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Die Weihnachts-Specials 2011

29. Dezember 2011 Keine Kommentare

Es soll ja “The Office”-Gucker geben, die sich ausgerechnet den letzten zwei Specials, den Weihnachts-Folgen der Show, verweigern. Eine fatale Fehlentscheidung, weil es natürlich genau diese zwei Folgen sind, die die Serie abschließen, sie zu einem unerwarteten Happy End bringen und den Figuren mehr Tiefe geben, indem sie sie außerhalb ihres gewohnten Kosmos, ihrer comfort zone zeigen. Das ist die quasi magische Kraft der Weihnachts-Folgen, und darum werden diese Folgen von den fernsehsüchtigen Briten auch so sehnlich erwartet.

Dieses Jahr waren es Specials von “Absolutely Fabulous”, “How Not to Live Your Life” und “Outnumbered”, jedenfalls was das Comedy-Genre anging; “Dr Who” verfolge ich nicht, und über das “Downton Abbey”-Special will ich nur verraten, daß die Frau schon seit Wochen nur beim Gedanken daran heller strahlte als jeder Weihnachtsbaum — und auch tatsächlich nicht enttäuscht wurde: 90 Minuten Historienschinken vom Feinsten, mit großem Drama, mehreren kleinen und einem großen Happy End, das… aber psst.

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Das “Absolutely Fabulous”-Special “Identity” (BBC1) dagegen war weniger ein One-Off als der Auftakt zu insgesamt drei Specials: Das nächste wird Neujahr zu sehen sein, das dritte irgendwann, vermutlich im Rahmen der Olympischen Spiele. Kaum zu glauben, daß die erste Folge “Ab Fab” zwanzig Jahre her ist: Weder Jennifer “Edina” Saunders noch Joanna “Patsy” Lumley scheinen ernsthaft gealtert zu sein (Julia Sawallha als Tochter Saffron und Jane Horrocks als Assistentin Bubble dagegen schon); und selbst wenn, hätte es dem “Ab Fab”-Grundgedanken nicht geschadet, denn der besteht ja gerade darin, daß die Mutter-Tochter-Rollen quasi vertauscht sind, die Älteren nicht erwachsen werden können und wollen und die Jüngere nie jung war, sondern immer spießig. Und so ist es um so komischer, wenn Patsy Joint um Joint aus ihrer toupierten Frisur herausklaubt und vorher Edina sich im Bentley durch Brixton (“meine alte Hood!”) zum Gefängnis chauffieren läßt, das Fenster runterkurbelt und ihren Chauffeur anweist, etwas Dubstep zu spielen.

Entlassen wird dort aber nicht, wie man aufgrund ihrer Drogenaffinität erwarten könnte, Patsy, sondern Saffron, die offenbar Personalausweise für illegale Immigranten gefälscht hat und zwei Jahre einsaß: Ein guter Vorwand, um die Ereignisse der letzten Jahre (das letzte “Ab Fab”-Special ist über fünf Jahre her) Revue passieren lassen zu können, die Saffron im Knast verpaßt hat. Und ein ebenso lustiger Aufhänger, Patsys Luxusdrogenkonsum thematisieren zu können, denn Saffrons beste Knast-Freundin Baron (Lucy Montgomery, “The Armstrong and Miller Show”) erkennt ihre ehemalige Kundin Patsy wieder, von der sie noch 50 000 Pfund zu kriegen hat…

“Ab Fab” lebt also und ließe sich problemlos fortsetzen, die Show ist immer noch genauso frisch und unverbraucht wie eh und je — verblüffend!

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“How Not to Live Your Life” (BBC3) dagegen ist nach drei Staffeln vorbei, und wie bei den “Office”-Specials war hier das Weihnachts-Special “It’s a Don-derful Life” die Gelegenheit, der Serie einen narrativen Abschluß zu geben: Don (Dan Clark) erhält die Genehmigung, das Haus zu verkaufen und tut das auch, Mrs. Treacher kommt ins Heim, Don und Samantha kommen endlich zusammen und Don veröffentlicht seine Memoiren “How Not to Live Your Life”, die später mit James Corden in der Hauptrolle von der BBC verfilmt werden.

Ich hatte die Show, zumindest die letzte Staffel, ein bißchen aus den Augen verloren: Zu sehr wiederholten sich zwischendurch die allzu erwartbaren Scherze, was als nächstes gleich passieren würde (“5 Things That Happened Next”), zu grob war mir zwischendurch der Holzhammer, mit dem da Scherze geklopft wurden. Aber dieses Finale war herzerwärmend genug, daß ich mir die letzte Staffel doch noch reinziehen werde.

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Ganz ähnlich ging es mir mit “Outnumbered” (BBC1) : Die letzte, vierte Staffel hatte ich nur mit gemischten Gefühlen sehen können. Zu alt waren die Kinder inzwischen geworden, um weiter in die Rollen zu passen, die Andy Hamilton und Guy Jenkin ihnen auf den Leib geschrieben haben. Aber für das Weihnachts-Special “The Broken Santa” paßte genau das plötzlich wieder: Wie Kinder eben zu alt für (diese eine spezielle Form von) Weihnachten werden, waren es die Brockman-Kinder hier auch, und so beschließt die Familie, lieber über Weihnachten in den Urlaub zu fahren. Bzw. zu fliegen. Was selbstverständlich im Chaos endet.

Vier schöne Weihnachts-Specials also dieses Jahr, das “Top Gear”-Special ziehe ich mir jetzt als nächstes rein, und von der schrecklichen ersten Folge von “The Royal Bodyguard” (BBC1) schweige ich jetzt lieber, um nicht unweihnachtlich werden zu müssen. Bzw.: Daß Mark Bussell und Justin Sbresni, die ja immerhin mal “The Worst Week of My Life” gemacht haben, jetzt so einen schlimmen Slapstick-Scheiß mit dem britischen Sitcom-Liebling David Jason verbrechen, den man als Del-Boy aus “Only Fools And Horses” in bester Erinnerung hat und der jetzt mit 71 Jahren wie ein geriatrischer Inspektor Clouseau herumtrotteln muß, das ist… das ist… ach was, ich bin mal still.

Weihnachtsbilanz 2009

28. Dezember 2009 2 Kommentare

Gesehen:

  • “Benidorm” (2007 — 09, ITV1)
    Die zweite Staffel ist tatsächlich schon um einiges lustiger als die erste; das Special geht ebenfalls klar, obwohl es einer Filmparodie bei weitem zu viel Raum gibt. Die dritte Staffel schafft etwas erstaunliches: Sie macht die Sitcom zum Comedy-Drama, verlängert jede Folge auf 45 Minuten, gibt den Figuren mehr Tiefe und mehr Handlung, schießt aber gleichzeitig in jeder Folge ca. zweimal mit irgendwelchen aberwitzigen Gag-Gimmicks über’s Ziel hinaus — und kriegt doch noch die Kurve. In der letzten Folge war einer der lustigsten Gags, die ich dieses Jahr gesehen habe. Wer auch immer mir hier in den Kommentaren empfohlen hat, nach der ersten Staffel dranzubleiben: Herzlichen Dank.
  • “The Armstrong And Miller Show” (2007 — 09, BBC1)
    Moderne Sketch-Comedy mit einem double act, der überrascht, weil Alexander Armstrong und Ben Miller sich in ihrem trockenen Understatement sehr ähnlich sind. Dementsprechend gibt es keine klassische Rollenverteilung zwischen straight man und funny man, stattdessen setzen die beiden auf ihre schauspielerischen Talente. Wiederkehrende Figuren sind u.a. zwei Royal Air Force-Piloten während des Zweiten Weltkriegs, die sich im respektlosen Slang heutiger Teenager unterhalten, Steinzeitmenschen, die zum ersten mal modernen Themen wie Smalltalk, Kunst oder Vorstellungsgespräche begegnen, und der geschiedene Vater, der seinem Sohn (Tyger Drew-Honey, “Outnumbered”) in fürsorglichen Tonfall brutal ehrliche Antworten auf unschuldige Fragen wie “warum habt ihr euch scheiden lassen?” gibt: “Um ehrlich zu sein: daran bist du schuld, mein Sohn…”

  • “Christmas at the Riviera” (1997, ITV)
    Ein Weihnachtsfilm von den Autoren von “Worst Week of My Life” Mark Bussell und Justin Sbresni mit prominentem Cast (Alexander Armstrong, Rasmus Hardiker, Katherine Parkinson, Reece Shearsmith, Geoffrey Whitehead), aber ohne den letzten zündenden Funken, der die Geschichte um den tolpatschigen zweiten Hotelmanager (Shearsmith) und die Katastrophen, die sich in seinem Hotel (dem “Riviera”) anbahnen, zum Brennen gebracht hätte. Trotzdem solide Unterhaltung.
  • “The Thick of It” (2005 — 09, BBC4/BBC2)
    Es ist beinahe ein Wunder, wie Armando Iannucci und seine Leute es geschafft haben, diese Serie ohne ihren Hauptdarsteller nicht nur am Leben zu erhalten, sondern auf gleichem, wenn nicht noch höherem Niveau fortzuführen. Aber Rebecca Front (“Alan Partridge”, “Nighty Night”) ist ein adäquater Ersatz für Chris Langham, und Peter Capaldi als cholerischer Spin Doctor, der die Minister der britischen Regierung als Schießhund des Premiers auf Trab hält, ist ohnehin das eigentliche Rückgrat dieser aktualisierten Version von “Yes, Minister”.
  • “Beautiful People” (2008 — 09, BBC2)
    Erst zwei Folgen dieser ziemlich schwulen Sitcom um zwei Teenager in Reading, die ihre Idee von “Camp” gegen alle Welt, aber mit Rückhalt ihrer Eltern durchsetzen, habe ich besichtigt — werde mich aber nach der ersten Staffel noch einmal dazu auslassen.
  • “Charlie Brooker’s Screenwipe — Review of the year 2009″
    war so gut wie Charlie Brooker immer ist, und

nicht gesehen

habe ich bislang das “Outnumbered”-oder überhaupt irgendein Weihnachtsspecial. Kommt aber noch.

Die Top-10-Britcoms der 00er-Jahre: Platz 2

29. November 2009 10 Kommentare

Unterhaltungsliteratur (wie etwa die momentan äußerst erfolgreiche Romantrilogie von Stieg Larsson) bedient sich einiger Tricks, um ihre Leser in Bann zu schlagen: Sie ist kritisch genug gegenüber Systemen, um sich von rein affirmativer Trivialliteratur zu unterscheiden, befeuert die Phantasie des Lesers/der Leserin aber wie diese durch gezielt gestreute Liebesplots und sexuelle Abenteuer, und hält durch zopf-artig verwobene Storylines genügend Abwechslung bereit, um auch ungeübte Leser bei der Stange zu halten. Vor allem aber schlägt sie ein langsames Tempo an und wiederholt alle für das Verständnis der Handlung wichtigen Informationen so oft, daß auch vorübergehend unkonzentriertes Lesen niemanden aus dem Buch wirft — unter anderem deshalb sind etwa Larssons Bücher auch dermaßen dick.

Im Fernsehen arbeiten Soap Operas und Daily Soaps mit ähnlichen Mitteln. Sind sie schlecht, merkt man die minütliche Wiederholung relevanter Wissensfragmente z.B. über den Charakter einer Figur an grottigen Dialogen (“Daß Tanja ein Scheusal ist, weiß ich schon, seit sie meine Katze in den Betonmischer geworfen hat!”); bessere Soaps bauen solche Informationen subtiler ein. So wie die Krankenhaus-Soap-Sitcom, die so innovativ, unkonventionell und komisch war, daß sie in England zunächst nur ein kleines, aber dafür umso fanatischeres Gefolge hatte, alsbald zum Kult wurde und nun in meinen Top-10-Britcoms der Nullerjahre auf Platz zwei angelangt ist:

“Green Wing” (2004 — 07, Channel 4)topten02b

“Green Wing” erzählt in der Form einer Ensemble-Sitcom die Geschichte einer Krankenhaus-Belegschaft: Caroline Todd, zu Beginn der Serie Neuzugang in der Chirurgie, ist schon bald zwischen dem charmant-lässigen Dr. Mac und dem arroganten Anästhesisten Guy hin- und hergerissen; die Personalchefin Joanna Clore fügt ihrer obsessiven erotischen Beziehung zum Chefradiologen und Hochgeschwindigkeitsneurotiker Alan Statham ständig neue, bizarre Facetten hinzu; Statham führt einen lächerlichen Kleinkrieg mit dem Arzt im Praktikum Boyce, und Sue White, Staff Liaison Officer und damit Vertrauensfrau des Krankenhauspersonals, scheint komplett wahnsinnig zu sein. Jede Folge beschreibt einen Arbeitstag, und das Drehbuch spielt dabei alle mathematisch möglichen Begegnungen zwischen den Charakteren konsequent durch, den oben aufgeführten wie etlichen anderen, — mit immer wieder neuen, unfaßbar komischen Ergebnissen.

IstCaroline die Identifikationsfigur für den Zuschauer, so stellt das Nervenbündel Statham eines der komischen Epizentren der Serie dar: Der permanent haspelnde, verklemmte Statham mit seiner autoritätsheischenden, aber erbärmlichen Art ist die Zielscheibe des allgemeinen Spotts, und selbst wenn er sich mal an Boyce und seinen kindischen Pranks rächen will und seinerseits einen practical joke inszeniert, geht das nach hinten los:

Eine Auseinandersetzung über einen Parkplatz in nächster Nähe zum Krankenhaus, wie ihn Mac hat, Statham aber nicht, kann schon mal zu Besessenheit führen, die mit einem Streit mit dem Parkplatzpersonal beginnt…

…und mit dem Verspeisen einer Gallenblase endet:

Die Handlung der Serie ist typisch für Soaps: Mac und Guy tragen ihre Rivalitäten aus, Joanna Clore fürchtet sich vor dem Altwerden und würde deshalb gerne eine Affäre mit dem farbigen IT-Experten beginnen, Caroline schmeißt eine House-Warming-Party, Martin muß sich Prüfungen unterziehen und Mac überlegt, das Krankenhaus zu verlassen und woanders eine bessere Stelle anzunehmen.

Sensationell an “Green Wing” ist aber, wie innerhalb dieser Soap die Figurencharakterisierung durch beständige Wiederholung funktioniert: Indem nämlich die Körpersprache der Figuren ebenso durch Zeitraffer und Zeitlupen verdeutlicht wird wie durch visuelle Gags, lange Einstellungen und einen brillianten Soundtrack und durch sketchartige Vignetten, nämlich die beschriebenen Zusammentreffen der Figuren in allen denkbaren Konstellationen. In diesen Miniaturen werden Charaktere so präzise porträtiert, wie es Dialoge kaum könnten — etwa in dieser Szene, wo Boyce und Martin um die Wette aus Schokoriegeln Türme bauen und Sue White dazukommt:

Überhaupt ist Sue White neben Statham eine weitere schillernde Figur, weil sie vollkommen unberechenbar ist:

Diese Mischung aus handlungstragenden und nur charakter-basierten Sketchen schlug sich in der Drehbucharbeit in unendlich vielen Zetteln nieder, die zusammen eine Folge ergaben und die, von den Autoren geschrieben, vor der Produktion immer aufs neue arrangiert wurden: für die Story relevante Szenen auf Zetteln in einer Farbe, freie Gags in anderen Farben, so lange umgruppiert und verschoben, bis stimmige, runde Episoden dabei herauskamen.

“Green Wing” lebt zum einen von dieser außergewöhnlichen Herangehensweise, zum anderen aber von dem phantastischen Cast. Der ging, allen voran Stephen Mangan (Guy) und Michelle Gomez (Sue), so in seinen Rollen auf, daß etliche Szenen durch Improvisationen noch komischer wurden, als die Autoren sie vorher geschrieben hatten — sehr zum Leidwesen letzterer. Tamsin Greig (als Caroline) hatte sich zuvor in “Black Books” Meriten erworben, Mark Heap (Statham) desgleichen als der Künstler Brian in “Spaced”, Oliver Chris (Boyce) war bereits aus “The Office” bekannt. Sarah Alexander (“Coupling”, “The Worst Week of My Life”), Michelle Gomez als Sue White (“The Book Group”) und Pippa Haywood (“The Brittas Empire”) unterstützten sie nach Kräften, in der zweiten Staffel ergänzt durch Sally Phillips (“I’m Alan Partridge”). Hinter der Serie steckte das Team, das zuvor mit der Frauen-Sketchshow “Smack the Pony” populär geworden war, allen voran Produzentin Victoria Pile, und hinter dem Soundtrack Trellis aka Jonathan Whitehead, der auch für “Nathan Barley”, “Black Books”, “Brass Eye” und “The Day Today” den Soundtrack besorgt hat.

Einziges Manko von “Green Wing” ist, daß die zweite Staffel gegen Ende das hohe Niveau des Anfangs nicht mehr ganz halten konnte und mit einem Special endet, das ein wenig enttäuschte, weil es nicht mehr in der vertrauten Krankenhausumgebung spielte und die großen Erwartungen, die die Fans darauf gerichtet hatten, nicht erfüllen konnte. Dennoch ist “Green Wing” eine der hierzulande weitgehend unbekannten Britcoms, die größere Bekanntheit, ja: unbedingtes Fantum auf jeden Fall verdient haben. Schon für diese Szene, in der Sue White einen schönen Teller Nabelschnüre ißt, was Guy allerdings erst nach einer beherzten Kostprobe erfährt:

PS: Ein Tip, der sich schon mehrfach bewährt hat: “Green Wing” funktioniert bei vielen Zuschauern erst mit und nach der zweiten Episode, möglicherweise, weil man sich an den Stil erst gewöhnen muß, weil die erste Folge zum Teil aus der Pilotfolge besteht (mal drauf achten: Macs Frisur ändert sich in der ersten Episode mehrfach) oder weil erst die zweite Folge eine Serie überhaupt erst zur Serie und serielle Momente augefällig macht.

Die Top-10-Britcoms der 00er-Jahre: Platz 9

14. Oktober 2009 8 Kommentare

Eines meiner Hauptkriterien dieser Britcom-Top 10 des ausgehenden Jahrzehnts ist, das erwähnte ich schon bei Platz 10 (“Black Books”), die leichte Zugänglichkeit von Serien. Das bedeutet: Das Verhältnis von Dialogwitz und visual gags muß stimmen, die Geschichte muß ein gewisses Tempo haben und sollte in einem Setting stattfinden, das uns Kontinentbewohnern auch ohne intime Kenntnisse der britischen Kultur zugänglich ist.

Platz 9 meiner Charts entspricht allen diesen Kriterien auf das Hervorragendste und erschien deshalb offenbar auch hiesigen Fernsehschaffenden so anschlußfähig, daß sie eine deutsche Version davon drehten. Die war nicht wirklich gut, hielt sich aber immerhin weitgehend an die Vorlage und war deshalb auch nicht ganz schlecht. Die Rede ist von

Platz 9: “The Worst Week of My Life” (2004 – 06, BBC1)topten09

Die letzten sieben Tage vor der Hochzeit von Mel (Sarah Alexander) und Howard (Ben Miller) entwickeln sich zur reinen Katastrophe: Was schiefgehen kann, geht schief. Das beginnt bei kleineren Mißgeschicken — dem Ehering, der ins Waschbecken fällt — und endet damit, daß der Hund der Schwiegereltern tot ist, ihr Auto kaputt, die Oma im Krankenhaus und das Haus mit Haßparolen beschmiert. Howard, Sohn eines Klempners, hat von Anfang an bei den snobistischen Eltern seiner Zukünftigen keinen leichten Stand. Aber dadurch, daß er immer verzweifelter versucht, doch noch alles ins Lot zu bringen, indem er lügt, hinhält, vertuscht, was nur geht, macht er Zug um Zug alles immer noch schlimmer: Mit jeder Folge, die je einen Tag der Woche erzählt und meist mit einem hübschen Cliffhanger endet, wird das Chaos größer, liegen die Nerven blanker. Howards einziges und großes Glück ist, daß seine Frau ihn wirklich liebt und zu ihm hält. Doch auch ihre Leidensfähigkeit hat Grenzen.

“The Worst Week of My Life” hat alle Zutaten einer klassischen Farce: Unwahrscheinliche Zufälle, sprachlichen Witz und ein rasantes Tempo, das sich immer noch steigert. Die Slapstickmomente sind erfrischen gewalttätig, werden aber durch den betont klassischen Sitcom-Rahmen (eine Kamera, kein laugh track) aufgehoben. Infolgedessen gibt es zwar höchst peinliche cringe comedy-Momente, sie sind aber nie so schmerzhaft, so schneidend böse sind wie etwa bei “The Office”, sondern immer burlesk-komisch. “The Worst Week” ist also familienkompatibel, einerseits, schafft es aber andererseits, innerhalb dieser Harmlosigkeit erschütternd komische Übertreibungen einzubauen, die mich hin und wieder zum Japsen gebracht haben vor Vergnügen.

Auch diese Britcom, wie schon “Black Books”, ist für britische Verhältnisse eher warm, weil zumindest die unverbrüchliche Liebe zwischen Mel und Howard für emotionale Akzente sorgt, die in schwärzeren Britcoms generell fehlen. Unter anderem deswegen dürfte es auch für den amerikanischen Markt adaptiert worden sein. Der bevorzugt ja, ähnlich wie der deutsche, Sitcoms, die unter aller Komik einen Boden der Freundschaft/Familie einziehen, der Sicherheit gibt und gewährleistet, daß niemand alleine bleibt — friends will be there for you. So verlogen ich das finde, und so sehr ich die kalten Britcoms bevorzuge, in denen die Figuren wissen, daß alles Arsch ist und keine Familienbande stark genug sind, einen in einer kalten Welt voller Arschlöcher zu trösten: Für “The Worst Week of My Life” mache ich eine Ausnahme.

Auf zwei Staffeln hat es “Worst Week” gebracht, in der zweiten geht es um die letzte Woche vor Mels Niederkunft, plus ein mehrteiliges Weihnachts-Special (“The Worst Christmas…”); da das Rezept aber je das gleiche war, ist die erste Staffel die bessere, weil überraschendere, ohne daß die Fortsetzungen aber wirklich schlechter wären. Dafür sorgt neben den Drehbüchern von Mark Bussell und Justin Sbresni in erster Linie der hochkarätige Cast, neben Miller (“Moving Wallpaper”) und Alexander (“Coupling”, “Green Wing”) vor allem die liebenswürdige Alison Steadman (“Gavin & Stacey”) und Geoffrey Whitehead als Howards Schwiegereltern.

In the News (6)

4. Oktober 2009 1 Kommentar

“Curb Your Enthusiasm” wird, nach zwei zunehmend komischen, aber “Seinfeld”-freien Folgen, in der heutigen Folge auf endlose Ankündigungen endlich Taten folgen lassen: Jerry Seinfeld, Jason Alexander, Julia Louis-Dreyfus und Michael Richards werden nach fast elfeinhalb Jahren erstmals wieder gemeinsam vor der Kamera stehen. Und das vor Originalkulissen im Originalstudio, wie sie in einem langen Interview mit Hollywoodinsider verraten:

Michael Richards: “The only thing that was missing was on the back wall of Jerry’s apartment in the hall where you enter from, I had written “Funny” in red paint on the wall. And that wasn’t on the wall. It was missing. But we didn’t need any touch-up. That’s what was so profound. It just all came together pretty easily.”

Matt LeBlanc (“Friends”) wird die Hauptrolle in der britisch-amerikanischen Coproduktion “Episodes” spielen, die im Fernsehmilieu stattfinden wird und den Trend zu amerikanischen Remakes englischer Sitcoms satirisch aufgreifen soll. LeBlanc soll darin die amerikanische Fehlbesetzung eines englischen älteren Gelehrten spielen, über den sich die Produzenten in die Haare kriegen. Es soll aber in erster Linie eine romantische Comedy über Liebe am Arbeitsplatz werden — denn die Produzenten sind miteinander verheiratet. Könnte gut werden, wird “Episodes” doch von Hat Trick produziert (die neben dem Dauerbrenner “Father Ted”, den ich hier gar nicht oft genug empfehlen kann, allerdings auch das unsägliche “Kröd Mandoon” versemmelt haben) und von Mark Bussell und Justin Sbresni betreut, die das höchst empfehlenswerte “The Worst Week of My Life” gemacht und auch seine (allerdings eher mäßige) Umsetzung für den US-Markt betreut haben. Ich persönlich bin ja ein Fan von Fernsehen, das sich mit sich selbst beschäftigt (siehe “Curb”), und empfehle daher hier nochmal fix “Moving Wallpaper” und “Dead Set”; “30 Rock” und “Extras” muß man ja wohl nicht mehr extra erwähnen.

Außerdem meditiert die London Times darüber, what British comedy says about us (ich wage kaum darüber nachzudenken, was deutsche Comedy über uns aussagt), und der Guardian denkt laut darüber nach, ob der “Anhalter” immer noch lustig ist. Ich tippe ja: Er ist es.

Total verkuppelt

7. August 2009 3 Kommentare

Ich hatte “Coupling” (2000 – 04, BBC2) eigentlich mehr der Vollständigkeit halber geordert,  nicht, weil ich besonders viel davon erwartet hätte. Schon als sie auf Pro7 lief, hatte ich die Serie für zu mainstreamig befunden, und (wie so ziemlich jeder Kritiker) für zu nahe an “Friends”. Und wenn mich irgend etwas langweilt, dann das damals  besonders virulente “Frauen benutzen gerne Venus-Kaffeemaschinen, Männer essen lieber ein Mars”-Thema.

Dementsprechend überrascht war ich, als sich (nach einer etwas schleppenden ersten) vor allem die zweite und dritte Staffel als hervorragendes Popcorn-Fernsehen herausstellten: Vor allem die immer neuen und für Sitcoms eher ungewöhnlichen Formen, die den ewigen Ringelpiez mit Anfassen variierten, haben mich dann doch von den Qualitäten der Serie überzeugt. So etwa der Dreh, die selben zehn Minuten dreimal zu zeigen, allerdings mit je anderen Figuren im Mittelpunkt, so daß zunächst unverständliche Ereignisse beim zweiten und dritten Mal plötzlich Sinn ergeben; oder der Dreh, die selben 15 Minuten aus zwei unterschiedlichen Perspektiven zu rekapitulieren, so daß die gleichen Sätze, je nachdem, wer sich wie daran erinnert, auf einmal etwas ganz anderes bedeuten. Und fast eine ganze Folge extrem statisch als langes Telefonat bzw. als Telefonkonferenz aufzubauen, ist zumindest für eine Mainstream-Sitcom schon recht unkonventionell. Dabei fliegen einem die Gags in einer Frequenz um die Ohren, daß es nur so rauscht — bemerkenswert, daß dabei alles von einem einzigen Autor stammt, nämlich Steven Moffat, während etwa “Friends” bei IMDB gute 40 Autoren verzeichnet, was bei 238 Folgen “Friends” gegenüber 28 Episoden “Coupling” relativ gesehen immer noch, äh, viel mehr “Friends”- als “Coupling”-Autoren bedeutet.

Apropos: Der Vergleich mit “Friends” (1994 – 2004, NBC) liegt zwar in der Tat nahe, ist aber nicht ganz berechtigt. Sicher, die Aufstellung des Ensembles von je drei Frauen und Männer Anfang dreißig sowie das Setting Zuhause/Kneipe sind durchaus ähnlich, und auch die Figuren scheinen ihre direkten Pendants zu haben, vor allem Phoebe (Lisa Kudrow) und Jane (Gina Bellman) sowie Joey (Matt LeBlanc) und Jeff (Richard Coyle) sind einander in ihrer Überspanntheit gewiß nicht unähnlich. Allerdings ist nicht nur der Tonfall typisch britisch (“You can’t just walk in through the front door, this isn’t an American sitcom!”), mithin viel schwärzer und unbekümmert, was sexuelle Tabus angeht. Die ganze Anlage von Plot und merkwürdigen Figureninteraktionen sind, nach Moffats eigener Aussage, eher an “Seinfeld” orientiert als an “Friends”.

Moffat, der die Serie eigenen Angaben zufolge übrigens auf wahre Begebenheiten zwischen ihm und seiner damaligen Ehefrau Sue Vertue, der Produzentin der Serie aufbaute (die beiden “Coupling”-Hauptfiguren heißen Steve und Susan), schrieb anschließend einige Folgen “Doctor Who”, Sarah Alexander (Susan) wuchs in “Green Wing” und “The Worst Week of My Life” über sich hinaus, und Jack Davenport (Steve) heiratete immerhin Michelle Gomez (“Green Wing”, “The Book Group”). Ist doch auch was.

Nachtrag: Würde ich Britcom-Blog-Preise vergeben, dann erhielte “Coupling” auf jeden Fall einen: Nämlich den für die schlimmste Vorspann-Graphik ever. Uah, diese gräßlichen Pastell-Töne! Die runden Ecken…! Furchtbar.