Archiv

Artikel Tagged ‘Olivia Colman’

Ist „Fleabag“ die erste Millennial-feministische Britcom?

16. September 2016 3 Kommentare

Mitte vierzig bin ich nun bald und also nicht prädestiniert, Millennials und ihre Eigenheiten sofort verstehen und goutieren zu können. Aber seit „Fleabag“ (BBC3, seit heute auch als Amazon Original (?!), allerdings womöglich nur in den USA) meine ich, sie ein bisschen besser verstehen zu können.

Phoebe Waller-Bridge, bislang (oder sagen wir, bis zu ihrer anderen gerade erschienen Serie „Crashing“ (Channel 4), später mehr dazu) allenfalls als Anwältin in der zweiten Reihe bei „Broadchurch“ (ITV, seit 2013) aufgefallen, ist Jahrgang 1985, spielt die titelgebende weibliche Hauptrolle (angeblich ist auch im wahren Leben Waller-Bridges Spitzname Fleabag) und hat sowohl das der Serie zugrundeliegende Theaterstück geschrieben als auch die Serie selbst, die dementsprechend durch und durch ihre Handschrift trägt: die einer jungen Frau, die sich selbst sieht als „greedy, perverted, selfish, apathetic, cynical, depraved, morally bankrupt woman who can’t even call herself a feminist.“

Ob man das nun als modernisierte Version von „Bridget Jones“ sehen möchte, als „‚Miranda‘ mit Analsex“, wie David Baddiel lästert, oder als UK-Version von „Girls“: Fleabag erzählt jedenfalls tatsächlich auf eine neu-feministische, selbstsichere, selbstermächtigte Weise, u.a. von Analsex, und zwar währenddessen als aside, beiseite gesprochen, direkt in die Kamera — ein Stilmittel, das man nun tatsächlich eher aus dem Theater (und, wenn man David Baddiel ist, von „Miranda“) kennt –, von komplizierten Beziehungen — und sie hat nur komplizierte Beziehungen, nicht nur zu boyfriends (u.a. Hugh Skinner, „W1A“), sondern auch zu ihrer Schwester, ihrem Vater, ihrer Stiefmutter (Olivia Colman, als narzisstische Künstlerin fantastisch), ihrem Bankmanager (Hugh Dennis, „Outnumbered“) … und ihrer früheren Freundin und Café-Mitbesitzerin Boo (Jenny Rainsford).

Deren der Serie vorangegangener Tod, ebenso wie der von Fleabags Mutter, Trauer und Verlust sind die dramatischen Elemente, die „Flebag“ erst die Tiefe und Dreidimensionalität geben, die die Serie so herausragend machen — und die ansonsten überaus spröde, promiske, dauerironische Fleabag überhaupt nahbar, menschlich, einer Identifikation zugänglich.

Sie ist nämlich ansonsten gar nicht mal so sympathisch, sondern, wie es sich für die konfliktbeladene Hauptfigur einer britischen Sitcom gehört, durchaus opportunistisch, beziehungsunfähig und nicht zuletzt grenzkriminell; jedenfalls bekommt der Diebstahl einer kleinen Büste, die ihre Stiefmutter gemacht hat, schnell ein anderes Gewicht als die reine Rachsucht und Böswilligkeit einer egomanen Vaterräuberin gegenüber, die er zunächst zu sein scheint. Denn Fleabag klaut die Büste nicht nur, sondern versucht sie auch zu Geld zu machen — und zu nicht wenig, denn wie sich herausstellt, ist das Ding keinswegs wertlos.

Wie soll sie auch ahnen, dass ihr Schwager, dem sie die Hehlerware überlässt, diese Büste, statt sie zu verkaufen, seiner Frau, Flebags Schwester Claire (Sian Clifford) schenkt, die die Herkunft des Schmuckstücks natürlich sofort durchschaut und daraufhin Flebag zwingen möchte, sie ihrer Stiefmutter zurückzuerstatten? Hilarity ensues.

Erst allmählich lässt einen die Serie, lässt einen die Hauptfigur einen Blick hinter die zugegeben oft lustige und pointiert komische gesellschaftliche Fassade werfen, hinter der sie den dunklen Fleck auf ihrer Seele so gut versteckt wie das Muttermal auf ihrer Stirn, das zumeist von einer Haartolle verdeckt wird und doch da ist, als Makel, der unübersehbar wäre, würde Fleabag nicht so viel Kraft und Aufwand darauf verwenden, ihn zu verstecken.

Zu der schwarzen Komik kommen in „Fleabag“ also, vergleichsweise spät, aber dafür umso wirkmächtiger, eine anrührende Aufrichtigkeit und Menschlichkeit, die den Erfolg von Phoebe Waller-Bridges Theaterstück perfekt erklären (Fringe First Award 2013, The Stage Best Solo Performer 2013, Off West End Award For Most Promising New Playwright 2013, Off West End Award For Best Female Performance 2013, Critics’ Circle Award For Most Promising Playwright) und zuversichtlich stimmen, dass von Waller-Bridge auch in Zukunft Großes zu erwarten ist.

Wer, wie ich, zuerst „Fleabag“ und dann „Crashing“ gesehen hat, kommt nicht umhin, von Letzterem, nun, nicht enttäuscht, aber nicht ganz so begeistert zu sein wie von Ersterem: denn „Crashing“ erzählt um einiges konventioneller die Ensemble-Geschicht einer Handvoll Twenty-bis-Thirty-Somethings, die in einem leerstehenden Krankenhaus als property guardians, also als Zwischenmieter wohnen dürfen, solange sie die Bausubstanz erhalten. Auch hier haben wir es mit emotional defizitären und schwierigen Millennials zu tun, auch hier spielt Waller-Bridge eine vergrößerte Version ihrer selbst (wenn man das einmal unterstellen darf), auf eine ebenfalls komische, allerdings nicht ganz so düstere Art; „Crashing“ ist modern und schnell und voll mit guten Charakteren und Ideen — aber nicht ganz neu, wenn man z.B. „Fresh Meat“ (Channel 4, 2011 – 16) schon gesehen hat.

Phoebe Waller-Bridge aber darf schon mal als britische Comedy-Entdeckung des Jahres gelten (was dieses Jahr zugegeben nicht besonders schwierig ist). Ich freue mich darauf, mehr von ihr zu sehen.

Guter böser Laurie

29. März 2016 3 Kommentare

Abermals hat das britische Fernsehen (diesmal in Zusammenarbeit mit dem us-amerikanischen) eine Serie hervorgebracht, die so gut ist, dass man ihr keine zweite Staffel wünscht: „The Night Manager“ (BBC1/AMC; seit gestern in Deutschland via Amazon Prime zu sehen), die aktualisierte Verfilmung eines John-le-Carré-Thrillers um den erfolgreichen, charismatischen und höchst kriminellen Waffenhändler Richard Roper (Hugh Laurie) und den Nachtportier eines Kairoer Hotels und ehemaligen britischen Soldaten Jonathan Pine (Tom Hiddleston), der in den Wirrungen des arabischen Frühlings zufällig an ein Dokument gerät, das die Machenschaften Ropers aufdeckt. Woraufhin Pine in Zusammenarbeit mit Angela Burr (Olivia Colman), der Leiterin einer MI6-Unterabteilung, sich in die Kreise Ropers einschleicht — gefährlich, weil weite Teile des MI6 selbst in die Waffenschiebereien verwickelt sind, und verführerisch, weil nicht nur der Charme Ropers, sondern auch dessen Luxusleben ihre Wirkung auf Pine nicht verfehlen. Wird also Pine, von Roper zu seinem persönlichen Assistenten gemacht, die Seiten wechseln? Oder einen dummen Fehler begehen und sich in die Geliebte seines Chefs, Jed (Elizabeth Debicki), verlieben?

„The Night Manager“, eine sechsteilige Miniserie, sieht gut aus, denn offenbar ist viel Geld schon allein in die Drehs in aller Welt geflossen, und es macht Spaß, denn von Regie (die die Dänin Susanne Bier übernommen hat, die bislang vorwiegend für’s Kino gedreht hat) und Buch bis hin zu dem exzellenten Cast stimmt hier alles: Laurie genießt es sichtbar, einen Bösewicht zu spielen, der geistreich, jugendlich, sympathisch und attraktiv sein kann, Colman darf einmal mehr die (hier auch noch schwangere) Frau spielen, die als Polizistin/Agentin von allen unterschätzt wird wie schon in „Broadchurch“, und nicht zuletzt Tom Hollander als Ropers rechte Hand Lance Corkoran ist es gestattet, funkelnd bösartige Facetten zu zeigen, die man nach „Rev.“ (BBC2, 2010 – 14) nie an ihm vermutet hätte.

Einziger Wermutstropfen: „The Night Manager“ war so erfolgreich, dass eine zweite Staffel schon ausgemacht ist — und erzählt doch eine so abgeschlossene Geschichte, dass es schwer fällt sich vorzustellen, wie eine zweite Staffel da noch mithalten soll. Ein Problem, das immer mehr gute Fernsehserien haben: das oben schon erwähnte „Broadchurch“ etwa, das einen (sehr) abgeschlossenen Kriminalfall erzählte — und sich in der zweiten Staffel darauf verlegte, chronologisch weiter zu erzählen, nämlich die Gerichtsverhandlung des überführten Mörders und alles, was sich aus ihr für die kleine namensgebende Gemeinde ergibt, in der er stattfindet.

Das fand ich damals recht brilliant; im Nachhinein muss man aber einräumen, dass die Serie an die Qualität der ersten Staffel damit nicht mehr anschließen konnte, die tatsächlich enorm spannend war — ein dramaturgisches Element, das in der zweiten Staffel zwangsläufig (oder jedenfalls in der Dosierung der ersten) fehlte.

„Happy Valley“ (BBC1 seit 2014) hingegen, von dem ebenfalls kürzlich die zweite Staffel lief, obwohl ich es nach der sensationellen ersten hätte gut sein lassen, hat den Spagat geschafft und abermals einen Kriminalfall geschildert, ebenfalls in einer eher überschaubaren Stadt, der für die alternde Polizistin Catherine Cawood (Sarah Lancashire) wiederum mit höchst persönlichen Elementen verkompliziert wird, ohne dass das in der Wiederholung dieser sehr speziellen Umstände unangenehm aufgefallen wäre. Autorin Sally Wainwright, die ich schon nach der ersten Folge der ersten Staffel „Happy Valley“ für ihr Können bewundern musste, ist es gelungen, dieses Rezept zu variieren, so dass es sowohl der ersten Staffel treu bleiben als auch genügend Neues bieten konnte, ohne als Selbstplagiat oder zu weit vom Original entfernt empfunden zu werden.

Und, gna gna, natürlich hängt auch hier das Damoklesschwert einer weiteren Staffel abermals über der Serie — kann man diesen Zaubertrick denn nun ein drittes Mal …?

Für „The Night Manager“ könnte dieser Trick besonders tricky werden, denn wenn ich das richtig sehe hat le Carré keinen weiteren Jonathan-Pine-Roman geschrieben, so dass es hier nicht nur den Grundgedanken der ersten Staffel, sondern auch noch den Geist des Originalautors zu bewahren gilt. Das hat, trotz einiger mittelgroßen Eingriffe in das Buch, in der ersten Staffel gut funktioniert, weil le Carré selbst als kreativer Berater der Produktion zur Seite stand.

Vielleicht fühlt sich le Carré ja so geschmeichelt, dass er auch bei der zweiten Staffel „The Night Manager“ selbst mit Hand anlegt. Und wenn sie es dann noch schaffen, auch den fabelhaften Hugh Laurie wieder mitspielen zu lassen … toi, toi, toi.

Die entscheidende letzte Folge

20. Mai 2015 7 Kommentare

Können letzte Folgen ganze Serien ruinieren? Kann die letzte Episode einer Staffel alle elf oder 23 (oder auch nur fünf) Episoden vorher so irreparabel beschädigen, dass man sich ärgert, seine Zeit damit verschwendet zu haben?

Klar, können sie. Und umgekehrt: Letzte Folgen können ganze Serien im Rückblick in neuem Glanz erstrahlen lassen, wenn Schlüsselinformationen mit einem Mal dafür sorgen, dass man alles, was zuvor geschehen ist, in neuem Licht sieht.

Und während letzteres etwa bei der brillanten Serie „Broadchurch“ (ITV 2013, erscheint morgen auf DVD — siehe Ende des Eintrags) der Fall ist, ist es bei „Fortitude“ (Sky Atlantic, 2015) leider wie zuerst beschrieben: Das Ende enttäuscht schwer, weil es zwar das serienbestimmende Geheimnis lüftet (Wer hat den elfjährigen Danny Latimer getötet?/Was ist auf der kleinen arktischen Insel los?) — aber halt auch nicht mehr als das. Es gibt keine zweite Ebene, kein Thema, das unter der Oberfläche dafür sorgt, dem Rätsel im Vordergrund eine quasi literarische Bedeutung zu geben, ohne die jeder Krimi, jeder Thriller, jede Mysteryserie seelenlose Dutzendware bleiben muss, weil es ohne diese Ebene nämlich völlig wurscht ist, ob es nun der Gärtner oder der Chauffeur oder das Alien oder ein Geheimagent aus Moskau war.

Die Genialität von „Broadchurch“ und Autor Chris Chibnall („Doctor Who“) ist es, das Thema der Serie offen anzuspielen und dabei doch bis zum Schluss mit dem Clou hinter dem Berg zu bleiben. Denn es ist von Anfang an klar: Das Thema ist hier die kleinstädtische Nähe, das enge Beziehungsgeflecht der überschaubaren Gemeinschaft, in der jeder jeden zu kennen glaubt — und in der ein so skrupelloser Mord an einem Kind umso erschreckender offenbart, dass man über seine Mitmenschen eben doch lange nicht so gut bescheid weiß, wie man glaubt.

Was man so weiß, reicht den meisten Menschen ja auch — dass ein schon mal straffällig gewordener Pädophiler also ein leichtes Ziel abgibt für den Mob, ist keine Überraschung. Die Überraschung liegt vielmehr in der ständigen Neubewertung der Beziehungen, die die Figuren untereinander haben: die völlig überforderte und übergangene örtliche Polizistin Ellie Miller (die sensationelle Olivia Colman) zum von außen hinzugezogene Ermittler Alec Hardy (ebenfalls toll: David Tennant), der ihr zu ihrem Leidwesen bei der anstehenden Beförderung vorgezogen und ihr vor die Nase gesetzt wird, und all die mehr oder minder verdächtigen Provinzler samt lokaler Klatschpresse.

„Broadchurch“ macht also das denkbar beste aus dem ewiggleichen Whodunnit-Prinzip, das mich bei den meisten Krimis sofort ermüden lässt: denn hier überrascht nicht nur, wer am Ende der Täter war, sondern auch welche Auswirkung die Auflösung auf das der Serie zugrundeliegende Thema hat.

(Es hat mich dementsprechend verblüfft, wie Chibnall die zweite Staffel angelegt hat, die Anfang dieses Jahres gelaufen ist: Sie hat nicht etwa einen neuen Fall an den Anfang gestellt, sondern den Prozess gegen den Täter der ersten Staffel. Das war tatsächlich genauso riskant, wie es sich anhört: Weil es die Erwartung aller Krimifreunde zunächst einmal radikal zerstört hat — nämlich die, dass es einen ähnlich spannenden Fall gibt wie den, der der ersten Staffel Rekordquoten und großes Mitfiebern seitens der Zuschauer eingebracht hat. Angeblich war die Frage nach dem Täter während der ersten Staffel schon während noch gedreht wurde so ein großes Ding, dass selbst die Schauspieler bis zum letzten Moment nicht wissen durften, wie alles ausgeht. In der Tat sind die Quoten der zweiten Staffel schnell eingebrochen, obwohl sich doch noch ein zweiter Fall entwickelt hat, der seinerseits wieder gut, aber eben viel konventioneller war als bei der ersten Staffel.)

„Fortitude“ nun legt ein ähnliches Netz: Hier ist es eine kleine Insel, die zu Spitzbergen gehört und auf der ebenfalls nur eine Handvoll Menschen leben, die allerdings aus aller Herren Länder stammen: denn Fortitude lebt hauptsächlich von den Minen, die nun sukzessive geschlossen werden. Um die Insel am Leben zu erhalten, plant die Gouverneurin Hildur Odegard (Sofie Grabol), Touristen mit einem Hotel anzulocken, das komplett in einen Gletscher hineingebaut sein soll.

Nun passiert aber ein Mord, mit dem die lokale Polizei (auch hier eine Parallele zu „Broadchurch“) überfordert ist, weil sonst nie Gewaltverbrechen auf der Insel passieren. So findet der zwielichtige Sheriff Dan Andersen (Richard Dormer) auch zunächst keine Erklärung — weder was den Mörder angeht noch sein Motiv. Das könnte zwar darin bestehen, dass der getötete Wissenschaftler (Christopher Eccleston in einer Gastrolle) keinen Zugriff auf die gefrorenen Überreste eines prähistorischen Mammuts erhalten soll — aber genau weiß man es nicht.

Nun entwickelt sich auch in „Fortitude“ ein psychologisches Spiel, das von überragenden Schauspielern (u.a. Michael Gambon, Stanley Tucci und Darren Boyd, der auch in ernsten Rollen etwas kann), toll inszenierten und teils ziemlich brutalen Bildern lebt — und doch am Ende der großen Eröffnungsnummer nicht gerecht wird: weil die Auflösung zwar nach den Maßstäben moderner Thriller durchaus plausibel ist, aber eben kaum etwas mit dem Thema zu tun hat, das sich (wie bei Broadchurch) auch erst am Ende offenbart.

Das ist schade, weil man bis dahin schon so viel Zeit investiert hat (insgesamt sind es zwölf Episoden à netto 45 Minuten) — und sich dabei ja auch gut unterhalten gefühlt hat –, dass man einfach mehr erwartet hätte als eine solide, aber eben nicht überragende Auflösung des Ganzen. Doch wenn sich die zahlreichen Nebenhandlungen (die, wie gesagt, jede für sich ziemlich gut und auch sehr spannend sind) als eben genau das erweisen: Nebenhandlungen, die mit dem großen Plot am Ende nicht verknüpft sind — dann regiert (zumindest bei mir) schon eine leise Enttäuschung.

Sehenswert ist, das möchte ich festhalten, „Fortitude“ nun auf jeden Fall trotzdem: die fast 90% bei Rotten Tomatoes sprechen für sich. Aber eben weil Cast und Dramaturgie bis zum Schluss so vielversprechend sind, es nach den ersten Folgen ziemlich schnell ziemlich spannend wird, fällt das flache Ende umso mehr ins Gewicht.

***

Eine „Broadchurch“-DVD der ersten Staffel habe ich zu verschenken — der erste Interessent in den Kommentaren kriegt sie!

Der respektiert Mr. Sloane

26. September 2014 Keine Kommentare

Wenn der Protagonist einer neuen Sitcom in deren erster Minute den Versuch unternimmt, sich zu erhängen, dies aber nicht schafft, weil die Schlinge aus der Verankerung reißt und der halb Strangulierte auf dem Wohnzimmerboden landet — dann ist das keine Überraschung (und deshalb auch kein Lacher). Wenn allerdings im nächsten Moment das Telefon klingelt, der eben noch Suizidale rangeht und mit melodischer Stimme »Watford 10579« in den Hörer flötet, als sei gar nichts gewesen und als säße er nicht mit einem Seil um den Hals im Bauschutt: dann ist das ein Gag. Und mehr als das: Es umreißt den Grundkonflikt von »Mr. Sloane« (Sky Atlantic), nämlich den eines nicht mehr ganz jungen Biedermannes, vor dem Abgrund zu stehen, sich aber nichts anmerken lassen zu dürfen.

Mr. Sloane jedenfalls gibt sein Bestes, die »old chap«-Fassade aufrechtzuerhalten. Von seiner Frau verlassen, als Buchhalter gefeuert, lässt er sich stoisch weiterhin von seinen drei Kumpel im Pub freundlich demütigen. Alles, was er dem trostlosen Leben entgegenzuhalten weiß, sind Saufen und Fressen. Denn obwohl es Ende 1969 ist und London längst swingt, ist davon in der Spießerwelt Watfords rein gar nichts zu spüren: Dort gehört es zum guten Ton, die Kinder während des abendlichen Pub-Besuchs im Auto warten zu lassen und anschließend volltrunken nach Hause zu fahren. Sloane selbst, stets korrekt gekleidet und immer verbindlich, ist im Grunde sogar noch in den Fünfzigern zu Hause. Da braucht es schon den Weckruf eines amerikanischen Blumenmädchens, das sich in die Provinz verirrt hat, um Sloane aus seinem selbstgeschaufelten Grab zu helfen. Oder ihn jedenfalls erkennen zu lassen, dass es sein Grab ist, das er sich da geschaufelt hat, und nicht seine Zukunft als wohlangesehener Mann.

»A Well Respected Man« von den Kinks hat Robert B. Weide, seines Zeichens Co-Creator und Regisseur von »Curb Your Enthusiasm«, als Titelsong für seinen Ausflug ins britische Fernsehen gewählt, und Weide schafft es, den Spott über das Altmodisch-Reaktionäre, der in diesem Song wie in der ganzen Serie steckt, stets auszubalancieren: indem er nämlich Nick Frost als Sloane besetzt. Frost, statt diesen armen Mann zur Witzfigur zu machen, legt Sloane so melancholisch-gutmütig an, dass man gar nicht anders kann, als mit ihm zu sympathisieren. Und nicht nur mit ihm, sondern mit der ganzen Serie.

Denn »Mr. Sloane« ist durchgehend sympathisch: sehr britisch (was erstaunt; ist doch Weide selbstredend Amerikaner), sehr filmisch gedreht mit viel Dunkelheit und starken Kontrasten, sowohl mit trockenem Humor als auch mit Slapstick ausgestattet und mit einer durchgehend starken Besetzung, von Olivia Colman (»Peep Show«) als (Ex-)Frau Sloanes bis hin zu Peter Serafinowicz als Sloanes Freund, Arbeitskollege und Bully.

Leider ist Weides Vorliebe fürs Altmodische zugleich die Schwäche der Serie. Denn einige Scherze (dicke Frauen fragen, »wann es denn soweit ist«; verstopfte Toiletten mit einem Regenschirm bearbeiten; Verwechslung von anzüglichem Hochzeitsgruß mit einer Beileidskarte) meint man nun doch schon gesehen zu haben, und auch ein unfreiwilliger Haschischrausch Sloanes hat Auswirkungen, die man eher LSD zuschreiben würde als harmlosem Marihuana. Andererseits sind viele von Weides Onelinern so gut, dass man sie bereits für Klassiker halten könnte. Etwa den, wenn sich die Freunde im Pub über das Eheleben unterhalten: »I’ll never get married. I just find a woman who hates me and then buy her a house.«

zuerst erschienen in der Humorkritik in Titanic 10/2014.

Manic Monday (2)

22. November 2011 1 Kommentar

Die vorweihnachtliche DVD-Springflut geht weiter! Gestern neu erschienen sind unter anderem…

„Come Fly with Me“ (BBC1, 2010), die Flughafen-Mockumentary von den „Little Britain“-Machern Matt Lucas und David Walliams. Die beiden wechseln fast im Sekundentakt von Frauen- zu Farbigen- zu Schwulenkostüm, als wäre die Alternative Comedy nie passiert. Die beiden Comedy-Superstars werden allmählich zu den Harald und Eddies Großbritanniens — nur nicht so lustig. Tatsächlich setzte es herbe Kritik an „Come Fly With Me“, der Daily Express nannte die Serie sogar „die schlechteste Sketchshow bzw. Sitcom, die je an Weihnachten ausgestrahlt wurde“; die Einschaltquoten allerdings spiegelten das nicht wider. Lucas und Walliams haben ein treues (vermutlich eher junges) Publikum, und wem der low brow-Humor von „Little Britain“ gefällt, für den ist vielleicht auch „Come Fly With Me“ was, auch wenn letzteres nicht ganz so auf die zwölf geht wie ersteres. Die zweite Staffel dürfte noch in diesem Jahr anlaufen.

„Frankie Boyle’s Tramadol Nights“ (Channel 4, 2010), die böse Sketch/Stand Up-Show des schottischen Comedians Frankie Boyle. Man könnte es für Berechnung halten, wie hier auf Skandale geschielt wurde: Sketche über die heilende Kraft von Vergewaltigungen, „Sesamstraßen“-Parodien mit dem sexbesessenen „Pussy Monster“, „Knight Rider“-Spoofs mit jeder Menge Drogen, ach ja, und natürlich der im United Kingdom mittlerweile notorische Gag über den schwerbehinderten kleinen Sohn von Katie Price und Peter Andre: „Jordan and Peter Andre are still fighting each other over custody of Harvey — eventually one of them will lose and have to keep him.“ — Boyle „has been given enough rope to hang himself“, setzte es prompt vom Guardian was, verdientermaßen. Wenn schon so ätzende Scherze, dann bitte auf Kosten der richtigen Leute — wie es geht, zeigt Stewart Lee. Und nicht so quälend lange, ermüdend unlustige Sketche wie der enorm verspätete über „Knight Rider“.

Weitere neue Stand Up-DVDs: Jimmy Carr (Lesern dieses Blogs womöglich bekannt aus „10 O’Clock Live“) ist „Being Funny“, John Cleese versucht, seine Scheidung mit dem Erlös der „Alimony Tour 2011“ zu bezahlen, Gummigesicht Lee Evans betätigt sich als „Roadrunner – Live At The O2“ und Russell Brand treibt sein flamboyantes Unwesen „In New York City“. Ich habe nichts davon gesehen.

Dafür aber „Outnumbered“ (BBC1, seit 2007), deren vierte Staffel (plus Box-Set mit allen Serien und dem Special) ebenfalls gerade erschienen ist. Zwar hat mich die letzte Season nicht so überzeugt wie die ersten drei, weil die Kinder der Familie Brockman mittlerweile aus ihren ursprünglichen Rollen herausgewachsen sind und die Autoren damit zu kämpfen scheinen, aber wenn man bereit ist, mit dieser Schwäche zu leben, bleibt die Serie kurzweilig genug, um sie weiterzugucken: herzerwärmende Unterhaltung für die ganze Familie.

Ebenfalls warm, aber sehr still: Die erste Staffel „Rev.“ (BBC2, 2010). Tom Hollander als müder, aber gutwilliger protestantischer Priester einer kleinen Innenstadtgemeinde in London hat mit seinem Alltag, seinem Glauben und seiner Frau (Olivia Colman) zu kämpfen. Die Serie mit einem minimalen bis nicht vorhandenem Budget und Drehbüchern, in denen oft Schmunzler sind, wo laute Lacher besser wären. Trotzdem macht „Rev.“ es einem leicht, die Show mögen zu wollen — Hollander als Adam Smallbone ist sympathisch genug, daß ich mit die zweite Staffel, die derzeit läuft, ebenfalls weggucke. Allerdings war nach einer guten ersten Folge (mit einem Gastauftritt von Hugh Bonneville), die mich schon auf grundlegende Verbesserungen in der ganzen zweiten Season hoffen ließ, schon die zweite wieder so unnötig friedhofsruhig, obwohl der Plot deutlich mehr hergegeben hätte (eine junge, dynamische Priesterin bringt Adams Pfarrei auf Vordermann und macht ihm in seiner eigenen Gemeinde Konkurrenz), daß ich nicht genau weiß, was ich davon halten soll. Ich glaube, ich schiebe alles auf die BBC, die derzeit ihre Comedyprogramme offenbar gezielt kaputtsparen möchte.

Satire im Schongang

Sehen wir einmal ganz von dem Vorwurf ab, John Morton, der Autor von „Twenty Twelve“ (BBC4), habe die Idee zu einer Mockumentary über die Vorbereitung der Olympischen Spiele einfach von der australischen Sitcom „The Games“ (ABC, 1998) geklaut, auch wenn es Indizien für die Richtigkeit dieses Verdachts gibt (etwa daß die australischen Autoren Ross Stevenson und John Clarke ihre Idee der BBC vorgestellt und John Morton sogar eine „The Games“-DVD gegeben hatten). Ideen an sich sind nicht schützbar, und aus gutem Grund, sonst dürfte längst niemand mehr Geschichten über unglückliche Liebe oder eine schwierige Vater-Sohn-Beziehung schreiben, und solange Morton sich nicht bei den Plots, Storys oder gar Gags von „The Games“ bedient hat, sondern nur die grundliegende Idee kopiert hat (eine Handvoll unfähiger Planer sollen die Olympischen Spiele organisieren), mag das moralisch zwar zweifelhaft sein, aber eben kein Plagiat.

Tatsächlich trägt „Twenty Twelve“ deutlich die Handschrift Mortons, dessen „People Like Us“ (BBC2, 1999) schon sehr nahe an „Twenty Twelve“ war: ebenfalls eine Mockumentary (oder eher noch Docusoap-Parodie) mit einem Off-Sprecher (damals Chris Langham als Dokumentarfilmer Roy Mallard, heute David Tennant), in der pro Folge ein member of the public im Arbeitsalltag begleitet und oft als überfordert, unfähig, irgendwie seltsam gezeigt wurde. Immer aber, und das machte den Charme von „People Like Us“ aus, wurden die Polizisten, Anwälte, Makler, Journalisten oder Fotografen sehr behutsam behandelt, nie bloßgestellt oder vorgeführt. Mallard ging mit den Menschen, die er porträtierte, stets nachsichtig um — manchmal so nachsichtig, daß er geradezu auf sie hereinfiel und, obwohl nie vor der Kamera zu sehen, zur eigentlichen Hauptfigur wurde: der des scheiternden, linkisch-stümperhaften Filmemachers.

Doch „People Like Us“ ist mehr als zehn Jahre her (die zuvor im Radio gelaufene Version sogar 15); eine geplante dritte Staffel wurde damals zugunsten von „The Office“ nicht realisiert. Seitdem ist viel passiert in diesem Genre, nicht zuletzt „The Thick of It“ hat Maßstäbe gesetzt, was Mockumentarys angeht, die in einer politischen Sphäre spielen, und die Nachsicht (mit members of the public) ist längst bösartig-schwarzer Satire gewichen, die unfähige Vorgesetzte und Spitzenpolitiker mit dem Seziermesser auseinandernimmt.

Doch „Twenty Twelve“ hat keinen David Brent, keinen Malcolm Tucker zu bieten. Das Monster fehlt, der böse Blick auf öffentliche Personen fehlt, und das Ensemble von Olympia-Planern um Hugh Bonneville als Head of Deliverance Ian Fletcher, Amelia Bullmore als Head of Sustainability Kay Hope, Olivia Colman als Assistentin Fletchers, Jessica Hynes als Head of Brand Siobhan Sharpe und Karl Theobald als Head of Infrastructure Graham Hitchins ist infolgedessen leider recht konturlos geraten. Alle geben unaufhörlich ein ähnliches Nonsens-Gerede von sich: die enervierende PR-Nuß Siobhan, aber auch Kay Hope, die permament auf dem Unterschied zwischen „Legacy“ und „Sustainability“ herumreitet, und natürlich Fletcher als Kopf der Unternehmung und Repräsentant. Alle scheinen oft genug keine Ahnung von dem zu haben, was sie tun. Und ob es nun die Enthüllung einer Uhr ist, die den Countdown bis zum Beginn der Spiele herunterzählen soll, oder eine Busfahrt mit brasilianischen Funktionären zur olympischen Baustelle, die zur Odyssee wird: Nie wird es so richtig schlimm, nie wird die Lage aussichtslos, nie leidet man als Zuschauer mit einem Charakter mal richtig mit.

Statt dessen redet mal der eine, mal die andere Bullshit, und dann ist es vorbei. In der letzten, der zweiten Folge, wurde zur Verstärkung dieses Geschwätzes sogar der alte Gag der Dolmetscherin bemüht, die — haha! — etwas ganz anderes sagt, als sie eigentlich sagen soll, was dann natürlich voll entlarvend ist. Leider sind die Monologe, die langweiliges politisches Gerede karikieren möchten, hin und wieder tatsächlich langweilig. (Ein Fehler, über den James Cary in seinem Comedy-Blog ein schönes Stück geschrieben hat: nervige Charaktere und langweiliges Gerede, die tatsächlich nervig und tatsächlich langweilig sind.)

Selbst wenn „Twenty Twelve“ ab und zu mit Schmunzlern und (etwa einmal pro Folge) sogar mit einem richtigen Lacher aufwarten kann:  Die Zeit von Nachsicht mit ranghohen Funktionären ist vorbei, wahrscheinlich ist allmählich sogar die Zeit von Mockumentarys abgelaufen. Der warme Blick auf typisch englische Arbeitsweisen (besonders hier im Zusammenhang mit den Spielen, also unter den Augen der Weltöffentlichkeit), auf das muddling through, das britische Durchwurschteln also, scheint verfehlt — vor allem, weil die Fallhöhe eines milliardenschweren Projekts in den Händen von Schwätzern nach schweren Waffen geradezu schreit.