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Archiv für die Kategorie ‘Sketchshow’

Unversteckte Kamera

4. November 2015 Keine Kommentare

Und wo wir es „gerade“ von neuen Formaten haben: Das habe ich so auch noch nicht gesehen: „Glitchy“ (ITV2, seit Oktober), ein Sketchformat, in dem arglose Menschen glauben, an einer neuen Fernsehshow teilzunehmen. Tun sie auch, aber eben bei „Glitchy“ — und nicht in einer neuen Miet-Show, bei dem das offen schwule Moderatorenpärchen, das einem jungen Paar gerade ein Haus zeigt, plötzlich anfängt, sich zu streiten und mit Geschirr zu werfen — oder sich gleich darauf wieder verträgt und zu einem Versöhnungs-Schäferstündchen ins Schlafzimmer verschwindet. Oder in einer Dauerwerbesendung für Kosmetik, deren Produkte die merkwürdigsten Inhaltsstoffe haben und selbstverständlich an Tieren getestet wurden: An Katzen, Kaninchen, Meerschweinchen, Hunden, Affen, …

Ryan Sampson, der Grumio in ITVs sehr lustiger Sitcom „Plebs“ (zwei Staffeln seit 2013), darf hier ein paar mehr Facetten zum Vorschein bringen als die des verstockten Naivlings, und „Glitchy“ hat sicherheitshalber gleich noch etliche sehr lustige Werbetrailer-Parodien für andere „neue Fernsehshows“ dazugepackt: „Sun, Sea & Sex With My Parents. Sunday 7 pm, BBC three“, oder „Win £6, £10, All The String Or A Pint Of Prawns — tonight. Channel4“.

Am lustigsten aber ist Sampson als russische Oligarchenehefrau, die einen Schwiegersohn sucht, und zwar einen schwulen, der sich noch nicht geoutet hat. Oder einen, den sie sich selbst als toy boy gönnen kann. Und so sitzt sie mit dem (nicht eingeweihten) Scott schließlich in einem Restaurant, lässt sich von ihm Fleischhäppchen füttern und nimmt schließlich über Lautsprecher den Anruf ihres aufgebrachten Ehemanns entgegen, dem sie sofort von ihrer Eroberung berichtet, woraufhin der enorm wütend wird. Schließlich bricht die „Russin“ das Mahl unvermittelt ab, zur Überraschung Scotts, der schließlich den roten Laserpunkt auf seiner Stirn selbst nicht sehen kann … „Sadly, Scott had to pull out of the show due to personal circumstances“, verrät gleich darauf eine Einblendung.

Leider ist nur wenig aus dieser brillanten Show online, aber ein bisschen was doch: Mezmo, der Street Magician, in voller Länge. Enjoy!

Der Zotenkönig

Eine Hausfrau wickelt eine Salatgurke in ein Stück Zellophan, dann schüttet sie sich ein Glas Milch über den Kopf. Das Publikum lacht sich kaputt.

Mehr brauchte es wohl in den 70ern nicht, um Sketch-Comedy fürs Fernsehen zu machen. Oder der hier: Kommt der Mann vom Zimmerservice in die Hotelsuite und hört eine Frauenstimme aus dem Bad rufen: „Ich bin unter der Dusche!“ Schon zittert der Gute vor Erregung so, dass ihm das Warmhaltetuch von — was sonst — den beiden Frühstückseiern in ihren Bechern fällt. Haha!

Wenn man mal sehen will, wie britischer Humor vor Beginn der vermeintlich achsobösen political correctness ging, bevor also in den frühen Achtzigern die alternative comedy dem Sexismus, Rassismus und der Schwulenfeindlichkeit in der Comedy ans Leder ging, dann kann man sich ab morgen sogar auf deutsch 38 Folgen der „Benny Hill Show“ auf DVD reinziehen: Comedy vom Unfeinsten vom britischen Zotenkönig, dessen größtes Vermächtnis wohl die Titelmusik „Jakety Sax“ ist, die vor einigen Jahren mal für alle möglichen Mashups bei YouTube herhalten musste.

Heute muss man tatsächlich mehr vor Verblüffung lachen, was mal alles so gegangen ist — und ja nicht eben erfolglos, sondern selbst in den USA unglaublich erfolgreich. Selbst für Michael Jackson war Benny Hill der Größte; gut, andererseits stand Jackson auch auf kleine Kinder. Da folgt Zote auf Zote auf Zote; man erwartet fast, dass sich das Prinzip nach drei oder fünf, spätestens nach zehn Folgen mal totgelaufen hätte. Aber nein: 38 Folgen sind allein in dem neuen deutschen Box-Set, das sind 17 Stunden, und das war nur der kleinste Teil des unfassbar riesigen Werks, das Benny Hill hervorgebracht hat. Von 1955 bis 1989, unglaubliche 34 Jahre lang lief seine Show, wurde in 140 Ländern ausgestrahlt und hatte im Original 45 oder sogar 60 Minuten Laufzeit; in den USA und in Deutschland zum Glück nur knappe halbe Stunden.

Auf Deutsch wird Hill gesprochen von Andreas Mannkopff, und zwar ausschließlich, denn eine englische Tonspur gibt es leider nicht.

Interessanter als die Show selbst — die durchaus noch immer komische Momente hat, vor allem in ihren dreistesten Momenten — aber ist die Geschichte Benny Hills selbst. Der nämlich war das Gegenteil dessen, was er vor der Kamera gespielt hat: leise, höflich, schüchtern bis zur Zurückgezogenheit. Angeblich hatte er die längste Zeit eine kleine Zweizimmerwohnung in Fußweite zu den Studios, und ein Zimmer davon betrat er nie, richtete es nicht einmal ein und bezeichnete es als sein „Müll-Zimmer“. Niemand hat je einen Blick hinein werfen dürfen.

Ein komischer Kauz also, der traurig endete, und wie genau, und was davor alles geschah, das habe ich schon vor vier Jahren einmal für Titanic aufgeschrieben — und seitdem kann man es auch hier im Blog nachlesen: „Der Mann, der Benny Hill war“.

Great Piss!

24. März 2013 2 Kommentare

Seit sie in „Lead Balloon“ (BBC4/BBC2, 2005 – 2011) die osteuropäische Haushaltshilfe Magda spielte, ist ihr Name ein Begriff, obwohl sie ansonsten gar nicht so häufig im Fernsehen war. Jetzt hat Anna Crilly zusammen mit Katy Wix („Not Going Out“, BBC1 seit 2006) eine eigene Sketch-Show: „Anna & Katy“ (Channel 4, seit 6. März). Die besticht vor allem durch liebevoll gemachte TV-Pastiches und einen ganz eigenen, schön albernen Tonfall.

Es sind keine Parodien auf konrete Fernsehshows, die Crilly und Wix abfeuern, sondern ihre höchst eigenwilligen Interpretationen gängiger Formate: von der Kochshow, in der ausschließlich Reis gekocht wird („Rice Britania“), über Chartshows („World’s Worst Words“), in denen X- und Y-Prominenz Statements abgeben dürfen, bis hin zu Soaps, die von Schleichwerbung gezeichnet sind („The Lane“). Authentisch inszeniert (von „The Office“-Produzenten Ash Atalla und seiner Produktionsfirma Roughcut TV) und mit einem hervorragenden Cast (in dem unter anderem „Not Going Out“-Star Lee Mack mitspielt) und etlichen Promi-Cameos macht „Anna & Katy“ einen prima Eindruck — auch wenn einige Sketche zu lang geraten und hin und wieder etwas zu absurd werden.

Das machen die gelungenen Sketche aber mehr als wett: Etwa die „Ignition“-Reihe, in der die drei Betreiber einer kleinen Autowaschanlage nicht dazu kommen, Autos zu waschen, weil sie permanente Mitarbeiter-Meetings haben, in denen sie sich in schönster „Apprentice“-Nullsprache Wirtschafts- und Motivationsgeschwätz um die Ohren hauen („There is no ‚U‘ in ‚Grop'“). Oder die Dokusoap über Beamtinnen im Polizeialltag, die unerklärter-, aber sehr lustigerweise überlange Arme haben.

Höhepunkt jeder Folge aber (für mich) ist die immer neue Parodie englischer als „deutsche“ Shows („mit Hosten Gretel Hubschrauberlandeplatz“). Man stelle sich ungefähr die „Channel 9“-Sketche der „Fast Show“ vor, ohne die „Fast Show“-typischen, immer wiederkehrenden Catchphrases, aber mit einer sehr lustigen Pigeon-Fäkalsprache („Great Piss!“), die… ach was soll ich das hier lange beschreiben, es gibt ja eine Folge bei YouTube: „Küntworts“, angelehnt an die britische Show „Countdown“. Und auch „World’s Worst Words“ ist online. Hier im Blog einbetten lässt Channel 4 mich aber nur den Trailer:

Wenn Anna Crilly und Katy Wix auf diesem Niveau weitermachen, könnten sie in absehbarer Zeit zu einem neuen weiblichen Double Act werden, auf den man zählen kann; ohne sie jetzt mit dem schlimmen Label der „neuen French & Saunders“ bekleben zu wollen. Einziger Wunsch meinerseits: Crilly könnte die „lustigen Akzente“ noch ein bisschen runterschrauben, mit denen viele Sketche gepimpt werden. Auch wenn sie mit einem solchen lustigen Akzent bei „Lead Balloon“ erst zu der lustigsten Nebenfigur der Show geworden ist, und obwohl Anna und Katy tatsächlich eine heimliche Vorliebe für Deutschland zu haben scheinen. Die Titelmelodie ist jedenfalls von der Berliner Band Stereo Total.

Switch, Switch, hurra! Reloaded

27. August 2012 12 Kommentare

Alle zwei Jahre wieder: Heute abend um 22.15 Uhr auf ProSieben läuft die erste Folge der neuen Staffel „Switch Reloaded“ — und zwar abermals mit einigen Nummern von meiner Wenigkeit.

Fantastischerweise ist der gesamte Cast trotz langer Pause, diverser anderer Projekte der Beteiligten und neuer Produktionsfirma wieder an Bord — diese Kontinuität ist, glaube ich, ein nicht unerheblicher Faktor für den Erfolg von „Switch“. Was nicht heißen soll, dass es nichts Neues geben wird. Im Gegenteil: So ziemlich alles ist neu in dieser Staffel. Jedenfalls die meisten Fernsehformate, die parodiert werden. Unter anderem werden das „Aktenzeichen XY“, „Die Geissens“ und „Berlin — Tag & Nacht“ sein. Ein echter Knaller könnten auch die Parodien auf den „Tatort“ aus Münster werden. Am meisten freue ich mich aber auf die Umsetzung der brillanten Idee, wie man „Obersalzberg“ weiterführen kann, obwohl das nach der letzten Staffel (in der der Russe Berlin ja schon erreicht hatte) nicht sehr wahrscheinlich erschien. Doch Stefan Stuckmann, von dem die ganze „Obersalzberg“-Reihe bei „Switch“ stammt, hat einen Weg gefunden.

Was riecht hier denn so komisch?

Was habe ich gelernt aus dem Sketcheschreiben für „Switch“? Zum einen musste ich (abermals) feststellen, ein wie großer Teil des deutschen Fernsehens mir unbekannt ist — und das, obwohl er zum Teil erschreckend erfolgreich ist. „Berlin — Tag & Nacht“ etwa. Wer hätte gedacht, dass es ein Format gibt, das sich Pseudo-Doku-Soap nennt? Oder Inga Lindström. Hätte ich glatt für einen Schwedenkrimi gehalten, hätte ich nicht für „Switch“ was davon gucken müssen. Und wie bei „Um Himmels Willen“ vor zwei Jahren war es auch hier: wenn man es ironisch guckt, lacht man ganz gut — jedenfalls die erste halbe oder Dreiviertelstunde. Danach ist dann zu klar, wo es lang geht, wer mit wem in dieser Rosamunde-Pilcher-Variante für Schwedenfreunde am Ende in der Kiste landen wird.

Zum anderen: So gut es für die Kreativität auch ist, Einschränkungen zu unterliegen — bei „Switch“ etwa die Festlegung auf einen einzigen Schauplatz und die Kürze der einzelnen Szenen (die bei „Switch“ logischerweise „Switches“ heißen und von denen es meist drei braucht für einen Sketch): sobald die Einschränkungen so weit gehen, dass man auf Dialogscherze reduzierte Sketche schreiben muss, tu ich mir schwer. Ich mag einfach visuelle Gags, Aufziehscherze (so heißt das, wenn die Kamera gegen Ende einer Nummer von z.B. einem Protagonisten wegzoomt und man sieht, dass alles ganz anders ist als gedacht) und Slapstick. Leute, die mit dem Fahrrad in Mülltonnen fahren — da könnte ich mich kaputtlachen, schon beim Schreiben. Grobe Reize? Von mir aus.

Zuguterletzt habe ich gelernt, warum Bücher übers Schreiben von Comedy für die Tonne sind: Weil man nicht aus Büchern lernen kann, komisch zu sein, so wenig, wie man aus Büchern das Fahrradfahren lernt. Ich jedenfalls brauche immer neue Ansätze, Herangehensweisen und Anläufe: Mal hilft es, wenn ich mich frage, wie wohl ein z.B. „Seinfeld“-Autor eine Nummer für „Switch“ angehen würde (nämlich vermutlich mit viel Gelaber). Manchmal hilft es mir, nur von einem einzigen komischen Bild auszugehen (etwa: jemand simuliert in einer unpassenden Situation ganz offensichtlich, auf dem Handy angerufen zu werden, und geht allen damit auf die Nerven) und einen Sketch drumherum zu stricken. Neulich habe ich von einem Cartoonisten des New Yorker gehört, er gehe wiederum ganz anders an Cartoons heran, nämlich so, dass er sich zuerst eine bestimmte Reaktion seiner Leser auf den Cartoon vorstelle — zum Beispiel eine Mischung aus ungläubigem Staunen und Entsetzen — und dann überlege, wie er diese Reaktion erzeugen könnte. Das Geheimnis ist wohl, dass man sich selbst überraschen muss. Das wiederum kann man vielleicht üben oder Routine darin erwerben, aber lernen? Ich weiß nicht.

Aber was ich weiß: Heute abend um 22.15 Uhr ist „Switch“-Pflicht. Für alle. Morgen frage ich ab!

„I’m stuck in some sort of celebrity limbo!“

31. Mai 2012 3 Kommentare

Endlich mal wieder eine lustige TV-Parodie-Show in England: „Very Important People“ (Channel 4). Es ist absolut sinnlos, auf die offizielle Channel 4-Seite zu verlinken, weil man die Trailer dort von Deutschland aus nicht ansehen kann; die wenigen YouTube-Clips hier einzubetten geht auch nicht. Da muss es eben bei der Empfehlung bleiben: „Very Important People“ ist fast so gut wie „Switch Reloaded“. Fantastisch insbesondere: Eine Late-Night-Show mit Barack Obama als Host („Friday Night Live From the White House“): „Can we expect you to watch again next friday? — Yes, we can!“ David Attenborough, der Franky Boyles und Russell Brands Leben für uns dokumentiert: „The revolution will have to wait for this extraordinary film.“ Und eine zunächst schwächelnde, dann aber starke Parodie auf Charlie Brooker und einen seiner Kollegen von „10 O’Clock Live“ — und die wenigstens kann man sich angucken. Bei YouTube.

Kleine Glotz-Bilanz

9. Februar 2012 8 Kommentare

Wenig passiert hier in den letzten Tagen, aber die Glotze war natürlich trotzdem oft an. Meine Fernsehauswahl der letzten Wochen:

„Homeland“ (Showtime, 2011) ist weder lustig noch britisch, dafür aber dekoriert mit einem Golden Globe (Best Television Series – Drama) und nach einer israelischen Vorlage, was mich aus persönlichen Gründen immer interessiert. Inhalt: Ein US-Marine, Sergeant Nick Brody (Damian Lewis), wird nach acht Jahren Gefangenschaft in den Händen von Al Qaida von einem US-Kommando befreit und als Kriegsheld nach Washington zurückgebracht. Allerdings hat die psychisch einigermaßen labile CIA-Agentin Carrie Mathison (Claire Danes, die Julia in Baz Luhrmanns „Romeo + Juliet“) zuvor in Bagdad aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass ein langjähriger P.O.W. von Terroristen während seiner Haftzeit „umgedreht“ worden ist und nun als islamischer Terrorist in den USA eingesetzt werden soll. Das kann nur Brody sein. In der Agentur glaubt ihr nur kaum jemand, so dass Claire mehr oder weniger auf eigene Faust beginnt, Brody zu verfolgen.

„Homeland“ ist eine Mischung aus den Thriller-Elementen von „24“ (von dessen Executive Producern die Serie auch stammt) und der Hauptfigur aus „Dr. House“, die medikemantenabhängig und gebrochen ist, vielleicht weniger genialisch als House, dafür verbissener. Außerdem spielen die zentralen seelischen Beschädigungen der Israelis eine tragende Rolle, wie ja auch schon (und logischerweise) bei „In Treatment“ (HBO, 2008 – 10): Schuldgefühle (u.a. geht es um nicht legitimierte US-Kriegshandlungen), Paranoia, bipolare Störungen, Schizophrenie. Vor allem, aber nur hintergründig, um Schizophrenie, denn dass Carrie mit ihrem Verdacht nicht falsch liegt, wird sehr schnell klar: Brody ist tatsächlich beides, US-Marine, Kriegsheld und treusorgender Vater — und muslimischer… aber ich will nicht zu viel verraten.

Natürlich ist „Homeland“ ultra-konservativ; hin und wieder habe ich vor mir Homer Simpson gesehen, der mit bloßem Oberkörper „U-S-A! U-S-A!“ ruft und sein Shirt um den Kopf wirbelt. War „24“ ja auch. Geht aber vermutlich auch nicht anders, wenn man eine solche Spionagegeschichte erzählen möchte, und die scheinen im Moment ja Konjunktur zu haben (mit der neuen le Carré-Verfilmung „Tinker Tailor Soldier Spy“, „Mission Impossible“ usw.). „Homeland“ ist jedenfalls prima Fernsehen, auf der Höhe der Zeit, und die erste Staffel (eine zweite ist in Planung) endet freundlicherweise nicht mit einem riesigen Cliffhanger, der alles offenlässt, sondern schließt in einer extra langen Episode viele Handlungsstränge ziemlich endgültig ab. Jedenfalls scheint es so.

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Zurück nach Großbritannien:

„Skins“ (E4, seit 2007) läuft derzeit in der sechsten Staffel und mit dem dritten Ensemble, und ist dafür immer noch ziemlich gut. Eigentlich besser als „Fresh Meat“ (Channel 4, seit 2011), das im Prinzip das gleiche versucht: Ein junges Comedy-Drama with an attitude. „Skins“ erzählt, pro Folge um eine der jugendlichen Hauptfiguren kreisend, die Geschichte einer Handvoll Teenager rund um Bristol und begleitet sie während der letzten zwei Jahre in der Schule (Sixth Form) (daher der komplette Cast-Austausch nach je zwei Staffeln). Die Jugendlichen sind, wie die in „Misfits“ (ebenfalls E4, seit 2009), weiß Gott keine Unschuldslämmer und haben darüberhinaus mit handfesten Coming-of-Age-Problemen zu kämpfen. In der aktuellen Staffel ist gerade eine der Hauptfiguren gestorben (was die Serie davor bewahrt hat, zur Soap zu werden — ans viele Kiffen und die Häuser verheerenden Partys hat man sich ja nun gewöhnt), und eine neue ist auf den Plan getreten, die per Würfel entscheidet, was als nächstes zu tun ist, und heimlich wilde homosexuelle Erfahrungen sammelt.

Keine andere Serie schafft es so sehr, in mir den Wunsch nach unverbindlichen Drogen, lautem Sex und harter Musik zu wecken, wie „Skins“ — mit „Misfits“ und „Skins“ hat E4 derzeit das deutlich bessere Gespür für „neue“, junge Bild- und Musik-Ästhetik als die BBC, wo allenfalls „Being Human“ mithalten kann (das gerade auch in eine neue, die vierte Staffel gegangen ist). E4 ist der digitale Ableger von Channel 4, der sich vorwiegend an ein junges Publikum richtet, Experimente wagt und sogar richtig Geld dafür ausgibt. Lobenswert.

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Apropos junge Menschen:

„The Inbetweeners Movie“, zu deutsch: „Sex on the Beach“ (also eher: „deutsch“), gerade in den Kinos (bzw. womöglich schon wieder raus?) KANN in Deutschland nur total floppen, alles andere würde mich jedenfalls sehr wundern. Nicht weil dem durchschnittlichen deutschen Kinogänger die Vorgeschichte aus drei Staffeln „Inbetweeners“ fehlt (abermals E4, 2008 – 10) — ein Kinofilm muss es schon schaffen, eigenständig zu funktionieren. Sondern weil das spezielle englische Element dieser (abermals sehr jugendlichen) Komödie hier überhaupt nicht verstanden werden dürfte.

Für das unbewaffnete Auge sieht der „Inbetweeners“-Film wie eine britische Variante von „American Pie“ oder „Eis am Stiel“ aus, die hierzulande ja ebenfalls schon eher als geschmacklos und vulgär empfunden werden denn als komisch — und der „Inbetweeners“-Film legt da noch zwei Schippen oben drauf: Da werden (während eines gemeinsamen Urlaubs der vier Teenager auf Kreta, in einer absoluten Touri-Hölle der unfeinen englischen Art) Omas gebumst, Selbst-Fellatio betrieben und Leute vollgekotzt; es gibt Schwänze ins Gesicht, eine Kackwurst im Bidet, ja, es wird sogar menschliches Exkrement geschnupft— nichts, was Deutsche per se als komisch empfänden.

Für Engländer aber, deren Schamschranken (man mag es angesichts solcher Filme nicht glauben) in der Realität aber viel höher liegen, ist es lustig, wenn genau diese Schranken in einem Film, mithin erkennbar künstlich und kunstvoll, gebrochen werden. Und auch ich musste mehrfach herzlich lachen, etwa wenn der sexbesessene Jay (James Buckley) (zu Beginn des Films und noch zuhause) sich herzhaft einen von der Palme wedelt — auf dem Bett sitzend vor einem Laptop samt Live-Sex-Chat, Taucherbrille auf, Sporthandschuh an, Schinkenscheiben im… nun, und wenn dann seine Mutter reinplatzt, hinter ihr die kleine Schwester, und sagt: Jay, kommst du bitte nach unten, dein Großvater ist gerade gestorben. — dann muss ich, nach einer atemlosen Schrecksekunde, wahnsinnig lachen. Weil die Geschmacklosigkeit nicht nur geschmacklos ist, sondern eine groteske Übersteigerung von Geschmacklosigkeit, eine Geschmacklosigkeit, die praktisch in alle Ewigkeit fortgesetzt ist, mithin endlos, schließlich wird Jay sich nicht nur während der Beerdigung, sondern jedesmal, wenn vom toten Opa die Rede sein wird, an diesen Moment erinnern… Was für eine Strafe, für das bisschen Sex!

Oder wenn der widerwärtige Hotelheini auf Kreta zu seinen neuen Gästen sagt: „Have fun, but not too much. You shit on floor, you pay 50 Euro fine. Each time.“ Oder wenn Will (Simon Bird) feststellt: „Dads are like arseholes: everyone’s got one. Plus they’re arseholes.“

Will sagen: Wie da fette englische Bratzen in zu kurzen Röcken gezeigt werden, die äußere Anmut allenfalls durch ein strahlendes Selbstbewusstsein ersetzen, vier hoch peinliche Teenager zwischen Extrem-Nerd und Vollpfosten, das ist von einer Selbstironie getragen, freilich auch von darunterliegender englischer Selbstsicherheit, die es in amerikanischen Teenagerfilmen dieser Art so (glaube ich) nicht gibt, und in Deutschland schon gar nicht. Da schämt man sich allenfalls, wenn andere Leute sich dermaßen daneben benehmen, und zwar für sie, aber man lacht nicht darüber. Und schon gar nicht mit ihnen. Engländer aber schon. Das belegt nicht zuletzt der Umstand, dass „The Inbetweeners Movie“ in England den Einspielrekord aller Komödien am Premierenwochenende gebrochen hat und nun vor „Bridget Jones — The Edge of Reason“ und „The Hangover II“ liegt.

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„Noel Fielding’s Luxury Comedy“ (schon wieder E4, 2012) zuguterletzt ist „gloriously weird“ oder aber völlig witzfrei, ich bin mir noch nicht ganz sicher. Sicher ist: Es ist eine Art Sketchshow, in der Noel Fielding (die jüngere Hälfte des „Mighty Boosh“-Duos) seinen surrealen Albernheiten freien Lauf lassen darf, ohne Julian Barratt, dafür aber mit Sergio Pizzorno von der britischen Rockgruppe Kasabian, der hier die Musik beisteuert, und einigen der üblichen Verdächtigen (Bruder Michael Fielding, Rich Fulcher, Richard Ayoade). Es ist viel Animiertes dabei, an dem man auch deutlich die Fieldingsche Handschrift erkennen kann, und es ist bestimmt auch ganz lustig, für Hardcore-„Mighty Boosh“-Gucker. Ich persönlich bin nach zwei Folgen gespalten: Richtig oft lachen musste ich nicht, aber für ein endgültiges Urteil ist es wohl noch zu früh. Wer die erste Episode gucken möchte: Hier ist sie.