntons Jamie wieder ziemlich genau der Typ, der in „The Wrong Mans“ die Hauptrolle hatte: ein biederer, fast spießiger junger Mann, der gegen seinen Willen in allerlei Action verwickelt wird und  einen energiegeladenen, chaotischen Sidekick als besten Kumpel braucht (James Corden in „The Wrong Mens“, hier Joel Fry). Zum anderen bestehen Vorspann und Einstieg in jede Folge in einer Vorblende (oder der Rest der Folge in einer Rückblende) zu Tag null, wo wir Jamie und etliche andere Charaktere in der Sicherheit eines sub-sloughschen Bunkers sehen, wo sie „den Fortbestand der Menschheit sichern“ sollen — so dass ein beträchtlicher Teil der Spannung (wer kommt durch? Wer nicht?) schon einmal weg ist.

Und zuschlechterletzt waren bis zur Hälfte der Staffel (heute läuft die siebte der zehn Folgen) viele Handlungsfäden ziemlich lose miteinander verknüpft. Dass die Figuren, wenn sie dann schließlich doch aufeinandertreffen, dies unter verblüffenden Umständen tun und zum Teil in bizarren Verhältnissen zueinander stehen, ist durchaus komisch, so dass ich „You, Me And The Apocalypse“ sogar die ganzen absurden Zufälle, die es zum Vorantreiben der Handlung brauchte, verzeihen konnte. (Wenn Charaktere in Serien schon selbst sagen: „Was für ein Zufall, dass wir ausgerechnet den Neffen von soundso gekidnappt haben“, dann ist das das Eingeständnis der Autoren, dass sie wissen: so plump schummeln, wie wir an dieser Stelle müssen, können wir nicht, das merkt der Zuschauer — also machen wir ihn lieber gleich selbst darauf aufmerksam und hoffen, dass ihn diese Ehrlichkeit für uns einnimmt.)

Leider aber sind viele der Figuren in „YMATA“ für sich genommen eher flach, ja klischeehaft. Echtes Interesse, gar Identifikation entsteht so erst, wenn man weiß, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen — und das steht der ersten Hälfte der Serie doch ziemlich im Weg.

Schade, denn, wie gesagt: eigentlich ist diese Serie sympathisch. Gutes Konzept, gute Leute, viele Schauplätze, hochwertiges look & feel. Ich will die Serie mögen, immer noch, und hoffe sehr, dass die letzten vier Folgen das Ruder noch einmal so herumreißen, dass sie insgesamt als eine der besseren des Jahres durchgehen kann. Britisch genug ist sie, so sehr sogar, dass ich mich frage, wie sie in den USA überhaupt ankommen kann — hätte man sie vielleicht doch besser gleich „Apocalypse Slough“ nennen können. Obwohl auch da ja ein falscher Ton drin ist, denn für jeden Fan britischer Comedy wird „Slough“ wohl für immer mit „The Office“ verknüpft bleiben, und diese Assoziation führt hier in die Irre.

Immerhin: Mittlerweile deutet einiges darauf hin, dass „YMATA“ noch einmal Fahrt aufnimmt, insbesondere die sechste Folge hat mich da optimistisch gestimmt. Vielleicht wird sie also zumindest ein Geheimtipp dieser Saison — der ganz große Knall ist, anders als in der Serie selbst, ja nun offenbar erst einmal ausgeblieben.

Hethethethethethe the Virgin

Nun sind Telenovelas erst einmal nichts, was in meinem Formen-Repertoire weit oben stünde. Es gibt zwar Daily Soaps auch im deutschen Fernsehen, aber ich sehe sie nie, und selbst wenn: Mit Telenovelas im engeren Sinne haben sie ja auch nicht viel zu tun.

Telenovelas, wie sie aus dem lateinamerikanischen Radio herkommen, haben ursprünglich nämlich einen deutlich anderen Charakter als die rein unterhaltenden Formen, die das Fernsehen heute bietet: Sie waren, neben der Unterhaltung, immer auch Aufklärung, Information und Pädagogik. Die „Archers“, eine britische Radio-Soap, die seit den 50ern läuft (und in der Tamsin Greig zu erstem Ruhm gekommen ist), spielt etwa auf dem Land, und so bot sie neben Entertainment auch stets landwirtschaftliche Handreichungen, indem sie ganz en passant erwähnte, was für den Bauer just zu tun war, welche Pflanzen gesät, welche Felder wie bestellt werden mussten, und welche Figuren mit welchen Tricks erfolgreicher waren als andere.

In Afrika, wo das Radiohören die längste Zeit selbstredend deutlich präsenter war als das Fernsehen, konnte man mit Soaps prima beispielsweise die Nachteile des ungeschützten Sexualverkehrs darstellen, die schrecklichen Auswirkungen von Hexen- und Aberglauben und die Vorteile des Lesens und Schreibens: In einer Soap etwa lernte ein Großvater noch auf seine alten Tage über Wochen und Monate hinweg Lesen und Schreiben, um seinem Enkel in der Ferne einen Brief schreiben zu können — und als es so weit war, füllten sich auch in der realen Welt mit einem Mal die Alphabetisierungsklassen: denn die Identifikation mit fiktionalen Figuren hat eine Macht, die alle Plakatwände und Werbespots alt aussehen lässt.

Telenovelas haben also seit je auch einen stark appellativen Charakter: Sie verhandeln, welche sozialen Tugenden ihrem Träger Ansehen und Respekt verschaffen, welche Verhaltensweisen Sanktionen und Ausschluss nach sich ziehen, mit einem Wort: Sie erklären, was gut ist und was böse, und welche Folgen welches Handeln hat. Deswegen sind Telenovelas oft von überzeichnet guten und bösen Figuren geprägt, religiösen und weltlich-oberflächlichen, von Settings, die dem Alltag der Zuschauer nahe sind, aber von Geschichten, die — vor allem, je länger Telenovelas laufen — dann doch etwas larger than life sind.

Zum Beispiel wäre es nichts ungewöhnliches, dass eine religiöse junge Frau im Mittelpunkt stehnt, nennen wir sie Jane, deren Mutter kaum zwei Jahrzehnte älter ist als sie selbst, und die ihrer Tochter deshalb wünscht, nicht ebenfalls als Teenager schwanger zu werden. Die Tochter ist auch brav katholisch-enthaltsam — und wird aber trotzdem schwanger, weil eine Ärztin mit schwerem Kater ihre Patinentinnen verwechselt und bei der, die sie künstlich befruchten soll, einen Abstrich macht und umgekehrt. Zu allem Überfluss ist der Vater der jungfräulich Schwangeren (ein religiöses Motiv, das stärker kaum sein könnte) ein Frauenheld und ehemaliger Krebspatient. Ach ja, und Janes Chef. Und ihr Teenagerschwarm. Tja, wie es halt so geht im Leben.

Die Prämisse von „Jane the Virgin“ (The CW, seit Oktober 2014) ist genau die, die Verstrickungen und Komplikationen der Serie damit aber noch nicht zu fünf Prozent beschrieben — und das Ganze ist verblüffend komisch.

Denn „Jane the Virgin“ funktioniert auf beiden Ebenen: Auf der einer ziemlich grotesken, aber einwandfrei durcherzählten Serie, die ihre Figuren ernst nimmt und diese Figuren (bis auf Ausnahmen) auch anschlussfähig und realistisch zeichnet — und als, nun ja, weniger Parodie denn Travestie, die die Merkmale des Genres so überhöht, dass Komik entsteht.

Etwa den Erzähler, der mit deutlich lateinamerikanischem Zungenschlag aus dem Off immer mal wieder die Zusammenhänge erklärt (eine Technik, die auch bei echten Telenovelas gewährleisten soll, dass man als Zuhörer nicht den Faden verliert, wenn man mal ein paar Folgen nicht gesehen/gehört hat) — das aber schon fast als Parodie.

Oder die spanischen Dialoge und Namen, die sich für den unbedarften Zuschauer anhören wie die Parodien auf südliche Fernsehshows („Chanel 9 News“) der „Fast Show“: Hethethethethe hethethethethe, sminki pinki, Chris Waddle! Scorchio! Hier heißt die Heldin Jane Gloriana Villanueva, und ihr Vater (von dem sie nichts weiß) Rogelio de la Vega.

Der seinerseits ist in „Jane the Virgin“ ein berühmter Telenovela-Star und eine Figur, die tatsächlich so überzeichnet eitel und schmierig karikiert wird, wie die anderen Figuren straight gezeichnet sind. Sehr zum Vorteil der Show, denn wo schon das Format und der Plot nahe an der Karikatur sind (obwohl gerade die Erzählung der Prämisse dann doch so verblüffend glaubhaft ist, dass man denkt: tja, warum sollte das nicht mal passieren?), da braucht es dann eben umso plausiblere, sorgfältiger, realistischer geschriebene Figuren.

So macht „Jane the Virgin“ weder aus Jane (Gina Rodriguez) noch aus dem Playboy Rafael Solano (Justin Baldoni) noch aus ihrem Verlobten Michael (Brett Dier) Karikaturen, sondern runde, ausgewogene Figuren. Janes Mutter Xiomara (Andrea Navedo) und ihre Großmutter (Ivonne Coll) müssen zwar ein wenig latino-hysterischer sein als Jane, damit Janes „Normalität“ gegen die Zwanghaftigkeit ihrer spätjugendlichen Mutter und ihrer überreligiösen Großmutter abgesetzt werden kann.

Aber es gibt nur wenige allzu verzerrte Charaktere, deren Comedy-Regler auf elf stehen — das „Drama“ in „Comedydrama“ ist da praktisch gleichberechtigt. (Anders als bei, fällt mir gerade auf, „Brooklyn Nine-Nine“, Fox, das zwar eine ähnliche Travestie ist wie „Jane the Virgin“, aber in meinen Augen lange nicht so gut funktioniert, weil eben praktisch alle Figuren Cartoons sind und kaum eine realistisch genug wäre, als dass ich an sie anschließen könnte.)

„Jane the Virgin“ ist, würde ich mal vermuten, auf die zweite und dritte Generation von hispanischen Einwanderern in die USA gemünzt, ein Publikum, das groß genug ist — Robert Rodriguez hat mit El Rey ja bereits einen ganzen eigenen Kanal für Latinos gegründet. Trotzdem (oder, mal wieder, genau deswegen) funktioniert das auch für mich gut: eine ganz distinktive Serie, alles andere als Mainstream, und genau deshalb neu, frisch, originell, eigenständig.

Man muss nicht einmal katholisch sein, um sie zu mögen.