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Artikel Tagged ‘Dawn French’

Ab Fab Forever

7. Januar 2012 1 Kommentar

„Ab Fab“ lebt also und ließe sich problemlos fortsetzen, die Show ist immer noch genauso frisch und unverbraucht wie eh und je habe ich vor einer guten Woche in die Kritik der Weihnachts-Specials hineingeschrieben, und offenbar sieht man das bei der BBC genauso: Nun haben, nachdem das Neujahrs-Special abermals über sieben Millionen Zuschauer eingefahren hat, die BBC-Oberen Jennifer Saunders offenbar um eine weitere komplette Staffel „Absolutely Fabulous“ gebeten. Jennifer Saunders Antwort auf dieses Angebot ist noch nicht bekannt.

„Absolutely Fabulous“ lief ursprünglich in drei Staffeln zwischen 1992 und 1996 auf BBC1 und erzählt die Geschichte von Edina Monsoon (Saunders), einer erfolgreichen, aber ziemlich kindischen PR-Agentin (die man niemals ernsthaft bei der Arbeit sieht) und ihrer besten Freundin, der Modejournalistin Patsy Stone (Joanna Lumley), die ebenfalls nie wirklich arbeitet. Stattdessen versuchen beide verzweifelt, modisch „hip“ zu sein, trinken zu viel, nehmen Drogen (Patsy deutlich mehr als Edina) und benehmen sich absolut unerwachsen — ganz im Gegensatz zur spießigen, stets zu ernsthaften Tochter Edinas, Saffron (Julia Sawalha), die in ihrer über-erwachsenen Rolle aber meist ebenso schlecht wegkommt wie ihre zweimal geschiedene, für ihr Verhalten deutlich zu alte Mutter.

„Ab Fab“ beruht auf einem Sketch des damaligen Double-Acts von Saunders und Dawn French und war in den Neunzigern sensationell erfolgreich — vermutlich, weil hier einerseits die damals virulente Softie-Welle konterkariert wurde, wie es für die Männer auch Simon Nyes „Men Behaving Badly“ tat, wo das genaue Gegenteil des „New Man“-Ideals gefeiert wurde, nämlich der saufende, sexistische, sich schlecht bzw. eben laddish benehmende Mann. Andererseits waren die Anti-Heldinnen Edina und Patsy mit ihrer Parodie auf den PR-, Werbe- und Promi-Wahn ihrer Zeit, auf Charitys und Marketing am Puls der Zeit — und bald auch noch Ikonen der Emanzipation, denn offenbar (man sieht es ja nie explizit) waren sie beruflich so erfolgreich, dass sie sich ihren exzessiven Lebensstil auch leisten konnten: Weibliche Selbstermächtigung pur und vom Feinsten. Und durch die Ergänzung des Casts durch Edinas patente Mutter (June Whitfield) als (zumindest Patsy gegenüber) kritischer und wacher Geist und Ersatzmutter für Saffy sowie durch Edinas Assistentin Bubble (Jane Horrocks), die durch ihre strahlende, Homer-Simpson-Father-Dougal-artige Dummheit enormes komisches Potential und Abgrenzung zur nicht ganz so strahlenden Dummheit Edinas und Patsys in die Serie bringt, durch diesen Cast also, der Frauen in vielen komischen Facetten zeigt, wurde „Ab Fab“ zu einer der wichtigsten Serien der (Comedy-) Frauenbewegung.

Dass „Ab Fab“ über Generationen hinweg funktionierte und geliebt wird, zeigte sich im langen Leben der Serie und vor allem der Specials: Nach einem zweiteiligen Fernsehfilm („The Last Shout“, 1996) liefen von 2001 bis 2003 abermals zwei ganze Staffeln und drei weitere einstündige Specials; der letzte Clip der Show war ein „Comic Relief“-Sketch 2005. Neben den drei diesjährigen Specials ist Gerüchten zufolge ein Film geplant.

„Absolutely Fabulous“ rangiert in der Liste der „greatest British TV shows of all time“ des British Film Institute auf Rang 17 und in vergleichbaren Rankings ebenfalls stets weit oben; die Show gehört auf jeden Fall zu den wichtigsten Sitcoms der letzten dreißig Jahre und in jeden Grundkurs Britcom.

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Heute ist der dritte Geburtstag dieses Blogs, sehe ich grade. Also, happy birthday, britcoms.de!

Der Mann, der Benny Hill war (extd. Rmx, Pt. 6)

30. August 2011 Keine Kommentare

Was bisher so alles geschah: Benny Hill wird geboren, wächst auf, wird zwar nicht auf Comedy-Bühnen, aber dafür im britischen Fernsehen groß. Und immer größer (i.e.: dick).

Mittlerweile wurde die „Benny Hill Show“ auch im Ausland erfolgreich. Zunächst in Australien, wo sein produzierender Partner Thames Television (anders als die BBC) mit anderen kommerziellen Fernsehsendern kooperierte, ab 1979 auch in den USA. Don Taffner, für Thames in Amerika tätig, bot halbstündige Versionen der mittlerweile einstündigen englischen Shows an, von denen in unregelmäßigen Abständen etwa drei pro Jahr produziert wurden, und sorgte dafür, daß aus ihnen alle für Amerikaner unverständlichen Anspielungen und Referenzen sorgfältig herausgeschnitten wurden. Immer mehr unabhängige Fernsehstationen griffen zu, und in kürzester Zeit war Benny Hill auch in den USA ein Superstar; womöglich gar noch erfolgreicher als in seiner Heimat, mit Sicherheit aber der bekannteste britische Comedian und vermutlich sogar der berühmteste Engländer im Ausland überhaupt. Auf die vergleichsweise prüden Amerikaner müssen Hills Albernheiten noch viel schmutziger gewirkt haben als auf seine Landsleute — eine wahre guilty pleasure.

Benny und Michael Jackson

Zu seinen frühen Fans zählte Charlie Chaplin, der eine ganze Sammlung von Benny-Hill-Videos bei sich zuhause hatte. Das jedenfalls stellten die erstaunten Hill und Kirkland fest, als sie anläßlich der Vergabe des Chaplin-Preises an Hill 1991 in die Schweiz eingeladen waren und ihnen die seltene Ehre zuteil wurde, einen Blick ins Arbeitszimmer von Hills Vorbild zu werfen. Chaplin, so wurde ihnen gesagt, habe Hill für einen der größten Comedians aller Zeiten gehalten. Bereits in den Siebzigern erklärte der junge Michael Jackson auf einer England-Tournee, ein Fan Hills zu sein: „He’s so funny!“ Später besuchte er den bereits schwer kranken Hill sogar zuhause und erklärte ihn zu seinem „all time hero“: „The funniest comedian in the world.“ Frank Sinatra behauptete, nur zwei Dinge wirklich zu wollen: mit dem London Symphony Orchestra zu singen und eine Theaterprobe von Benny Hill zu besuchen. Burt Reynolds, Michael Caine und viele andere sangen in „Benny Hill: The World’s Favourite Clown“ kurz vor dessen Tod ihr Lobpreis auf den lustigen Dicken, und sogar der Schriftsteller Anthony Burgess bezeichnete Hill im Guardian als „comic genius“. Auch wenn sie das nicht getan hätten: Die Millionen und Abermillionen, die Thames Television und Hill verdienten, sprachen für sich.

Doch in den Achtzigerjahren ändern sich die Zeiten abermals. Auf der einen Seite geht es immer weiter aufwärts: Als 1978 Hills Thames-Kollege und Konkurrent Kenny Everett in seine extrem erfolgreiche und innovative Sketch-Serie „The Kenny Everett Video Show“ die Burlesque/Risque-Dancegruppe Hot Gossip einbaut, will Benny Hill nachziehen, um nicht abgehängt zu werden. Also hebt er die „Hill’s Angels“ aus der Taufe, eine Tanzgruppe hübscher junger Frauen (unter denen auch Jane Leeves ist, die später als Daphne bei „Frasier“ berühmt werden soll). Diese sind meist spärlich bekleidet (in den Siebzigern spärlicher als in den Achtzigern), sorgen für glamouröse Tanzeinlagen und Augenfutter in den Sketchen – und für den ersten Gegenwind von Seiten eines kritischer werdenden Publikums. Als Hill das merkt, nimmt er sich sofort zurück.

Doch es ist zu spät, der Zeitgeist hat sich gedreht. Die Bewegung der Post-Punk-Comedy hat längst kritische Geister geweckt, die gegen das Establishment revoltieren, und Benny Hills pubertäre Scherze repräsentieren den Mainstream mehr als alles andere. Zum ersten Mal treten mit Dawn French und Jennifer Saunders nun starke Frauen für ein anderes Frauenbild an, und sie haben neben sich Comedians wie Alexei Sayle, den Sohn einer kommunistisch-jüdischen Immigrantin aus Litauen, und Lenny Henry, einen farbigen Comedian in der Tradition Richard Pryors. Alternative Comedy wurde dank eines jungen, explizit linken Publikums so groß, daß Robert Newman und David Baddiel in Benny Hills Todesjahr als erster Comedy-Act überhaupt die 12 000 Plätze der Wembley-Arena ausverkauften. Hills langjährige Paraderolle als Chinese Mr. Chow Mein gilt nun als rassistisch, und von jungen Comedians wie Ben Elton mußte sich der Großmeister der Komik plötzlich anhören, er sei ein schmutziger alter Mann, ja: Hills Schmuddelpostkartenhumor sei schuld daran, daß Frauen sich nicht mehr unbelästigt auf die Straße trauen könnten. „Es gibt vieles im Fernsehen, das mich ärgert“, sagt Elton 1987 in der populären Talkshow „Wogan“. „Ich meine, wenn ein Comedian jede einzelne Sendung damit beendet, daß er einer Frau die Klamotten vom Leib reißt und sie dann durch einen Park jagt — das finde ich in einer Welt, wo Frauen nicht gefahrlos durch einen Stadtpark gehen können, ziemlich beunruhigend.“ Diesen Angriff wiederum teilen immerhin nicht alle (und auch Ben Elton hat sich später wiederholt als großer Fan und Verehrer Benny Hills dargestellt). Der Independent etwa schreibt, Eltons Ausfall sei „like watching an elderly uncle being kicked to death by young thugs“.

„Did you hear about the actress who was so dumb, she couldn’t count to two without taking off her blouse?“

Dabei hatte er, Hill, doch stets darauf geachtet, allzeit selbst der Gegenstand des Spotts zu sein, daß sein Humor harmlos war und auf uralten Klischees beruhte, die nichts anderes sein wollten als eben Klischees. Sein Humor war der eines Zehnjährigen, der seine Kameraden mit Frivolitäten unterhielt, obwohl oder gerade weil deren tiefere Zusammenhänge ihm gar nicht klar waren. Mad schrieb, Hill habe sich das Gesicht eines unschuldigen Buben bewahrt, während sein Rest zu einem schmutzigen alten Mann geworden sei. Seine Scherze, in denen immer lächerliche Männer am Ende die Dummen waren, waren doch zutiefst harmlos, ja geradezu unschuldig. Im Gegensatz zur jungen Garde der Alternative Comedy, so sah er es, war ihm niemals auch nur ein „fuck“ über die Lippen gekommen, während neuerdings geflucht wurde, daß es selbst Hafenarbeitern die Schamesröte ins Gesicht trieb. Benny Hill ist schwer gekränkt.

Demnächst: Bennys Ende und Vermächtnis: Ist Benny Hill zu recht vergessen oder wegweisender Vordenker?

Zum letzten Teil.

Bafta-Nominierungen 2011

28. April 2011 12 Kommentare

Wie, schon wieder so spät? Die Bafta-Nominierungen für 2011 sind da! In den Comedy-Sparten nominiert sind…

…in der Kategorie Female Performance In A Comedy Programme:

Ich tippe auf Miranda Hart; nach all den Preisen, die sie bislang abgeräumt hat, wäre es schon fast ein Karriereknick, wenn sie nicht auch einen Bafta kriegen würde. „Getting On“ ist zu sehr Minderheitenprogramm, „Roger & Val“ war einfach nicht sehr gut, und Katherine Parkinson war in der vierten Staffel „IT Crowd“ auch nicht viel besser als in den ersten drei.

…in der Kategorie Male Performance In A Comedy Programme:

  • James Buckley, „The Inbetweeners“ (E4)
  • Steve Coogan, „The Trip“ (BBC2)
  • Tom Hollander, „Rev.“ (BBC2)
  • David Mitchell, „Peep Show“ (Channel 4)

Schwer zu sagen — Buckley wäre eine Geste in Richtung Nachwuchs, Coogan ist ein Klassiker, Hollander Newcomer mit einer respektablen Sitcom, die bislang zu Unrecht leer ausgegangen ist, und Mitchell Publikumsliebling. Keine Ahnung, wer da das Rennen macht.

…in der Kategorie Comedy Programme:

  • „Catherine Tate’s Little Cracker“ (Sky1)
  • „Come Fly With Me“ (BBC1)
  • „Facejacker“ (E4)
  • „Harry and Paul“ (BBC2)

Ich habe nur eineinhalb Folgen von Matt Lucas‘ und David Walliams‘ „Come Fly With Me“ und ein paar Sketche von „Harry and Paul“ gesehen, schätze aber, daß erstere das Rennen machen — einfach weil sie so populär sind, denn gut (im Sinne von gut) war das nicht.

…in der Kategorie Situation Comedy:

  • „Mrs Brown’s Boys“ (BBC1)
  • „Peep Show“ (Channel 4)
  • „Rev.“ (BBC2)
  • „The Trip“ (BBC2)

Vermutlich wird es auf „The Trip“ oder „Rev.“ hinauslaufen: „The Trip“ hat mit Rob Brydon, Steve Coogan und Michael Winterbottom gleich drei große Namen aufzubieten, „Rev“ war, wie schon gesagt, bislang leer ausgegangen und aber eigentlich eine sympathische kleine Serie. An „Mrs Brown’s Boys“ habe ich mich bislang nicht gewagt — Männer, die in Frauenkleidern alte Schachteln spielen, das war zuletzt bei den Pythons lustig (merkt euch das endlich mal, Lucas und Walliams!). Aber wer weiß, vielleicht ist das ja der Überraschungs-Hit.

Des weiteren nominiert sind übrigens Benedict Cumberbatch (Leading Actor) und Martin Freeman (Supporting Actor) für „Sherlock“ (BBC 1), Lauren Socha (Supporting Actress) und Robert Sheenan (Supporting Actor) für „Misfits“ (E4), das außerdem in der Sparte „Drama“ nominiert ist. Wünschen würde ich ihnen alle drei Baftas, allerdings haben sie im letzten Jahr schon einen „Drama“-Bafta gewonnen, also wird er womöglich an das ebenfalls nominierte „Sherlock“ gehen oder an „Downton Abbey“ (ITV1), das Gerüchten zufolge ja ebenfalls stark sein soll. Als viertes auf der Liste steht in dieser Kategorie „Being Human“ (BBC3), und auch diese Wahl fände mein Gefallen.

Zum dritten Mal, seit ich dieses Blog führe, bemerke ich, daß die Baftas nicht für eine Hochphase der britischen Comedy sprechen: Abermals sind die neuen Serien, Sketch- wie Sitcom-, schwächer als die älteren, von denen aber auch zumindest „The IT Crowd“ ziemlich schwächelt. Dafür sind mit „Sherlock“, „Misfits“ und „Being Human“ gleich drei (Comedy-)Dramas gesetzt, die sehr stark sind.

Interessant ist zum Schluß noch die Kategorie New Media, in der neben „Malcolm Tucker: The Missing Phone“ (eine App fürs iPhone) und „Wallace and Gromit’s World of Invention“ (BBC1) noch die „Misfits“-Online-Miniserieam Start ist: Wie gut mittlerweile schon online only-Inhalte gemacht sind, hat mich ja einigermaßen verblüfft. Was die Verknüpfung alter und neuer Medien angeht, scheinen mir die Briten generell einen mächtig großen Schritt voraus zu sein.

Comedy im Sommerloch

16. August 2010 4 Kommentare

Der August ist traditionell der Monat, in dem die BBC all die Shows verklappt, an die sie nicht mehr so recht glaubt, die aber schon produziert sind und versendet werden müssen. Gut versteckt vor allen, die Ferien haben und im Urlaub sind — aber natürlich nicht gut genug für dieses Blog. Die Comedy-Flut, die in den letzten Wochen losgebrochen ist, verheißt da nichts Gutes. Und in der Tat: Das meiste davon kann man sich sparen. Insbesondere

„Roger and Val Have Just Got In“ (BBC2). Alfred Molina und Dawn French in einem Comedy-Kammer- bzw. Kummerspiel der besonderen Art — nämlich der besonders langweiligen. Der Zuschauer darf dem „middle aged“ (BBC) Ehepaar (btw: Molina ist 57, Dawn French 52) bei der Erörterung alltäglicher Themen zusehen: Muß man alle Quittungen für alle Haushaltsgegenstände über Jahre hinweg aufbewahren? Und gelten Garantien noch, wenn man sie aus Versehen zerrissen und dann mit Tesa geklebt hat? Mildly amusing für alle, deren bevorzugte Saunatemperatur bei 23,5 °C liegt; mir ist allerdings nicht ganz klar, was Molina an den Dialogen so superspitze fand, daß er (der immerhin einer der allerbeliebtesten Schauspieler der Briten ist) sofort zugesagt hat. Dabei war er in „An Education“ doch so gut! Für Dawn French gilt ähnliches, jedenfalls in der Hinsicht, daß sie in England unfaßbar beliebt ist. Ihr letzter sehenswerter Auftritt liegt allerdings schon etwas länger zurück.

„Grandma’s House“ (BBC2). Welchen Schluß soll man aus dem Erfolg von x Staffeln „Larry Sanders“, sieben Staffeln „Curb Your Enthusiasm“, drei Staffeln „Lead Balloon“ und der zweiten Staffel „Extras“ ziehen? Daß es nun langsam langt mit Comedians, die, sobald das Rotlicht erloschen ist, sauertöpfisch, unleidlich und/oder merkwürdig werden? Oder daß man jetzt endlich mal eine Serie machen sollte, in der ein Comedian sich im Privatleben als verschroben, distanziert und unsympathisch herausstellt? Simon Amstell, bis vor kurzem Host der Comedy-Panelshow „Never Mind The Buzzcocks“, war eben dort berühmt dafür, noch recht jung, dafür aber schon sehr fies zu seinen Gästen zu sein. Dann warf er das Handtuch, um vielleicht ein bißchen schauzuspielen. Und tataa: schon sehen wir ihn in einer Sitcom, wo er sich selbst spielt und wo im Kreise von Mutter (Rebecca Front) und weiterer Verwandtschaft erörtert bzw. nicht erörtert wird, ob es klug war, die Fernsehkarriere hinzuwerfen, um ein bißchen schauzuspielen. Sehr meta. Ob es klug war, wird sich noch zeigen — schauspielen scheint jedenfalls nicht Amstells größtes Talent zu sein.

Eine überraschend gute Variante des Themas Comedians, die im Privatleben voll unlustig sind ist übrigens (ausführliche Kritik folgt, sobald ich die zweite Staffel gesehen habe) „Happiness“ (BBC2, 2001 – 03). Zu unrecht vergessen, spielt darin Paul Whitehouse einen Comedian mit Identitätskrise: Er schreibt und spricht einen Fernseh-Knetgummibär (den Ninja-Krankenschwester-Bär Dexter), den alle Welt liebt — aber ihn, den Mann hinter dem Bär, kennt niemand… Sehr melancholisch, fast eine Melanchomedy (aua!), und top besetzt nicht nur mit Whitehouse, sondern auch mit dem jungen und sehr guten Johnny Vegas, Fiona Allen und Mark Heap, den man zuletzt gesehen hat in

„The Great Outdoors“ (BBC4). Die haben sich zuletzt leider als doch nicht so great entpuppt, muß ich einräumen. Mark Heap ist zwar immer gut als Mark Heap, die Drehbücher aber mäanderten doch recht ziellos herum und zogen sich wie, nun ja, Wanderungen bei Regen. Nicht schlimm, daß BBC4 davon nur drei Folgen in Auftrag gegeben hat.

Soviel erstmal als Sommer-Comedy-Zwischenbilanz. Vielleicht werden sie ja noch besser, die Comedy und das Wetter.

Comedy Landmarks (4): Staverton Station

10. August 2010 5 Kommentare

1982 änderten sich die Zeichen, unter denen bis dahin Comedy im britischen Fernsehen stattgefunden hatte. Ein neuer, „alternativer“ Fernsehkanal, Channel 4, machte den drei alteingesessenen, BBC1, BBC2 und ITV, ab November Konkurrenz, und eine junge Gruppe von Comedians fand sich zusammen, um gegen das Comedy-Establishment anzutreten, das sie für konservativ, tendenziell rassistisch und minderheitenfeindlich hielten. „The Young Ones“ (BBC2, 1982) von Ben Elton steht heute stellvertretend für die alternative Comedy — und war, so anarchisch-grell, wie die „Young Ones“ daherkamen, vermutlich auch das komischste, was die alternative Comedy-Bewegung hervorgebracht hat; ansonsten litt die Komik ja doch ein bißchen an der selbstverordneten politischen Korrektheit ihrer Macher.

Diesmal gleich zu Beginn: Icke vor historischer Kulisse

Sieben Tage jedoch, bevor „The Young Ones“ debütierten, lief am ersten Sende-Abend von Channel 4 die erste Folge einer anderen Comedy-Reihe, die den eigentlichen Startschuß für die alternative Comedy lieferte: „The Comic Strip Presents: Five Go Mad in Dorset“. In dieser halbstündigen „Fünf Freunde“-Parodie trafen erstmals etliche spätere Stars der Bewegung aufeinander: Dawn French und Jennifer Saunders hatten ihren allerersten Fernsehauftritt, mit von der Partie waren Adrian Edmondson und Robbie Coltrane, letzterer ebenfalls in seinem ersten TV-Auftritt. The Comic Strip begriff sich als Comedy-Kollektiv, dazu gehörten Rik Mayall, Nigel Planner und Peter Richardson; „The Comic Strip Presents…“ lief in fünf Staffeln bis 1993, etliche Specials nicht mitgezählt.

Staverton Station in der Nähe von Totnes, Devon

Die erste Szene der ersten Folge „The Comic Strip Presents…“, die am ersten Abend von Channel 4 lief, und jetzt komme ich langsam mal zum Punkt: wurde gedreht in Staverton Station. Hier kommen die Freunde in der Provinz an, um mit einer ziemlich elitären, um nicht zu sagen: schwer konservativen Attitüde vermeintlich sinistren Gestalten nachzuspüren, die sich später als zwar homosexuell (Onkel Quentin!), aber nicht kriminell herausstellen. Was die fünf Freundchen nicht davon abhält, sie der Polizei zu übergeben.

Wenn man diese Folge heute sieht, wundert man sich schon ziemlich — nicht nur darüber, daß sie damals zu einem kleinen Aufschrei unter den Fans der „Fünf Freunde“ führte (obwohl die Enid-Blyton-Gesellschaft sie vorher abgesegnet hatte), sondern auch, daß sie als der Beginn einer Comedy-Revolution gilt. Denn für heutige Sehgewohnheiten ist das natürlich alles sehr langsam, beinah zäh, und über weite Strecken auch nicht besonders komisch. Manche Gags sieht man überhaupt nur, wenn man um ihre Existenz weiß: In einer Szene etwa, die am Teetisch der Tante spielt, wo die fünf Freunde untergekommen sind, sieht man in jeder einzelnen Einstellung eine blaue Ginflasche. Das heißt: man sieht sie — aber nur, wenn man schon weiß, daß sie da ist, sonst geht dieser visuelle Scherz leider völlig unter.

Wirkt ein bißchen wie eine zu groß geratene Modelleisenbahnanlage...

Daß die einspurige und nicht elektrifizierte Eisenbahnstation noch immer genau so aussieht wie vor 28 Jahren, nämlich bilderbuchhaft schön, hat einen einfachen Grund: Sie gehört nicht zum regulären Eisenbahnnetz, sondern ist quasi museal. Am Wochenende, bevor wir dort hin kamen, hatte ein 40er-Jahre-Event stattgefunden, mit Loks und Waggons dieser Zeit, Uniformen und allem, was dazugehört. Täglich kann man an Fahrten mit historischen Zügen teilnehmen. Ein gerahmter Aushang vermerkt alle Film- und Fernseh-Dreharbeiten, die auf Staverton Station bislang stattgefunden haben: Eine ganze Menge. Angefangen von Peter Cushing und „The Hound of the Baskervilles“ über Michael Palins „Ripping Yarns“ bis hin zu den „Tripods“, einer Sci-Fi-Kinderserie, die ich mit 14 als sehr verstörend empfunden habe, beim Wiedersehen neulich allerdings eher als billig und sensationell schlecht gespielt.

Auf einem Abstellgleis stehen einige historische Waggons

Das bemerkenswerteste an Staverton Station aber: der Bahnhofsvorsteher, der mit imposantem Bart und Taschenuhr in der Hand alle fünf Minuten den Bahnsteig auf und ab geschritten ist, als käme gleich königlicher (oder zumindst hochadeliger) Besuch. Wie mir überhaupt noch mehrmals aufgefallen ist, wie viele erwachsene Männer in England einen Eisenbahnfetisch haben und sich mit größter Ernsthaftigkeit damit beschäftigen können, den ganzen Tag extra gebaute Schmalspur-Dampfloks zu fahren, Gleisanlagen zu pflegen, alte Dieselaggregate am Laufen zu halten — oder eben Bahnhofsvorstand zu spielen. Toll.

Will they never leave?

30. Juni 2009 4 Kommentare

Nun ist die League of Gentlemen umgezogen: Von Royston Vasey (Grußschild am Ortseingang: „You’ll never leave“) nach „Psychoville“ (BBC2, donnerstags). Bislang (zwei Folgen) kein sehr weiter Umzug: Auch in Psychoville begegnen wir wieder inzestuösen Hinterwäldlern, amtlichen Irren und dem typischen Pemberton-Shearsmith-Gatiss-Humor zwischen Goth-Horror und „Little Britain“-Nonsens.

„Psychoville“ allerdings geht einen Schritt weg vom „League of Gentlemen“-Realismus und sieht bislang aus, als ob Stephen King sich an einer Comedy probiert hätte: Eine illustre Runde grotesker Figuren erhält von unbekannter Seite Drohbriefe — in der ersten Folge schön auf Büttenpapier abgefaßte und versiegelte Briefe mit den Worten „I know what you did“, in der zweiten Folge schon persönlichere Botschaften mit den Worten „You killed her“. Die Adressaten sind der böse Clown Mr. Jelly (Reece Shearsmith), der bei seinen Auftritten im Clown-Leichenwagen vorfährt und Kinder mit seinem Armstumpf erschreckt, ein offenbar direkt aus Royston Vasey stammendes und inzestgezeichnetes Mutter-Sohn-Duo (Steve Pemberton und Shearsmith), das sich für Serienkiller begeistert, ein ungepflegter blinder Millionär, der Plüschfiguren sammelt (Pemberton), eine psychotische Hebamme, die permanent eine Babypuppe mit sich herumträgt und diese für ein echtes Baby hält (Dawn French), und ein kleinwüchsiger Schauspieler, der sich vom Schneewittchen aus seinem Theaterensemble permanent sexuell demütigen läßt („you’re giving it to her — all both inches!“).

Mr. Jelly in action:

Was genau diese Geisterbahngestalten getan haben, in welcher Verbindung sie stehen und wer der geheimnisvolle Erpresser ist, ist noch keineswegs klar; klar ist allerdings: die Begeisterung von Zusehern und Presse ob des neuen LoG-Projekts ist groß und wird durch virale Sperenzchen wie eigenen Internetseiten der Figuren auch von Seiten der Produzenten befeuert (eine schöne Übersicht hat der Comedy-Guide im Angebot). Ein noch kommender Gastauftritt von Mark Gatiss wird ebenso vorab bejubelt wie die Ankündigung, die letzten beiden Folgen seien praktisch in einem Take gedreht, und man kann der Serie durchaus zugutehalten, daß sie überdurchschnittliche Schauwerte hat, wie „The League of Gentlemen“ ja auch.

Mutter und Sohn Sowerbutts und ihre Serienkillerbegeisterung:

Meins, man ahnt es vielleicht schon, ist es trotzdem mal wieder nicht. Wie schon bei „League of Gentlemen“ (und auch bei „Little Britain“) kann ich einfach nichts mit diesen Provinzbeschimpfungen anfangen, die sich über tumbe bis bösartige Hillbillies lustig macht. Degeneration allein finde ich zu wenig Fallhöhe für eine Sitcom. Und das Rezept Comedy plus Horror geht in meinen Augen gar nicht: So lange die Comedy im Vordergrund steht, finde ich den Horror keinen Millimeter gruselig. Ganz im Gegensatz, natürlich, zum umgekehrten Rezept Horror plus Comedy: „Dead Set“ finde ich sensationell, weil comic relief nach oder in packenden Horror-Szenen immer funktioniert.

Andere mögen das aber anders sehen, und vielleicht sogar auf Pro7, die schließlich „The League of Gentlemen“ auch schon ausgestrahlt haben (die entsprechenden DVDs gibts also auch auf deutsch).